Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Magie der Chakras

5. Erde

Inkarnation

Die Chakras verlaufen von der Mitte nach außen im Rad. Die Funktionen und Bereiche verbinden die Mitte mit dem Osten, dem göttlichen Ursprung der Offenbarung. Doch äußern sie sich in jeder der acht Richtungen und erweitern die menschliche Existenz von der Merkwelt der Tiere und des unerwachten Menschen zur kosmischen Umwelt. Chakras bedeuten kosmisches Bewußtsein. Um dieses zu aktualisieren, gilt es die Klaviatur der Komponenten der Welterfahrung, des Tonal im indianischen Sinn zu begreifen. Sie wird über die vier Zwischenrichtungen zugänglich:


7
6
5
4
3

2
1
SW
Körper
Befruchtung
Polarisation
Organisation
Kreislauf
Stoffwechsel
GeburtAtmung
Sinneskoordination
NO
Empfinden
Sexualsinn
sprechen
tasten
hören
schmecken
-riechen
sehen
NW
Fühlen
Galaxie
Sonne
Planeten
Leben/Erde
Zelle/Molekül
-Atom
Quanta
SO
Geist
Zukunft
Gegenwart
Vergangenheit
Schlaf
Traum
-Reflexion
wachen

Alle vier Gebiete sind dem Wesen als Gegebenheiten zugänglich. Um zum Gewahrwerden im Osten vorzudringen, muß man körperlich den embryonalen Weg bis vor die Empfängnis zurückgehen. Die sieben Bewußtseinskomponenten entfalten sich bei der Inkarnation im Nacheinander.

7 Befruchtung, Geist. Das Wesen tritt zur Vereinigung von Same und Ei hinzu im Vorgang der Befruchtung. Auch jede spätere geistige Erkenntnis ist eine solche, weshalb auch das griechische Wort Gnosis sowohl Erkenntnis als auch Kopulation bedeutet; in der lutherischen Übersetzung: Adam erkannte sein Weib. So bedeutet auch das siebte Chakra Seligkeit und Orgasmus.

6 Polarisation, Seele. Die Chromosomen der elterlichen Anlagen verschmelzen miteinander; die Vereinigung des väterlichen und mütterlichen Prinzips in der Ödipussituation, von Mann und Frau bleibt das seelische Grundproblem, das nur durch Auseinanderhaltung der Gegensätze zu überwinden ist.

Beide Schritte, der geistige und der seelische, befinden sich außerhalb der Individualität.

5 Organisation, Körper. Aus der Urzelle bilden sich drei Keimblätter als Grundlage der späteren Dreigliederung Körper, Seele, Geist, und der Organismus entfaltet sich zu einem Gefüge selbständiger Systeme, die im labilen Gleichgewicht zueinander sind.

4 Kreislauf, Wollen. Der Herzschlag beginnt mit der Zirkulation, mit dem rhythmischen Wechsel von Diastole und Systole. Die Abstimmung aller Rhythmen aufeinander ist die Fähigkeit des vierten Wollenschakras.

3 Stoffwechsel, Fühlen. Stoffwechsel beginnt im Einklang mit jenem der Mutter; die Nahrung bleibt weiterhin der stärkste Trieb des Fühlens.

Nun kommt die Geburt, die die wache seelische Existenz von der schlafenden embryonalen trennt. Damit beginnt der körperliche Abbau. Alle Zellen werden nach 47 Teilungen sterben, nur das Genom bleibt für die Zeit des irdischen Daseins maßgebend. Die Geburt trennt die bewußte Entfaltung von der embryonalen Geborgenheit durch drei Schmerzschwellen:

  1. die Wehen, die in der aktiven Wiedererinnerung als Hölle erlebt werden, wie Grof berichtet.
  2. Das Ausstoßen des Kindes aus dem Mutterleib, einem Durchbruch vergleichbar und mit dem Fegefeuer gleichgesetzt.
  3. Das Aufreißen der Bronchien mit dem Urschrei, dem ersten Atemzug.

Die Erinnerung an diese drei Schmerzen bildet eine Schwelle, die den Menschen an die beiden letzten Bewußtseinsstufen des Denkens und Empfindens fixiert, bis er zur Einsicht kommt, daß der Weg nach innen zurück die zweite Geburt verwirklichen kann.

2 Atmung, Denken. Mit der Atmung beginnt die Assoziations­tätigkeit des Großhirns in Wechselwirkung zur Außenwelt, das Denken hat seinen Ursprung im ersten Schrei. Bis drei Monate nach der Geburt geht die neuronische Verknotung des Gehirns weiter, es bilden sich bevorzugte Assoziations­bahnen, die die Sinneskoordination vorbereiten.

1 Bewegung, Empfinden. Das Empfinden erwacht und bleibt der Schwerpunkt des Gewahrseins des Kleinkindes bis zu dem Augenblick, da die Sprache und das Denken die führende Rolle des Bewußtseins übernehmen.
Für die Zeit des Erlernens der lokalen Kultur bilden Empfinden und Denken, Ichbild und Sprachgewohnheit, eine Kugel, die das Wesen vertritt und die es später zu sprengen gilt. Sie kommt auf zwei Weisen zustande — mit acht Monaten erkennt sich laut Laborit das Kind das erstemal in einem Spiegel, wobei links und rechts verkehrt werden und damit eine falsche Vorstellung entsteht. Durch das Spiegelbild glaubt der Mensch sich ganz. Er erinnert sich ferner mit Hilfe des limbischen Systems an alle Situationen, die lustbetont waren, und vermeidet die schmerzlichen. So hat er eine Reihe von Ichstrategien, die einander im Tageslauf abwechseln können.

Die sprachliche Entwicklung als zweite Grundlage der Ichidentifikation hat vier Stufen:

Zuerst drückt das Kind affektive Laute aus, äußert Freude, Schmerz oder Wut, auch Zufriedenheit.
Die zweite Stufe ist die Erkundung des akustischen Milieus: es bewegt sich in der Schallwelt wie der Fisch im Wasser; vom Sehen her entspricht dies dem Kritzelalter. Je länger die Erkundung dauert, desto mehr Assoziations­bahnen werden dem Erwachsenen später zur Verfügung stehen.
In der dritten Stufe versucht sich das Kind über Laute verständlich zu machen. Hier treten Doppellaute auf: Mama, Papa, Miam-miam. Damit entsteht die Lateralisation, die funktionelle Teilung des Großhirns in linke und rechte Hemisphäre, Zeitwahrnehmung und Raumwahrnehmung, digital und analog. Ihre physiologische Ursache ist die Tatsache, daß die Nervenverbindung zwischen Kehlkopf und Ohr auf der einen Seite direkt ist, auf der anderen aber einen langen Weg um das Herz beschreibt, wodurch elektrochemisch eine Verzögerung der Gehörswahrnehmung um ein Zehntel Sekunde entsteht. Es ist die Basis zum stereometrischen Hören und die Voraussetzung zum grammatikalischen Denken, das Raum und Zeit, Hauptworte und Zeitworte, Subjekte und Prädikate trennt und verbindet.

Dies ist die vierte Stufe der sprachlichen Artikulation. Hier wird das Wollen zum Subjekt des Denkens und beginnt Ideen auszuwählen, sich für sie zu entscheiden. Zu der lateralen Richtung von rechts nach links tritt die sagittale von hinten nach vorne, vom Denken zum Handeln.

Sprachliches Denken erzeugt das Gedächtnis sowohl für das Wissen als auch für das Handeln. Sehr schnell verfügt der Mensch über ein Repertoire von Wissensinhalten und Verhaltensweisen, die ohne Bezug auf seine Motivation und den Körper zur Lebensart werden und nach den Worten Don Juans durch dauernden inneren Dialog aufrechterhalten werden. Je mehr einer diesen Gewohnheiten also dem Gedächtnis vertraut, desto größer wird seine Angst, wenn er verunsichert wird — welche Tatsache sich radikale Richtungen immer wieder zunutze machen.

Philosophisch bedeutet das Ichbild, die Beschränkung auf Sinnesdaten und Sprache, den logischen Positivismus, religiös das unglückliche Bewußtsein, das erst dann überwunden wird, wenn der Mensch den Einstieg in den Traum und das Fühlen, die rechte Hemisphäre wiedergewinnt.

Im Zustand des unglücklichen Bewußtseins gibt es kein wirkliches Subjekt. Daher behaupten die esoterischen Überlieferungen, der Durchschnitts­mensch lebe in einem falschen Traum, aus dem er erwachen müsse. Und wenn dazu der echte Traum nicht mehr seine positive ergänzende Rolle zur Aufrechterhaltung des mentalen Gleichgewichts als Voraussetzung des gewohnten Handelns spielen kann, sucht der Mensch die Ursachen seines Unglücks außerhalb seiner, in Umständen, Bedingungen, böswilligen anderen oder sogar bösen Geistern.

Daher gilt es zu erwachen, Empfinden und Denken aus dem Ichbild zu lösen. Das ist nicht einmal so schwer; tatsächlich sind die untersten beiden Chakras, Sexualität und Atmung, am engsten mit dem Körper verknüpft. Die falsche Einheit wird durchbrochen, sobald der Mensch sich in eine rituelle Situation begibt, in der er sich stärker geborgen fühlt als in seinen Gewohnheiten.

Es heißt zwar, daß ohne echte Verzweiflung sich keiner an die Überwindung des Traumas der Geburt wage. Aber tatsächlich lehrt die Erfahrung all jener, die sich mit Bewegungspädagogik beschäftigen, daß auch ohne existentielle Notlage oder Depression, einzig durch Erweckung der früher zitierten propriozeptiven Empfindungen der Zugang zum wahren Sein und zur echten Umwelt, zur Fülle der Erlebensmöglichkeiten eröffnet wird.

Die Voraussetzung hierzu ist die Erkenntnis der drei Weltbereiche, die dem Geist, dem Empfinden und dem Fühlen zuzurechnen sind und Aspekte des Körpers darstellen: also die Erfahrung des Nordostens, des Nordwestens und Südostens zum Südwesten hinzuzunehmen. Im Empfinden zeigen die Chakras sieben Sinne; im Fühlen sieben Weltbereiche verschiedener Größenordnung, an denen der Fühlende als Nahrung teilhat; und im Geist sieben Bewußtseinszustände, deren Gesamtheit nur aus dem wahren inneren Subjekt, der Aufmerksamkeit, gesteuert werden kann; ihr Licht erhellt abwechselnd Bewußtseinszustände, Sinne oder Triebe. Ich kann einen Gegenstand wie diese Schreibmaschine, auf der ich schreibe, vor den Augen wahrnehmen über die linke Hemisphäre, ich kann das gleiche Bild im Denken über die Vorstellung erzeugen, über das hintere Tor des Kopfes. Ich kann sie schließlich auch träumen oder imaginieren, das Bild der Schreibmaschine kann mir spontan einfallen — rechts. In allen drei Welten ist sie gleich gegeben.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Magie der Chakras · 1983
Urstimmung des Gemüts
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD