Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

V. Magie · Das Tor des Südens

Ganzheit

Der Mensch ist im Tonal Erdmitte. Dann sind die Zeitrhythmen der Planeten seine Obertöne, wie die Klangfarbe seines Instruments, seines Horoskops in ihrem Reichtum bestimmen. Er ist im Nagual Sonnenkind, Feuer, das physiologisch in der Sexualkraft zugänglich wird, die in die Unsterblichkeit der Gattung eingegliedert ist. Der Tonal hat das Ich als Subjekt in der linken Großhirnhemisphäre, der Nagual hat Gott als Subjekt in der rechten. Durch Ausgleichung von rechts und links, durch Eichung des Conjurers-Count auf die Anrufung erreicht der Mensch in allen Lagen die Ganzheit und Freude des Daseins.

Man kann magisch in viererlei Weise krank werden.

  • Die Krankheit des Ostens ist spirituell, der Mensch hat den Zugang zu seiner Inspiration verloren.
  • Die Krankheit des Westens ist Verlust des Willens, er hat aufgegeben und läßt sich körperlich dahinsiechen. Wenn ein solcher Kranker zu einem Arzt käme, der ihn heilen könnte, dann wechselt er schleunigst den Therapeuten.
  • Die Krankheit des Südens ist emotionell-seelisch, hat ihre Ursache in gestörten Beziehungen zu Eltern, Kindern oder Partnern.
  • Die Krankheit des Nordens ist mental, wenn man einer Ideologie zuneigt, die der eigenen Motivation fremd ist, seine Herkunft verleugnet oder der Rahmen des Weltbildes nicht alles umfaßt, was den Menschen tatsächlich mental bedingt.

So kann jede Krankheit, abgesehen von der Medizin magisch aus der entsprechenden Himmelsrichtung oder Gegenrichtung geheilt werden. Es gibt unzählige Weisen, und jeder Schamane findet seine eigene Art und Medizin. Uns geht es aber hier um die gemeinsamen Nenner: durch Anrufung der Wesenskraft einer Runenzahl, die die Chakraziffer auf zwanzig ergänzt, kann der Energiehaushalt zwischen Yang und Yin ausgeglichen werden und der Mensch findet die Möglichkeit, seine Ganzheit zu wollen. Folgende Paare ergeben 20:

1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
Muladhara, Sexualität
Swaddhistana, wollen
Manipura, Seele
Anahata, denken
Vishuddha, sprechen
Ajna, Geist
Sahasrara, Körperbild
Ganzheit, Fühlen
Aura, empfinden
Höheres Selbst
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17
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14
13
12
11
10
Weisheitshüter des All
Karmameister
Kachinas
Avatars
Mensch im All
Geist aller Tiere
Geist aller Pflanzen
Motivationen aller Planeten
Intentionen aller Sonnen
Horoskop, menschliche Kommunion
10/10
Der Mensch der Wassermannzeit findet seinen Rahmen nicht mehr in einer Kultur, einem Bekenntnis oder einer Gruppe, sondern in seinem Horoskop, bezogen auf die ganze Erde. Im astrologischen Dialog ist es möglich, Vertrauen zu geben, Probleme zu klären, Lücken auszufüllen, verdrängte Traumas zu lösen und unbearbeitete Gebiete zu eröffnen. Wie schon Albertus Magnus sagte, zeigt das Horoskop die Vielzahl der Möglichkeiten und hilft uns jene zu wählen, die der Lage entsprechen. Hier ist der Magier bestätigend; er eröffnet die Zukunft als Vision. Das astrologische Wissen dient dabei nur als Alphabet oder Grammatik; wer aufrichtig eine Thematik betrachtet, dem wird einfallen, von welcher Problematik her er die Situation aufrollen kann. Als Sonnen stehen die Wesen einander gegenüber, und geben einander den Mut, das Horoskop als Entwurf mit unendlichen Möglichkeiten des Sinnes zu verstehen.
9/11
Wer Schwierigkeiten in seinem Verhältnis zu seiner Geschichte, seinen Schilden hat, zum Männlichen und Weiblichen in sich, findet aus der elften Runenkraft, allen Sonnen, die Intentionen, wie er seine Anliegen sozial verwirklichen kann. Jedes persönliche Ziel muß auf die Gattung geeicht sein, dadurch wird das Gleichgewicht zwischen Tonal und Nagual erreicht.
8/12
Woran man selbst leidet, darin kann man anderen helfen. Die eigenen Gefühle müssen akzeptiert werden. Für viele ist es ein Schock zu erleben, daß die Grundlage jeder Leistung, in Adlers Worten, eine tatsächliche oder vorgestellte Minderwertigkeit ist. Für das persönliche Leben kann das eine dauernde Demütigung bedeuten; versteht man aber, daß ein Gelähmter, der wieder zum Gehen kommt, anderen den Weg eröffnet, wie ein Feldenkrais für die funktionale Integration oder ein Erickson für die averbale Kommunikation, die ihm ob seiner Schwäche besonders bewußt wurde, dann versucht er seine Mängel und Schwächen, seine Gefühle nicht zu verbergen, sondern sie auf das Ganze hin zu befrieden, damit der eigene Erfolg auch andere beflügelt. Jeder Mangel ist ein Gewinn, wenn die dadurch entstehende Kraft der Motivation zur Bereicherung und Erkenntnis verwandt wird. Für diesen Zustand sind auch Regressionen in frühere Leben sinnvoll, weil sie zeigen können, weshalb man sich für die augenblickliche Existenz gerade jene Mängel als Ansatz der Verwirklichung gewählt hat.
7/13
Das eigene Körperbild ist beschränkt durch Verbote, die man sich in seinen Bewegungen, in seinen Gedanken und Gefühlen, in seinen Regungen auferlegt hat. Fast immer ist die mütterliche Beziehung der Anlaß, warum der Zugang zur Körperganzheit gesucht werden muß. Hier gilt es nun den Helfer zu finden, die Göttin, die seinerzeit die Mutter inspirierte und die Erinnerung an die leibliche Mutter darauf zu beschränken, wo sie ihre Rolle als Bestätiger der Potentialität erfüllt hat. Heilend ist hier auch die Welt der Pflanzen: Gebrechen, Leiden, Krankheiten kann man Bäumen übergeben, wenn man mit ihnen spricht. Nach indianischer Tradition soll man ihnen sagen, daß die gestörte Energie, die für den Menschen schmerzlich ist, dem Baum zusätzliche Kraft bedeutet, und ihm in seiner großen Harmonie nicht schadet. Paracelsus erklärte, für jede Krankheit sei ein Kraut gewachsen, und Hahnemann verkündete, daß zu jedem eine ganz bestimmte Pflanze als Heiler gehöre.
Für 8/12 kann die Arbeit mit Kristallen das Gleichgewicht wieder herstellen, ihre Reinheit läßt das Licht durch, sie sind die Erinnerung der Erde, potenzieren ihre Kraft. Die Pflanzen sind dauernd der Vision gegenüber offen, und damit wird der Zugang zum Genom freigelegt, aus dem der Lebenstraum dieser Existenz entsteht.
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Der Geist, das Wissen, das ein Mensch historisch und systematisch besitzt, verführt ihn dazu, sich abzuschließen, Experte zu sein und auf seine Kenntnisse zu vertrauen. Damit schließt er sich ab.
Hiervon kann das Tonaltier den Menschen erlösen. Laut südamerikanischer Überlieferung ist jede menschliche Strategie eine Rolle, die der Rolle eines Tieres in der Natur gleicht. Um diese zu erkennen, begibt man sich auf die schamanische Reise in die Unterwelt der Tiergeister, auf daß jenes Tier oder jene Tiere zu einem kommen und in die Oberwelt zurückgehen, für die man laut Harner als Nagual die Möglichkeit einer Verwirklichung bildet. Gleichzeitig ist dies der männliche Lehrer und Helfer, der hinter dem physischen Vater stand, solange und soweit dieser seine Rolle erfüllte, den Menschen zur Kompetenz zu befreien und ihn als ebenbürtig, als peer, als Gesellen und Meister zu akzeptieren.
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Der Mensch als Wesen hat sein Gegenüber in der Gattungsseele, dem Menschen im All. Jede kleinere Gemeinschaft als die kosmische Menschheit verhindert einen, sich frei zu entfalten. Wird aber einmal erkannt, daß diese Wurzel über sprechen, fragen und antworten immer zugänglich ist, sobald man nicht eine Gruppe, sondern das ungreifbare Ganze will, so findet der Mensch die innere Geborgenheit des Heiligen und die Liebe und Gerechtigkeit im früher beschriebenen chinesischen Sinn werden seine Kriterien der Kommunikation.
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Wer sich auf seine eigene Strategie des Überlebens konzentriert, vergißt oft den Tod und auch die Mitmenschen, die andere berechtigte Strategien haben. Um diesen Egoismus zu überwinden, bilden die Avatars die Hilfe. Alle Brückenbauer wie Christus, Buddha, Mohammed, sind für jeden gegenwärtig erreichbar, der über sie das Wirken in allen vier Richtungen aus der Mitte anstrebt und damit in der Aufsichnahme seines Kreuzes die Nächstenliebe verwirklicht.
Das Denken kann nur im Gesamtzusammenhang richtig eingesetzt werden. Jeder Heilige bezog die Tierwelt als Brüder und Schwestern ein, denn bei ihnen gibt es keine Unvornehmheit. Jedes kennt seinen Platz, der aber beim Menschen mit seinem Schwerpunkt im Denken nicht statische Einordnung, sondern dynamisches Wachstum bedeutet.
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Wer an seiner Seele leidet, die Unschuld und das Vertrauen verloren hat, erreicht sie wieder durch Vertiefung in die Welt der Kachinas, durch aktive Imagination. Beim Durchschnittsmenschen dient der Traum zur Wiederherstellung des mentalen Gleichgewichts, dem Adepten wird er zum Tor ins Imaginale. Alle Naturgeister, wie Märchen und Mythen sie beschreiben, sind tatsächliche Wesenheiten des Nagual, die dann helfend eingreifen, wenn man die Phantasien nicht sich selbst zuschreibt, sondern empfängt und so weit klärt, daß man schließlich auf diesem Weg immer tiefer in die Welt des Wunderbaren eindringt.
2/18
Wer seinen Willen verloren oder nicht gefunden hat, muß seine Wahrheit finden und sich ihr stellen, indem er die Karmameister beschwört. Bei jeder magischen Heilung besteht der Schamane darauf, daß nur der Patient selbst sein Karma verwandeln kann. Die Karmameister als höhere Oktave des Fühlens akzeptieren die persönliche Entscheidung und halten die Grundpfeiler der kosmischen Gesellschaft fest, die aus jenen gebildet wird, die in Reue und persönlichem Bekenntnis zu allem stehen, was sie tun und erleiden.
1/19
Wer seinen Inspirationen nicht mehr traut und geschlechtlich versagt, der kann die Ganzheit wiederfinden durch das ewige Wagnis des dauernden Wechsels von Yang und Yin, daß alles, was kommt, immer neu ist. Auch die verbalen Inspirationen der großen Weisheitsträger sind immer neu. Wenn man fragt nach einer Eingebung, selbst auf wissenschaftlichem und mathematischem Gebiet, dann läßt sie nicht auf sich warten. Jedem geht es so, der einmal den persönlichen Weg des Sinnes begonnen hat, daß er wie zufällig auf jenes Buch, jenen Menschen oder jene Erfahrung stößt, die ihm die gesuchte Einsicht vermittelt. Im Geschlecht ist körperlich der Zugang zur Gattung gegeben, darum sind Probleme dieses Bereichs immer Ergebnis, nie Ursache; und wenn man die Unvoraussehbarkeit annimmt, dann kann die Integration des Feuers vollzogen werden und der Mensch findet seine Stellung im Kosmos ohne Probleme, gleich jedem Tier, jeder Pflanze, jedem Stein, und auch gleich der Erde, der Sonne, dem Menschen im All und dem Urgrund der Schöpfung selbst.

Somit gibt es zehn Weisen, um Nagual und Tonal über die Runenkräfte im Holon zu verbinden, die Ganzheit zu erreichen, und in den Traditionen unzählige Methoden, wie dies zu bewerkstelligen ist. In den letzten Jahrtausenden wirkten die Schamanen im Verborgenen, da in ideologischen Gesellschaftsstrukturen der Einzelne nur als Funktionär begriffen wird und nicht als schöpferischer Mitarbeiter des All. Daher kommt erst heute in der Wassermannzeit der entscheidende Schritt der Entwicklung des magischen Denkens: es gilt eine soziale Form zu entdecken, die ein Leben in der Öffentlichkeit im Einklang mit dem All ermöglicht. Den Ansatz hierzu finden wir im heiligen Achterkreis, der in der Altsteinzeit die Grundlage der lebendigen Gesellschaft in Raum und Zeit bildete, in der germanischen Überlieferung der Thing.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
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