Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

I. Astrologie

2. Bewußte Arbeit · Pluto

9 · Pluto: Das Bewußtsein des Menschen ist sprachlich; in allen Überlieferungen hat Gott die Welt durch das Wort geschaffen. Historisch haben sich seit der Stierzeit mit dem Beginn der Schrift — dem Mythos vom Turmbau von Babel — unzählige Sprachen entwickelt. Doch jede von ihnen ist in Entsprechung zur Großhirnstruktur durch vier Parameter gekennzeichnet:

Potentialität
Vorderhirn
Grammatik
wollen – Wahl


Wirklichkeit
 
Hinweis
empfinden
analytisch

Etymologie
fühlen
synthetisch

Möglichkeit
 

Information
Hinterhirn
Kommunikation
denken

Jede Sprache besteht aus diesen vier Parametern. Ein Wort ist ein Laut oder ein Zeichen, das für eine beliebige Ideenverbindung steht und diese aus dem Gedächtnis abruft, das Ich ist sprachlich geprägt. Hinweis ist jenes Wort, das sich in jede Sprache übersetzen läßt, z. B. Bleistift, crayon, matita, pencil. Etymologie zeigt bevorzugte Assoziationsbahnen durch Wortwurzelbeziehung oder gewollte Symbolik, wie auf chinesisch und in der jüdischen Kabbala: Wahrheit-wahrnehmen, Veritasverificare, aletheia als dem Vergessen entzogen gehören einer bestimmten Weltvision, einem Lebenstraum zu.

Man kann nicht gleichzeitig auf den Hinweis und die Wurzelverwandtschaft achten; Bleistift als Gegenstand ist etwas anderes als der Zusammenhang von Blei und Stift. Nur jener, der eine andere Sprache spricht, ist überhaupt imstande, die unterbewußte Struktur seiner eigenen zu erkennen und zu transzendieren.

Information wird durch die Syntax in der Kommunikation im Urteil übertragen. Hierbei ist jede Kommunikation eine Aufforderung von einem zum anderen: der Satz das Buch liegt auf dem Tisch ebenso wie Bring mir das Buch; im ersten Falle zum Bilden einer Vorstellung, im zweiten zu einer Handlung.

Jeder verstandene Gedanke als Urteil wird Teil des Gedächtnisses, prägt nicht nur das Wissen, sondern auch das Verhalten. Ein Hinweis ist wirklichkeitsbezogen, eine Wortwurzelverbindung möglichkeitsbezogen. Eine Kommunikation ist aktualitätsbezogen, ihr Ziel ist es, von anderen oder auch von dem Sprecher selbst verstanden zu werden. Nicht jede Kommunikation will Information mitteilen, sondern viele dienen dem gesellschaftlichen Verkehr, sind ein Ritual; auf die Frage wie geht es Ihnen? will man meist keine informative Antwort. In der Kommunikation muß man Sinn und Bedeutung unterscheiden. Hier hat Frege im vorigen Jahrhundert die Klärung gebracht. Die Gleichung 7 + 5 = 12 hat Sinn.
Der Satz, 7 Tische und 5 Stühle sind 12 Möbelstücke, hat Sinn und Bedeutung.
Das mathematische =, in der Logik die prädikative Aussage, deren Gegenteil sinnlos, bzw. falsch ist, bildet das denkerische Urteil. Die linke Seite der Gleichung ist die Analyse, die rechte die Synthese, das Urteil vereint analytisches Begreifen und synthetisches Verstehen. Sinn ist mathematisch, Bedeutung ist logisch. Aus diesem Grunde muß der Schlüssel zum Sinn des Lebens in der Welt der Zahlen liegen und zwar der 9 Ziffern und der Null, deren Struktur das Enneagramm als plutonisches Gesetz der Neun veranschaulicht.

Ouspensky berichtete in seiner Suche nach dem Wunderbaren, Gurdjieff habe erklärt, das Enneagramm sei die Grundlage der Grammatik. Ich habe diese Behauptung verifiziert und damit den Schlüssel zur Befreiung des Sinnes gefunden: es gibt keine Philosophie und Metaphysik außerhalb der Grammatik. Der Sinn eines Satzes wird durch die Wortarten und ihr Gleichgewicht bestimmt, der Sinn des Lebens durch das Gleichgewicht der planetarischen Motive, die ihnen entsprechen. Durch Klärung der Sprache kann daher das Bewußtsein auf die Ebene der echten Spontaneität der Sonne, der Mitarbeit an der Schöpfung, erhoben werden und den psychologischen Entfremdungen entrinnen. Man kann nicht gleichzeitig auf die grammatikalische Struktur und auf die Information achten, der eine Gesichtswinkel schließt den anderen aus. Wie der genetische Code, so hat auch die Grammatik eine begrenzte Anzahl von Komponenten, die zur Aussage notwendig sind. Sie entstammen den natürlichen Zahlen.

Die Wortarten der Grammatik unterscheiden sich voneinander durch die Anzahl der Kategorien, die sie beinhalten: Quantität ist Qualität. Bewußt kann nur werden, was durch den binärischen Schlüssel des Wählens im Vorderhirn, Beobachtung — Erinnerung, Linie – Kreis, Ja – Nein, Zahl – Null, gefiltert wird. Die historischen Sprachen sind in Hinweis, Etymologie und Syntax voneinander verschieden. Doch die Fähigkeit sprachlichen Verstehens hat ihren Urgrund in der Grammatik und ihre Struktur im Enneagramm.

W o r t a r t e n · i m · E n n e a g r a m m

Wir müssen den syntaktischen Sinn aus dem Zusammenhang, und die kategoriale Bedeutung der Wortarten unterscheiden.

  1. Das Wort und das Bindewort sind einfältig; es ist die Fähigkeit, einen Zusammenhang durch einen Laut oder ein Zeichen wiederzugeben.
  2. Das Hauptwort ist zweifältig, enthält Einzahl und Mehrzahl, syntaktisch Subjekt und Objekt.
  3. Das Zeitwort ist dreifältig im Sinne der Urzeitworte sein, haben und werden, syntaktisch intransitiv, auf ein Subjekt bezogen, transitiv auf ein Objekt bezogen oder modal.
  4. Die Deklination des Hauptwortes und die Verhältnisworte kennen vier Richtungen — auf das Subjekt bezogen, auf das Objekt, auf die Beziehung zwischen beiden, auf einen weiteren Zusammenhang — Nominativ, Akkusativ, Dativ und Genitiv.
  5. Das Eigenschaftswort ist fünffältig, erfaßt die Erscheinung als solche: Bestimmung, Vergleichung, Heraushebung, bestimmtes und unbestimmtes Zahlwort.
  6. Der Zeitwortpersonen sind sechs: ich, du, er – sie – es, damit auch die drei grammatikalischen Geschlechter; männlich, was eine Bewegung beginnt, weiblich was sie aufnimmt, und sächlich, was mitschwingt oder zugrundeliegt. Diese sechs bilden in jedem Satz das Prädikat und das grammatikalische Subjekt, im Unterschied zum logischen, dem Hauptwort oder Fürwort. Es sind aber nicht die Fürwörter selbst, die hierher gehören, sondern die dem Verb innewohnenden Akteure: gehen, gehst… Kein Geschehen oder Tun ohne Täter.
  7. Das Fürwort steht für alle anderen Wortarten: hinweisend für ein Wort, bestimmend für ein Hauptwort, unbestimmt als Wirkung für ein Zeitwort, bezüglich für ein Verhältniswort, besitzanzeigend für ein Eigenschaftswort, persönlich für die Person, und schließlich ist es als fragend nach Person oder Sache zu seiner eigenen Bestimmung gekommen.
  8. Diese Frage ist notwendig, um die Umstände des Satzes, im Umstandswort mit seinen acht Kategorien zu erkennen: Grund auf die Frage warum, Ort auf wo, Zeit auf wann, Frequenz auf wie häufig, Art und Weise auf wie, Grad auf wie sehr, Beschränkung auf wie viel, und schließlich der modale Umstand auf die Frage ist es so — mit der Antwort nicht, vielleicht.
  9. Die neun Zeitwortformen bestimmen den Rahmen allen Sprechens: sie vereinen die Vergangenheit mit der Zukunft über die Gegenwart, machen durch Erkenntnis der Bedingungen (Bedingungsform) das Mögliche wirklich (Möglichkeits- und Wirklichkeitsform), entweder handelnd, erleidend, oder in der Unendlichkeitsform mitschwingend.

Das Dreieck bestimmt die Zeitwortarten, zu jedem Satz sind eine Kategorie der dritten, zwei der sechsten und drei der neunten notwendig. Die Raumwortarten, die durch die mannigfaltige Figur bestimmt werden, lassen sich beliebig ergänzen. Ferner zeigt die waagrechte Verbindung der Ziffern das syntaktische Verhältnis der Wortarten: Sätze werden durch Bindeworte · 1, oder Umstandsbindeworte · 8, verbunden — und, oder; da, weil. Das logische Subjekt ist entweder ein Hauptwort · 2, oder ein Fürwort · 7; der Vater — er liest das Buch.

Die drei Arten 3 · 6 · 9, entsprechen den drei Geschlechtern, männlich, weiblich und sächlich · 6. Eine Beifügung · 4 oder 5, kann sowohl durch das Eigenschaftswort als auch durch den Genitiv ausgedrückt werden: die schöne Frau, die Schönheit der Frau.

Es gibt keine Sprache, deren Grammatik nicht Teil oder Kombination der 45 Wortarten beinhaltet, wobei Abwandlungen den Volkscharakter zeigen, so wie Engländer, Deutsche oder Franzosen das Fürwort bei der Konjugation verwenden, was eine gewisse aggressive Ausdrucksweise mit sich bringt.

Für die Linguistik bedeutet das Enneagramm ein einleuchtendes Erklärungsschema und erleichtert den Aufbau einer Sprache zu verstehen, wie ich in meinem Lehrbuch der deutschen Grammatik gezeigt habe. Aber astrologisch geht die Bedeutung tiefer: das Verständnis der Wortarten ermöglicht uns, die Motive der Planeten dem Sprecher und Täter, der Sonne zu integrieren, und damit das historische und psychologische Gefängnis der entfremdeten Bewußtheit zu sprengen.

  • Das jupiterische Bindewort ist der Zugang zur freien Dichtung; nur das kann durch Konjunktion verbunden und damit echte Dichtung werden, was nicht in einem bereits gegebenen höheren grammatikalischen Zusammenhang steht.
  • Das Hauptwort der Venus zeigt, daß Subjekt-Attributverhältnisse die Besitzordnungen beliebig formuliert werden können und niemals heilig und unwiderruflich sind.
  • Die Dreiheit des uranischen Urzeitwortes, die Dialektik, ermöglicht die Überwindung der Eigenständigkeit der Wissenschaften. Sie alle dienen nur dem Werdegang einzelner Menschen, sind gesonderte Sprachen, Physik und Französisch unterscheiden sich durch Gesetze und Methoden.
  • Die Verhältnisworte und die Deklination entsprechen dem Mond, der erfüllenden Phantasie, die immer auf eine Mitte bezogen ist; hinten, mit, durch, vor und nach sind nur auf ein Subjekt hin verständlich. Wohlstand, Befriedigung und Erfüllung werden in diesem Impuls einbegriffen.
  • Die wirtschaftlichen Notwendigkeiten aus Vergleichung, Arbeit und Wert entsprechen dem Merkur und sind als Steigerungsformen der Eigenschaftsworte verständlich; die angewandte Wissenschaft hat ebenfalls hier ihren Platz.
  • Die Personen des Zeitwortes unterscheiden echte Kommunion im Sinne Bubers von Diskussion und Monolog, wenn der Sprecher das grammatikalische Subjekt bleibt; nur auf diesen bezogen dient der Neptun der Kommunikation.
  • Der siebte Impuls des Mars, das Fürwort, bestimmt jegliche Initiative, in der eine Handlungsweise als Subjekt gesetzt wird.
  • Das saturnische achtfältige Umstandswort umfaßt die Gesetze öffentlicher Wirksamkeit und läßt die Umstände in ihrer Notwendigkeit abschätzen.
  • Die plutonische neunfältige Zeitwortform gibt die Möglichkeit der Planung, der Zeitbindung und ist damit das Urwort überhaupt ihm entstammt alle denkerische Zivilisation.

Pluto ist traditionell der Gott der Unterwelt, die durch ewige Wiederholung gekennzeichnet ist. Die menschliche Welt ist sprachlich artikuliert. Der Mensch kann nur dann ihr Subjekt sein, wenn er zur Brücke der gegebenen tonalen Aktualität, der sozialen Wirklichkeit, und dem Imaginalen, der nagualischen Potentialität wird. Die sprachlich verwaltete Welt wird zur Hölle, wenn nichts Neues sie mehr befruchtet. Dieses Neue entstammt nicht den Planeten, sondern den vier Himmelsrichtungen, die im Horoskop als Ostpunkt oder Aszendent, Nordpunkt oder Imum Coeli, Westpunkt oder Deszendent und Südpunkt oder Medium Coeli anzeigen, in welcher Weise der Mensch am Nagual teilhaben kann.

  • Im Osten geht nicht nur die Sonne auf, sondern der ganze Himmel. Das Tierkreiszeichen, in dem sich der Aszendent befindet, ist der Zugang zur persönlichen Inspiration und Erleuchtung. Hier empfängt der Mensch seine Intention, sein Wollen, wobei die Bedeutung durch den Ort des herrschenden Planeten in Haus und Tierkreiszeichen abgewandelt wird.
  • Im Westen geht der Himmel unter, das Licht wird zur Kraft. Der Mensch gewinnt die Fähigkeit der Introspektion, des sich Stellens, des Heilens, des Verstehens des Anderen nach Maßgabe des Zeichens — Deszendent.
  • Im Norden, wo der ganze Himmel um den Polarstern kreist, ist der Ort der Integration, der Weisheit im Imum Coeli, wiederum geprägt durch das Zeichen. Hier erreicht der Mensch die Himmelsmitte als nächtliche Himmelstiefe, durch Konzentration und Meditation werden die Bewußtseinsinhalte integriert.
  • Im Süden, im Lichte der Sonne am Mittag — Medium Coeli — begegnet der Mensch den anderen und bestätigt sie in ihrem Wirken. Es ist der Ort der Unschuld, wo jeder seine eigenen Himmelsrichtungen als Kreuz mit sich trägt. Nur wer das Urvertrauen hat, kann hier immer neu wirken und die Schöpfung verantwortlich bereichern.
  • Die Mitte der Erde als Ruhepunkt, das unbewegliche schwarze Loch, ist der Ort des Empfangens, des Gewahrwerdens. Der Mensch ist und bleibt Geschöpf des Alls, nicht Schöpfer. Jedes Horoskop bezieht sich auf die Erdmitte. Das planetarische Bewußtsein ist allein imstande, den Menschen alle seine Anlagen entfalten zu lassen und damit die echte Gerechtigkeit zu verwirklichen, in der jeder seinen angemessenen Ort und Wirkungskreis erreicht.
  • Doch die Macht dieses Wirkungskreises beruht auf seiner Teilhabe am Menschen im All, an der Gattung. Persönlich sind die vier Himmelsrichtungen die Art und Weise, wie der göttliche Ursprung ungehindert in das Wesen fließen kann. Das griechische Urwort für Gott, Tetragrammaton, zeigt, daß dieser nur vierfältig bewußt werden kann. Wenn es aber darum geht, die falschen Ideologien zu überwinden, dann müssen die vier Richtungen in Tore verwandelt werden, die die Öffnung zur Inspiration auch gemeinschaftlich offen halten: das Tor des Ostens, des Nordens, des Westens und des Südens.
Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
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