Schule des Rades

Arnold Keyserling

Alphysik

Aluminiumgruppe

Im Leben des Kindes gibt es einen entscheidenden Augenblick: wenn es seine Verschiedenheit von der Mutter nicht nur erkennt, sondern die Sehnsucht nach dauernder Vereinigung aufgibt und sich zu seinem eigenen Vornamen, seinem Inbild bekennt. Dieses Inbild erfährt es nicht aus der Wirklichkeit seiner Umgebung, sondern aus dem Reich der Märchen und Träume, der Ahnen. Es weiß sich als etwas ganz Besonderes, denn das Inbild, ein liebendes Wesen, trägt die Züge seines Schutzengels, seines Weisen-Alten. Laut Gershom Scholem meint der Satz: im Bilde Gottes schuf er ihn, das Wort Zelem, dieses Inbild. Wer dieses Inbild nicht findet, wessen Eltern sich nie um die höchste Möglichkeit kümmerten, keine Märchen vorlasen, der hat wenig Hoffnung und sieht oft andere Menschen mißtrauisch und zynisch. Wenn einer ihm etwas schenkt, so fragt er sich, was der damit will. Er identifiziert sich mit der Erwachsenheit ohne Freude, die ja nicht ein Wesen sein kann, sondern nur eine Funktion. So wird er krank, zum Hypochonder und sehnt sich das ganze Leben nach seiner Mutter, die ihrer Einstellung gemäß die Einzigkeit des Kindes bejahen und fördern müßte.

Der Sinn des Empfindens, dem Schmelzpunkt zugeordnet, ist der Bewegungssinn. Die Bilder müssen frei von links nach rechts durch den Körper verlaufen können. Jedes Trauma, jede Spannung wird an einer bestimmten Stelle zu einer als bedingter Reflex verhärteten Stockung werden, die man durch die strömende Kraft der Bilder lösen kann. Der Bewegungssinn ist die Grundlage des Heilens, das seit jeher mit Handauflegen begonnen hat — daher das Wort behandeln.

Der Heiler ist nicht ein Fachmann von Medikamenten, sondern seine jupiterisch-synthetische Kraft — Paracelsus nannte sie Archeus — ist fähig, auch andere ganz zu machen und den Bildern des Traumes, die dem wässrigen Haushalt entstammen, anstelle des luftigen der Worte, wieder das freie Fließen zu ermöglichen. Es erfolgt im kinästhetischen Leib, und manche Techniken der Bewegung oder Massage sind wirksamer als Methoden der Schulmedizin.

Letztere können sogar eine Gefahr werden; die saturnische Macht, der Glaube an eine bestimmte allein seligmachende Methodik betrachtet die Menschen nicht mehr als Inbilder und Wesen, sondern als Fälle. Jeder ist einzig, und die Autorität des Arztes wird ihm frei vom Patienten geschenkt; sie darf nicht erzwungen werden. Hat der Arzt Macht über den Patienten, so verkapselt er sich in dieser und kommt zur falschen Integration.

Die Aluminiumgruppe entgiftet den Körper wie Milz und Lymphe, die organischen Entsprechungen des Jupiter. Bor ist die denkerische Grundlage des freien Bewegungsflusses, löst als Medikament die Stockungen, Aluminium die gefühlsmäßigen.

Der Wollende, der andere an Entscheidungen heranführt, fußt passiv auf dem Gallium und aktiv auf Scandium. Im körperlichen Bereich, wo die Bewegungstechniken hingehören, ist Indium das passive und Yttrium das aktive Element, im seelischen Bereich der Psychotherapie Lanthanum aktiv und Thallium passiv. Im geistigen Bereich, über die aktive Imagination oder die Zuwendung, ist das Element das radioaktive Actinium; der Geistheiler kann in der Vorstellung das kranke Organ herausnehmen und in den kinästhetischen Leib wieder geheilt hineinsetzen — die Wunderheilung, wie sie von Schamanen aller Kulturen berichtet wird.

Die Göttin des Jupiter ist Hera, die für die Würde und Ehre des Menschen steht, sein Bekenntnis zur Personhaftigkeit, aber auch gefährliche Züge der schwarzen Mutter trägt, wie Eifersucht, das Kind nicht lassen zu wollen und dergleichen. Durch Zuwendung an ihre Wesenheit wird die geistige Heilung vollzogen, die aber auch den sinnvollen Tod einbezieht.

Arnold Keyserling
Alphysik · 1985
Aluminiumgruppe
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD