Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

I. Astrologie

Phänomenologie

Für die neuzeitliche Philosophie waren seit Galilei und Locke die Gesetze der Sinne sekundäre Qualitäten, die nicht wissenschaftlich verifizierbar seien, sondern der Psyche zugehören, und noch bis in die Sechzigerjahre hinein wurde ihre Forschung vernachlässigt. Noch Lorenz behauptet, purpur und weiß seien Illusionen des menschlichen Auges. Erst heute können wir die Sinneswahrnehmungen dank der neuen Physik, Biologie und Psychologie genauer bestimmen und das phänomenologische System in einen kritischen Ansatz verwandeln, der zwei Fragen fordert:

  1. Was weiß ich über die Struktur des Gewahrwerdens?
  2. Welches Modell der Sinnesgesetze ist der Erfahrung adäquat?

Mit dem Versuch der Beantwortung dieser beiden Fragen wollen wir den Einstieg in den Sinn der Sinne, in die Phänomenologie beginnen.

Mitte des menschlichen Bewußtseins ist das Gewahrwerden, das auf der Teilhabe an der Aufmerksamkeit, dem Gewahrsein, beruht. Das Ichbewußtsein hat als Wurzel das Allbewußtsein, die Teilhabe an Gott, am unendlichen All. Dieses All — dessen Begriff das rationale Denken übersteigt, ja sprengt — kann in seinen vielfältigen Äußerungen nur bewußt werden, wenn das Wesen seinen Grund in der Stille des Augenblicks, der absoluten Ruhe, dem Nichts findet: nur dann strömt in dieses Nichts die Fülle des All, das Pleroma ein.

Die innere Ruhe kann der Mensch nur dann erreichen, wenn er seine tatsächliche Mitte im Verhältnis zum All findet. Diese Mitte ist die Mitte der Erde. In einem Kreis ist der Mittelpunkt unbeweglich, in einer Kugel die Achse. Der Mensch hat also dann seine Ruhe erreicht, wenn er seine Achse zur Erdmitte erlebt, seine Senkrechte verwirklicht, und seinen Ort auf der Erde im Verhältnis zum Kosmos versteht. Dieser Gedanke führt uns zur Beantwortung der zweiten Frage: nur die Erde selbst in ihrer sinnlichen Vielfalt kann das Modell der Phänomenologie sein. Sinne sind keine Daten, sondern Brücken zwischen Bewußtsein und Welt. So müssen sie ihre Brückenhaftigkeit wahren zwischen den beiden Urgegebenheiten, dem Wesen und dem Sein, Ich und Gott. Damit ist nicht mehr die Naturwissenschaft als induktive gedanklich geklärte Erfahrung das Kriterium zum Verstehen der menschlichen Bestimmung, sondern die Stellung des Menschen im Kosmos und damit die Astrologie.

Astrologie im heutigen psychologischen oder wissenschaftlichen Sinn, als statistische Erfahrungswissenschaft kann eine praktische Hilfe zur Lebensorientierung sein. Doch philosophische Astrologie ermöglicht jenem, der zum wahren Bewußtsein durchstoßen möchte, seine Orientierung im All, sobald sie in ihren kritisch einsichtigen phänomenologischen Wurzeln verstanden wird.

  • Das menschliche Ich wurzelt im Denken, welches immer ein bestimmtes Wesenswissen und eine bestimmte Funktionshöhe aufweist. Es ist hinter dem Menschen, bildet seinen Rückhalt.
  • Die Fülle der Inspiration, die Beziehung zur Gottheit ist vorne,

tatsächlich ist im Großhirn das sprachliche Denken hinten situiert und die Aufmerksamkeit mit ihrem steten Wechsel zwischen beobachten und erinnern, die jede Sekunde die Richtung wechselt, im Vorderhirn. Doch hierzu treten zwei weitere Gegebenheiten:

  • die linke Hemisphäre ist analytisch auf die Zeit gerichtet,
  • die rechte ist synthetisch auf den Raum geeicht,
  • Links im Gehirn erlebt der Mensch die Welt im Nacheinander,
  • rechts im Miteinander;
  • links ist die Wirklichkeit,
  • rechts die Möglichkeit.
G e h i r n s t r u k t u r

Sprachlicher Sinn entsteht aus der Zusammenfügung von Zeit und Raum, von Wirklichkeit und Möglichkeit. Die zeitliche Wirklichkeit wird durch das Ohr, das Hören bewußt, die räumliche Möglichkeit durch das Auge, das Sehen. Die Qualitäten der beiden Sinne sind Erfahrungsweisen der zwei Energiearten oder Schwingungen des All.

