Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

Voraussetzung

Raymundus Lullus

Die Ars Magna ist die philosophische Entdeckung des katalanischen Denkers Raymundus Lullus. Folgen wir der Beschreibung von Friedrich Überweg (Grundriß der Geschichte der Philosophie, Berlin 1915):

Die lullische Kunst ist die scientia generalis für alle Wissenschaften. Sie ist das System der obersten, allgemeinsten, durch sich evidenten Prinzipien und Regeln, in denen die Prinzipien der anderen Wissenschaften enthalten sind, wie das Einzelne im Allgemeinen. Ohne sie kann weder die Philosophie, noch irgendeine andere Wissenschaft bestehen. Die letzteren können vielmehr durch sie leicht und in kurzer Zeit erworben werden. Die Ars Magna ist somit die höchste aller menschlichen Wissenschaften. Sie steht noch über Logik und Metaphysik. Sie lehrt den Weg oder die Methodik, die allgemeinen und speziellen Prinzipien jeder Einzelwissenschaft zu finden, indem sie gewisse Termini als Prinzipien voraussetzt, mit derer Hilfe sich dann zahlreiche Urteile bilden lassen.

Um von den Begriffen oder den Prinzipien zu Sätzen und Urteilen zu gelangen, schwebte Lullus der Weg der Kombinatorik vor. Die Wissenschaft scheint ihm aus der Kombination (mixtio) der vorausgesetzten Prinzipien zu entspringen. Ausdrücklich sagt er (Ars Magna et Ultima): et ista mixtio est centrum et subiectum huius artis.

Durch die methodische Mischung und Kombination der Begriffe oder Prinzipien, die auf einem Schema (dem Rad der Weisheit) angeordnet werden können, sind ihm die Geheimnisse oder Wahrheiten der Natur bezeichnet, soweit sie der menschliche Intellekt in diesem Leben erreichen kann.

Raymundus Lullus schuf seine Kunst aus dem Bestreben, dem Islam, der in der Dichtung des Koran das Wort Gottes erlebte, ein Wissen gegenüberzustellen, das die Transzendenz wahrte, ohne in den Fehler der Thesen, der Ideologien zu verfallen. Wenn ein Mensch eine solche vertritt wie Realismus, Nominalismus, Idealismus oder Materialismus, führt ihn dies zu einer polytheistischen Einstellung, die dem Glauben an den einen universellen Gott widerspricht. Er wollte auch jene Zweiteilung der Welt in theologische und naturwissenschaftliche Wahrheit vermeiden, die sowohl bei Averroës als auch bei manchen christlichen Philosophen das Denken beschränkte.

Seine Lebensepoche — 1235 bis 1315 — war zu wenig denkerisch entwickelt, um die Bedeutung seiner Gedanken zu verstehen. So fand die Ars Magna nur wenige Vertreter, als letzten Giordano Bruno, der bekanntlich am Scheiterhaufen endete. Auch der Idealismus des 19. Jahrhunderts hatte kein Verständnis für diese Einstellung, die esoterisches und exoterisches Wissen, subjektive und objektive Wahrheit vereint. Erst heute, da alle Ideologien fragwürdig geworden sind und da in der Programmierung der Computer die Kombinatorik zur Grundlage wurde, und da die Naturwissenschaft den Begriff des Naturgesetzes aufgegeben hat und an dessen Stelle sich auf die Ermittlung von Konstanten und Beziehungen zwischen Ereignissen und Wesen beschränkt, von der Tafel der chemischen Elemente bis zum genetischen Code, kann der Ansatz des Lullus zugänglich und nützlich werden.

Ich kam zur Ars Magna aus einer anderen Lage. Mein Vater Hermann Keyserling, ursprünglich Geologe, hatte in seinem Erstlingswerk Das Gefüge der Welt (1905) das Postulat einer Weltrhythmik aufgestellt, und eines perspektivischen Verstehensansatzes, in dem jede Wissenschaft aus einem anderen Gesichtspunkt herrührt und durch diese gewählte Voraussetzung den Gesichtswinkel beschränkt; so wie die Chemie, die Anatomie oder Biologie andere Einsichten vermitteln, aber erst ihre Gesamtheit ein Bild des Organismus des Menschen ergeben könnte. Der Weg führte ihn von dort in ein vergleichendes Verstehen der Weltphilosophien in seinem Reisetagebuch eines Philosophen (1919) und weiter zur Gründung der Schule der Weisheit 1920 in Darmstadt, um die gemeinsame Wahrheit durch Gegenüberstellung der Weltanschauungen anzupeilen.

Als diese Schule durch den Nazismus verboten wurde, wandte er sich der Vertiefung persönlicher Problemstellungen zu, womit ein großer Reichtum von Ansätzen einsichtig wurde. Er nannte seine Richtung Sinnesphilosophie und glaubte, daß dieser Sinn sich selbstverständlich-naiv erschließen ließe, wenn man die Offenheit nicht verliere.

Nach seinem Tode 1946 begann ich sein Werk durchzuarbeiten und verstand die Notwendigkeit, eine systematische Lehre vom Sinn, wie er sie selbst 1922 geplant, aber nie ausgeführt hatte, zu schaffen, wobei mir schnell klar wurde, daß mir keine der damals herrschenden philosophischen Richtungen dabei helfen konnte. Hierbei war mein Ansatz die Gewißheit eines transzendenten Seins, das ich 1938 über Ramana Maharshi erfahren hatte, und das Erleben des Rades der Weisheit, das mir spontan 1943 in einer Vision erschien. Es war ähnlich jener Erfahrung von Yeats die er in seinem Buch The Vision beschrieben hat, oder dem Erleben der Individuation bei C. G. Jung, wenn das Radkreuz im Traum auftaucht. Aber mir ging es weder um Individuation noch um Vision, sondern um philosophisches Begreifen, und so begann ich in langjähriger Bemühung, die Struktur des Rades zu ermitteln, um zur Philosophie als Kunst, dem eingestandenen Ziel der Schule der Weisheit, also der Ars Magna durchzustoßen. Den Beginn bildeten die Elemente der Musik, der sprachlichen Grammatik, und eine Klärung der psychologischen Funktionen; als nächstes trat eine Durcharbeitung der traditionellen philosophischen Begriffe hinzu, die ich ohne Kenntnis der lullischen Kunst bereits im Rad anordnete.

Die Begegnung mit Gurdjieff, dessen Bücher ich auf deutsch herausgab, und dem Zwölftonmusiker Josef Matthias Hauer vertiefte das Verstehen, und als erste Bücher erschienen 1951 Urstimmung des Gemüts, und 1956 Das Rosenkreuz in Zusammenarbeit mit meiner Frau Wilhelmine, in denen ich das Rad auf den Gesetzen der Musik zu begründen suchte. Nach Abschluß dieser Arbeit, die sieben Jahre in Anspruch nahm, wurde mir der Mangel der mathematischen Grundlage klar, und in den nächsten Jahren, 1957 — 1962 als Gastprofessor in Indien, bemühte ich mich um das Verständnis der Naturwissenschaften und einer vertieften Grammatik, da ich mein Leben als Sprachlehrer verdiente. 1958 erschien Combinatorics, the Science of Reality; 1959 A Synopsis of German Grammar Ab 1961 kam die Geistesgeschichte dazu; The German Intellectual Revolution, eine Schilderung der Entwicklung zwischen Kant und Nietzsche, erschien 1962.

Nach meiner Rückkehr nach Wien unterrichtete ich erst den Zusammenhang der Geschichte der Philosophie Geschichte der Denkstile 1968, und begann dann wieder mit der systematischen Forschung, die ihren Niederschlag in verschiedenen Büchern fand, von denen ich nur wenige veröffentlichte, weil sie bei Fertigstellung schon wieder durch neue Erkenntnisse ergänzt werden mußten: 1973 Klaviatur des Denkens; 1976 Kritik der organischen Vernunft; 1979 Weltgrammatik. Die Begegnung mit den Indianern brachte die Klärung des Rades: den Durchbruch zum Verständnis der ältesten paleolithischen Traditionen, und damit kehrte ich zu meinem Ansatz im Rosenkreuz zurück:

das Gesetz der Sinne ist das Gesetz des Sinnes.

