Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

IV. Mystik · Das Tor des Westens

Yogasutra

Doch auch die indische Überlieferung ist kulturell verbrämt, glaubt an die ewige Wahrheit ihrer Tradition, ähnlich wie die katholische Kirche. Aber der Inder findet im vierten Kapitel der Bhagavad Gita einen Ausweg aus der Verhärtung. Krishna verkündet, daß in jedem Zeitalter Gott wieder auf die Welt komme, erneut zugänglich werde, um die Wahrheit in zeitgemäßer Form zu verkünden; hinter diese Offenbarung brauche man nicht zurückzugehen. Die neue Offenbarung der Wassermannzeit mit Gott als Freund und dem Menschen als Arbeiter geht von der Einheit der Erde aus. Daher hat Indien genau wie Europa, Amerika, China und Afrika nur einen Teil der Wahrheit, und das indische Tor des Westens kann in seiner entideologisierten Reinheit im Yoga auch Menschen anderer Kulturwurzeln einen nachvollziehbaren Weg zu ihrer Mitte eröffnen. Hierbei können uns die Eingangsworte des Yogasutra von Patanjali den Einstieg vermitteln.

  1. Atha Yoga-Anusasanam
  2. Yogas citta vritta nirodha
  3. Tada drastuh swarupe vasthanam
  4. Vritta sarupyam itaratra
  1. Jetzt beginnt die Disziplin des Yoga.
    Dieses Wort Atha bedeutet den Beginn eines Ritus, einer religiösen Zeremonie, die außerhalb von Raum und Zeit ist. Es kann also keine Tradition des Yoga geben, sondern nur der Einzelne kann jetzt und hier mit dieser Disziplin beginnen, die ein bestimmtes Ziel hat.
  2. Yoga bedeutet die Verlangsamung der Wirbel des Bewußtseins, um sie zum Anhalten zu bringen.
    Meistens wird nirodha, wie Deshpande betont, falsch übersetzt als zum Stillstand bringen, als ob dies plötzlich möglich wäre. Im Rad des Bewußtseins verlaufen die Assoziationen an der Peripherie schnell und verlangsamen sich nach innen zu. Dieser Weg der Verlangsamung ist der Yoga, da durch diesen Impetus schließlich die Nabe, der Wesenskern erreicht wird.
  3. Dann ruht der Gewahrwerder in seinem Wesen.
    Er ist jener, der seine Identität immer neu erschafft, weil er sich nicht mit den Bewußtseinsinhalten identifiziert. Diese Haltung ist die normale und befreite; Erlösung als vollständige Wandlung des Bewußtseins gibt es nur durch das Tor des Wollens im Westen. Nur hier kann man von vorher und nachher sprechen. Jeder beginnt seine Existenz mit der Identifikation mit Bewußtseinsinhalten, um sie zu erlernen. Doch kann er diese aufgeben.
  4. Alle anderen Zustände sind bestimmt durch Identifizierung mit Bewußtseinsinhalten.
    Sie wirken also entfremdend. Vom Großhirn her gesehen kann man sich identifizieren mit Sinnesdaten der linken Hemisphäre; mit Worten und Gedanken des Hinterhirns, oder Bewegungsabläufen des Kleinhirns; mit Trieben und Traumbildern der rechten Hemisphäre. Oder aber tatsächlich mit der Fähigkeit des Wählens, dem Identitätschaffenden inneren Auge, dem Ja und Nein, der Aufmerksamkeit als dem inneren Licht, das gleichzeitig das Feuer ist, das die Bewußtheit verwandelt und dem Wesen ermöglicht, frei durch alle Zustände zu streifen, die dem Organismus zugänglich sind.

So gibt es ein klares Ziel, das Erwachen, die Befreiung, das Leben aus der Mitte, die Weisheit anstelle der Unwissenheit. Das Ziel ist zu erreichen, wenn man es anstrebt, und es gibt unzählige Weisen, mit denen es gelingen kann. Wer immer einen Weg gewählt hat, ist anderen voraus, die noch keinen haben. Oft glaubt er, es sei der einzige Weg, weil es der ist, den er kennt. Und da dieser Weg Überwindung der Trägheit verlangt, sucht der Meister eines Weges Nachfolger, um sich vor ihr zu schützen. Damit gerät er in Gefahr, Stufen der Befreiung mit dem geistigen Weg selbst zu verwechseln, welcher, wie Don Juan sagt, immer in der Wildnis anhebt und keinerlei Ziel kennt; es ist entweder ein Weg mit Herz oder nicht.

Auch die indischen Yogis waren nicht frei von diesen Vorstellungen eines alleinseligmachenden Weges. Manche glaubten, vegetarische Nahrung sei die Voraussetzung zur Befreiung, andere tägliches Üben, zwanzig Sonnengebete am Morgen, oder jeden Tag zwanzig Minuten im Zensitz meditieren. Gegen diese Einstellung hat die katholische Kirche in dauernder Auseinandersetzung mit den geistigen Wegbereitern die Wahrheit klargestellt: es gibt keine Rechtfertigung durch Werke oder Übungen, die Gnade ist kein kausales Ergebnis einer positiv abgeschlossenen seelischen Buchhaltung. So haben alle prophetischen Religionen gegen die Gefahr der falschen Götter, der falschen Gurus gekämpft. Doch haben sie oft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet: deswegen, weil die Stufen der mystischen Erfahrung negativ interpretiert werden können, sind sie nicht falsch; falscher Gebrauch eines Gasofens ist kein Argument gegen dessen Installation.

Das abhängige, entfremdete Bewußtsein, das Eltern, Vorgesetzten, projizierten anthropomorphen Götterbildern oder absoluten Bewußtseinsstufen folgt, kann nur überwunden werden, wenn anstelle einer Methodik die Grammatik aller möglichen Wege, das Kompendium aller Methoden gezeigt wird und damit die Struktur der Befreiung selbst. Diese ist nicht in den existenten Yogaschulen zu finden, wie sie heute in Indien und auch in Europa bestehen, sondern verlangt ein vertieftes Nachdenken über die Ansätze der Befreiung, der Identität und des Vorgangs der Inkarnation.

Es gibt einen Zustand, da der Mensch noch nicht an seine Umstände verkettet ist, vor der Empfängnis und nach dem Tode, wenn es dort auch Karma und Dharma gibt, daß man sich astrologisch so lange nach neuen Inkarnationen sehnt, bis man das ganze Spektrum der menschlichen Anlage gemeistert hat, sind diese nicht bestimmend. Tatsächlich ist in diesem irdischen Leben das Durchstoßen zur Mitte, die Befreiung möglich, wenn man sie im Rad versteht.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD