Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Anlage als Weg

I. Die sieben Prinzipien des Bewußtseins

Wollen

Um des Wollens inne zu werden, betrachten wir die Chakras, die Energiewirbel des unsichtbaren Kraftstromes, über die wir an der allem zugrundeliegenden Urkraft teilhaben. Die Inder erkannten in der vierten Funktion, dem Wollen, die Mitte des siebenfältigen Energieleibes. Der Schritt vom dritten in das vierte Chakra ist der Schritt von der kinetischen Energie des Fühlens in die potentielle Energie des Wollens, in die ruhende Mitte des Herzens, von der aus bewußte Verkörperung (5), Kommunion mit allen Lebewesen (6) und Teilhabe am All (7) möglich werden.

C h a k r a s

Dazu müssen wir das Bewußtsein als Licht-Kraft-Leib vorstellen, der unserer Körperform innewohnt und an bestimmten Stellen an diesem befestigt ist. (Licht bedeutet bewußtwerden, Kraft besagt, daß dort tatsächlich etwas geschieht.) Der Bewußtseinsstrom fließt durch die Wirbelsäule und bildet an sieben Orten Energiewirbel. Die Inder haben die Struktur des Lichtkraftleibes in Bezug zur Menschwerdung erforscht, — die Chinesen haben den Zusammenhang des körper-seele-geistigen Wohlseins im System der Meridiane genau bestimmt. Diese sieben Energieträger sind in Entsprechung zu den Konstituenten des Bewußtseins und damit auch des Tier- und Häuserkreises. In diesem Sinne wollen wir ihre Bedeutung erläutern.

Die Chakras:

  1. Das Wurzelchakra birgt die Kraft, die dem Empfinden zugrundeliegt. Es ist der Ort, wo Sinneswahrnehmung zur Bewußtseinsnahrung wird. Der vielfältige Wahrnehmungsapparat besteht aus den Seh-, Hör-, Tast-, Geschmacks-, Geruchsorganen; aber der Umschaltplatz, über den alle Wahrnehmungserfahrungen im Bewußtsein integriert werden, über den unsere Vorstellungen verwirklicht werden, ist das Muladhara. Im Wurzelchakra wird die Erdkraft zur Lebenskraft des Menschen.
    (Im Körper lokalisiert zwischen After und Harnleiter.)
  2. Swaddhistana ist der Sitz des ursprünglichen Denken (zwischen Wirbelsäule und Kreuzbein). Dies ist das unmittelbare Inbeziehungsetzen, das nicht den Fähigkeiten des Denkapparats im Gehirn, dem Erlernen und Nachdenken entspringt. Es ist vielmehr ein Vor-denken — blitzartig — eine unterschwellige Begabung, die uns mitteilt, ohne das wir wissen woher das Wissen kommt. Die Indianer nennen es das Wegrad, da es zu einem Schritt führt, der nicht aus dem vorhergehenden abzuleiten ist. Wir kennen dieses unmittelbare ursprüngliche Denken aus Situationen der Gefahr, wo wir im Augenblick erstaunlicherweise das Richtige tun; vielleicht auf den Gashebel treten statt zu bremsen — eine Einsicht gewinnen, als sei sie uns zugefallen — oder einfach etwas sehen und schon kaufen, was wir tatsächlich brauchen.
    Die japanischen und chinesischen Bewegungskünste, Tai-Chi, Kung-Fu und andere, zielen darauf hin, dieses unmittelbare Wirken aus dem Hara (Swaddhistana) zu erwecken.
    Das Denken ist im Körper dreifältig lokalisiert: im Kopf, im Herzen und im Unterbauch. Das Wesentliche der Bauchatmung ist, daß sie das Gewahrsein in die Bewegungsmitte des Swaddhistana bringt.
  3. Dies ist die dem Fühlen zugrundeliegende Kraft. Es ist der Ort, wo Freude und Leid sich zur bewußten, liebenden Anteilnahme einen (Manipura ist in der Wirbelsäule in Nabelhöhe). Hier wurzelt das Vertrauen im Wachsen zu sein. Es ist der Ort der Unschuld und des Vertrauens. Sind wir im Wahrnehmen (1) nicht offen, in Denkgleisen (2) eingefahren, mit unseren Emotionen (3) identifiziert, so schöpfen wir nicht aus dem zugrundeliegenden Quell der Fühlkraft und die sieben Chakras können sich nicht zum Bewußtseinsstrom verbinden, der Himmel und Erde eint.
  4. Das vierte Chakra birgt die Kraft des Wollens (Anahata ist in der Wirbelsäule in Herzhöhe), die aus der Stille, der Leere schöpft. Anahata bildet die Mitte der Sieben und verbindet uns, wie es das Beispiel des Wagenrades ausdrückt, mit dem Nichts.
    Während das Empfinden sich der Sinne und Sinnesorgane bedient, das Denken auf Zahl, Maß und Wort beruht, das Fühlen der Trieben entspringt, gründet das Wollen im Nichts, das alles durchdringt und jeglichem Etwas zugrundeliegt. Die Kraft des Wollens ist die Aufmerksamkeit.
    Es gibt wohl Anlaß, aber keinen Grund zu wollen; es gibt kein Warum, kein Darum-weil. Es gibt nur ursprüngliches Wollen, als ob es sich selbst entspränge: ja-ja, nein-nein, oder es fehlt zur Gänze und wird durch wünschen (fühlen) oder überlegen (denken) ersetzt.
    Wollen ist bewußtes Einstehen — Ergreifen oder Lassen — im Leben, in der Leere wurzelnd seinen Platz wahren, allem und allen gegenüber im gemeinsamen Spiel: ich hab mein Sach auf Nichts gestellt.
  5. Vishuddha (in der Wirbelsäule in Höhe des Halsgrübchens) ist das Chakra der Verkörperung, als Mitarbeiter an der Welt; — dein Reich komme. Fünf ist auch die Zahl des Menschen der Mitte, in Beziehung zum Ganzen, die Wortwerdung und Kommunikation einschließt.
    Der Körper ist Träger der Freude. Der Mensch ist Gestalter im Wort. Über Licht des Bewußtseins und Kraft der Erde bildet er seinen Wortleib.
  6. ist die zusammenfügende Kraft der Seele, Ajna. Im sechsten Chakra kommen wir, alle Ichvorstellungen verlassend, an den Seelengrund, an das eigentliche Ich heran, das der Kommunikation mit allen Wesen fähig ist. Dieses Ich hat das Abgründige der Seele überwunden, wird Teilhaber an der Fülle. Für dieses Ich ist die Welt trotz aller Trauer wunderbar. Es ist mit dem Wer identisch, west in der großen Gemeinsamkeit.
    (Ajna ist innerhalb des Hinterkopfes, dort wo die Wirbelsäule in den Schädel mündet.)
  7. (unter dem Scheitel, unter der Fontanelle). Sahasrara ist das Chakra, das die Vorstellungsebene, Geist, auf das Urlicht bezieht. Es ist die Kraft der geistigen Anschauung, über die uns unsere Beziehung zum Ganzen, zur Ganzheit des eigenen Körpers im Ganzen des All, bewußt werden kann: Ich bin ein Teil des Ganzen; es gibt nur eines das ganz ist, das Ganze. Über die Offenheit des Sahasrara kann uns im Leben bewußt werden, wenn ein Plan, ein Vorhaben, nicht dem Ganzen entspricht.

