Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Anlage als Weg

IV. Der Lebenskreis

XI. HAUS · Körper denken · 70 - 77 Jahre

Während das IX. Haus, die geistige Inspiration, Geschichte schafft, indem die innere Wahrheit der Empfangenden den Suchenden Richtung weist, ist das XI. verkörperte Geschichte, Wirklichkeit. Es ist die Teilhabe am Menschenwerk das der Denkfunktion entspringt, der Fähigkeit Vorgänge mental durchzuspielen, ihre vorzustellen, mit einem Wort zu erfinden, vom Pflug bis zum Traktor, vom Schießpulver bis zur Atombombe.

Nicht ist es das freie Lied, das bei Sonnenuntergang am Feld erklingt, aber die Kenntnis von Ton und Schwingung, die Flöte, die in ganz bestimmten Abständen Öffnungen aufweist; sie vereint die Sprache der Natur mit jener des Menschen. Die Sprache der Natur drückt sich in Zahl und Maß aus, die der Mensch lesen und verstehen kann. Die Sprache des Menschen ist Kombination von Lauten im Wort, von Worten im Satz; Komposition aus Ur-teilen, Schaffen von Zusammenhängen durch Kenntnis der Elemente und ihrer Kombinations­möglichkeiten. Musik, Architektur, Technik… gehören zur Sprache des Menschen, die auf der Ursprache der Materie und der Natur gründet.

Die Sicht des Körper-denkens hat den Schöpfer zum Weltenbaumeister ernannt, hat das Universum als wundervolles Werk erkannt — Harmonicae Mundi (Kepler) — die Zusammenhänge von Zahl und Maß im Größten und Kleinsten erforscht, und die Freiheit des Menschen darin gesehen, auf Grund dieser ewigen Gesetzeam Werk mitzuschaffen. Dies war auch die Einstellung der Bauhütte.

In diesem Sinne ist das Kleinste Teil des Ganzen; jeder Baustein an der Kathedrale, jedes Rädchen der Maschine unentbehrlich. Und auch das Größte ist nur Verwirklichung des Möglichen, Ausdruck der Gesetze der Materie und des Lebens, die Seine Sprache, Sein Werk sind.

Und trotzdem ist der Mensch auch Baumeister — kann es sein. Mit jedem Gedanken baut er selbst und kein anderer Bewußtsein. Aber Baumeister ist er nur, wenn er den Mut hat, seine Anlage (Gegenhaus V) einzusetzen, mit seinem Können (V) unermüdlich das Werk der Erde zu vollenden. Jahrelanges Üben und Bemühen ist in einem einzigen Bild des Malers, im Legen einer Wasserleitung geborgen; Kenntnis und Können der ganzen Menschheit trägt die Werke unserer Zeit. Wo unsere Städte sich erheben, mögen nach uns andere Städte bauen.

Wer die Schöpferkraft an ihrem Werk zu erkennen sucht, ist nicht um das eigene besorgt. Als Catena Aurea haben sich die Wirkenden aller Zeiten verstanden, als Verkörperer eines bestimmten Aspekts des Ganzen. Freudige Teilnahme ist die Art der Verehrung die wir ihnen zollen, nicht Bewunderung oder persönliche Nachahmung; denn kein Baustein kann am Ort des bereits gesetzten Platz finden, aber es gibt Platz genug am Werk der Erde, auf das jeder seinen Baustein setze. Keiner steht allein. Ist der Komponist wesentlicher als der Zuhörer, der Förderer, der Geigenbauer?

Im XI. Haus wird der Mensch Förderer des Werks. Auf tausenderlei Weise kann er es sein. Freudige Teilnahme ist sein Beitrag und sein Lohn. Oft trifft man Leute dieses Alters, die intensiv am kulturellen Leben teilnehmen. Der begrenzenden Verantwortung des X. Hauses ledig, sind sie frei Beziehungen zu vertiefen, als Notable Kenntnisse zu vermitteln, als Meister den Strebenden mit Rat und Hilfe beizustehen.

Wer sich zum Beispiel im X. Haus als Vorstand einer Schule auf sein Wirkfeld begrenzte, mag im XI. wieder weltweit an Erziehungskongressen fördernd teilnehmen, seine Erkenntnisse und besonders seine Übersicht in einem Werk zusammenfassend, auch andere Gebiete wie Politik und Psychologie, Kunst und Wirtschaft befruchten. Aber auch in archaischen Kulturen ist dies die Zeit des Weisen Alten, dessen Verständnis weltlicher Belange wertvoll ist.

Wilhelmine Keyserling
Anlage als Weg · 1988
Theorie und Methodik der Astrologie der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD