Schule des Rades

Leo Frobenius

Paideuma

III. Das Paideuma der Völker

12. Seelenraum und Lebensraum (Orient und Okzident)

Schon mehrfach hat sich das Augenmerk derer, die sich der Geschichte der Architektur und dem Ursprung der Bauformen gewidmet haben, der Tatsache zugewandt, daß zwei verschiedene Systeme für den Anfang anzunehmen seien. Man spricht von Innenhof und Außenhof. Unter Innenhofanlagen sind Stilformen zusammengefaßt, bei denen die Gebäude geschlossen um einen Hof herumliegen, während die Gebäude der anderen Stilgruppe als dichte Masse inmitten eines Hofes liegen. Hier in Europa, wo sich mehr oder weniger, infolge des Klimas, das Leben in den Gebäuden selbst abspielt, sind die heute vorhandenen Formen schwer auf ihren Ursprung zurückzuführen; in einem Lande wie Afrika dagegen, wo der Mensch die Innenräume nur dann aufsucht, wenn die Witterung dazu zwingt, sind die verschiedenen Bauformen sehr leicht bis zu den beiden ursprünglichen Systemen zurückzuverfolgen .

Da zeigt sich nun, daß dieses Wesen der Innen- und Außenhofbildung nichts weiter ist als eine Erweiterung der Hausformen, deren Wurzeln bis in eine außerordentliche Tiefe der ursprünglichen paideumatischen Urschicht zurückverfolgt werden können.

In seiner Hausungsform steht der Bewohner der Wüste in scharfem Gegensatz zu den Bewohnern der nördlich und südlich gelegenen, fruchtbaren und regenreichen Landstriche. Zwar auch hier können wir. ein entwicklungsgeschichtliches In- und Durcheinandergreifen der verschiedenen Systemausflüsse unterscheiden, aber das dem Wüsten- und Oasenraum entsprechende Urmotiv der Hausung drängt sich in den Ursprungsländern überall so selbstverständlich immer wieder hervor, daß es nicht zu verkennen ist. Der Mensch der Wüste lebt im Zelte. Die Kunsthistoriker sind immer wieder in den Fehler verfallen, das Zelt als eine ursprüngliche Hausform in Anspruch zu nehmen. Wer aber jemals mit dem Gedankenleben dieser Völker eingehend vertraut geworden ist, weiß, daß diesen Nomaden, ob nun höherer oder niederer Art, solche Vorstellung gänzlich unverständlich sein würde. Es gibt für diese Leute nur den einen Gegensatz: Im Freien leben und Im Hause leben. Es ist gleichgültig, ob der Nomade nachts über seinem Haupte das Zelt hat oder nicht. Er fühlt sich unter dem Zelte genau so im Freien, wie wenn der Sternenhimmel sein einziges Dach wäre. Das Zelt ist für ihn nichts anderes als ein Kleid, und ich habe sogar den Ausdruck Familienkleid in den Gesängen der Mauren gehört. Dem Zelte entspricht die Anlage des Zeltlagers. Die Zelte werden in einem Kreise angelegt, und das Leben spielt sich inmitten des Zeltkreises ab.

Nun erzählte ich schon jene eigenartige Erfahrung, die mir im Gespräch mit dem Maurenhäuptling in Niamina zuteil wurde (vgl. 4. Kap. S. 39). Der Mann sprach ganz klar aus. daß es nur ein Haus gäbe, dessen Wände der Himmel seien. Er nannte dieses Haus eine Höhle. Für ihn war der ganze Weltenraum eine Höhle, deren Boden die Erde und dessen wölbende Umschließung der Himmel bildete; und jenseits war nichts.

Demgegenüber nun die Burgbauern am Niger und im Atlasgebirge! Hier wohnt der Mensch in einem Hause. Das tägliche Leben spielt sich z. T. im Raum um das Haus ab, und so, gewissermaßen als Betonung des Hauses, entsteht der Außenhof. Dazu die Vorstellung jenes Diarra, der mir berichtete: Der junge Gana wurde aufgezogen im Hause, und dann zog er hinaus in die Welt. Und dort in der Welt blühte irgendwo sein Glück; er mußte sein Glück gewinnen, und wenn er sein ganzes Leben lang wanderte, kämpfte und suchte. Und er konnte wandern, solange er wollte, denn die Welt hat kein Ende (4. Kap. S. 40).

Das sind die Gegensätze des paideumatischen Raumbewußtseins. Hier Okzident, dort Orient. Der Morgenländer lebt in einer Welthöhle. Ein Außen kennt er nicht. Sein Zelt ist kein Inneres, sondern eine gleichgültige Zwischenwand, die ihn nur vorübergehend umhüllt wie sein Kleid. Der Abendländer dagegen lebt in einem Haus. Dem entspricht ein Innengefühl und erst hieraus konnte sich ein Außengefühl entwickeln. Dieses Außen ist ein Unendlichkeitsraum. Es entsteht die Weltweite.

Es ist sehr wohl möglich, die aus diesen beiden Weltgefühlen entsprossenen Baustile zu unterscheiden. In Afrika entspricht dem Höhlengefühl das Araberlager, der atlantische Impluvialbau, in Europa der altetruskische Rotundenbau, in Asien die sich zum Zentralbau entwickelnde Basilika, deren Kuppel für Spengler z. B. nichts anderes ist als eine über den Innenhof gesetzte Wiederholung der Himmelshöhle. Dagegen stellen der berberische Zellenbau, die Äthiopenburg, der Kotokopalast, die kretischen Paläste, die Burg am Rhein und der gotische Dom Architekturen des Weltweitengefühls dar.

In Wahrheit liegt im heutigen Gegensatz von Höhlen- und Weitenvorstellung eine ursprüngliche Entwicklung. Auch das Ichgefühl des Menschen ist zuerst begrenzt. Das Paideuma wiederholt diese Begrenzung im Lebensraum. Der Mensch lebte erst unter freiem Himmel, und deswegen ward der Himmel zur Begrenzung seiner selbst. Man kann auch sagen, die Begrenzung seiner selbst wurde wiederholt durch das Himmelsgewölbe. Die Höhlenvorstellung entstand, Sie zu überwinden, konnte erst gelingen, nachdem das Haus, die geschlossene Wohnung, entstanden war. Nun erst war es dem Paideuma möglich, dem Innengefühl des Hausbewohners gegenüber das Außengefühl zu entwickeln. Die Weltweite, die gleichbedeutend mit Spenglers faustischem Geiste ist, konnte entstehen.

Die beiden großen Weltvorstellungen haben seitdem in ständiger Wechselwirkung gestanden. Die okzidentale Weitenvorstellung wurde aus ihrer Heimat bis an die Grenzen des Orients getragen. In der Berührung beider entstanden die monumentalen Kulturen. So ist die Antike eine großartig primitiv-naive Form des nordischen Paideuma, die ägyptische eine oasenhaft ausgebildete, die Gotik eine zu hoher Entfaltung gelangte. Und umgekehrt: sehr schön zeigt Spengler, wie das Hinübergleiten des orientalischen Paideuma auf den okzidentalen Kulturboden erst das germanische Christentum, dann in einer neuen Welle die Grundlage der Renaissance schuf. Wenn diese Paideumen sich untereinander nicht verstehen, sich sogar hassen, so ist das der Haß von Geschwistern. Es ist aber sehr wohl möglich, die beiden Gruppen von Menschen, die okzidentale und Orientale, voneinander zu unterscheiden. Die einen leben in ständiger Angst und unter dem Druck der Vorstellung eines Eingeschlossenseins im Räume (so auch die Franzosen, s. 4. Kap. S. 41), die andern in der Sehnsucht, die Weite zu erreichen und zu durchdringen und in der Sorge, die Unendlichkeit zuletzt vielleicht doch nicht ausfüllen zu können.

Der natürliche Lebensraum (s. nächstes Kapitel) übt einen bedeutenden Einfluß auf die Lebensform und -kraft des Paideuma und damit auch auf das Seelenraumgefühl aus. Die Lebenskraft des in die Weite wirkenden Dämonischen, des Genialen im eigentlichen Sinne, stirbt nämlich mit dem Verzicht auf den grenzenlosen Lebensraum ab (Kolonialbildungen); aber nicht nur, wie oben gesagt, beim Wechsel der bewohnten Landschaft, sondern auch bei freiwilliger Abschnürung des Lebensraumes, nämlich bei der Großstadtbildung. Die Großstadt bedeutet den Tod für alles Geniale, das sich voll verwirklichen will, für die freie Entwicklung des Raumgefühles. Ein großes Phänomen des paideumatischen Lebens hört hier auf; — ganz selbstverständlich; denn dieses Abgeschlossensein bedingt ein Ersterben des Weitengefühls, auch in verschiedener Weise.

Die Menschen empfinden solche Abschnürung recht wohl. Wenn das großstädtische Proletariat seine Laubenkolonien als Gürtel um das Häusermeer legt, wenn der wohlhabende Bürger jährlich für einige Wochen hinaus in die Natur, der großstädtische Engländer jeden Sonnabend für zwei Tage in seine Cottage entflieht, lauter Bedürfnisse, die der Orientale, aber auch der echte Franzose, gar nicht kennt, so ist das gleichbedeutend mit den letzten Äußerungen des dem Untergange verfallenen Weitengefühls. Wenn aber trotzdem die großstädtischen Familien erfahrungsgemäß nach wenigen Generationen aussterben, so entspricht das dem Absterben der paideumatischen Grundbedingung. Das Paideuma ist derart immanent mit dem Menschenleben verbunden, daß ein Absterben des paideumatischen Raumgefühls auch den Untergang der Menschen selbst zur Folge hat.

Diese beiden Formen des Raumgefühles, das der Weite und das der Höhle, besitzen unzählige Ausdrucksmöglichkeiten, ohne je die Eigenart ihrer Struktur zu verlieren. Man kann sagen, daß der echte Orientale ebensowenig zu einem reinen Weitengefühl wie der echte Okzidentale zu einem absoluten Höhlenempfinden gelangen kann, so wenig wie Salz im hexametrischen oder Quarz im regulären System kristallisieren können. Spengler kam dieser Tatsache nahe und beweist das an den Stellen, wo er zeigt, daß den großen Juden wie Spinoza und Hertz die Welt des faustischen Geistes unzugänglich geblieben ist. — Auch er ahnt den orientalischen Geist in den Franzosen. (In Preußentum und Sozialismus.)

Das aber deckt sich genau mit meinen Beobachtungen auf afrikanischem Boden. Das Paideuma bildet Rassen. Es zwingt den Menschen so in seine Bahn, es beherrscht ihn 80 vollkommen, daß keiner ihm entgehen kann, daß der Mensch sich nur im Sinne des ihm angeborenen Paideuma geistig zu entwickeln vermag, wenn er auch generationenlang im Bannkreis eines anderen Paideuma lebt. Das Paideuma bedingt die Rasse. Wer jemals im Orient gereist ist oder lebte, kennt den unendlich feinen Takt, der dort herrscht; wer die Sitten der Araber studierte, weiß von dem adligen Rittersinn, der sie auszeichnet; das sind Erscheinungen, die bei uns echten Hyperboräern fehlen und die immer mit orientalischen Wellen, im westlichen Europa z. B. mit den ursprünglichen Franzosen, verbunden sind. Dagegen kennt er auch in der orientalischen Dichtkunst das absolute Fehlen der Charakterentwicklung. In den gesamten Märchen von Tausend und eine Nacht ist immer nur ein feststehender Charakter geschildert, die seelische Umwandlung eines Menschen aber ebensowenig wie etwa im Alten Testament und andererseits bei Corneille und Racine. Die Gestalt eines Helden, der sein Geschick aus sich selbst herausbildet, fehlt dort. Dagegen stellen die Ritterepen des Nigerbogens z. B. die Entwicklung Samba Kulung‘s, des Narren, dar (eine Charakterfigur wie die des deutschen Michel mit der Naivität des jungen Parzival und Simplizissimus), schildern die Gesänge ausgezeichnete Frauencharaktere, wie, im Spotte, den der Gattin Sirani Korro Sambas, bergen die Geschichten auch eine Schicksalsidee. Es ist ein gewaltiger Gegensatz: hier Kismet, Zauber, blindes Ungefähr, dort freier Wille und Persönlichkeit. Ich habe am Niger ein paideumatisches Grenzgebiet zwischen Orient und Okzident erreicht.

Die Höhlenempfindung mit ihrer Beobachtung des, dem Bewußtsein nach, hoffnungslos abschließenden Raumes führt notgedrungen zu dem Gefühl des Kismet. Wie ein schweres Gewölbe liegt die Welt auf dem Menschen; die düstere Religion der Etrusker, das ständige Zürnen und Strafen Jehovas,. die Vorstellung der Hölle als des wiederholten, nur ins Jenseits und unter die Erde projizierten Höhlen raumes, die Seelenangst Pascals, das leidenschaftliche Drängen der Franzosen zur Revanche sind Erscheinungsformen dieses zur ewigen Hoffnungslosigkeit verurteilenden Höhlengefühls. Alles ist eng und ineinandergeschoben, zeitlich und räumlich, ist in seinem Räume bis zu hoher Vollendung abgemessen, verfeinert, abgestimmt und zum Takt erzogen — denn der Takt der Umgangsformen verfeinert sich mehr und mehr. Aber Charaktere großen Stils können sich unter der Last des Kismet nicht entwickeln. Die Menschen dieses Paideuma gleiten aneinander vorüber, wie abgeschliffene Kiesel im Bachbett; kantige Kristalle sind hier nicht möglich.

Nur der Mensch der Weitenvorstellung, dem der Unendlichkeitsbegriff und das Mysterium einer unbekannten Umwelt Rätsel aufgeben (kennt der Orientale überhaupt ursprünglich Rätsel?), kann das Schicksal der Selbstbestimmung gewinnen. Nur ihn lockt jenseits des Hier und Jetzt ein erringbares Anderes und eine unerforschliche Zukunft. Nur er kann zur individuellen Selbstentwicklung kommen (die Antike), nur in seinem Bannkreis kann die Eroberung eines besseren Jenseits gelingen (altes Ägypten, aber dort, am nahen Grenzgebiete des Orients, immer mehr unter dem Druck der Sorge). Nur er kann endlich das bannende Fatum überwinden {germanisches Christentum, Parzival), nur er kann zur Entwicklung des Charakters gelangen (Shakespeare, Goethe).

Ist damit von den beiden Raumformen der zwei Weltgefühle der Erde gesprochen, so soll nur noch kurz gesagt werden, wie der geographische Lebensraum sich in der Entwicklung der Umbildung verhält (weiteres S. 121 ff.).

Die Ganater rechnen 74 nacheinander regierende Könige vor und 44 seit dem Einfall der Fulbe (der um 300 n. Chr. stattfand) bis zum 11. Jahrhundert. Ein Nachrechnen zeigt, daß das Reich Gana am Niger schon vor der Zeit der römischen Weltausdehnung bestand. Vielleicht können wir aus den Schilderungen Herodots etwas von der Existenz dieses Reiches herauslesen, aber kein Römer hat davon berichtet, und er hätte es getan, wenn noch eine Beziehung zwischen dem Mittelmeer und diesem entlegenen Lande, das eine hervorragende Kulturblüte zeigte, bestanden hätte. Und dennoch muß es unter dem Einflusse einer dem Paideuma des Okzidentes entstammenden Welle entstanden sein. Der Untergang dieser Kultur ist aber dem Islam und seiner mechanistischen Ausdehnung über die Maliländer zu verdanken. Die Großstadt Niami Mba, die in dieser mechanistischen Übergangszeit etwa eine Million Einwohner hatte, tritt als deutliches Symptom des Kulturausklanges zutage. Erhalten sind aus dem geistigen Leben die herrlichen Epen und die Kenntnis der sozialen Struktur, sowie einiges von der Architektur.

Hier wird deutlich, daß bei der Entstehung dieses durchaus selbständigen Paideumas einer Befruchtung von auswärts zuerst eine Zeit der Abschließung gefolgt ist, daß der Untergang dann aber durch das Herandrängen neuer, jüngerer, mit der großen Form des Islam in ständiger Lebensbeziehung stehender Wellen erfolgte.

Eine andere, selbständige Kulturform entwickelte sich im Bakuba-Reiche. Auch hier können wir nachweisen: eine Befruchtung von Westen her, eine Loslösung, eine Abschließung und zuletzt eine Auflösung unter dem Einflüsse der ständig nachsickernden Baluba.

Die ägyptische Kultur entsteht in völliger Vereinsamung; denn auf den Ruinenfeldern Westasiens und Tripolitaniens bestehen für diese Zeit periodische Lücken. Zugrunde geht sie, nachdem die Hyksos eine ununterbrochene Verbindung mit der Außenwelt hergestellt hatten. — Aus einer zeitlichen Abschließung geht auch die Antike hervor, der nach den Perserkriegen der weltverbindende und damit die Kultur mechanisierende Alexanderzug folgt. — Die westeuropäische Kultur endlich taucht mit der Gotik aus der dem Neolithikum folgenden Vereinsamung auf und verfällt der Mechanistik mit der Ausdehnung über die weite Erde.

Also erscheint die Abschließung des geographischen Lebensraumes, des Mutterbodens einer Kultur, als Voraussetzung paideumatischer Blütezeiten. Das Paideuma bleibt aber unfruchtbar und gestaltlos, wenn nicht innerhalb dieses abgeschlossenen Bereiches eine Befruchtung stattfindet. Man betrachte das Christentum. Als letzte und reifste Frucht fällt es vom Baum der orientalischen Kultur, die letzte magische Formel des ausgeprägtesten Höhlenbewußtseins. Auf diesem Mutterboden selbst, wo gleichzeitig der persische Keim das Erdreich durchbricht, gewinnt es keine Kraft, wohl aber wirkt es nun befruchtend auf das mütterliche Paideuma des Okzidents, das nun, vom stärksten Weitengefühl getragen, als germanisch-christliche Kultur im Zeitalter der Gotik unermeßlich aufwächst.

Und ebenso die ägyptische Kultur. In dunkler Vorzeit aus westeuropäischem Weitengefühl entstanden, gelangt der Same auf geheimnisvollen Wegen über das westliche Afrika in den schon dem Orient benachbarten Boden des Niltales und entwickelt dort seine steinerne Macht.

Aber der Raum, über den eine hohe und vollausgereifte Kultur ihren Schatten breitet, wird auf- und ausgesogen. Der Raum sammelt seine ganze Kraft im Samen und dieser fällt in mechanistischer Konzentriertheit auf allerhand Erdreich, auf schon ausgedorrtes, auf fruchttragendes, auf jungfräuliches Gelände, das seiner harrt.

Und damit bin ich wieder zu den Gedankengängen des Anfanges zurückgekehrt. Eine eingehende Untersuchung der monumentalen Kulturen des europäischen Gesichtskreises wird zeigen, daß väterliche Befruchtung und mütterliche Empfängnis mehr oder weniger deutlich wahrnehmbar stets den beiden Urgefühlen des Raumes entspringen: hier Weitenpaideuma, dort Höhlenpaideuma, aber wechselnd in der Aufgäbe als Gebende und Empfangende. Orient und Okzident sind undenkbar einer ohne den anderen, beide phänomenale Urerscheinungen, jede unlösbar von dem Erdenraum, der sie gebar, aber jede fruchtlos, solange die andere nicht ihr zum Samen herangereiftes mechanistisches Paideuma hineinwarf.

Leo Frobenius
Paideuma · 1921
Umrisse einer Kultur- und Seelenlehre
© 1998- Schule des Rades
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