Schule des Rades

Leo Frobenius

Paideuma

II. Das Paideuma des Individuums

6. Der paideumatische Stufenbau

Als ich seinerzeit an dem Werke über die Masken- und Geheimbünde Afrikas arbeitete, fiel mir zum erstenmal eine Einrichtung vieler Völker, zumal Afrikas und Ozeaniens auf, die in der Tat eine ganz besondere Beachtung verdient: die Altersklassenorganisation.

Besonders bei den primitiven, aber auch bei außerordentlich viel entwickelteren Stämmen besteht die Sitte, daß die gleichaltrigen Männer (hie und da auch die Frauen) sich in Verbänden vereinigen, die als solche zeitweise oder ständig mit eigenen Wirtschaftsformen, eigener Nahrungsversorgung, eigenartigen Geschlechtsverbindungen, eigenen Wohnräumen vom Gesamtleben des Volkes sich ablösen. Häufig trennen sich aber nicht nur einzelne Altersklassen ab, sondern der ganze Stamm zerfällt nach den Altersklassen in mehr oder weniger scharf getrennte Gruppen. Die Zahl der Gruppen von Altersklassen scheint beim ersten Blick eine schwankende.

Meist läßt sich jedoch eine dreischichtige Gliederung als ursprüngliche oder natürliche nachweisen. Jedenfalls beachtete ich vielerorts ein Hervorgehen oder Rückversinken mehrschichtiger in diese anfängliche Dreiteilung. Auch konnte ich bei Stämmen, die das Altersklassensystem nicht mehr als Grundlage der sozialen Bildung besaßen, die Reste eines solchen nachweisen, die dann stets auf eine Dreiteilung schließen ließen.

Diese Altersklassengruppierung entsteht, indem zum ersten die Kinder bis etwa zur Zeit der Reife, zum zweiten die Jünglinge bis etwa in die Periode der Verehelichung und endlich zum dritten die Alten, die Besonnenen, sich miteinander verbinden.

Auf afrikanischem Boden sind zwei verschiedene Typen zu erkennen, von denen der eine wesentlich im Osten, der andere vorzüglich im Westen klare Ausbildungen erfahren hat. Der östliche Typus ist am schärfsten bei den Massai ausgeprägt. Bei ihnen trennen sich deutlich die Layok, die Elmeran und die Elmoruo, das sind die Knaben, die Jünglinge und die Männer. Die Knaben leben etwa bis zum sechzehnten Jahre daheim, üben sich im Waffengebrauch und in der Viehwartung, werden etwa in diesem Alter der Beschneidung und der stammesgemäßen Zahnverstümmelung unterworfen und treten hiernach dann in die Klasse der Elmoran über.

Als Elmoran wandern sie aus dem heimatlichen Krale in ein eigenes Wohngebiet aus. Dort hausen sie mit den geschlechtsreifen Mädchen zusammen und führen ein frischfröhliches Kriegs- und Räuberleben. Ihre Nahrung besteht im Großen und Ganzen aus Fleisch, Milch und Blut. Ihr Leben ist ungebunden, aber nicht, wie häufig behauptet wurde, zügellos. Vielmehr ist die Stabilität der geschlechtlichen Beziehungen eine durchaus gesunde und gelegentliche Seitensprünge mit den Geliebten der Kameraden gelten als unsittlich und verächtlich; daß mehrere Brüder zuweilen die gleiche Geliebte haben, ist hierzu kein Gegensatz, sondern gehört in ein ganz bestimmtes System der Familienbildung.

Dieses ungebundene Leben hört für den Elmoran etwa mit dem dreißigsten Jahre auf. Hat er mit seinem Mädchen im Jünglingskral ein Kind gezeugt, dann läßt er sich die langen Jünglingshaare schneiden, erlegt den Brautpreis, heiratet und zieht in den Wohnkral der Elmoruo; er ist nunmehr in diese Altersklasse aufgenommen. Seine Speisen sind von da an auch Pflanzen. Sein Leben verläuft geruhsam. Seine Beschäftigung ist vorwaltend die Viehzucht; am Kriege beteiligt er sich nur gelegentlich als Landsturmmann.

Anders und nicht so offen zutage tretend ist das Altersklassensystem des zweiten Typus in Westafrika. Hier liegen die Altersklassen der höchst bedeutsamen Einrichtung der Geheimbünde zugrunde, die vielfach die maßgebende und regierende Staatsgewalt darstellen, so daß ihnen gegenüber das dorfschulzenartige Häuptlingswesen in den Hintergrund geschoben wird. Die Formen der Geheimbünde, die durch allerhand Maskeraden, Initial- und Jahreszeitenfeiern, durch Tänze und Orgien auffallen und die Aufmerksamkeit schon so manchen Forschers auf sich lenkten, sind außerordentlich verschiedenartig, zeigen aber trotzdem ein einheitliches Innengefüge. Diese Bünde haben ihre geweihten Plätze, ihre Klubhäuser, ihre Opferstätten und ihre heiligen Wälder. Ihr Zeremonial ist streng und vielgestaltig. Trotzdem spielt sich ihr Leben sowohl in den einfacheren als auch in den durch lokale Variationen entwickelten oder verwirrten Verhältnissen nach folgendem Rhythmus ab:

Weiber und Kinder stehen außerhalb des Geheimbundes. Auf seinen geheiligten Plätzen dürfen sie sich nicht sehen lassen; sie müssen fliehen und sich hinter den geschlossenen Türen verborgen halten, wenn die Maskierten auf den Dorfstraßen erscheinen. Wenn aber die Knaben das Reifealter erreicht haben, werden sie einem Zeremoniell unterworfen, das die Literatur im allgemeinen als Einweihung bezeichnet. Sie werden in einen Wald gebracht, werden schreckhaften Szenen unterworfen, verbringen eine kürzere oder längere Buschzeit und empfangen vor Austritt aus der Buschgenossenschaft und vor der Rückkehr in das heimatliche Dorf ihre Tätowierung und Zahnverstümmelung, Haarschnitt oder sonstwie die Abzeichen der Männer ihres Stammes. Vielerorts werden sie auch beschnitten. Außerordentlich weit verbreitet ist heute noch die Vorstellung, daß die Burschen in dieser Zeit geopfert oder gar vom Buschgeiste verschlungen und wieder geboren werden. Manche Reisende und Missionare haben nachgeforscht, welche Geheimnisse diese Novizen im Busche erfahren welche Künste sie erlernen, und zwar in der Annahme, daß diese Zeremonie Einweihung in die Geheimnisse des Bundes mit sich brächte. Solche Nachforschungen waren ergebnislos, denn die Burschen werden durch die Zeremonien nicht eingeweiht, sondern nur eingereiht und zwar unter die Zahl der jungen Männer, die in Zukunft an den Palavern (das sind die Volks- und Rechtsversammlungen und -Verhandlungen) des Stammes teilnehmen und hierbei auch mitsprechen dürfen. Welche Rolle in den Männerversammlungen diese Jünglinge dann spielen, werde ich nachher zeigen.

Mit der eigentlichen Leitung des Bundes haben erst die alten Männer etwas zu tun; es sind etwa die von fünfunddreißig Jahren, die, die genug Frauen haben und sich selbst nicht mehr wesentlich um das Bäuerliche und Häusliche zu kümmern brauchen, die, deren Kinder herangewachsen sind — es sind vor allen Dingen die an Lebenserfahrung Reichen. Diese Alten sind die eigentlichen Eingeweihten; sie bewahren die Masken, sie regeln die Opferzeit, sie kennen die alten Sitten und Gebräuche, das Recht des Herkommens; sie gelten als die Besonnenen, und sie sind es auch, die wohlbedachte Maßnahmen an Stelle temperamentvoller Ausbrüche setzen.

Verschiedentlich ist behauptet worden, daß in ihrer Hand auch die Entscheidungen in Rechts- und Verwaltungsfragen, über Krieg und Frieden liege. Das gilt aber nur dort, wo geheime Beschlüsse der Geheimbundregierung entscheidende Bedeutung besitzen; solche Macht geheimer und beinahe diktatorischer Art besitzen die Geheimbünde jedoch lediglich in greisenhaften Stammes- und Staatsbildungen Westafrikas, wie ja auch die hohen Kulturen nur in ihren spätesten Zuständen cäsarische Gewalten hervorbringen und dulden.