Die äußere Motivation dieser Arbeit war die Klärung der Weltphilosophie zur Entdeckung der gemeinsamen Nenner des Sinnes. Doch die persönliche Motivation ist eine andere: aufgewachsen im deutschen Nazismus mit seiner Ideologie, als Kind unter dauerndem Druck der Anpassung ging es mir darum, das Wissbare als Grundstruktur im Rad zu erkennen, um jegliche Abhängigkeit von Menschen zu überwinden und in die echte Geborgenheit zu kommen; zur Fähigkeit, seine eigene Offenbarung als Dichter zu finden und aus dieser heraus zu leben. Weisheit ist lehrbar. Alles wesentliche Wissen ist Teil einer Sprache des Bewußtseins, die in ihrer Gesamtheit nicht von Europa allein, sondern von vielen Regionen der Erde entdeckt wurde.

Unser Buch schildert die systematische Gliederung des Rades als Kriterien der Offenbarung, auf daß jeder den Zugang zu seiner Vision, seiner Inspiration findet. Denn Sinn entsteht nicht aus denkerischer Kombination der gegebenen Bewußtseinsinhalte, sondern im Ergriffenwerden von Visionen, die uns aus dem göttlichen Ursprung des All zukommen. Ich habe selbst immer wieder solche Visionen erlebt, und die systematische Arbeit war für mich notwendig, um sie in mein Leben ohne Aberglaube integrieren zu können.

  • Das erste Kapitel bestimmt das Rad der Mitte, den Ursprung der Astrologie als qualitativen Raum-Zeit-Rahmen des Bewußtseins. Dieses Wissen stammt aus dem Süden der Erde, wahrscheinlich aus Afrika, die älteste Tierkreisdarstellung wurde von Frobenius entdeckt und später auf 8.000 v. Chr. datiert. Der phänomenologische Zugang zur Astrologie zeigt, wie jeder Mensch eine besondere Kombination der Weltelemente darstellt und diese kennen muß, um im Wassermannzeitalter Mitarbeiter der Erde und des Kosmos zu werden.

Doch damit dieses Rad wirksam werden kann, muß man seine vier Tore verstehen, die zur Offenbarung führen, und von denen jedes durch eine andere Kultur eröffnet wurde.

  • Das Tor des Ostens zum Verständnis der Inspirationen, wie der Mensch sein aktuelles Dasein auf den Sinn eichen kann, ist die Entdeckung der Chinesen im Buch der Wandlungen, die die Mantik aus dem Aberglauben befreit.
  • Das Tor des Nordens, die Mathematik des Bewußtseins als Numerologie, wurde durch Pythagoras entdeckt und gibt uns die Möglichkeit, die falsche Eigenmächtigkeit der Wissenschaften zu überwinden.
  • Das Tor des Westens, der Mystik, wurde methodisch von den Indern im Yoga eröffnet aus der Erkenntnis, daß der Mensch erst dann zum echten Subjekt seines Lebens erwacht, wenn er aus dem Trubel der Assoziationen des Gemüts in die Mitte dringt und den Zeugen zum Täter verwandelt.
  • Das Tor des Südens, der Magie, ist die älteste Offenbarung, der seelische Zusammenhang des Menschen mit allen Wesen des Kosmos; es ist die Tradition der Altsteinzeit vor dem Sündenfall der neolithischen Revolution, die ich durch die indianische Überlieferung in Zusammenhang mit der altgermanischen entschlüsseln konnte.
  • Das Rad und seine vier Tore haben mir geholfen, meine eigene Offenbarung des Menschen im All zu verstehen, die mir 1972 zuteil wurde und mit der ich das Buch beschließe.
Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD