Schule des Rades

Leo Frobenius

Paideuma

III. Das Paideuma der Völker

14. Formen und Perioden

An einigen Beispielen habe ich oben die Unterschiede der Dichtung bei Afrikanern dargelegt. Es sei erinnert an den Schmerzgesang des Benaluluagreises, dann an die Meinung des Dialli Korongo von Segu über die Entstehung von Gesängen, endlich an die Einleitung zur Erzählung des Blinden.1 Ich wiederhole, daß trotz der emsigsten Umschau, die ich in Nord und Süd, Ost und West des Kontinents gehalten habe, mir nur wenige Völker bekannt wurden, bei denen dichterische Neubildungen stattfanden. Ich habe im Laufe der Jahre Tausende von Fabeln Erzählungen, Legenden, Märchen, Gesängen gehört und weit über tausend aufgezeichnet, wozu noch als Material die Reihe von kleinen und großen Erzählungen kommt, die die eigentliche Literatur bildet und deren Nachprüfung genau das gleiche Resultat zeitigt: die wenigen Stämme mit der Fähigkeit, neu zu bilden, sind heute eine Ausnahme gegenüber den Hunderten von Völkern und Tausenden von Stämmen, deren Dichtkunst vollständig erstarrt ist.

Prüfe ich diese auffallende Erscheinung nach, so ergibt sich nicht etwa eine besondere Veranlagung dieser Völker zur Dichtkunst; es zeigt sich vielmehr, daß dies nur eine einzelne von mehreren in voller Blüte stehenden Ausdrucksformen ist, welche der Gesamtkultur der betreffenden Stämme eine Ausnahmestellung im Rahmen der übrigen afrikanischen Völker verleihen.

Leicht läßt sich dies bei den Benalulua (s. Kap. 3) erkennen. Sie sind nicht nur durch die Dichtkunst ausgezeichnet ; sie haben auch eine neue Religion, den Riambakultus, entwickelt; sie haben eine durchaus stammeseigene Ornamententwicklung; sie traten alles in allem ihren Entdeckern, meinen Vorgängern Pogge und Wissmann, in den achtziger Jahren als ein Volk ganz eigener Art entgegen. Was diese Forscher unter den früheren Baschilange und heutigen Benalulua erlebten, steht einzig da. Das Besondere liegt in der ununterbrochenen Begeisterungsfähigkeit, aus der heraus sie den Europäern in die dichtesten Urwälder zu den als schlimmste Kannibalen verschrienen Stämmen folgten und, obwohl sie bis dahin keinerlei Schiffahrt getrieben hatten, sich ohne lange Überlegung entschlossen, den riesenhaften Kassaistrom hinab in die dunkle Welt des Unbekannten hinauszufahren. Wenn demgegenüber etwa gesagt werden sollte, daß ostafrikanische und hier und da auch einmal westafrikanische Träger ähnliche Dienste geleistet haben, so übersieht man, daß diese küstennahen Stämme aus unfreiem und teilweise halb nomadischem Dasein hierzu erst erzogen werden mußten, während bei den Baschilange-Benalulua der Entschluß zu solchem Beginnen aus vollkommener Seßhaftigkeit heraus ganz freiwillig und spontan erfolgte.

Es ist ein seltener Glücksfall, daß es gelang, auch einiges über die Geschichte dieses Zustandes in Erfahrung zu bringen und nachzuweisen, daß er einen erkennbaren Beginn gehabt hat. Das war damals, als, von der Westküste herannahend, die Sage von den weißen Menschen ein stilles Aufhorchen zur Folge hatte, dem dann der verblüffende Knall des ersten Büchsenschusses in den Grenzwäldern folgte. Dann endlich das Erscheinen der Europäer selbst! Wenn die Alten davon sprachen, erglänzten ihre Augen. Es war deutlich, daß, wenn sie nun auch den Europäer und seine Machtmittel als etwas Normales kennen gelernt hatten, solches doch nicht den ursprünglichen Eindruck des Wunders verwischen konnte, das damals wie eine Erfüllung die Seelen dieser Menschen erleuchtete. Es war die Erschütterung, die das herannahende fremde Leben mit sich gebracht hatte.

Ich will die feststellbaren Vorgänge ihrer Reihenfolge und ihrer Bedeutung nach wiedergeben: Noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts saßen die Baschilange-Benalulua eingekeilt zwischen fremden Völkern anderer Art. Im Norden die herrischen Bakuba, im Osten die gewalttätigen Bassonge, im Westen die feindseligen Bapende, im Südwesten die primitiven Bakete, im Südosten die starken Baluba, mit denen die Baschilange zwar sprachlich verwandt waren, von denen sie sich aber getrennt hatten, um sich mit einem hier schon seit altersher ansässigen Volke zu mischen. Diese Mischung mit den Alteingesessenen vollzog sich im Stillen. Es ist auch in der Erinnerung und dem Bewußtsein der Baschilange-Benalulua für diese Zeit ein traumhaftes, großes Schweigen, eine Zeit, aus der nichts zu sagen ist. Eine dunkle Erinnerung an die Einwanderung und Loslösung von den Baluba ist vorhanden. Aber für nachher, für die Zeit der ungestörten Abgeschlossenheit von der Umwelt bis zum Eintritt der ersten Berührung mit der Westküste, fehlt jede Erinnerung. Die Baschilange-Benalulua wissen nur, daß das Land eng war und daß kein Verkehr war, daß ein Tag war wie der andere.

Demgegenüber das erste Bewußte. Eines Tages bemächtigt sich aller eine tiefe Erregung. Der erste Baumwollstoff kommt ins Land, die Nachricht von einem weißen Volke, das in einem großen Wasser des Westens lebt, verbreitet sich; der erste Büchsenschuß fällt in den westlichen Randwäldern und mit dem Büchsenschuß ein gigantischer Elefant, der bis dahin als unüberwindlich galt. Eine Spannung sondergleichen, eine Erwartung jeglicher Möglichkeit gegenüber bisherigen Unmöglichkeiten löst das träge Hinträumen ab. Der alte Ratgeber des Fürsten Katende drückte das aus mit den Worten: Darauf wußten wir, daß wir anders waren als andere, daß es ein anderes Leben (mojo) gab als unser Leben. — Die Ornamentik, der Riambakultus, die Dichtkunst, ja sogar einige Ansätze von Charakterbildungen traten zutage. Die Erschütterung ist erfolgt, ein dämonisch aufblühendes Paideuma ist entstanden.

Das Bild, das sich hier entrollt, entspricht bis in alle Einzelheiten dem, das ich vom Dämonischen und den Idealen im Individuum geben konnte. In einem Volke zeigt das Paideuma die gleichen Phänomene. Es entsprechen sich hier gleicherweise stufenmäßig: die Ausbildung des Dämonischen in der Barbarei, die der Ideale in der Kulturei, die Umbildung zu Tatsachen in der Mechanei des infantilen, juvenilen und virilen Paideuma des Individuums.

Spengler hat in seiner Morphologie der Weltgeschichte mit einem ungewöhnlich starken Lebensvermögen ein ungemeines Wissen zu einer organischen Physiognomik der Kulturgeschichte ausgestaltet. Sein Feld ist die übersichtliche Kulturgeschichte, beginnend mit dem alten Ägypten und endigend mit uns Okzidentalen von heute und mit der uns nahen Zukunft, also die Summe von Kulturepisoden, die ich nachstehend als die der Gestaltungsperiode zusammenfasse. Spengler hat diesen Zeitraum paideumatischer Entwicklung wirklich durchdrungen und die Entdeckungstat, die durch meine und wohl auch andere Arbeiten vorbereitet war und in der im Laufe der letzten Jahrzehnte gar mancher Gelehrte sich versucht hat, diese Entdeckungstat hat er für diesen Zeitraum und in diesem geographischen Rahmen tatsächlich vollzogen.

Aber Spengler arbeitet nur auf diesem Boden, ist nur daheim in den Formen und Zeiten der monumentalen, juvenilen Kulturei; und deshalb ist er an der ganzen Welt der primitiven Erscheinungen ohne Achtsamkeit vorübergegangen. Das Paideuma des Urmenschen ist für ihn nur ein Chaos (S. 410), die Steinzeit ohne Stil (S. 275), die Umwelt des primitiven Menschen ohne Physiognomie (S. 243) und ohne kausale Ordnung (S. 171), es fehlt den Urvölkern noch der mythische Organismus (S. 56). Vor allem begrenzt Spengler sich selbst, indem er die Gemälde der Steinzeitmenschen auf den Nachahmungstrieb zurückführt (S. 263), d. h.: das Phänomen der Geburt des Dämonischen bleibt ihm verschlossen.

Dantes Incipit vita nova gilt auch bei Spengler für den Zeitpunkt der Ichbildung auf der Lebensfläche der juvenilen Ideale, und zwar der bewußten in der monumentalen Volkskultur, und nur hierfür! Es ist richtig, jede Kultur hat ihre eigene Sprache (S. 249), und unserer Zeit scheint zunächst nur die der Monumentalität würdig, oder deutlicher: sie ist ihr leichter zugänglich. Die gleiche Unterscheidung, die die Griechen dazu führen mußte, sich selbst als Einheit allen anderen Völkern als Barbaren gegenüberzustellen, läßt Spengler in der Unterscheidung der Kulturformen walten. Der letzte Aufschluß über das Phänomen der Intuition kann also von ihm nicht erreicht werden.

Diesem Entwicklungsbilde monumentaler Kulturen stelle ich das Beispiel eines primitiven Volkes, der Benalulua, entgegen.

Hier liegt eine primitive Kulturform vor, die innerhalb ihrer Entwicklung ebenfalls ein juveniles Stadium zeigt. Ich habe lange genug unter und mit den Benalulua gelebt, um sagen zu können, daß ihr Lebensstil ein durchaus einzigartiger ist; nur wird es unmöglich sein, ihr Paideuma so zu umschreiben, wie dieses hinsichtlich des antiken oder abendländischen gelingen kann. Die Monumentalität des griechischen Dramas, des gotischen Domes sind nicht vorhanden. Ich muß deshalb auf andere Ausdrucksformen hinweisen.

Über den Sudan zwischen Niger und Nil sind Hunderte von verschiedenen Stämmen verbreitet. Wer sich dem Studium ihrer paideumatischen Eigenart und zumal derer im Haussagebiet, die für das Nachfolgende hauptsächlich in Betracht kommen, hingibt, wird alsbald auf einen Unterschied stoßen, der sie in zwei Gruppen zerfallen läßt.

Die einen Stämme leben nur in kleinen Verbänden, kennen keine Märkte, sprechen oft Dorf für Dorf ein eigenes Idiom und sind in der sozialen Gruppierung kaum über die Sippe hinweggekommen. Die anderen dagegen wohnen in Städten. Ihre Sprache dehnt sich über weite Strecken aus. Sie haben ein reich gegliedertes Staatsleben, regen Handelsverkehr, Entwicklung von Berufen, Zünften, Großmärkten. — Die Kultur der ersteren bezeichne ich als Flachkultur, die der letzteren als Hochkultur. Paideumatisch sind beide Kulturtypen durchaus verschieden.

Die Menschen der Flachkultur sind wortkarg. Im Verkehr mit ihnen fühlt jeder bald, daß sie jeden Menschen als Typus für sich betrachten. Sie erleben den anderen Menschen und treten mit Bekannten wie Fremden in gefühlsmäßig ablehnende oder zuneigende Beziehung. Sie haben durchweg eine klar gegliederte Anschauungswelt, in der (das ist paideumatisch und symbolisch gemeint) jeder Hausrat eine genau vorgezeichnete Stelle einnimmt, in der jeder Baum und Stein ein Wesentliches, in der jeder Wert ständig fest und invariabel ist, in der vor allem alles ist und hierüber keinerlei Zweifel auftauchen kann. Die Bewegungslinie ihrer Schicksale ist eine allen gemeinsame. Alles ist selbstverständlich, derart selbstverständlich, daß es keinerlei Frage gibt, daß die Vorstellung, für andere irgendetwas anders sein könnte, ihnen a priori unfaßbar bleibt.

Die Menschen der Hochkultur zeigen dagegen schon bei der ersten Begegnung den Drang, jeden irgendwie in eine Kategorie zu bringen. Sie kennen weniger das Individuum als die Art und legen jeder Art einen bestimmten Wert bei, betrachten jedes Individuum vor allem als Vertreter seiner Art. Sie sind stets bereit, zu handeln und zu verhandeln, sprechen viel und äußern eine ständige Begehrlichkeit nach neuen Meinungen, um dann ihr eigenes Schicksal mit deren Verwendung zu ändern.

Der Verlauf des Lebens ist für die ersteren vorzugsweise synthetisch, für die letzteren analytisch. Die ersteren kennen nur das Schicksal, die letzteren ein Schicksal. Die ersteren leben in einer dämonischen Welt, die für alle ein und dieselbe ist. Die letzteren bauen sich die Tatsächlichkeit jeder nach eigener Art auf. Das Paideuma der ersteren bewegt sich fast ununterbrochen auf der Stufe der Barbarei, das der letzteren zumeist auf dem der Mechanei.

Die beiden Kulturformen leben ohne wesentliche gegenseitige Beeinflussung dicht nebeneinander. Meist beginnt schon wenige Kilometer von der Stadtmauer entfernt der Heimatsraum der Flachkulturen. Die Frage ist nun die nach dem paideumatischen Entwicklungsgang. Das Wesentliche hierfür beruht darin, daß ich in diesen Haussaländern jede Staatenbildung der Hochkulturen Hand in Hand gehend fand mit einer Verschiebung des Lebensraumes (also einer geographischen Raumveränderung) und daß sich gleichzeitig stets ein Wechsel der paideumatischen Stufe nachweisen ließ. Jeder der eigentlichen Staaten ist ursprünglich von einem Volke der Flachkultur geschaffen; keiner der einmal geschaffenen Staaten erlebte eine zweite Blüte unter Leitung des gleichen Volkes, das ihn einst schuf. Hand in Hand mit der Staatenbildung ist dann die Ausgestaltung eigener Sprache, Ausgestaltung eigener Abarten der allgemeinen Ornamentik und wohl auch eigener Dichtung (Legendenbildung) gegangen. Mit der Erstarrung des Staatslebens war dieser Bildungsvorgang dann aber stets abgeschlossen; d. h.: 1. das Paideuma der Flachkultur gehört der kindlich-dämonischen Art an, 2. der Prozeß der Veränderung des geographischen Lebensraumes mit gleichzeitiger Staatenbildung ist die ganz kurz bemessene Blüte juveniler Ideale und 3. das Dasein der Hochkulturen in den Städten ist gleichbedeutend mit der fast absoluten Herrschaft viriler Tatsachengesinnung. Die Barbarei klingt also nach ganz kurzer Blütezeit (Kulturei) in Mechanei aus. Vielleicht erklärt sich hier mancherlei aus einer einfachen, immer wiederkehrenden Erscheinung. Wenn solche Flachkulturvölker einen derart plötzlichen und mit Staatenbildung endigenden Zug antreten, so wechseln die tragenden Menschen den Lebensraum nicht als einzelne, sondern als ganzes Volk. Sie gewinnen das neue Land und sogleich schließen sie sich und die Tatsachen ihrer Umwelt in umwallten Städten gegen die hier einheimische und umwohnende Flachkultur und deren Dämonisches ab.

Mit diesem Zustand der Dinge möchte ich nun die entsprechenden Formen der höheren Kulturvölker und der von den Völkern der Haussaländer abweichenden Mandestämme vergleichen.

Auch wir haben in Europa die zwei Extreme, haben auf dem Lande die Flachkulturen und in den Städten die Hochkulturen. Auch bei uns bewegt sich das Bauernleben auf einer anderen Stufe als das Dasein der Großstädter. Aber — und hier liegt der tiefe Unterschied — Flachkultur und Hochkultur wird von Menschen des gleichen Volkes, der gleichen Sprache, der gleichen Rasse getragen. Beide erleben einen, wenn auch im Laufe der Entwicklung immer mehr sich einengenden, so doch stets wahrnehmbaren, dauernd fließenden Kräfteaustausch. Die Menschen der Städte und die des Landes sind bildungsmäßig geschichtet. Es gibt auf dem Lande gebildete Menschen, wie in den Städten, und nicht selten verstehen die oberen Schichten des Landes und die der Stadt (zumal solange ein Adel den Großgrundbesitz in Händen hat) sich untereinander leichter als die unteren Schichten, d. h. an Stelle oder neben die horizontale Gliederung in Hoch- und Flachkulturen tritt die vertikale ihrer Bildungsschichten.

Bei den Völkern der Haussaländer zeigten sich dämonisches Empfinden in der Flachkultur, Tatsachensinn in der Hochkultur, beide unüberbrückbar getrennt, Entwicklung der Ideale verbunden mit geographischer Verschiebung. In den Kulturen unserer Art dagegen treten wohl auch Dämonisches in den Flachkulturen und Tatsachen in den Hochkulturen bedeutsamer hervor; beide aber verbleiben im ständigen Austausch, da die Verbindung der vertikalen geographischen Verschiedenheit durch eine horizontal liegende Bildungsschicht hergestellt ist, die wenigstens für die kleinen Städte eine entscheidende Bedeutung hat.

Das ist aber nicht nur bei den Okzidentalen so. Auch aus Afrika kann ich hierfür ein Beispiel anführen, das der Farraka-Mandeländer. Hier liegt weit ausgebreitet ein Netzwerk von Hochkultur, bei dem die Knoten als kleine befestigte Marktstädte, die Schnüre durch viel bewanderte Verbindungsstraßen hergestellt werden, über einer das ganze Land bedeckenden Flachkultur. Ein aus dem Norden stammendes Volk hat die ganze Menschheit der Farraka-Mandeländer vereinheitlicht, so daß die Bewohner der Städte und die des Landes gleichen Sprachen- und Rassenbestand aufweisen. Die vertikale Abgeschlossenheit ist eine sehr bedingte. Denn alles, was in den kleinen Städten der Vermehrung entgegensieht, das Weib, die Stute, die Hündin, wird auf das Land gebracht, um hier den Nachwuchs auf einem starke Nahrungsmittel und gesunde Arbeit bietenden Boden zur Welt zu bringen. — Dabei besteht eine durchgeführte Bildungsschichtung. Die vornehmen Horro (Ritter und herrschendes Volk) mit ihren sangeskundigen Dialli (Barden) auf der einen Seite, die kunstfertigen Schmiede mit ihrem reichen Schatz übersinnlicher Vorstellungen auf der zweiten, sowie die Ulussu als emsige Bauern auf einer dritten leben nebeneinander und bereichern durch Wechselwirkung das Paideuma des Individuums wie das der Masse. Die Horro mit den Dialli, sowie die Schmiede mit den Ulussu stellen zwei Schichten in der Kulturform dar.

Der unteren Schicht des Paideuma gehören nun die gern und häufig erzählten Volksmärchen und Fabeln, ferner das altertümliche Bundeswesen mit den Masken und endlich das Schamanentum an. Die obere Schicht hat die herrlichen Bardengesänge, die reich gezierte Tracht (die wundervoll gestickten Togen sind seinerzeit in Farraka entstanden und von dort aus erst nach dem Osten gewandert), die gewaltigen Grabbauten, die alten Königspaläste hervorgebracht.

Ein Vergleich der Dichtwerke beider Schichten ergibt, daß die Fabeln, Märchen usw. Allgemeingut des Volkes sind, daß sie überall erklingen, daß sie keinerlei individuelle Erscheinungen zum Objekt haben und keinerlei Umbildungen unterworfen sind. Die Gesänge der Barden zeigen dagegen die Schilderungen von persönlichen Entwicklungen und Schicksalen; ihr Vortrag ist durchaus bewußt künstlerisch, d. h. aus dem Kreise der berufsmäßig vorgebildeten Zunftmitglieder treten ideal veranlagte Schöpfernaturen hervor.

Diese Erscheinung einer Zweischichtbildung ist das, was alle sog. Kulturvölker vor den primitiven auszeichnet, vom alten Ägypten an bis zu uns herauf. Das alte Ägypten hatte neben dem steinernen Tempel des Gottes die Lehmbehausungen des Volkes, die Antike neben ihren Märchen und Fabeln die philosophischen Systeme und großen Dramen, der Okzident neben der Fuge das Volkslied.

In der unteren Schicht lebt das Paideuma einer älteren Periode weiter, lebt und wirkt dämonisch fort und fort auf die obere Schicht, in der sich die Ideale als monumentale Ichbildungen einstellen. Diese dämonischen Seelenkräfte der unteren Schicht sind und bleiben überall die Wurzeln des Paideuma, im Volke wie im Individuum. Das lehrt die Betrachtung jeden Unterganges einer Kulturei — auch einer monumentalen. Und das ist ganz naturgemäß. Denn die Bildung und Abschließung der Großstadt als Herberge bloßer Tatsächlichkeiten bedeutet das Ende der Dämonen.

So wurzeln auch, um mit Spengler zu reden, die apollinische, die ägyptische und die faustische Seele im Volke und bedeuten die Gesamtheit des Volkspaideuma; wenn diese dann aber in den großen städtischen Werken der Mathematik, Malerei, Architektur, Dichtkunst und Plastik zum Ausdruck kommt, so ist das nur der Bildung einer durchgeistigten Oberschicht zu verdanken, deren Führer stets einzelne dämonisch-geniale Naturen sind.

Es zeigt sich also eine deutliche Periodenbildung in der Entwicklung des Paideuma. Die älteste Stufe, deren Formen typisch erhalten sind in der äthiopischen Kultur der Haussaländer, ist rein tektonisch, d. h. sie baut aus den Fundamenten des Seelenlebens überhaupt die Umrisse einer Kultur in wenigen klaren und bedeutungsvollen Zügen auf. Ich nenne dies die Schöpfungsperiode. Dagegen ist die Kultur der Mande-Farrakavölker schon eine zweischichtige, muß also schon in der Gestaltungsperiode entstanden sein, die unserer Zeitrechnung nach etwa mit Babylon und Ägypten einsetzt.

Das Paideuma der Gestaltungsperiode bringt eine Oberschicht und in dieser das ungebundene Individualpaideuma, im höchsten Falle das Genie, hervor. Die Schöpfungsperiode kannte die Einzelseele nur als verkleinertes Nachbild der Gemeinseele. Diese Gemeinseele, deren typische Kultur ich in den Flachkulturen der Haussaländer geschildert habe, entfaltet sich in der Gestaltungsperiode zum Volkspaideuma, wie es die Mandeländer zeigen.

Wenn sich aus allem Vorhergehenden ergibt, daß das Verständnis für den Reichtum dieser Formen dadurch erschwert wird, daß man die Umwelt der Urzeit als Chaos bezeichnet und dem menschlichen Paideuma dieser Periode eine Physiognomie abspricht, so schließt man auch das volle Verständnis für die unendlich weitverzweigten Wurzeln paideumatischer Entwicklung aus. Denn wie die Stufenfolge im Seelenleben jedes einzelnen Menschen sich im Gemeinde- und im Volkspaideuma als Barbarei, Kulturei und Mechanei wiederholt, so stellen auch die Schöpfungsperiode eine dem infantilen und die Gestaltungsperiode eine dem juvenilen Paideuma genau entsprechende Form dar — woraus endlich folgt, daß der in vollentwickelte Mechanei ausklingenden Gestaltungsperiode eine dritte und abschließende, eine Erfüllungsperiode folgen muß.

Das ist auch sonst leicht zu verstehen. Denn wenn bedacht wird, welche stets steigende Ausdehnung die moderne Kultur mit ihren Bewegungsmaschinen, ihrem Nachrichtenwesen, ihren wirtschaftlichen Bedürfnissen nimmt, wie Buchdruck, Zeitung und Fernsprechwesen immer weitere Gebiete in ihren Machtbereich ziehen, so ist es nicht schwer, zu berechnen, in wie kurzer Zeit der ganze bewohnbare Erdenraum mit diesen Verbreitungsorganen einer mechanistischen Zeit und ihrer Tatsächlichkeiten übersponnen sein wird, so daß kein Volk der Erde mehr im Genuß der Unberührtheit und Abschließung verbleibt, die nötig ist, um die zur Kulturei führenden Ideale eines Volkspaideuma zu entwickeln; die Gestaltungsperiode geht mit diesem zwangsmäßigen Ausdehnungsbedürfnis, mit dem Siege des Tatsachenwillens über den Hang zum Dämonischen und mit der daraus folgenden Unmöglichkeit einer Abschließung einzelner Volkskulturen einem Zustand entgegen, in dem die Möglichkeit der Hervorbringung neuer monumentaler Formen verschwindet, damit aber neigt sie sich ihrem Ende zu. Was dann?

Ein Blick auf die nebenstehende Tabelle ergibt das Weitere: Das Paideuma der Schöpfungsperiode bewegte sich vorwiegend auf der Ebene des Gemütes, und zwar in einer einzigen Schicht. Die Einzelseele war unlösbar von der der Gemeinde. In der Gestaltungsperiode tritt die Ablösung der einzelnen Persönlichkeit- infolge der Bildung einer Unter- und Oberschicht ein; das Gestaltungspaideuma entwickelt sich auf der Fläche des Verstandes. Demnach wird die Erfüllungsperiode infolge Aufgehens des Volkspaideuma in ein den ganzen bewohnten Erdraum ausfüllendes Paideuma eine weitere Entwicklung der horizontalen Schichtung mit sich bringen; die vertikale Begrenzung des Lebensraumes wird ihre Bedeutung gegenüber der horizontalen Bildungsschicht verlieren. Die geistige Schichtung muß in diesem Zusammenhang ihre stärkste Gliederung erfahren, aus einer Zweischichtung wird eine Dreischichtung werden; als dritte wird die Schicht des Vernunftlebens sich über die des Verstandeslebens legen: das entspricht den Dämonen des Kindes, den Idealen des Jünglings und den Tatsachen des Mannes und damit den Kulturstufen der Barbarei, Kulturei und Mechanei.

Die Einschichtigkeit trat in der Verbundenheit der Einzelseele mit der Gesamtseele, ausgedrückt durch das natürliche Altersklassensystem, zutage. Das Dämonische wirkte in der Gesamtheit, ohne durch einzelpersönliche Regungen unterbrochen zu sein, und deshalb war die Menschheit in dieser Periode ungeschichtlich. Denn die Einheitlichkeit hatte den Begriff der Zeit noch nicht hervortreten lassen. Das Dauernde ist hier das Natürliche, das Gegenwartsgefühl das Beherrschende.

Grundlagen des Paideuma

stufenerste Stufezweite Stufedritte Stufe
AltersklassenKindJünglingMann

a) Paideuma des Individuums

Formen und WesenDas DämonischeDie IdealeDie Tatsachen
FlächeGemütVerstandVernunft
PhänomeneSchöpfungskraftIndividualitätVerstandesgemäßes Zweckbewußtsein
CharakterSpontaneitätZweiheitAuflösung

b) Paideuma der Völker (Formen und Perioden)

KulturstufenBarbareiKultureiMechanei
Kulturperiodender Schöpfungder Gestaltungder Erfüllung

c) Paideuma der Völker (Morphologie der Perioden)

PhänomeneEinschichtig
(Geburt des Dämonischen)
Zweischichtig
(Entwicklung der Ideale aus den Dämonen)
Dreischichtig
(Harmonisches Ineinandergreifen der Dämonen, Ideale und Tatsachen)
Charakterprimitivmonumentalphänomenal
RäumlichkeitenGemeinde
(Sippe)
VolkRegionen der Ökumene
ZeitlichkeitenVorzeitlich
(ungeschichtlich)
Episodisch
(geschichtlich)
überzeitlich
(übergeschichtlich)

Mit der Ichbildung, mit den Idealen, beginnt die Zweischichtigkeit, in der mit dem Gegensatz Ich und die Welt der andere Meine Zeit und die Zeit vor mir erscheinen mußte. Die Vergänglichkeit aller Ideale trat in schneller Umbildung zu Tatsachen immer deutlicher hervor und damit war die Episodenhaftigkeit der zweiten Kulturperiode besiegelt.

Der Wesenszug der dritten Periode wird nun aber ein harmonisches Ineinandergreifen des Dämonischen, der Ideale und der Tatsachen sein, d. h. der Phänomene aller drei Stufen: genial-dämonischer Schöpfungskraft, idealer Individualität und verstandesgemäßen Zweckbewußtseins. Deshalb werden die Kulturformen dieser Periode den Anspruch auf den Namen des phänomenalen haben. Das Episodische wird mit der Ausbildung der Dreischichtung abschließen, der Zeitbegriff, einen Wandel durchmachen und damit eine Überzeitlichkeit einsetzen.

1Vgl. Schwarze Seelen.
Leo Frobenius
Paideuma · 1921
Umrisse einer Kultur- und Seelenlehre
© 1998- Schule des Rades
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