Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

V. Magie · Das Tor des Südens

Der heilige Raum

Wie die acht Faktoren für den Menschen die Mitte konstellieren, ebenso wird für die Gemeinschaft durch die acht Himmelsrichtungen ein Rahmen geschaffen, dank dessen die Stimme der Gattung und der Geister, des Nagual, verstanden werden kann. Jede Himmelsrichtung hat eine andere Bedeutung in Entsprechung zu Chakra, Wesenheit und Zahl. Der Astrologe wählt die Stunde, den Tag und Monat als Tierkreiszeichen, um das entsprechende Thema zu verstehen. Das ist der Sinn des Wortes Rta, Ritus, Dinge raumzeitlich richtig auszuführen, sodaß sie bestimmte Qualitäten des Erlebens konstellieren.

D e r · h e i l i g e · R a u m

Seit der neolithischen Revolution wurden die Riten auf Liturgien umgemünzt, die die Heilsgeschichte eines Wegbereiters wiederholen. So bedeutungsvoll nun das Verstehen eines Avatars auch ist, letztlich muß jeder seine Brücke bauen. In der Fischezeit wurden Jupiter und Saturn zu den beiden Säulen der Gesellschaft als Bündnis von Altar, dem mütterlich sorgenden Prinzip der Kirche und Thron, dem väterlich gliedernden und belohnenden Prinzip. Die revolutionären Bewegungen in West und Ost, Amerika und Rußland haben diese hierarchische Struktur beseitigt, der Kommunismus sogar durch Wahl der beiden Symbole, Jupiters Hammer und Saturns Sichel. Damit sind die beiden Großhirnhemisphären aus der Tradition befreit und die laterale Gliederung der Noosphäre ist politisch vollzogen. Aber nun geht es darum, die sagittale wiederzufinden, die Vereinigung von Wollen und Inspiration, die nur der Einzelne in Zusammenhang mit anderen verwirklichen kann. Hierzu müssen die natürlichen sakralen Räume, der Thing, wieder geschaffen werden. In den Steinkreisen der Stämme war die Struktur noch verhältnismäßig rein, die Kirchen und Parlamente haben heute meistens den jenseitigen Bezug verloren; denn die Offenbarung ist jenseits aller Tradition und immer neu.

Wie die Zeit eine Qualität hat, so auch der Raum. Aus der Zeit, dem Tonal, kommt die Wahl der Thematik. Aus dem Raum läßt sich die Stimme des Nagual vernehmen. Hierbei ist es wichtig zu spüren, ob der gewählte Ort ein powerspot ist, der die Verbindung zur Erdmitte eröffnet, solche können dazu begabte Menschen entdecken.

Wenn der Kreis geschaffen ist, dann setzt sich jeder in die Richtung, in der er sich am wohlsten fühlt, oder nach jener Zahl, die ihm beim Fragen auftaucht, wobei 5, 10, 15, 20 nicht im äußeren Kreis sondern in der Mitte zu finden sind. Der Mensch sitzt mit dem Gesicht zur Mitte, wo sich der Nagual manifestieren soll.

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Im Osten sitzen jene, die die Vision des Augenblicks empfangen, die Künder, die das Neue bringen.
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Im Westen sitzen Menschen, denen es darum geht, die Inspiration verantwortlich zu machen. Bei den Indianern war es der Ort der Frauen, welche die himmlischen Inspirationen auf die irdischen Motive abstimmen sollen.
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Im Süden sitzen jene, die verstehen, wie sich Inspiration und Motivation in Wachstum, in eine Entwicklung verwandeln lassen, die den Menschen eine seelische Lebensmöglichkeit gibt.
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Im Norden sitzen die Weisen, die verstehen, wie sich die neue Tätigkeit in die Welt der bestehenden Strategien eingliedert.
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Im Südosten gilt es, das Neue an Hand der Geschichte und des Wissens zu prüfen, auch Wesen früherer Zeiten anzurufen, auf daß sie mit Rat und Bild zur Seite stehen.
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Im Südwesten ruft man die Naturgeister, die Kachinas, die Wesenheiten der Berge, Flüsse, der vier Elemente, um ihre Zustimmung und Leitung zu finden.
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Im Nordwesten wird die Intention auf die tatsächlichen Motive und Bedürfnisse, die Gefühle abgestimmt, und es werden Entscheidungen vorgeschlagen und durchgeführt, die den Einklang mit dem All verwirklichen.
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Im Nordosten werden die kulturellen und technischen Methoden die Formen der Aktualisierung festgelegt, die das Neue durchführen und da mit die Zivilisation bereichern.

Zu keiner Zeit waren diese Richtungen rein und kritisch vertreten, denn erst in der Wassermann Epoche ist der nagualische Weg allgemein zugänglich geworden. So haben in der Geschichte die verschiedenen Schamanen bestimmte Zuordnungen von Farben, Tönen, Verhaltensweisen und Himmelsrichtungen gewählt, die von der Urstruktur abweichen und für die kulturelle Verschiedenheit verantwortlich waren.

Da nun die säkularistischen Ideologien ebenso wie die noch bestehenden Religionen bürgerlich ausgerichtet sind und den Nagual nicht kennen, beziehungsweise nur seine Interpretationen durch die Brille ihrer Bücher akzeptieren, wird die beginnende Wassermannzeit in ihren Riten zuerst nur lächerlich gemacht, und es gibt viele Versuche, sie in die alte Thematik einzubeziehen. Neue Gurus entstehen, denen Menschen folgen, um die verlorene Abhängigkeit wiederzufinden — nicht als höhere südliche Kindheit, dem Gewinnen des Urvertrauens, sondern indem sie schlicht kindisch werden und glauben, alles Wissen sei in ihrem Meister verkörpert, auf den sie ihre ganze Verantwortung abladen.

Die Kriterien des Rades sind einfach, fast banal; es sind die Grundgesetze des Denkens, das jedem zugänglich ist. Jeder kann in seinem Hinterhof, in seinem Zimmer zu entscheidenden Augenblicken mit seinen Genossen einen Achterkreis bilden und damit den Zugang zur lebendigen Offenbarung eröffnen. Schon nach kurzer Zeit verliert sich die Angst vor der Lächerlichkeit, und es bildet sich genau jene Kommunion, die die Utopien in die Endzeit verlegt haben, die aber jetzt und hier zugänglich ist.

Die Art und Weise der Verwirklichung der Wassermannzeit wird infolge der geopsychischen Gliederung der Erde überall eine andere Form annehmen. Sie ist unangreifbar, wie Marilyn Ferguson in der Aquarian Conspiracy beschrieben hat, weil sie sich nicht horizontal durch Netzwerke organisieren läßt, sondern vertikal dort eingreift, wo Menschen den Mut haben. Ist es an einem Ort verboten, wird man es an einem anderen tun. Aber was es nicht gibt für eine Ideologie, kann auch schwer verboten werden. Und wenn die Ideologen irgendwo beginnen, den Nagual anzuerkennen, dann wandeln sie sich bereits zum neuen Bewußtsein; ihre innere Stimme wird Komplize dessen, was sie bekämpfen, wie es historisch das Beispiel des Paulus gezeigt hat.

Es gibt keine geistige Hierarchie auf Erden. Der Mensch war als Feuer, als Stein, als Pflanze, als Tier inkarniert, und in seinen verschiedenen Leben erreicht er keinen Aufstieg zur Vollkommenheit im saturnischen Sinn, sondern, wie Jung es so schön ausgedrückt hat, zur Vollständigkeit: erst wenn der größte Teil des persönlichen Horoskops besiedelt ist, wird die Mitte zum vertikalen Durchgangstor und zur Brücke vom Nagual zum Tonal.

Der neue Mensch ist alterslos im Sinne des Symbols des Wassermann der Amphora, die mit dem Wasser des Himmels die Erde befruchtet. Solche Menschen sind die Pfeiler der Welt, erkannt oder unerkannt. Es wird lange brauchen, bis daß die innere Ordnung die äußeren Ideologien gleich wie die Gerüste eines fertigen Bauwerks abwerfen kann, da die Abwerfenden nicht Dinge, sondern persönliche Menschen sind, die die Offenbarung von Gott und Welt plötzlich verstehen und damit das eigentliche Leben beginnen. Der Übergang von der Widderzeit bis zur Fischezeit hat siebenhundert Jahre gedauert, erst 520 n. Chr. wurde das Orakel von Delphi geschlossen.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
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