  • Das Hören vermittelt das Erfahren der Longitudinalschwingungen, bei denen sich die Schwingung in der Laufrichtung fortpflanzt wie die Wellen im Meer; es ist die Materie-Schwingung.
    l o n g i t u d i n a l
  • Das Sehen vermittelt die Erfahrung der Transversalschwingungen der elektromagnetischen Energie, die senkrecht zur Richtung verlaufen.
    t r a n s v e r s a l
  • Die Lichtenergie wird aufgenommen, hat ihre Ursache im Raum, und wird dem Menschen als Vision in der rechten Hemisphäre bewußt.
  • Die Schallenergie geht von Körpern aus, versetzt andere in Bewegung, in Resonanz. Sie hat ihre Ursache in der Zeit, der regelmäßigen Schwingung eines Körpers, die sich durch das feste, flüssige oder gasförmige Medium mitteilt; sie wird in der linken Hemisphäre bewußt.

Betrachten wir diese Schwingungen im Zusammenhang des All, so zeigen sie folgende Struktur:

transversal
Negentropie
Licht
kosmische
Energiequelle
Gott
Information
Wesen
Entropie
Schall
longitudinal

Gott und Wesen, Licht und Schall stehen einander gegenüber. Die Wesen haben eine gewisse Informationshöhe; Atome vereinen sich zu Molekülen, zu Zellen; diese zu Pflanzen, Tieren und Menschen, die wieder höheren Zusammenhängen wie der Gattung eingegliedert sind. Entropie bedeutet Energie, die die Informationshöhe verringert, Negentropie solche, die den Aufstieg zu höherer Integration möglich macht.

Es gilt nun in allen vier Bereichen die Ruhe, das Nichts zu bestimmen, das die Grundlage des Gewahrwerdens bildet.

  • Für die linke Hemisphäre, für den Bereich der Zeitwahrnehmung, ist die Ruhe der Augenblick in der Gegenwart. Wird dieser Zeitpunkt existentiell erreicht, so ist der Mensch Subjekt seiner selbst; er wird nicht aus der Vergangenheit bedingt, auch nicht aus Erwartungen der Zukunft, und ist auch nicht identifiziert mit den gegenwärtigen Abläufen seiner Gewohnheiten; er erreicht die unassoziative Wahrnehmung; er ist die Null, aus der die Beobachtung anhebt.
  • Für die rechte Hemisphäre, die Raumvision im Wirbel der Motive ist es die ruhende Mitte des Kreises der Assoziationen, die die jeweilige Struktur des Wesens aufrecht erhält. Das Erreichen der Kreismitte in der Individuation zeigt die gleiche Seligkeit wie das Erleben des echten Augenblicks, der gleichzeitig als Ewigkeit gespürt wird.
  • Das Nichts im Denken ist die Fähigkeit der Frage, das Erreichen des Nichtwissens aus der Zusammenfügung von Raum und Zeit, sprachlich von Hauptwort und Zeitwort im Urteil. Diese Offenheit, das Erlernen des Neuen, ist die dritte Freude des Wesens.
  • Aber es gibt auch eine vierte Freude, wenn der Mensch den Urzusammenhang mit dem All und dem göttlichen Ursprung erlebt, sei es negativ in der Leere der Aufmerksamkeit, sei es positiv in der transpersonalen Liebe zum Mitwesen und zum All. Auch hier ist der Mensch im Nichts, rein aufnehmend, sich selbst aus dem Schöpferischen empfangend.

So ist der Sinn des Menschen vierfältig.

  • In der Zeit ist es der Augenblick, dem die wahre Dauer entspringt, die Ewigkeit;
  • im Raum ist es die Mitte des Bewußtseinsfeldes, auf die Begriffe wie Konzentration und Meditation hinweisen;
  • in der Information, dem Denken, ist es die Überwindung des Wissens durch das Fragen,
  • und im All ist es die Geborgenheit der Liebe.

Fortschritt und Entwicklung gibt es nur in einem Gebiet, im Denken; man kann tatsächlich einen Zusammenhang wie einen Witz nicht zweimal begreifen; sobald man ihn verstanden hat, wird er Teil des Gedächtnisses und die Aufmerksamkeit ist frei für neues Fragen. Damit die Dynamik des Denkens tragend werde, muß die Art und Weise erkannt werden, wie etwas bewußt werden kann und in welcher Weise sich das Gewahrwerden vollzieht. Dies verlangt das Modell der Struktur der Sinne in ihrer Gesamtheit — des Sehens, Hörens und der Körpersinne.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
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