Schule des Rades

Arnold Keyserling

Alphysik

Alkalimetalle

Der Mensch der ersten Gruppe erlebt seine Motivation als Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Ernährung. Er hat Angst vor dem Verhungern, kann nie genug Bewunderung und Anerkennung finden. Werden die Wünsche erfüllt, so können sie leicht unmäßig wuchern; es kommen immer andere, die aber nicht der Habsucht entstammen, sondern der Sorge, es könnte etwas fehlen. Die Erinnerung an die lässige Geborgenheit im Mutterleib bleibt unerreichbare Sehnsucht; man glaubt nicht, daß sie je befriedigt werden kann. Jede Regung des eigenen Körpers wird genau registriert, die Vielfraßeinstellung kann sich auch auf Medizinen erstrecken. Es ist der orale Zustand; Urhunger und Urangst werden als Grundmotive erkannt, die nie ein Ende haben können: man will gleichsam die ganze Welt verzehren.

Diese Motivation findet ihre Intention in der Fähigkeit, für andere zu sorgen und deren Wünsche zu befriedigen: der Wirt in all seinen Äußerungen, vom Essen und Trinken bis zur seelischen und geistigen Nahrung. Um die Intention zu erreichen, muß die Aufmerksamkeit aus Trieben und Wünschen gelöst werden. Der Mensch soll die Stille und Einsamkeit, sein schwarzes Loch als seine Fähigkeit unendlichen Aufnehmens verstehen, muß aber gleichzeitig das Vertrauen gewinnen, dieses Alleinsein auszuhalten.

Ein Einstieg ist die Zen-Meditation, die dem Atem vom Anahata zum Swaddhistana folgt und sich dieser Bewegung bewußt bleibt: hierdurch wird das Denken gestillt.

Wirt zu sein heißt von der Fähigkeit des Sorgens zu leben. Die Tochter will immer bemuttert und bevatert sein; die Tochter in mir erkennt meine Seele als das zu hegende und damit auch die der anderen. Das Allverschlingen zielt letztlich auf die Sonne, ein spontan auftauchendes Bild ist ein Krake, der die ganze Welt verzehrt und schließlich selbst die Sonne in seine Arme nimmt, dabei aber von ihr durchstrahlt und leuchtend wird.

Man erlebt sich als Pflanze, kann auch durch diese in jeder Art des Ausdrucks bestätigt und unterstützt werden — das Sprechen der Indianer mit Bäumen und Pflanzen ist die Öffnung zur Ganzheit.

Wie die Triebe wechselt auch der Mond zwischen zunehmen und abnehmen. Der Vollmond spiegelt rein das Licht, der Neumond ist die Leere. Die mystische Heilung geschah während der drei Tage, da der Mond unsichtbar ist.

Der Ichbezug des Mondmenschen ist egozentrisch, nicht egoistisch: nur was durch seinen Magen geht, kann er verstehen. Aber wegen der Reinheit seiner Schau kann er auch manch anderem ein Licht aufstecken.

Der Mond bedeutet die erste Initiation, die geistige Wiedergeburt durch Rückbesinnung auf den embryonalen Zustand. So taucht hier die Gefahr aller Elemente auf: psychisch sich in falscher Synthese zu einem Ichbild abzuschließen anstatt als Frau oder Mann, Yin oder Yang zu wirken und die freie Antwort des anderen zu akzeptieren. Chemisch bedeutet dies, sich mit jenem Element zu verbinden, mit dem zusammen eine gesättigte Verbindung in der Konfiguration eines Edelgases entsteht:

  • I. Alkalimetalle, Mond - mit Halogenen, Merkur, VII.
  • II. Kalziumgruppe, Venus - mit Sauerstoffgruppe, Mars, VI.
  • III. Aluminiumgruppe, Jupiter - mit Stickstoffgruppe, Saturn, V.

Die gleiche Gefahr ist bei der energetischen Verbindung der restlichen Gruppen, die auch Stagnation bringen.

  • VIII. Eisengruppe, Uranus - mit seltenen Erden, Neptun, IX.
  • IV. Kohlenstoffgruppe, Pluto - mit Edelgasen, Luzifer, X.

Dieser Zusammenhang wurde im Lebensbaum der Kabbalisten veranschaulicht, den es, wie es auch in der Bhagavad Gita heißt, mit der Axt zu entwurzeln gilt.

L e b e n s b a u m

Die Gefahr des Mondmenschen ist Merkur, die Sehnsucht nach Geld, worin er unmäßig wird: wenn der Wirt sich nicht auf die Qualität seiner Nahrung beschränkt, sondern reich werden will, verliert er sich in Egoismus. Typisches Beispiel ist die Hure, die ewige Tochter, die alles Geld dem Zuhälter abliefert, der damit unsinnige Ausgaben bestreitet.

Der Wirt ist kein Unternehmer, sondern im privaten wie im öffentlichen Leben ein Sorgender, Caretaker; nicht Geld ist sein Maßstab, sondern die Befriedung, wenn jeder aufmerksam bedient wird. Ein echter Kellner hat nicht weniger Zuwendung wie ein Schriftsteller oder Philosoph, der seine eigene Geschichte als Paradigma für andere Strebende darstellt, vor sich selbst wie vor einem Christbaum steht und erstaunt ist, wenn ihn jemand nicht bewundert.

Die Elemente der Alkalimetalle reagieren am leichtesten; Lithium hilft bei der Fusion des Heliumkernes in der Sonnen-Energie-Erzeugung. Ein Mensch dieses Elementes erkennt immer, was gerade Not tut, sein Schwerpunkt ist im Denken. Interessant ist auch, daß Lithium das bisher einzige Element ist, das Wahnvorstellungen beseitigen kann.

Natrium im Fühlen verlangt das Wasser, die gemeinsame Emotionalität und Affektivität, um sich wohl zu fühlen; Kalium, dem Wollen zugehörig, brennt im Wasser. Der fühlende Mond hat die Fähigkeit, anderen das Grundvertrauen wiederzugeben, der Wollende, als Kupfer allverbindend, als Nährender und Wirt unmittelbar tätig zu sein. Rubidium und Silber, dem Körper zugehörig, probieren selbst als Magen alle Möglichkeiten neuer Ernährung aus und im seelischen Gold wird der Mensch zur Tochter, erkennt seine mögliche Erfüllung, die für andere beispielhaft sein mag. Der Goldmensch ist verkörperte Sehnsucht, gleicht darin der Sonne. Das letzte Element Francium ist radioaktiv im geistigen Bereich. Es kann neue Arten der dissipativen Ordnung, die Nahrung in allen Aspekten revolutionieren. Vielleicht wird der Mensch einmal neue Pflanzen ins Leben bringen, den Zusammenhang mit diesen als die Urgeborgenheit verstehen, sodaß es dann keinen Hunger mehr auf Erden geben wird.

Die göttliche Helferin des Mondmenschen ist Artemis, eng verbunden mit der Erde, wie das Heiligtum in Ephesus verdeutlicht hat: das Urbild der göttlichen Jägerin. Artemis war die Göttin der Fruchtbarkeit der Natur. Nur jener konnte sich ihr nähern, der das Werden und Vergehen, das Töten und Getötetwerden bejahte. Sie ist ewig schweifend, wie auch die Aufmerksamkeit immer neue Ziele braucht. Sie kann am schnellsten den Menschen zum Wahnsinn bringen; in vielen Sprachen steht Mond und Wahn im Zusammenhang, wie etwa das Wort lunatic auf englisch zeigt. Der Geist wird umnachtet; er erkennt die Wirklichkeit nicht mehr, sondern nur noch den Traum. Doch der Traum ist der Zugang zum Wachen; unser sonnenhaft strahlendes Wesen — symbolisiert im Bruder der Artemis, dem Sonnengott Apollo — ist in seiner Klärung des Traumes und der Visionen das letzte Ziel der irdischen Pilgerfahrt.

Arnold Keyserling
Alphysik · 1985
Alkalimetalle
© 1998- Schule des Rades
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