Alle jugendlich gesunden, also kräftigen Stammesorganisationen Westafrikas werden im Gegensatz hierzu durch die Volksversammlungen regiert und verwaltet. Die Volks Versammlungen leiten nun zwar, wie gesagt, die Alten. Wenn ich jedoch die lange Reihe afrikanischer Palaver, Milangos, Schauris, die ich erlebt habe, überblicke und mir deren Verlauf klar mache, so finde ich eine sehr bezeichnende, immer wieder zutage tretende Erscheinung: Die Alten sind es, die das Recht, das Herkommen, den üblichen Verlauf der Ereignisse, die Charaktereigenschaften und Fehler ihrer Stammesgenossen kennen, die demnach ein gewisses Geschick haben, verworrene Fäden zu entwirren. Die eigentlich geistige Initiative haben sie jedoch in unberührten und gesunden Verhältnissen nicht, in nichts und nirgends. Die liegt stets bei den Burschen, bei den Jünglingen von zwanzig bis dreißig oder fünfundzwanzig bis fünfunddreißig Jahren. Wie oft habe ich es erlebt, daß die Alten um irgendeines Vorteiles willen, der ihnen zufließen sollte, oder aus reiner Bequemlichkeit dem Herkommen, der Tradition in irgendeiner Weise folgen wollten, und daß dann Burschen der zweiten Altersklasse sich erhoben und mit etwas Neuem kamen, mit etwas nicht Möglichem, mit etwas dem Herkommen Widersprechenden, — wie diese Jünglinge oft aber damit in verblüffender Weise den Nagel auf den Kopf trafen und in solchen Fällen, wenn auch nach langem Wortgefecht, den Sieg davontrugen.

Bei solchen Kämpfen trat dann die Altersklassengruppierung deutlich zutage. Unwillkürlich schließen sich die Alten und schließen sich die Jungen zusammen, die einen als Erhaltende, die andern als trotzige Vorkämpfer der freien Tat, als Träger des lebendigen Werdens gegenüber der erstarrten Form. Anregende sind dann stets die Jungen, Ausführende die Alten, die überall die Würde ihrer Klasse zu wahren verstehen und den Jungen niemals triumphartige Äußerungen über ihren Sieg gönnen, so daß diese auf keinen Fall zum vollen Bewußtsein ihrer eigentlichen Bedeutung kommen.

Alle derartigen Erfahrungen lassen das Altersklassensystem als eine grundlegende Eigenschaft der Sozialbildungen erkennen; und in der Tat ist es nicht nur eine Erscheinung der Sitten und Gebräuche der Urzeit; wer scharf hinsieht, erkennt gleiche Kräftewirkung in allen Kulturformen und Perioden bei uns ebenso wie bei den Römern und Ägyptern. Sie ist in sozialen Bildungen aller geschichtlichen Ereignisse lebendig. Man erkennt leicht, wie entscheidend es ist, ob in einem Staate die zweite oder dritte Altersklasse die innerlich (nicht äußerlich) maßgebende Macht in Händen hat, und daß das Schicksal jeden Staates von der Harmonie der Funktionen, oder von dem harmonischen Zusammenwirken der beiden höheren Altersklassen abhängig ist.

Auch Heinrich Schurtz, mein Nachfolger auf dem Gebiete der Geheimbundforschung, hat die große Bedeutung dieser Tatsachen richtig erkannt und sie in seinem Werke Altersklassen und Männerbünde eingehend und tief behandelt.

Aber auch dieser feine Kopf hat sich von althergebrachten Gesichtspunkten nicht ganz zu lösen vermocht; auch für ihn spielt das Geschlechtsleben bei der Entstehung der Altersklassen eine entscheidende Rolle. Er spricht von einem bewußt durchgeführten Versuche, einem höchst merkwürdigen und bis zu einem gewissen Grade erfolgreichen Versuch, die Gefahren des Geschlechtslebens für den Gesellschaftszusammenschluß auf ein möglichst geringes Maß zu beschränken. Er schreibt: Die Einteilung in drei Altersklassen würde also in ihrer einfachsten Form einen Versuch darstellen, eine bestimmte Zeit des Genießens, des Austobens oder des Sichauslebens festzusetzen, worauf dann die Periode des gesetzteren, ehelichen Lebens mit ihren Pflichten und einem engeren Verhältnis zwischen Mann und Weib eintritt. Vor allem spricht er von ihrem hauptsächlichsten Sinn und Zweck, den Geschlechtsverkehr zu regeln und einzudämmen.

Ich bringe diese Sätze deswegen hier in wörtlicher Wiedergabe, um zu zeigen, daß auch ein so bedeutender Denker auf dem Gebiete der Entwicklungsgeschichte kulturellen Lebens sich nicht von der zweckhaften, materialistischen, doktrinären Auffassungsweise unserer Zeit zu trennen vermochte, und wie notwendig es ist, daß meine aus der Einfühlung in diese Bräuche entstandene Auffassung jenen andern gegenübergestellt wird, die durch Hineintragen zweckmäßiger Motive entwickelt worden sind. Heinrich Schurtz hat beim Studium dieser Dinge sein Hauptaugenmerk auf das Verhältnis der Altersklasse zum Geschlechtsleben gelegt. Das war ihm das Objekt seiner Studien und dieses fesselte ihn so, daß er die Mittellinie der Entwicklung vollkommen übersah. Denn tatsächlich entspringt die Altersklassengruppierung, wie aus dem westafrikanischen Beispiel hervorgeht, der Verschiedenartigkeit des Geisteslebens auf verschiedenen Altersstufen. Diese Stufen des Geistes stellen das formenbildende Phänomen dar; sie wirken nach allen Richtungen, im Besitzleben, im Familienleben, im Rechtsleben, im Arbeitsleben, im Staatsleben. Diese Altersklassenbildung kann aber, da es sich offenkundig um eine Eigenschaft oder Entwicklung des menschlichen Geistes handelt, nicht in einer bewußten Konstruktion (bei Schurtz Versuche, Zweck) entstanden sein, sondern sie muß, wie aus der Darlegung der Palaverregierung hervorgeht, eine wachstummäßige sein. Sie entspricht der steten Umbildung des Geisteslebens, wie sie in jedem Menschenleben stattfindet, die die Gleichen, nach Höhe und Art Sichverstehenden zusammenführen muß.

Daß die Altersklassenbildung sich zu allen Zeiten, in allen Kulturformen und demnach auch an allen Orten in gleicher Weise, wenn auch in mehr oder weniger deutlichen Formen (bei uns in Studentenverbindungen, Stammtischgesellschaften, Heeresverbänden etc.), einstellt, beweist, daß die Bildung des menschlichen Geistes einem gesetzmäßigen Stufenbau unterworfen ist, dessen natürliche Ausdrucksformen die Altersklassen sind.

Schon in den ersten Arbeiten über die Kulturkreislehre habe ich auf diese Stufenbildung hingewiesen und behauptet, daß sie sich, genau wie in jedem Individuum, so auch in allen Völkerkulturen wiederholt. Heute nun habe ich mir zur Aufgabe gestellt, diese Stufenbildung des Geisteslebens auf ihre innere Eigenart hin zu untersuchen. Da ich in der Literatur keine entsprechende Vorarbeit gefunden habe, sehe ich mich gezwungen, für die Darstellung eine eigene Nomenklatur anzuwenden.

Im Grunde genommen ist das nun Folgende also nichts weiter als eine intuitive (s. S. 7 ff.) Ausführung der Lehre von 1898; alle kulturellen Erscheinungen werden aufgefaßt als Ausdrucksformen eines selbständigen Organismus. Dieser Organismus ist die Kultur, von der ich schon früher sagte, daß sie nicht von Menschen geschaffen sei, sondern nur auf dem Menschen lebe, daß sie den Menschen durchlebe. Das Wort Kultur ist aber einmal durch allzuvielseitige Anwendung abgenutzt und stumpf, dann aber, wie sich aus den Schlußfolgerungen dieser Arbeit ergeben wird (s. 15. Kapitel), zu eng und begrenzt. An seine Stelle setzte ich das dem Griechischen entnommene Wort Paideuma, dem damit eine erweiterte Bedeutung, ein tieferer Sinn eingeflößt sei. Das Paideuma hat als selbständige Wesenheit sein Eigenleben, Es äußert sich stufenmäßig, und zwar intuitiv im Dämonischen der kindlichen Umwelt (Kultur- und Geistesleben des Kindesalters), dann idealisch in der idealen Welt (Kultur- und Geistesleben des Jünglingsalters) und endlich mechanistisch in der Welt der Tatsachen (Kultur- und Geistesleben des Mannesalters). Das Paideuma ist organisch, geht im Greisenalter aber in den senilen, anorganischen Zustand über.

Den genannten drei Stufen sind die ersten der nachfolgenden Kapitel in gleicher Anzahl gewidmet. Erst sobald für den Lebensstil dieser Stufen, den dämonisch-schöpferischen, den der begeisternden Ideale und den der matter of fact-Gesinnung, sowie für ihre drei Phänomene (Schöpfungskraft, Individualität und verstandesmäßiges Zweckbewußtsein), wenn auch natürlich nicht eine Erklärung, so doch ein Verständnis gewonnen worden ist, wird es möglich sein, das Wesen des Paideuma (oder der Kultur) der Völker zu erfassen, die einzelnen Kulturmomente in ihren Beziehungen zu einer Kultur (gleich Kulturform) aufzudecken und das homologe Werden des Paideuma in den Individuen, in den Kulturformen und in den Kulturperioden als Grundlage aller Kulturentwicklung zu erkennen.

Leo Frobenius
Paideuma · 1921
Umrisse einer Kultur- und Seelenlehre
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME