Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Magie der Chakras

5. Erde

Bewußtseinsträger

Aber wem kommt dies alles zu? Der Fähigkeit der Aufmerksamkeit des Gewahrwerdens, welches selbst mit dem Urgrund des All und Gott identisch ist. So ist die buddhistische Erleuchtung ein technischer Begriff; es gilt vom Bild zum Licht zu werden, vom Bewußtseinsinhalt den Akzent auf den Bewußtseinsträger zu verlegen.

1 / Muladhara

Die Sinneskoordination beruht auf der Beobachtung und hat ihren Schwerpunkt im Sehen. Dieses hat zwei Aspekte: Fokalisierung, gesteuert aus der Gegenhemisphäre des Auges, und periphere Vision aus der gleichseitigen Hemisphäre, die auf die Unendlichkeit zielt. Sobald die periphere Vision angejocht wird — wozu es viele Übungen und Riten gibt — kann der Mensch dem Ichbild entrinnen; etwa durch Achtung auf beide hochgehobenen Daumen, die mit ausgestreckten Armen langsam nach auswärts geführt werden. Wird beiderseits der Winkel von 45° erreicht, kann die Depression, die notwendig einen Fokus hat, nicht mehr wirksam sein. Ein anderer Ritus ist das Achten auf die Zwischenräume und Gegenformen anstatt der Gegenstände.
Wachen heißt beobachten, bildet eine lineare Beziehung zwischen Aufmerksamkeit und Gegenstand. Das Auge ist imstande, subatomare Energieeinheiten zu erfassen, wie das Photon, das sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt. Da das Bewußtsein nicht an den Körper gebunden ist, wäre es theoretisch durchaus möglich, andere Welten zu sehen, sobald man sich von der falschen Brille befreit, die das Augenmerk auf die Umwelt unserer Größenordnung beschränkt.
Sinneseindrücke, der Strahlungsenergie zugehörig, sind die stärkste wahrnehmbare Energie, als Nahrung dem Atem und dem Essen überlegen. Wer imstande ist, unassoziativ wahrzunehmen, dessen potentielle Energie wird gesteigert, seine Vitalität wird verstärkt.

2 / Swaddhistana

Die Atmung ist Träger des Denkens. Die Bronchialatmung ist geistig und dient dem Sprechen. Die Flankenatmung ist seelisch affektiv und die Bauchatmung ist körperlich regenerierend; alle drei müssen zusammenwirken.
Der entsprechende Bewußtseinszustand der Reflexion ist in Kommunikation zu verwandeln. Auch im Denken ist der Akzent auf das Mitteilen in Entsprechung zum Ausatmen zu legen, das Einatmen wie der Einfall geschehen von selbst.
Die Atmung als Nahrung ist atomar gesteuert, teilt die Luft in die Urelemente der Atome, ebenso gilt es im Denken auf die Urkomponenten des Wissens zurückzugehen und Meinungen als falsche Synthesen zu vermeiden. Im Vorgang der Atmung kann die potentielle Energie durch das Stillehalten im eingeatmeten und ausgeatmeten Zustand beliebig vermehrt werden, wie der indische Pranayama lehrt.
Das Riechen als Sinn ist Ursprung der Identifikation, der Bestimmung, unser Neokortex hat sich aus dem Riechorgan entfaltet.

3 / Manipura

Mit dem Fühlen kommen wir bereits in den Mutterleib, überschreiten das Trauma der Geburt. Der Stoffwechsel beruht auf Werden und Vergehen, wird schuldhaft erlebt, da Essen immer Töten bedeutet. Nach indianischer Überlieferung stimmt das getötete Tier seinem Tode als Opfer zu, um dadurch einen höheren Bewußtseinszustand zu erreichen.
Der Traum ist immer im kosmischen Stoffwechsel verwoben, zielt auf Integration des Brauchbaren und Ausscheidung des Nutzlosen.
Im Essen ist der Mensch der molekularen Welt zugeordnet: die Nahrung wird auf Moleküle — Kohlenhydrate, Fette und Proteine — heruntergebrochen, um verdaulich zu sein.
Der Geschmackssinn mit seinen vier Richtungen, bitter, sauer, salzig, süß, ist chemische Wahrnehmung, meistens vom Denken überlagert. Ich erinnere mich, daß ich erst mit siebzehn Jahren erkannte, daß mir Tomaten, die ich als Kind haßte, auf einmal sehr gut schmeckten.
Eine große Gefahr ist die denkerische Ordnung der Nahrung wie in weltanschaulich begründeten Diäten, die den Menschen an das unglückliche Bewußtsein fixieren. Jedes Essen müßte ein Fest sein, da es eine Todesfeier eines Wesens bedeutet; schlecht gekochtes Essen ist ehrfurchtslos.
Der Traum beherbergt die Wünsche, die Motive. So werden hier die Triebe bewußt. Tatsächlich ist das Fühlen die Schwelle zur Wiedergeburt: wer einmal Leiden gleichwertig mit Lust erachtet, weil er seinen Sinn versteht, hat bereits den Einstieg gewonnen.

4 / Anahata

Der Mensch bildet in seiner kosmischen Größenordnung symmetrisch genau die Mitte zwischen Molekül und Planet, Atom und Sonne, subatomarem Partikel und Milchstraße.
Sein Hören als Sinn des Wollens — gehorchen — ist auf diesen Bereich geeicht; die wahrnehmbaren Töne verlaufen zwischen 22m und 1mm Länge als Luftwellen. Der Bewußtseinszustand des Tiefschlafs ist das Tor zum Sein, zur Aufmerksamkeit, und bildet damit die Schwelle zur fünften Stufe der Körperlichkeit; die Asanas des Yoga, die Meditation nach der bewußten Atemrhythmisierung im Pranayama führt zur Stille und damit zur Entdeckung der Geborgenheit im Herzchakra.
Die Welt der Töne ermöglicht über das Gehör die Abstimmung aller möglichen Tätigkeiten im Rad aufeinander. Musik ernährt den Menschen ebenso wie Essen, Trinken und Atmung; er bedarf der bewußten Rhythmisierung, um verschiedene Abläufe willentlich motorisch zu koordinieren.

5 / Vishuddha

Das Körperchakra der Organisation aus den drei Keimblättern hat als Sinn das Tasten: die Notwendigkeit der Streicheleinheiten zur harmonischen Entfaltung des Kleinkindes ist erst jüngst bewußt geworden. Im Tastsinn kann man innerlich den Körper spüren, ihn verlassen. Aus Gründen der Symmetrie muß es möglich sein, mit dem geistigen Leib andere Planeten zu besuchen; diese astralen Reisen bilden zum Beispiel die Grundinitiation des Stammes der Pel in Afrika. Ist der Körper wie im Ritus des Yoganidra ganz bewußt und entspannt, dann kann der Geistleib sich trennen, und man erlebt zum Beispiel die Erinnerung an frühere Inkarnationen, wie ich es in meinen Buch Vom Eigensinn zum Lebenssinn geschildert habe.
Die entsprechende Bewußtseinsstufe ist die Vergangenheit. Der Körper enthält die gesamte Lebensgeschichte bis zur Gegenwart. Die Traumas als Abhängigkeiten von schmerzlichen Erlebnissen, da das limbische System die Wiederholung gestoppt und damit eine Kraftlücke geschaffen hat, sind durch Lösung der Verspannung, durch Geben aller Kraft an die Erde aufzuheben und zu integrieren. Rituell geschieht dies im Yoga und in ostasiatischen Kriegskünsten, dialogisch in der körperorientierten Therapie.

In der Inkarnation verlaufen fünf Stufen im Organismus der Mutter, die letzten zwei außerhalb, wodurch das falsche Ichbild oder die falsche Individualität entsteht. Im Aufstieg der Läuterung durch die Chakras sind fünf individuell bis zu Seele und Geist; die beiden letzteren sind von außen hinzuzunehmen, entsprechen physiologisch dem limbischen System und dem Großhirn.

6 / Ajna

Die Seele hat als Schwerpunkt die wiederholte Polarisierung der beiden Geschlechter in den drei Generationen der Eltern, der Erwachsenen und Kinder. Hier allein ist der Mensch Sonne und wird sich seines Wesens über das Sprechen bewußt. Die Bewußtseinsstufe ist die Gegenwart, nur in ihr gibt es seelische Beziehungen. Daher sind auch in der Gesprächstherapie vergangene Leiden zu vergegenwärtigen und damit zu erledigen.
Was immer wir sind, entstammt der Kraft der Sonne; nur durch sie entfalten wir ein Wesen als inhaltliches Sein. Die Planeten haben die Gefahr sich selbständig zu gebärden, wodurch viele Ichs einen Körper bewohnen. Nur auf den Himmel, den Geist bezogen, kann die Sonne ihre Heimstatt im Verein mit allen Sonnen des Universums finden.
Über 90 % des Weltalls befinden sich im feurigen Plasmazustand. So sind Erde und Planeten, wie Goethe sich ausdrückte, Pflanzstätte der Geister, in welchen die Seele mittels der Chakrenintegration im Bild des Horoskops ihre Bestimmung und Grundstimmung finden.

7 / Sahasrara

Das höchste innerkörperliche Chakra ist der Geist, die dauernde Befruchtung, im Bewußtsein die Dimension der Zukunft. Es gibt keinen persönlichen Geist außer der Disposition, bestimmte Aspekte des Heiligen Geistes, der Welt des Imaginalen, zu erfahren. Während das seelische Chakra durch Verantwortung und Lösung aller Abhängigkeit von Eltern und Vorbildern, Partnern und Kindern integriert wird, geschieht dies im Geiste in der Erkenntnis der Spirale der Milchstraße, des ewigen Aufstiegs und Mehrwerdens. Der Geschlechtssinn mit seinem Orgasmus ist der körperliche Einstieg zu jener Seligkeit, zur Freude des Bewußtseins, die alle Depression hinter sich läßt, weil sie immer als Hoffnung einströmt, sobald sich der Mensch der geistigen Befruchtung durch den Logos Spermatikos nicht mehr verschließt.

Die Öffnung des Muladhara geht zur Schwerkraft der Erde, die Öffnung des Sahasrara zum Licht des Himmels, in dem jeder Ort eine andere Vision, eine andere Intention und Aufgabe zugänglich macht. Die Mitte der Chakras ist dagegen im Wollen, im Anahata; nur aus der inneren Leere des Schlafes läßt sich die Fülle des göttlichen Wortes vernehmen und wird der Mensch der Überantwortung fähig. Alle unsere Visionen haben in der Welt des Imaginalen, des Himmels, einen Ursprung: im Bild des Großen Menschen, des Menschen im All, der uns die Vollendung als Gesamtschau zeigt. Die Chakras der Erde mit ihren vier Welten zeigen den Durchbruch zur Urkraft. Um des Urlichts teilhaftig zu werden, gilt es die Kriterien des Himmels zu verstehen, deren Urbild der Tierkreis als Bahn der Sonne und der Planeten anschaulich macht und aus dem sich die Möglichkeit der menschlichen Vollendung in der Zeit ablesen läßt.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Magie der Chakras · 1983
Urstimmung des Gemüts
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD