Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

IV. Mystik · Das Tor des Westens

2. Vibhutipada

Der Durchschnittsmensch lebt unbewußt aus der karmischen Struktur heraus, die Vergangenheit hat ihn geprägt. Doch kommt er zur existentiellen Unterscheidung der Sinnesbereiche und wird diese durch entsprechende Übungen anjochen — solche haben sich in den letzten Jahrzehnten so vermehrt, daß man ganze Bücher darüber schreiben könnte — so entsteht eine gänzlich neue Haltung zur Welt; es erwachen Fähigkeiten, die den tonalen Bereich überschreiten und andere Weltschichten einbeziehen.

Dies kommt dem europäisch erzogenen Menschen phantastisch vor, der die Wunderkräfte ins Reich der Fabel verwies. Die neue Physik hat in ihrer Erkenntnis der existentiellen Einheit von Materie und Geist gezeigt, daß das magische Verständnis — aus der Energie entsteht die Materialisation — der Wahrheit näher ist als die dreidimensionale klassische Physik, die nicht so sehr der Erkenntnis des Kosmos diente als vielmehr der Schaffung des Lebensgehäuses, der technischen Zivilisation. Sie ist nicht dem Organismus zugehörig, sondern den menschlichen Projektionen seiner dreidimensionalen Organe auf seine Wirkwelt: Hebel verstärken Muskelkraft, Computer ersetzen mühsame Gehirntätigkeit, elektrische Energieversorgung veräußerlicht die Funktion des Nervensystems, Television erweitert das Auge, Rundfunk das Ohr und so fort. Aber die Siddhis sind jedem zugänglich, der sinnlich auf dem Weg der Übung und Erfahrung zur Mitte vorstößt. Daher ist es günstig, ihre denkerische Grundlage zu kennen, um nicht überrascht zu werden. Telepathie war den Indianern selbstverständlich; astrale Projektion gehört zur Ausbildung der Pel-Schamanen in Afrika und der Eskimos und jede der Märchenfähigkeiten ist in irgendeinem Teil der Welt in einer bestimmten Kultur zu Hause. Da wir Menschen aber zum gleichen Gehirn der Erde, der Noosphäre gehören, können wir die Kulturleistung anderer integrieren und damit zu einem reicheren Dasein kommen. Eine rudimentäre Schilderung dieser Siddhis bringt Patanjali, die wir aus der heute erweiterten anthropologischen Kenntnis im Rahmen des Rades ergänzen werden.

Die Sinne eröffnen für das Denken sieben verschiedene Weltbereiche. Solange es an den tonalen Bereich des Hörens gefesselt ist, kann es in diese nicht eindringen. Sobald aber die Sinne mittels der Übung der unassoziativen Wahrnehmung getrennt werden, erwachen die anderen Orientierungsfähigkeiten.

  • Der Sinn des Sehens ist imstande, ein Photon, also ein Wirkungsquant wahrzunehmen, das sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt. Daher ist das Sehen auf die kleinste Energieeinheit geeicht und da das Gewahrwerden nicht an den Körper gebunden ist, wird der Mensch fähig, fernzusehen, sein Augenmerk überall hin zu richten, wo er möchte. Monroe hat eine Technik beschrieben, die erlernbar ist. Zuerst muß man sich aus der Erinnerung einen Menschen an einem Ort vorstellen, wo er tatsächlich ist, immer wieder, bis man selbst merkt, daß die denkerische Vergegenwärtigung durch tatsächliche Wahrnehmung abgelöst wird. Manchmal kommt dieses Sehen ohne Vorbereitung, plötzlich, es ist, als bewege man die Linse eines Photoapparats in einer fremden Straße.
  • Das Riechen, in Entsprechung zur Atmung, unterscheidet Atome, trennt Moleküle, nimmt Sauerstoff auf und scheidet Kohlensäure aus. Gleichzeitig ist der atomare Bereich jener, wo die Energie der Gammastrahlung zur Masse der Wasserstoffatome gerinnt. So kann das Riechen unmittelbar Energie aufnehmen, die potentielle Energie des Körpers vermehren, und den Einstieg in die Materialisation eröffnen.
  • Das Schmecken ist molekular, bricht die Nahrung in Fett, Eiweiß und Zucker auf. Dies ist die Ebene des Fühlens, aber auch jene der Verwandlung, des Heilens. Im Vibhutipada des reinen Denkens muß der Mensch als erstes die Vorstellung als Bild vor sich sehen; als zweites im Geiste herumgehen; als drittes sie sich bewegen lassen, und wenn ihm dies gelingt, dann kann er sie nach indianischer Überlieferung materialisieren, aus dem Nagual ergreifen und in den Tonal versetzen. In der dritten Stufe kann man etwa für eine Heilung kranke Leberzellen sich veranschaulichen, sie aus dem Körper herausprojizieren, in der Vorstellung gesunden lassen und zurückprojizieren. Man nimmt sie gleichsam schmeckend in sich hinein, gibt sie gesundet wieder zurück, indem man im Vorgang der Heilung eine Verbindung des eigenen Stoffwechsels mit dem des Patienten vollzieht.
  • Hören: Der mittlere Bereich ist jener der menschlichen Größenordnung. Dieser nimmt kosmologisch die genaue Mitte zwischen Planet und Molekül, Sonne und Atom, Milchstraße und Photon ein. Wollen ist tonal die Fähigkeit, die Welt auf das Wesen abzustimmen, aber darüber hinaus durch stalking durch Erleben der Rhythmen anderer Wesen, in diese einzudringen, sich in Tiere einzudenken und durch sie zu erleben, was einem Verwandeln in diese Tiere gleichkommt.
  • Der fünfte Bereich, des Körpers, ist durch den Tastsinn zugänglich. Dieser hat die Fähigkeit, den Leib zu verlassen. Das Sonnensystem ist eine Schwerkraftseinheit. Wiederum kann die Vision gepaart mit dem Tastsinn in alle Bereiche eindringen, die Form des eigenen Leibes als Doppelgänger aussenden, ihn nagualisch an mehreren Stellen gleichzeitig zu haben, wie das nicht nur von Castaneda, sondern auch von vielen katholischen Heiligen berichtet wird.
  • Das Sprechen des seelischen Bereichs entspricht der Sonne: das menschliche Wesen ist ursprünglich Licht. Hier ist es möglich mit Geistern Verstorbener und Wesen anderer Welten zu reden, wenn man durch Übung fähig wird, Assoziationen von echten Stimmen zu unterscheiden. Wie auch bei den früheren Bereichen ist es nicht ein Sinn der wirksam wird, sondern dieser hier, das Sprechen, wird gleichsam zur Spitze der anderen.
  • Die geschlechtliche Liebe, die körperliche Vereinigung, steht im Zusammenhang mit unserer Milchstraße, aus deren kosmischer Energie die Mutationen stammen, die das Keimplasma verändern und damit neue Arten erzeugen. Der Orgasmus ist ein Erleben der Seligkeit, es gibt viele andere, wo das Wesen ozeanisch im All verfließt, bis es sich wieder zusammenzieht. Hier wird die reine negentropische Energie aufgenommen, die nicht als solche, sondern nur an ihren Wirkungen von der Physik zu verifizieren ist.
Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
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