Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Anlage als Weg

Vorwort

Philosophische Astrologie

In diesem Buch versuche ich zu zeigen, wie man sich die Kenntnis der Bewußtseinsstruktur von den Komponenten her Schritt für Schritt erarbeiten kann und allmählich die kombinatorische Kunst der Zusammenschau eines Horoskops erreicht. Diese bleibt letztlich eine Kunst, weil die bloße Zusammenfügung von Elementen niemals dem Ganzen gerecht wird. Das Rad ist die Urstimmung dieser Struktur und gleichzeitig die Grundform der Prinzipien von Natur und Bewußtsein und ihrer primären Verbindungs­möglichkeiten. Den objektiven Zugang — Zahl, Dimension, Farb- und Tonwelt, Atomstruktur, Grammatik — hat Arnold Keyserling in zahlreichen Büchern dargestellt. Seine objektive Darstellung wird durch meine subjektive ergänzt, denn mancher wird lieber mit dem persönlichen Zugang beginnen, mit seiner Grundstimmung, die ihm selbst in eigener Überlegung nachprüfbar und einsichtig wird.

Das Wesentliche einer systemischen Ordnung besteht darin, daß aus Begriff, Zahl, Anzahl und Verhältnis arithmetisch und geometrisch die Eigenart und die Verbindungs­möglichkeit und Wirkweise der Komponenten abzulesen ist. Die Betrachtungen im Text dienen letztlich dazu, das Rad lesen zu lernen und nicht umgekehrt. Immer wieder entdecken wir neue Aussagen, die aus der Anordnung selbst hervorgehen.

Das Horoskop als Spiegel der Bewußtseinsstruktur jedes Menschen ist eine bestimmte Kombination der Komponenten des Rades. Aus der modernen Biologie wissen wir, daß jedes Individuum seine Eigenart einer bestimmten Kombination der Buchstaben des genetischen Alphabets verdankt. In Entsprechung zu diesem biologischen Schlüssel steht der Bewußtseinsschlüssel der Assoziations­bahnen des Großhirns, die mit dem ersten Atemzug einrasten. Ihre Struktur wird durch die raumzeitlichen Parameter bedingt, an denen unsere Erde teilhat.

Diese Bedingtheit ist nicht mythisch sondern kritisch zu verstehen. Jede Qualität, die wir wahrnehmen, läßt sich denkerisch durch eine reziproke Wechselbeziehung von Maß und Schwingung begreifen. Der unterste hörbare Ton c zum Beispiel hat in der Luft eine Wellenlänge von etwa 21 Metern und eine Frequenz von 16 Hertz. Für das Empfinden sind die Qualitäten erfahrbar, Maß und Schwingung gilt es zu berechnen. Astronomisch sind Maß und Schwingung des Umlaufs der Planeten gegeben, und die Qualität gilt es zu erschließen. In beiden Fällen muß die deduktive Methode durch die statistische Erfahrung ergänzt werden.

Die philosophische Astrologie unterscheidet sich darin von der wissenschaftlichen und psychologischen, daß sie nur Mathematik, Logik und die Gesetze der Sinne im Zusammenhang mit den Gesetzen der Physik als Erkenntniswerkzeug verwendet. Wir untersuchen nicht planetarische Einflüsse auf den Menschen, sondern die Wechselbeziehung zwischen Bewußtseinsstruktur und Raum-Zeit-Parametern. Das menschliche Bewußtsein hat gleichsam eine Klaviatur. Diese gilt es zuerst an sich zu klären; dann kann man den Zusammenhang zwischen dem System dieser Struktur und den planetarischen Konstellationen ergründen. Daher ist die Bestandsaufnahme der Komponenten des Bewußtseins unser erstes Anliegen, das wir sowohl theoretisch als auch praktisch angehen werden.

Die Beschäftigung mit dem eigenen Horoskop ist in Beziehung zum Rad ein religiöser Weg. In diesem Sinne erhält die Astrologie in unserer Epoche eine neue Bedeutung. Objektiv und subjektiv sind immer im Wechselspiel. Nur was einem persönlich bewußt geworden ist, kann bis auf seine Urgründe erforscht, auch für andere sinnvoll werden. So wird die Betrachtung des persönlichen Horoskops in dem Maß fruchtbar, wie ein existentielles Motiv vorhanden ist, eine bestimmte Schwierigkeit zu klären, einen Ausweg zu suchen. Nur aus dieser Notwendigkeit und Wachheit führt die gewonnene Einsicht zum tieferen Verstehen der Gegebenheiten an sich, der Urzusammenhänge im Rad. Der Mensch erkennt sich selbst über das Rad, und das Rad über sich selbst.

Es ist genauso schwer von den Ichvorstellungen und Ansichten über die eigene Person den Schritt zum subjektiven Erleben, zur Offenheit sich selbst gegenüber zu machen, wie in objektiver Betrachtung zum Verstehen zu kommen. Erfahrungsweg und Erkenntnisweg treffen sich, indem tatsächliches Verstehen eine Erfahrung ist, die sich von selbst ins Leben umsetzt und den Menschen wandelt.

Warum ist die Kenntnis der eigenen Struktur bereits von Schritt zu Schritt befreiend und führt letztlich zur Spontaneität? Weil es sich darum handelt, wie bei einem Apparat oder Instrument, die Wirkweisen und Kräfte kennen zu lernen, mittels derer Leben gestaltet werden kann: sich als Gerät zu begreifen und nicht als Resultat. Das Resultat Mensch gibt es überhaupt nicht, denn dieser ist in stetem Werden; jeden Augenblick kann er sein Wesen, den intensiven Zusammenhang, neu entdecken. Auch das Wer ist nicht zu halten; es erlangt Dauer durch unentwegte Erneuerung. Beharrend ist einzig und allein die Struktur des Bewußtseins. Alles was abgesehen von dieser beschreibbar ist, könnte sich auch anders darstellen. Man kann die Ausprägungen verändern oder abwandeln. Meistens leben wir nicht aus der Fülle unserer Kombinations­möglichkeiten, sondern greifen auf bereits eingefahrene Verbindungs­möglichkeiten zurück, die automatisch anspringen, weil andere vielleicht blockiert sind und weil die Trägheit bewirkt, daß der Mensch im schon Gehabten verweilt. Die unendliche Vielfalt des Wirkens und Erlebens, die innerhalb einer noch so begrenzten Anlage möglich wäre, wird fast nie genützt. Wir gleichen einem Mann, der die modernste Nähmaschine besitzt, die alles kann, der aber nicht die Maschine, sondern nur das Leintuchsäumen kennt, das er vielleicht im Höchstfall noch auf Unterröcke anwendet. Aus diesem Grunde hat die Beschäftigung mit der Struktur auf jeden Fall eine bereichernde Wirkung.

Das Zeichen des Wassermann ist auch Symbol der Fülle; so wird es im elften Kapitel der Bhagavad Gita beschrieben. Der Mensch wirft einen erschauernden Blick in die unendliche Vielfalt des Universums. Auch in seiner Welt wird er von einer Vielfalt von Produkten und Eindrücken überschwemmt. Doch der Fülle gegenüber steht die Endlichkeit der Urprinzipien. Wenn er zu diesen Urgründen vordringt, dann kann er an der Fülle teilhaben ohne sich zu verlieren.

Beispiellos ist seine Situation, die des Menschen der Wassermannzeit; niemandem kann er mehr nachfolgen. Aber Freunde wird er finden, mit denen er gemeinsam die kosmische Landschaft erschließt, in der sich auch sein persönlicher Weg abzeichnet: ich bin ein Teil des Ganzen.
Mensch im All
Wilhelmine Keyserling
Anlage als Weg · 1988
Theorie und Methodik der Astrologie der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD