Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Anlage als Weg

II. Der Tierkreis

Das Geistkreuz

G e i s t k r e u z
GEIST-denken Z W I L L I N G E Zwillinge

Während Analyse und Synthese des Denkens im körperlichen Bereich in Planung und Technik einen Niederschlag finden, etwas Beharrendes schaffen, so erfaßt der Dreitakt des Denkvorgangs im geistigen Bereich des ewig Neuen über Schließen und Urteilen den Vorgang selbst, den Fortschritt, die Bewegung.

Wenn das erste Zeichen des Tierkreises die Seele als ich bin herausstellt, das zweite die Welt als das, was Gestalt hat, sieht das dritte Zeichen im Bestehenden das Werden.

So haben die Chinesen — China ist das Zwillingsland — das Buch der Wandlungen geschaffen; eine Situation ist bedeutsam in Bezug auf ihr mögliches Werden. Jeder Sachverhalt ist Information. Der Baum auf einem Berg gibt uns zu verstehen, daß er weithin sichtbar ist, daß Wurzeln und Stamm sich festigen müssen, um Wind und Wetter standzuhalten. Ein anderes Beispiel: im Zimmer geht das Licht aus; man schließt, das die Sicherung durchgebrannt ist; man verändert die Lage, indem man eine neue einschraubt.

Neugier, Interesse, Abstraktion, Information führen zu Erkenntnis und Entdeckung. Jede Erkenntnis ist der Ausgangspunkt weiterer Erkenntnis. Auf dieser Sequenz beruht die Welt der Wissenschaft, der Schulung, des Studiums. Wie der persönliche Werdegang den Zeitablauf von Kenntnis zu Kenntnis bemißt, so ist die Menschheitsgeschichte eine Folge von revolutionierenden Entdeckungen der Mathematik und der Wissenschaft. Das letzterreichte Wissen ist jeweils gültig. Lernen — vergessen: Ungeduld und Fortschritt ergeben sich aus diesem Spannungsfeld. Das gemeinsame Nachvollziehen eines Gedankens, das nur aus gleichem Ansatz möglich ist, ergibt die geistige Gemeinsamkeit, die Teilnahme an einer Bewegung — lachende Teilnahme am Denken und Verwirklichen; dem Corpsgeist einer Schulklasse, eines Teams, einer Partei, eines Regiments, jeglicher kameradschaftlichen Unternehmung, wo jene sich von selbst ausschließen, die nicht mitmachen.

Auch das wissenschaftliche Denken geht immer von gewissen Voraussetzungen aus, um bestimmte Schlüsse zu erreichen; so ergeben sich viele Gesichtspunkte und unzählige Thesen. Dies birgt die Gefahr, sich auf die eigenen Ausgangspunkte zu beschränken, ohne die anderen in Betracht zu ziehen. Dieser Geist äußert sich in allen Gruppenbildungen und Forschungsgebieten. Nur jenen Forschern, die bis zu den Grundlagen der Erkenntnis vorstoßen, gelingt es, Einzelerkenntnisse auf die Urprinzipien zurückzuführen, die jenseits aller Widersprüchlichkeit liegen.

Zu diesem Zeichen gehört jegliche Informationsvermittlung über Bild und Sprache.

Aber leicht wird Interesse jeglicher Art und sogar Erkenntnis zum Selbstzweck. Schon in der Schulzeit scheint das Aneignen von Information oft sinnlos; diese Tätigkeit ist tatsächlich nicht inspirierend, wenn sie Richtung und Ziel entbehrt. Im gegenüberliegenden Zeichen erhält sie ihre Einordnung in die Geistesgeschichte.

GEIST-wollen S C H Ü T Z E Schütze

Wollen ist Zuwendung und Leere gleichzeitig; wollen ist inhaltslos. Geist ist die Teilnahme am All, die ein Leben in der Fülle eröffnet. Die geistige Ebene haben wir mit einem Filmnegativ verglichen, auf dem der Mensch immer neue Zusammenhänge erfährt, somit schafft und weitergibt. Im Geist-wollen gibt es nichts festzuhalten. In der Begeisterung, der Inspiration, wird die Bezogenheit zum Ganzen immer wieder erfahren. Alles ist mit allem in Zusammenhang; aber immer wieder müssen wir uns leer machen, um die Allbezogenheit zu erfahren. Diese Einstellung ist ein Harren auf Botschaft, eine Hingebung an die Bewegung, auf daß ES einströme und wir zu Boten werden.

Geist-wollen ist die Offenheit des Propheten und Dichters; jedes geistigen Menschen, der empfängt und weitergibt. In diesem Sinne bedeutet es auch historische Richtung: was dem einen zur Erfahrung wurde, sein Einfall, wird dem anderen zum Ansatz. Wollen ist die Kraft der Aufmerksamkeit, die dadurch erwacht, daß sie sich auf etwas richtet. In diesem Zeichen richtet sie sich auf das Ewig-Zukünftige; auf den noch nicht verwirklichten Aspekt des Gesamtzusam­menhangs. Im Geiste kennen Richtung und Ziel kein Ende; der Quell der Inspiration erschöpft sich nie, aus jedem Gesichtspunkt eröffnet er Unbekanntes, Wunderbares. Freudig ist der Mensch, der Ziele sieht, glücklich, wer die menschliche Evolution bejaht, wer Glaube und Hoffnung verbreitet.

Der Zusammenhang Richtung — Ziel wurde im mythischen Bild des Zentauren veranschaulicht, des Pferdemenschen, der den Bogen spannt und den Pfeil richtet. Tatsächlich spielt das Zeichen des Schützen bei Reitern immer eine wesentliche Rolle.

Im Tierkreis weist der Schütze auf das Zentrum der Milchstraße, das im Dunkeln liegend als schwarzes Loch die Mitte bildet, um die sich unser Sonnensystem bewegt. So verbindet uns die geistige Richtung des Wollens mit dem Herzen des uns zugehörigen Allraums.

Aber auch die kleinen Ziele jeglicher Unternehmung können diesem eine dynamische Richtung geben: Reisen, Expeditionen, geistige Ideen; Aufgaben, die auch andere überzeugen, die das Glück des Sinnvollen vermitteln.

Natürlich gibt es auch falsche Propheten, verführerische Ziele wie die Fata Morgana der Wüste. Es geht darum, die eigentliche Richtung des Menschen nicht zu verlieren, alle Ziele in die Lichterstraße einmünden zu lassen.

Eines der Wunder besteht darin, daß, wenn der Mensch in die Richtung auf das All einschwenkt, alle Geschehnisse und Probleme des täglichen Lebens eine neue Bedeutung erhalten.

GEIST-empfinden J U N G F R A U Jungfrau

Geist ist Zusammenhang, der auf der Vorstellungsebene entsteht; empfinden ist exakte Wahrnehmung. Dieses Gebiet muß also einen realen und gleichzeitig immer neu zu erschließenden Zusammenhang umfassen, der auf der Abstimmung einzelner Sinnesdaten beruht.

Zwei wesentliche Aspekte der Jungfrau sind Arbeit und Wirtschaft, in deren Rahmen jedes Ding nach seiner Verwendbarkeit, jeder Vorgang nach seiner Nützlichkeit bewertet wird. Verwenden einer Kartoffel bedeutet, sie zu verwandeln, zuerst vielleicht in Kartoffelpüree und dann im Körper weiter zu verarbeiten.

Geist-empfinden ist die Betrachtungsweise der Welt, die erläutert, inwiefern ein jedes Ding, Organ, Rohstoff einem bestimmten Zweck dient. Vorgang und Ergebnis, Leistung und Umsatz finden in der Arbeit, im Geschäftsleben, in Handel und Industrie ihre Bewertung.

Geist-empfinden führt zu qualitativer und quantitativer Bestimmung, Unterscheidung und Bewertung, zur Vergleichbarkeit, wie auch zur Sachkenntnis, zur Erklärung und Erläuterung, die kein Detail übersieht, die einzelne Daten innerhalb eines bestimmten Rahmens vergleicht. Auf den Rahmen kommt es hier an; die Statistiken scheinen oft zu lügen, weil sie nur bestimmtes aufzählen, anderes weglassen. Aber gerade diese Genauigkeit im weitesten Zusammenhang kennzeichnet viele der großen Geister wie etwa Tolstoi oder Goethe.

Das Begriffspaar umfaßt jede beschreibende und angewandte Erfahrung der Wissenschaft: in der Medizin, der Alchemie, der Wirtschaft. In früheren Zeiten waren es gerade die Kaufleute, die mit dem Austausch der Waren Beschreibungen ferner Länder, Kenntnisse aller Art in Umlauf brachten; dabei Sachverhalt und Vorgang schildernd, Proben, Muster mitbrachten, die zu Experiment, Auswertung und Anwendung anregten.

Diese Paarung genauer Wahrnehmung mit geistiger Schau ist fähig, auch unsichtbare Vorgänge aufzudecken. In einem Handbuch der Anatomie, der Physik, sehen wir in den menschlichen Körper hinein oder finden die Anordnung der Elektronen um den Atomkern.

Aber gehen wir zurück auf die Grundlagen allen Austausches: das Geld. Es stellt eine äußerst reale Wirklichkeit dar, die aber der Vorstellungsebene entspringt. Es macht alle Dinge und Vorgänge vergleichbar. Im Rahmen eines Systems wie der Wirtschaft, das ein Mensch konzipiert, erhält jedes Ding einen Wert, der ihm morgen wieder abgesprochen werden kann. Und dieser Wert beruht auf dem Zusammenhang von Qualität und Quantität, der Verbrauch, Stauung, Fluß bestimmt. Der gleiche Apfel, der heute vier Schilling kostet, kann morgen durch übermäßige Einfuhr von Äpfeln an Wert verlieren.

Das Verdauungssystem steht in Entsprechung zum Zeichen Jungfrau, anale Probleme zum Geld. Aber auch im Schlagen des Herzens wie im Schlag eines Hammers bedarf es des Maßes. Mangelndes oder übermäßiges Arbeiten führt im menschlichen wie im wirtschaftlichen Organismus zur Krankheit. So stehen Arbeit und Krankheit in enger Beziehung, wie auch Arbeit und Dienst, das Verhältnis zu Untergebenen. Beim Angestellten schätzt man seine Arbeitsleistung; ein sachlicher Standpunkt, der nur durch das Gegenzeichen Fische, das alle Wesen von ihrer menschlichen Würde her umfaßt, ausgeglichen werden kann. Die Benediktiner fanden den Ausgleich in ihrem Motto ora et labora.

Auch in der Natur dient ein jedes, von der Funktion her gesehen, einem besonderen Zweck. So führt der Sinn für das Zweckmäßige in Rückbindung auf das Sinnvolle des Gegenzeichens zum richtigen Geist des Dienens, der Arbeit nicht als Fron, sondern als Veredelung von Rohstoffen sieht. Gleichzeitig bedeutet sie auch eine Verwandlung der eigenen Stofflichkeit, eine Selbstverbrennung, die zum Strahlen führt.

GEIST-fühlen F I S C H E Fische

Fühlen bedeutet verbinden und trennen, die Spannung zwischen Sehnsucht und Erfüllung. Geist ist die Vorstellungsebene, wo der Mensch den Zusammenhang von All und allem erfährt. Hier ist die subjektive Wunschkraft auf den geistigen Zusammenhang gerichtet, dem der Mensch über das Fühlen angehören, zugehören kann: auf seine geistige Heimat.

Die verbindende und trennende Kraft des Fühlens fügt die Bilder der Ganzheit zusammen. Sie weist auf Ideale wie Schönheit, Vornehmheit, Güte, volle Gesundheit, Heiligkeit, die ungreifbar bleiben, etwas Unerfüllbares an sich haben, das als Sinnbild der Läuterung, der Vollendung oder Erlösung dient. Der Urdrang des Verzehrens (Körper-fühlen), das Bedürfnis des Ernährtwerdens (Seele-fühlen) wird hier zur Sehnsucht nach geistiger Nahrung. Die Teilnahme an einem Alles-Umfassenden befriedigt die Sehnsucht nach Geborgenheit, Rückverbindung zum Urgrund. Im vergangenen Zeitalter waren es die Religionen — bei uns Kirche und Reich — die diesen ein- und ausschließenden geistigen Rahmen boten. In unserem Zeitalter wird sich dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit aus dem Verständnis der Materie, der Biologie, der Natur und des Lebens im weitesten Sinne ergeben. (Das Zeichen der Fische im II. Haus).

Geist-fühlen bedeutet das Aufgehen in einem größeren Zusammenhang, Opferung persönlicher Bedürfnisse, Seele, oder Bequemlichkeiten, Körper. Es ist ein Lassen, in dem sich nicht nur die Sehnsucht nach Vollendung, sondern auch das Streben nach geistiger Autorität und Macht verbirgt, die dem Menschen eine Mission, eine Sendung verleihen mögen. Er möchte im Auftrag eines Höheren handeln; und wenn er tatsächlich von der Liebe ergriffen, von Hilfsbereitschaft getragen sich dem Strebenden, dem mühselig Beladenen, dem Kranken und Hilflosen widmet, wird er Hilfe geben und erhalten, heilend und vollendend wirken, Zuflucht gewähren. Arzt und Priester werden immer diese Rolle bewahren.

Körper-fühlen erfaßt das Stirb und Werde, den körperlichen Tod und die Erneuerung der Vitalität. Geist-fühlen bedeutet geistige Auferstehung, die seelische Selbstlosigkeit und geistige Offenheit voraussetzt, auf daß der Mensch als Begnadeter den geistigen Samen aufnimmt und fruchtbar macht. Hier ist er nicht Durchgangstor oder Sprachrohr des Geistes wie der Dichter oder Prophet im Schützen. Begnadung stellt eine geistige Vereinigung und Befruchtung dar, die in Werken der Liebe auszutragen ist. Dieses zwölfte Zeichen des Tierkreises schafft die Verbindung von diesseits und jenseits. Einerseits setzt sich der Mensch allen Versuchungen aus, nimmt jede Mühe, jedes Kreuz auf sich, andrerseits weiß er, daß auch sein Reich nicht von dieser Welt ist. Er fühlt sich als Teil des weitesten Zusammenhangs: inmitten der Welt ist er All-ein.

Im täglichen Leben birgt dieses Zeichen jede Art der Einsamkeit und Abgeschiedenheit: vom Gefängnis, Krankenhaus, Erholungs- und Ferienheim bis zur Klosterzelle oder der Abseitigkeit eines Papstes in seinem Palast. Es schließt auch alle Tätigkeiten ein, die der Erholung, der Muße, dem Erfülltsein, der Rückbindung zum Gesamten dienen.

In der Verbindung von diesseits und jenseits als Alleinender ist der Mensch Liebhaber der ganzen Erde — und weiß seine Wurzeln, seine eigentliche Heimat im All.

G e i s t k r e u z
Wilhelmine Keyserling
Anlage als Weg · 1988
Theorie und Methodik der Astrologie der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
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