Zusammenfassung:

  1. heißt, liebe den Körper als Träger der Freude.
  2. bedeutet, sinne und denke mit anderen, um die große Gemeinsamkeit wirklich werden zu lassen.
  3. heißt Vertrauen, daß alles was dir begegnet, Sinn bringt, der als Urlicht die Richtung weist.

Die drei oberen Chakras sind Weltgebäude; sie haben bestand, sind nicht nur Schaltstellen wie die unteren. Jeder hat einen Körper, eine Seele und einen Geist, die so sind und nicht anders. Alle gehen vom Körper aus, der mit der Erde über die vier in Wechselbeziehung ist, eingreift, erlebt, erfährt. Doch auf den Körper gründen sich Seele und Geist als wissende Integrationen. Was sind deine Verantwortungen? Wie weit reicht dein Verstehen? Ist das bewußt, dann erst tritt das Wollen dem Urgrund und Ursprung gegenüber und du bist ganz.

Über die Chakras habe ich in Mensch zwischen Himmel und Erde ausführlicher geschrieben. Nach ihrer kurzen Erläuterung gehen wir wieder zu 4 als vierte Komponente des Bewußtseins in Beziehung zum Tierkreis zurück.

Wollen ist inhaltslos. Es ist die reine Schwingung der Aufmerksamkeit, die potentielle, in sich ruhende Kraft. Empfinden, fühlen, denken können auch ohne Bewußtsein funktionieren, gesteuert aus dem Zusammenhang irgendeines stellvertretenden zufällig entstandenen Ichs.

Das Wollen ist Zuwendung und Leere gleichzeitig, im I Ging dargestellt als: Das Empfangende.

Wollen ist die absolute Offenheit, auf daß ES, das Schöpferische, durch uns wirken kann. Es bedeutet Bereitschaft: bereit sein zu tun oder zu lassen. Da das Wollen inhaltsleer ist, kann es sich in spontaner Entscheidung jedwedem zuwenden. Absichtslos und unwillkürlich ist die kompromißlose Entscheidung des Wollens, das Ja und Nein.

Sicher können dieser Überlegungen vorausgehen oder folgen, aber die Entscheidung selbst entspringt dem Nichts der Mitte. Sie bezieht nicht nur die eine oder andere Erwägung ein, sondern alles, das Ganze: den ganzen Menschen und die gesamte Situation; nur dann ist es echtes Wollen.

Wollen wird oft mit wünschen und möchten verwechselt. Wenn einer alles mögliche will, so können wir sicher sein, daß er im Möchten steckt: einer Verknüpfung von fühlen und Überlegung. Das Wollen ist Einstellung, eine Richtungsänderung, die ganz averbal, sang- und klanglos vor sich geht, so daß man sie kaum bemerkt. Der Wille müht sich nicht. Entscheidung ist nicht Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, in Gesten ausgedrückt rechts oder links: soll ich im Urlaub nach Griechenland oder Skandinavien reisen? Ich wähle Griechenland; das ist Erwägung, denken.

Im Entscheiden gibt es nur eine Richtung: Schritt oder Nicht-schritt, vor oder nicht-vor. Das Zurück ist nur relativ möglich, in der Lebenszeit ist es uns versagt. Das Nein ist ein Halt, das Ja ein Voran. Beide sind gleich wichtig und wirksam.

Der Schritt vom Möchten ins Wollen ist jener, von dem Don Juan bei Castaneda sagt: Der Krieger weiß, worauf er wartet; er wartet immer auf seinen Willen. Dieses Wollen als Bereitschaft ist das Eigenste des Menschen. Und doch gibt es keinen Eigenwillen, denn das Wollen kann nur der Urkraft entspringen. Das Gebet Dein Wille geschehe verliert niemals seine Gültigkeit, aber es wandelt sich in unserer Etappe der Mündigkeit des Menschen in: Dein Wille = mein Wille.

Dieses Wollen ist nicht über die Nachfolge und Hingabe des Gefühls, sondern über die Erkenntnis und die Bereitschaft zur eigenen Verantwortung zu leben, in sich selbst zu entdecken. Es ist, was die Natur vom Menschen an dieser Schwelle der Evolution fordert.

Was das Wollen ist, verstehen wir am besten aus dem Lebenswillen, wenn ein Mensch aus schwerer Krankheit oder Trauer plötzlich zu dieser Haltung erwacht, die alles wandelt. Sobald der Mensch im Wollen ist, braucht er nichts zu wollen; alles ergibt sich von selbst, er weiß dann, was der nächste Schritt erfordert. Von Entscheidung zu Entscheidung verläuft die Lichterstraße der Wesen.

wesen

Während die vier Funktionen als zeitliche Vorgänge die Arten des Wandelnden darstellen, sind die drei räumlichen Bereiche Aspekte des Beharrenden, das sich wandelt. Sie sind ein Bestehendes, das sich innerhalb eines gegebenen Rahmens erneuert. Es ist leichter, einen Vorgang in seiner Auswirkung zu beschreiben, als ein Beharrendes darzustellen. Denn weder der Körper, noch die Seele oder der Geist sind ein statisch Verharrendes; es gibt sie nicht im Sinne, wie die festhaltende Vorstellung sie haben möchte; und doch werden sie uns als begrenzte Bereiche über eine bestimmte Struktur und deren Zusammenhang faßbar. Das Bestehende ist die Struktur, innerhalb derer sich die Wandlung vollzieht. Die räumliche Betrachtung sucht die Ganzheit, die letztlich nur der Erfahrung des Erlebens oder Verstehens zugänglich wird. So sind im Körper das Zusammenwirken des Organismus, in der Seele Einklang und im Geist die Einsicht erstrebenswert; und wirkliches Erleben und Erfahren setzt voraus, daß die drei Bereiche sich zu einem einzigen Leib vereinen. Sie sind drei Aspekte von ein und demselben. Und doch kommt uns im Kontakt mit der Körperwelt — in körperlicher Arbeit, dem Umgang mit Dingen — das seelische Verhältnis zu diesen und zu den Menschen, die uns umgeben, und auch der geistige Zusammenhang des Lebens so leicht abhanden. Oft schiebt sich der eine oder andere Aspekt in den Vordergrund. Doch andrerseits kann jede körperliche Arbeit beseelt und vergeistigt werden.

Wie es die vier Funktionen zu trennen gilt, so gilt es die drei Bereiche zu einen. Was wäre das für eine Geistigkeit, die nicht die Freude an der Körperwelt erschließt! Und ist es nicht das Wunderbare am körperlichen Kontakt in der Liebe, daß er den seelischen Einklang vertieft und den Gesamtzusammenhang des Lebens evident macht, der immer geistig ist? Alles scheint sich zusammenzufügen: die Sterne der Nacht, die Aufgaben des Tages, die Natur, die eigenen Gegebenheiten, jenes Du, und alle Menschen die da sind; alle Gedanken, die man je gedacht hat und jene Einsichten, die der Augenblick bringt.

Alles, was wir erkennen oder erfahren, hat einen körperlichen Aspekt. Selbst die feinsten Schwingungen sind notwendig körperhaft; selbst ein seelischer Schmerz kann uns nicht zukommen, ohne daß er sich über eine Schwingung, eine Geste, ein Wort verkörpert hätte.

Auch geistig können wir nur den Sinn und Zusammenhang des verkörperten Endlichen und im Höchstfall dessen Beziehung zum Ungeschaffen-Schaffenden, der Null, erfahren. Ist die geistige Reichweite eines Menschen, seine Bezogenheit zum All oder deren Fehlen nicht an der körperlichen Haltung, am Gesicht, in den Augen abzulesen? Zeichnet sich nicht jedes seelische Geschehen im Körper ab?

Wilhelmine Keyserling
Anlage als Weg · 1988
Theorie und Methodik der Astrologie der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
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