Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

IV. Mystik · Das Tor des Westens

1. Sadhanapada

Für das Empfinden ist Bewußtsein Synästhetik: alle Sinne, die sich einzeln nicht ineinander überführen lassen aus der Aufmerksamkeit, dem Gewahrwerden zu lenken. Ihre Ordnung erhellt sich aus der Reihenfolge der embryonalen Entwicklung.

  • Schwerpunkt des Empfindens ist das Sehen, das die Orientierung im Raum schafft, auch für den physisch Blinden; er orientiert sich im Körper und im Raum mittels seines inneren Auges. Die äußeren Bilder werden nur nach Verwandlung in chemisch-elektrische Impulse im Sehzentrum bewußt, und dieses Bewußtwerden ist nicht anders als das Erleben von Traumbildern oder von denkerisch-anschaulichen und konstruierten Vorstellungen.
  • Das Riechen entspricht der Atmung und ist mit dem Denken gekoppelt: Geruchserinnerungen bilden das stärkste Gedächtnis. Gleichzeitig klärt bewußtes Riechen das Atmen als Energieaufnahme; wer beim Ein- und Ausatmen riecht, erfährt ein Vielfaches der Kraft, des Prana.
  • Mit dem Schmecken kommen wir bereits jenseits der Geburtsschwelle in den Stoffwechsel. Der Geschmackssinn folgt vier Richtungen, die wir eingangs beschrieben haben. Hiermit wird der chemische Stoffwechsel bewußt.

Doch essen bedeutet töten, und wen man tötet, dessen Seele muß man befreien, das Essen als freiwilliges Opfer des Getöteten auffassen. Daher war in alten Kulturen jedes Essen ein Fest, das mit Achtung begangen wurde. Wegen der Geburtsschwelle können nur wenige Menschen zum bewußten Essen durchstoßen, die meisten ordnen den Geschmack dem Denken unter; sie essen nur das, was sie gewohnt sind oder erfinden sich eine denkerische Diät.

Trémolières, der französische Ernährungswissenschaftler, erklärte, wahres Essen habe seinen Ursprung im Teilen von Brot, Wein und Salz. Es eröffnet die Gefühlsebene, und wer dies nicht als Opferhandlung erlebt, wie es die Heiligkeit des Gastfreundes in der Antike veranschaulichte, der werde nie zu einem wahren Verhältnis zu Nahrung und Affektivität kommen. So gilt es den Zugang zu dem, was einem wirklich schmeckt, wiederzufinden, da diese Einstellung dann die anderen Sinne und Bewußtseinssphären eröffnet, die dem im Tonal befangenen Durchschnittsmenschen verschlossen bleiben. Gurdjieff wie auch die Taoisten war imstande, so die Geschmäcker aufeinander abzustimmen, daß jedes Fest eine ungeheure Steigerung der Aufmerksamkeit auf allen Ebenen erweckte.

  • Dem Hören entspricht der Herzschlag; diese Ebene bedeutet das Verstehen des Zusammenhangs aller Rhythmen im Körper. Hier ist das Wirkungsfeld des Wollens, das die Welt mittels der arithmetisch-geometrischen Harmoniegesetze zum Wesen in Resonanz versetzt. Nur der harmonisch gestaltete Umraum kann auf den Menschen zurückbezogen werden, wie dies Pythagoras in der Architektur durchgeführt hat.

Als einziger Weltbereich steht die Erfahrung des Hörens im Verhältnis zur menschlichen Größenordnung, und niemand kommt zum Wollen, der nicht über den Tanz oder den bewußt erlebten Rhythmus das Kräftespiel erlernt. Im Ohr ist auch der Gleichgewichtssinn, der das Verhältnis zur Erdmitte bewußthält.

  • Der Körper in seiner dauernden Erzeugung der Zellen aus dem Erbschlüssel wird über den Tastsinn bewußt, der das Körperbild einschließt — kranke Teile des Leibes sind unbewußt. Die Schamanen lehren, daß sie von fremden Wesen besessen werden, bis der Mensch wieder ihr Herr wird.

Jede Körperzelle enthält die Gesamtheit der Möglichkeiten, könnte zu einem vollen Organismus erwachsen, doch sind alle anderen bis auf eine Funktionsmöglichkeit abgeblockt, nämlich Leber- oder Hautzelle zu werden.

Die Erweckung des Tastsinnes dient vor allem dazu, unnötige Verbote von Bewegungsmöglichkeiten aufzuheben und Kurzschlüsse zu beseitigen. Die Aufmerksamkeit ist immer nur bei einer ersten Bewegung dabei; nachher wird diese vom Körpergedächtnis übernommen, um die Aufmerksamkeit frei für neue Bewegungen zu machen. Dies ergibt einen Schatz an bedingten Reflexen, der negativ wird, sobald man sich zu sehr auf ihn verläßt. Man muß die Bewegungsfähigkeit im Sinne von Feldenkrais wiedererwecken, sich erlauben, wieder frei zu sein. Da alle Muskelverspannungen tatsächlich im Gehirn sind, kann Bewußtwerden sie befreien. Mit dem Erreichen des Bewußtseins der Urzelle — das den Körper in seiner Vitalität normalerweise nur bis zur ersten Saturnkrise um 29 Jahre, trägt — wird der Zugang zur Heilfähigkeit eröffnet.

In der Inkarnation sind fünf Stufen von der Befruchtung bis zur Geburt innerleiblich; im Weg zurück sind es ebenfalls fünf Stufen bis zum Körper. Die beiden letzten Stufen, Seele und Geist, sind nur über den Mitmenschen zu integrieren.

  • Zur Polarisation, dem Bereich der Seele, gehört die Fähigkeit des Sprechens. Hier erreicht der Mensch seinen Namen und wird zur Stimme, die spricht, anstatt im Denken Teil des Satzgefüges zu sein und das grammatikalische Subjekt mit dem Sprecher zu verwechseln. Sprechen kann nur mit anderen geübt werden, die Stimme ist zu befreien, daß sie nicht nur im Kopf, Hals- und Brustbereich erklingt, sondern auch aus der Körpermitte, dem Bauch heraus tönt.
    Seine Stimme zu hören, hinter sie zu treten, ist ein befreiendes Erlebnis.
  • Die tiefste und letzte Stufe der Sinne ist die Sinnlichkeit selbst, die körperliche geschlechtliche Vereinigung, wo der Mensch unmittelbar die Seligkeit der Gattung, das Aufgehobensein in der Liebe erlebt. Sie ist immer transpersonal und geistig. Geschlechtliche Vereinigung ist Befruchtung, gleichgültig ob nun ein physisches Kind, eine seelische Integration oder ein geistiger Einfall das Ergebnis ist. Liebe ist heilig und die geschlechtliche Liebe, in der alle psychischen Leiden des Menschen zutagetreten, ist Einüben in das Lieben selbst, bis das der Durchbruch zum Alleinssein, zur Null, zum echten kosmischen Gewahrwerden vollzogen ist.
Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
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