Schule des Rades

Arnold Keyserling

Alphysik

Kalziumgruppe

Der Mensch der zweiten Gruppe hat seine Motivation im Trauma der Geburt und in der Sexualität. Nach der Phase des ozeanischen Fühlens in der Flüssigkeit des Mutterleibs wurde er ausgestoßen aus einem vermeintlichen Paradies und mit dem ersten Atemzug gezwungen, sich dem fremden Medium der Luft und der Sprache im ersten Schrei anzuvertrauen. Stanislav Grof hat gezeigt, wie die Stadien der Wehen, des Gebärens und des ersten Atemzuges mit der Vorstellung von Leiden verbunden sind: die Wehen mit Höllenphantasien des Eingesperrtseins, so schlimm wie im Konzentrationslager; das Erlebnis des Austrittes als Strafe, als Fegefeuer, und schließlich die Angst des Ausgesetztseins in der Luft, der Kälte, der Fremdheit. Er meint, daß Menschen, die anderen solche Foltern zufügen, die Geburt nicht bewußt vollzogen haben. Demzufolge wäre die Wiedergeburt nicht der Eintritt in die Geistigkeit, nur Auserwählten zugänglich, sondern ein notwendiger Schritt für jeden. Doch das bloße Wiedererleben des Vorgangs mit LSD, in der aktiven Imagination mit Hilfe der Hyperventilation, oder die sonore Geburt von Tomatis, die sich der Verwandlung der mütterlichen Schallwellen von etwa 10.000 Hertz auf 2.000 bedient, kann das Trauma erleichtern, aber noch nicht überwinden und integrieren. Dies wird erst erreicht, wenn der Mensch den Geburtsvorgang immer wieder lustvoll im Liebesakt erlebt und die physiologischen Stadien der Libidoidentifikation geistig im Sinne von Freud nachvollzieht.

Das orale Stadium, die Lust an der Mutterbrust, ist die Wiedererinnerung an die Geborgenheit der Ernährung. Geistig verlangt sie eine Öffnung gegenüber neuen Eindrücken, die Bereitschaft, gleichsam die ganze Welt zu vermehren, sich überhaupt zur Lust zu bekennen.

Wer in diesem Stadium stecken bleibt, verfällt in Depression: er identifiziert sich nur mit den Augenblicken der Befriedigung und vegetiert in allen anderen Zeiten. So wandelt sich in der Erziehung dieses Stadium in das anale, die Lust wird mit Exkrementen, also eigener Erzeugung assoziiert: man nimmt Schmerz auf sich, um später Lust zu erreichen; die Aktivierung des limbischen Systems.

Im Schmerz spürt man sich nicht leben, aber erkennt dessen Notwendigkeit an. So ist das anale Stadium ähnlich den Wehen, und manche Menschen bedürfen der Phantasien von Grausamkeit zur sexuellen Erregung.

Im analen Stadium traut man seinem Ich, findet sich verantwortlich für das, was man tut. Daher liegt es nahe, Unglück und widrige Umstände auf den bösen Willen anderer zurückzuführen, was zur Zwangsneurose und Paranoia, zum Wiederholungszwang führen kann; man glaubt an Ordnung, an Diäten, an Disziplin um ihrer selbst willen.

Diese Verhärtung wird im phallischen Stadium mit den Geschlechtsorganen in Beziehung gesetzt, wo die Lust unabhängig von der Person des Partners erlebt wird, mit gleichzeitig schlechtem Gewissen; das Fegefeuer, das Sexualität als Schuld oder Sünde erlebt.

Erst wenn dieses Stadium in das genitale der Liebe verwandelt wird, ist die Geburt nachvollzogen und der Liebesakt wird zur Freude. Da nur wenig Menschen diese Entwicklung durchmachen — Karen Horney behauptet, nur einer von zehntausend Menschen erreiche in der westlichen Zivilisation das genitale Stadium — haben die meisten Religionen die Sexualität streng geregelt oder unterdrückt.

Diese Unterdrückung erzeugt einen spürbaren Mangel: die Meisterschaft der Venus liegt im Gestalten, im Gebären des Stoffes, des Minerals. Der Sinn ist das Tasten des festen Zustandes und damit die Fähigkeit, stofflichen Inhalten Form zu verleihen. Der Künstler lebt vom Wert seiner Gestaltung und hat in ihrem Vorgang die gleiche Freude wie im Orgasmus. Sein Sinn ist auf Vollendung gerichtete, auf vollkommenen Ausdruck, ebenso wie die Mutter das Kind als Gestalt zur Welt bringt.

Die Gefahr ist das Verlieben im Gegenzeichen Mars, also den Typus zu suchen, der mit einem zusammen eine Sättigung, eine Edelgaskonfiguration verursacht: die Figur der Carmen für den Mann oder des Verführers für die Frau. Die triebhafte Verfallenheit kann zwar in die Fortpflanzung führen, aber nach Abklingen der Anziehung ist eine falsche Harmonie erreicht, man nimmt das andere Geschlecht statisch gemütlich in sich hinein. Jung sagt, das seien die Ehepaare, die einander Papa und Mama heißen.

Der personale Ausdruck der Venus ist die Schwester, die Höflichkeit und Schönheit, Behutsamkeit und Zärtlichkeit fordert. Zum Denken gehört als Element das Beryllium mit den Edelsteinen Aquamarin, Smaragd und Saphir: die Erkenntnis der Kraftlinien aller Gestaltung. Zum Fühlen das Magnesium, jener Kern des Chlorophylls, der den Pflanzen die Absorption der Lichtenergie, dem Menschen jene der Inspiration eröffnet. Zum Wollen gehört Calcium, Grundlage des Knochenbaus und Zink. Zum körperlichen Bereich des Gestalters zählt Strontium; die Organentsprechung ist die Haut. Ein solcher Mensch wird sich um die Verschönerung der anderen kümmern, wie ein Schneider oder Kosmetiker, ebenso bei Cadmium. Zum seelischen Bereich der Schwester, die Anerkennung möchte um sich zu entfalten, gehören Barium und das Quecksilber, das einzig fließende Metall; man spricht geradezu von einem quecksilbrigen Temperament der Lebenslust. Und im Geist finden wir Radium, das erstentdeckte radioaktive, also fissionierende Element.

Die Göttin Aphrodite entstammt dem Mythos nach aus dem abgetrennten Glied des Uranos, als dieser von Kronos entmannt wurde. Sie wurde schaumgeboren in einer Muschel, im Meer, und achtet nur die Schönheit: wer sich ihr anvertraut, wird den Zugang zur Gestaltung finden.

Arnold Keyserling
Alphysik · 1985
Kalziumgruppe
© 1998- Schule des Rades
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