Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

III. Numerologie · Das Tor des Nordens

Lehrling · Geselle · Meister

Im Osten erfährt der Mensch persönlich die Inspiration, ob er diese nun über das Verstehen oder das Orakel erreicht. Im Norden dagegen gewinnt er aufgrund seines Denkens eine bestimmte Kompetenz und Funktion, eine Macht. Wer Inspirationen nicht einbezieht, schadet nur sich selbst; er verliert die Hoffnung. Wer seine Macht ohne Zusammenhang mit dem Ganzen mißbraucht, scheitert nicht nur in seinem persönlichen Weg, sondern hindert aus der Angst heraus auch andere, diesen zu finden. Daher ist seit altersher der Weg zur Macht von Initiationen abhängig gewesen, die die drei Stufen des Lebens — Jugend, Erwachsensein, Alter — als geistigen Werdegang nachvollziehen. Hierbei ist der künstlerische Weg am leichtesten zu verstehen, weil er mit dem Thema der Wassermannzeit als Arbeit an sich selbst und an der Welt im Einklang steht, während Ritterschlag und Priesterweihe der Fischezeit zugehören und heute im Zeitalter der Selbstbestimmung und Demokratie keinen Sinn mehr haben.

Der Mensch hat eine irdische Motivation, die von einer gewissen Höhe des Daseins anhebt, seinem Tonal oder Selbstbild, das sowohl seine Anlage als auch seine soziale Umwelt und seine historische Lage umgreift. Sobald ihm nun Erfolg im Sinne der sozialen Anerkennung nicht mehr genügt, dämmert ihm die Erkenntnis, daß er selbst mit einem Dasein für den bloßen Unterhalt trotz aller ideologischen Rechtfertigung nicht zum Sinn kommt. Er erlebt seine eigene Nichtigkeit, wie Gurdjieff es nannte, oder die Verzweiflung im Sinne Kierkegaards. Das äußere Leben kennt keine Belohnung jenseits des Erfolges und der Anpassung. Deshalb muß er nach einem anderen Weg Ausschau halten, wo er selbst entscheidet. Dessen Struktur wird am klarsten in den drei künstlerischen Stufen von Lehrling, Geselle und Meister veranschaulicht, die letztlich auf die drei Grade des pythagoräischen Bundes zurückgehen:

  • der Akusmatiker, der schweigend fünf Jahre zuhörte;
  • der Adept, der sich um Bewährung und Disziplin bemüht,
  • und schließlich der Mathematiker, der sowohl das eigene als auch das soziale Leben als Meister lenkt.

Die gleiche Ordnung findet sich in allen geheimen Bruderschaften, im Islam ebenso wie bei Rosenkreuzern und Freimaurern. Die Brüderschaften mußten geheim bleiben, weil ihr Anliegen die Existenz der ideologischen Anpassungswelt bedrohte. In der Wassermannzeit wird die Struktur dieses Weges öffentlich: da durch die technische Zivilisation alle wiederholbare Tätigkeit besser und billiger durch Computer vollzogen wird, kommt nur jener durch, der sich gleichsam selbst programmieren kann; der also jenseits des Wissens zur Spontaneität der Meisterschaft durchdringt.

Wesentlich bei der zweiten Geburt des geistigen Weges, astrologisch symbolisiert im Anjochen des Dreiecks der Denkplaneten im Enneagramm, ist die Befreiung von den Eltern. Saturnisch ist der Mensch an die drei Generationen gebunden, er muß sich aus eigenem Entschluß von dem Erhalten-werden trennen.

Der Lehrling erlernt die Sprache, die Werkzeuge und Verhaltensweisen seiner künftigen Funktion. Er tut dies nicht seinem Meister zuliebe, ja der Meister muß ihn spüren lassen, daß es keine gefühlmäßige Beziehung gibt, sonst überträgt sich die elterliche Abhängigkeit auf die berufliche und der Mensch wird nie selbständig werden.

Hat er nun die jeweilige Sprache, seine Strategie erlernt, so muß er sich mittels ihrer in der Welt bewähren, aus ihr seinen Lebensunterhalt bestreiten. Er muß sich immer neuen Situationen aussetzen, sein Verhalten in anderen Umständen erforschen, um seine ganze Kompetenz kennen zu lernen. Dies war die Stufe des Gesellen. Gesellig sein heißt, andere als gleichberechtigt anzuerkennen im psychologischen Sinne der peer group und die Mitmenschlichkeit höher zu achten als den materiellen Erfolg. Diese Stufe galt für alle Stände. Die Handwerksgesellen zogen im Mittelalter für neun Jahre von Meister zu Meister, die Ritter traten in Dienste immer anderer Fürsten, und die Priesternovizen erlegten sich immer neue Prüfungen auf.

Die erste Stufe entspricht organisch der Integration des Stammhirns (Körper), die zweite dem limbischen System (Seele), das Lust wiederholt und Schmerz vermeidet, die Wiederholung des letzteren ausschließt und somit das affektive Gedächtnis bildet. Diese zweite Epoche ist im Leben schwer; nur jener kommt durch, der Selbstkritik und Selbstmitleid überwindet und jedes Problem ebenso wie jede Krankheit oder mißliche Lage in eine Gelegenheit zur Bewährung verwandelt.

Die dritte Stufe ist der Meister, in Entsprechung zum Großhirn (Geist). Hier kommt das wesentliche Kriterium: der Meister weiß selbst, wenn er so weit ist; er muß den Mut haben, zu künden, daß er frei ist und andere lehren kann. Er muß die anderen Meister davon überzeugen können. Niemand nimmt ihm diesen Mut ab. Er betritt anstelle der Leiter die Ebene des geistigen Weges, der kein Ziel hat, sondern dessen Sinn im Beschreiten liegt; der keine Geschichte mehr hat, sondern seine Entscheidung aus dem göttlichen Ursprung und der Liebe fällt, aus dem großen Zusammenhang heraus, die Motivation vereint sich mit der Intention, dem in Wollensrichtung verwandelten Einfall, über welchen Don Juan sagt: the warrior has unbending intent.

Nun ist aber organisch potentiell jeder Mensch ein Meister, da jeder im Besitz des vierfältigen Großhirns ist, sobald er die Sprache sinngemäß verwenden kann. In der Vergangenheit haben die Meister der Bruderschaften aus dem Untergrund die Geschichte gelenkt, traten selten in Erscheinung, meistens hatten sie keine große öffentliche Stellung sondern wirkten wie die Naqshbendi im Verborgenen, nur in entscheidenden Momenten eingreifend, wie bei der Bekehrung der Mongolenkhane zum Islam. Trotz deren militärischen Erfolgs. Ein Nizzam Ul Mulk überzeugte kraft seines persönlichen Prestiges gleich einem Propheten, der das innerste Wesen des anderen als seinen Komplizen weiß und daher die Wahrheit unbekümmert und erfolgreich gegen alle politische Wahrscheinlichkeit durchsetzt. Heute nun verlangt die Wassermannzeit, die Aufgabe der Wandlung der menschlichen Gesellschaft in die Noosphäre der Erde, daß alle Verantwortlichen Meister werden. Daher wird die Ars Magna — als die Systematik und Methodik, wie der Mensch aus jedweder Bewährung und Strategie den Überstieg zur Spontaneität erreicht — aus der Esoterik befreit und zum entscheidenden Wissen der neuen Zeit.

In der technischen Zivilisation verlangt Macht den Besitz einer gewissen Informationshöhe, aus der der Mensch operativ eingreifen kann. Weder Geld noch Herkunft sind entscheidend, anerkannte Stellung hat keine Bedeutung, die wahre Macht liegt in den Händen jener, die die Wirkungen des Wissens durchschauen. Daher verschiebt sich die Vorstellung von gut und böse vom moralischen auf das denkerische Gebiet. Heute sind jene Mächte böse, die den großen Zusammenhang und die Liebe verleugnen; die Experten der Wissenschaften, die aus der Vergangenheit heraus leben und bemüht sind, die Welt in eine verwaltete Hölle mit ewiger Wiederholung, ewiger Sicherheit zu verwandeln. Jegliches Wissen, das sich selbständig gebärdet — Politik, Kunst, Wirtschaft, Physik, und was immer Menschen an neuen Strategien erfinden — hat eine teuflische Wirkung. Die Haltung der nazistischen Wissenschaftler im KZ ist keine zufällige Entgleisung, sondern die notwendige Folge einer Auffassung, die den Menschen dem Wissen und der Technik unterordnet. Daher liegt der Schlüssel zur Entgiftung der Macht in der Entideologisierung, der Entsubstantivierung der Wissenschaften, Funktionäre und Experten, auf daß alle die Norm des Meisters, der wahren Menschlichkeit erreichen.

Der Schlüssel zu dieser Weisheit wurde von Pythagoras in Anschluß an seine Entdeckung des Chi gefunden: er entdeckte die mathematische Grundlage des Rades und gründete darauf seinen Geheimbund. Doch sehr schnell verfiel dieser unter seinen Schülern in ideologisches Machtstreben, und nach der mutwilligen Zerstörung der Stadt Sybaris wegen Völlerei — wie alle Ideologen waren auch die Pythagoreer strenge Moralisten — wurde dem Bund in Unteritalien von den Griechen der Garaus gemacht, und Bruchstücke ihres Wissens wurden nur noch geheim überliefert. Lambdoma, Gamma, Chi, das Enneagramm, ja die Mathematik wurden Arcana, nur Eingeweihten zugänglich. Noch 1620 bedrohte die Sorbonne jeden Professor, der die verderbliche Lehre des Pythagoras verkünde, mit dem Tode.

Das Erfahrungswissen der Pythagoreer war zu gering, um das Rad zu vollenden; sie ergänzten aus der Phantasie die Kriterien, die sie nicht verifizieren konnten, wodurch die Struktur unverständlich wurde. Heute ist nun das Wissen so weit fortgeschritten, daß die Meisterschaft nicht mehr durch rituelle unverstandene Initiationen, sondern durch Einsicht und Vertiefung zu erreichen ist.

Der Tonal, das Horoskop und die sprachliche Grammatik mit dem zwölffältigen Bewußtseinskreis zeigen den Rahmen aller Kultur und Selbstaktualisierung. Doch diese muß dauernd aus der kosmischen Energie befruchtet werden. Was nun Bewußtseinsinhalte in echtes Wissen verwandelt, ist die Zahl, die Fähigkeit des Verbindens und Trennens auf Grund der Gleichartigkeit, des Verallgemeinerns. So stellt sich die Frage, was die Mathematik eigentlich ist.

Die moderne Philosophie gibt verschiedene Antworten, von denen keine befriedigt. Mathematik sei Konvention, also Übereinkunft. Wittgenstein erklärt, Mathematik sei das Spiel, das die Natur bereit sei mit uns durchzuführen. Die Intuitionisten vertrauen auf die unmittelbare Evidenz mathematischer Sätze, müssen diese aber wie bei Euklid auf sprachliche Axiome zurückführen. Die Idealisten bezeichnen Mathematik als Welt der reinen Ideen, womit nichts erklärt wird. Historisch wie systematisch sind alle im Unrecht. Mathematik ist die Funktionsweise unseres Denkens und wurde von Pythagoras über die Erfahrung der Tonwelt entdeckt, die als einzige, wie früher geschildert, arithmetische und geometrische Beziehungen erfahrbar macht.

Ich habe in langjähriger Arbeit, immer von neuen Inspirationen gelenkt, die ursprüngliche Struktur des mathematischen Bewußtseins als Tor zur Integration entschlüsselt. Ob dies ein Wiederentdecken oder ein Neufinden war, kann ich nicht ausmachen, da alle pythagoräischen Quellen mit Ausnahme von Jamblichos, Nikomachos und Platon, also bezüglich des Lambdoma, Gamma und Chi, verschüttet wurden. Doch die historische Ableitung ist gleichgültig; ohne Rückbezug auf die Geschichte kann die Struktur der Zahlenwelt als Ansatz allen Denkens, Wissens und aller Macht unmittelbar zugänglich werden. Hier muß man das Schulwissen entlernen und sich als Leser in die Lage des Kindes versetzen, das das erstemal von Geometrie und Arithmetik hört.

Mathematik ist keine Idealwissenschaft und Normwissenschaft, sondern die Brücke zwischen dem Denken und dem Großen Geist. Dieser schafft die Welt aus Zusammenfügen von Elementen gleich einer Sprache. Nur wenn der Mensch sich an diese Nahtstelle begibt, wo aus dem unendlichen Quell des Pleroma die Welt immer neu hervorbricht, kann er den Augenblick erfassen, da Geist zu einem größeren Zusammenhang auf der Erde gleichsam gerinnt.

Integrieren heißt Vermehren der Information, einen umfassenderen Zusammenhang schaffen. Jeder Geist, der nicht seiner Herkunft aus dem göttlichen Urgrund bewußt ist — jede Inspiration des Himmels, die nicht auf den Polarstern und damit die Erdmitte bezogen ist, also die Brücke wahrt — ist ein Feind des Menschen und hält diesen im entfremdeten Bewußtsein fest. Doch jeder falsche Geist, jede falsche Macht läßt sich überwinden durch Erkenntnis des Dimensionskreises, welcher Geometrie, Arithmetik und Bewußtseinsfunktionen in ihrem Zusammenhang einsichtig macht.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD