Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Magie der Chakras

6. Himmel

Phänomenologie des Tierkreises

Auf der Erde hat Licht die Richtung von oben nach unten, und Kraft von unten nach oben. Durch Vorstellung kann ich, wie die Inkaschamanen zeigen, einem Menschen Kraft geben, indem ich einen imaginalen Strahl durch seinen Körper aufwärtsführe; und ihm Kraft nehmen, indem ich den Strahl von oben nach unten lenke. Diese lineare Bewegung zeigt zwei Ausdrücke des Yin, die zusammen dem Yang der Drehung des Himmels um die Erde entsprechen.

Für das Bewußtsein ist der Geist der Himmel, Yang. Durch die Erddrehung gibt es zwei Richtungen: Drehung im Sinne des Tages von Ost nach West im Uhrzeigersinn, verleiht Kraft. Drehung im Sinne der Erde von West nach Ost nimmt Kraft und gibt dadurch Licht. Nordamerikanische Schamanen und chinesische Meister können im Kampf einem anderen durch rechtsläufige Drehung der Arme Kraft geben, durch linksläufige Kraft nehmen. So gibt es Yang und Yin des Yin’s in der linearen Richtung, wo die Chakras vertikal zu verstehen sind, und Yang und Yin des Himmels, wo Rechtsdrehung und Linksdrehung gegensätzliche Wirkungen zeitigen.

Das organische Bewußtsein hat sieben Komponenten. Von der Erde, dem Körper aus gesehen, folgen sie einander additiv. Vom Himmel, dem unendlichen Umraum der Erde aus, vereinen sie sich multiplikativ zu zwölf Inbegriffen, die die gemeinschaftliche Welt des Menschen prägen. Hierbei verlaufen Körper, Seele und Geist, die Bereiche rechtsläufig; ihre Richtung gibt Kraft als Hingabe für die anderen. Die Funktionen wollen, denken, fühlen und empfinden sind linksläufig, geben Verstehen und Licht.

Sonne und Mond — die stärkste Beeinflussung durch Licht von der Sonne, durch Kraft vom Mond — haben für das Auge die gleiche Größe. Der Mond kann die Sonne verdecken. Die Kreisläufe von Sonne und Mond gliedern den menschlichen Zeitrahmen des Tages in zwölf Doppelstunden, den des Jahres in zwölf Monate, den des menschlichen Lebens in zwölf Siebenjahresabschnitte — in dessen Verlauf sich alle Körperzellen erneuern — und den der Entwicklung der Menschheit im Weltenjahr, im Maßstab der Präzession des Frühlingspunktes rückläufig um den Tierkreis — in zwölf Zeitalter, wobei wir gegenwärtig am Beginn des sechsten Zeitalters im Zeichen des Wassermann stehen.

Vom Körper her bestimmt das Licht die Art und Weise, wie die Vorstellung Bewegungen lenken kann und ihre ruckartigen Elemente in kontinuierliche Abläufe verwandelt. Vom Geist her zeigt das Licht die mögliche Vollendung der menschlichen Zivilisation. Der Tierkreis ist eine Projektion der Bedeutung der Organe und Verhaltensweisen auf die Umwelt und gliedert sich dieser ein oder über, wie die Atmosphäre die Erde umgibt. Daher verwandte Teilhard de Chardin den Begriff der Noosphäre, um die menschliche Zivilisation als Gehirn der Erde zu bestimmen.

Die vier Sonnenorte des Sonnenaufgangs oder Aszendenten im Osten, des Mittags oder Medium Coeli im Süden, des Sonnenuntergangs oder Deszendenten im Westen, oder der Mitternacht, der Imum Coeli im Norden, teilen die Bahn der Sonne und der Planeten, die flächig als Rahmen der Seele verläuft, in vier Quadranten von je drei Feldern oder Doppelstunden.

Dieser Kreis ist das Bild des Menschen im All; jedes der Felder des Tierkreises zeigt eine eigene Tendenz zur Vollendung, eine eigene Aufgabe. Wir wollen diese zuerst linksläufig im Kreis des Jahres schildern, wie sie die Vision des Menschen von oben nach unten vollenden, gleich wie wir die Chakras körperlich im Sinne der Inkarnation interpretierten.

Die Inbegriffe entstehen durch Verknüpfung von einer Funktion und einem Bereich; das achte — Gewahrwerden — bestimmt den gesamten Kreis von der Mitte aus in der Verbindung nach Osten. Die Hälfte des Organismus des Menschen im All von der Kopfesspitze bis zu den Hüften ist unter dem Horizont, dem Nachtbewußtsein zugänglich, und die zweite Hälfte von der Hüfte bis zu den Füßen bestimmt den Tag. So gliedert sich der Bewußtseinsrahmen in eine intime Nachthälfte und eine öffentliche Taghälfte. Der Westpunkt ist das Bewegungszentrum des Körpers, im Ostpunkt stoßen Füße und Kopf zusammen, so daß der Mensch im All die Vertikale des Körpers zum Kreis biegt: der Osten ist das Tor zu Tod und Unsterblichkeit.

Der Tierkreis wird als Rad verständlich: die beiden Erfahrungen von rechtsläufig und linksläufig werden durch gegensätzliche Sinne erlebt.
Licht ist elektromagnetische transversale Schwingung und wird vom Bewußtsein empfangen. Kraft ist gravitationelle oder tonale longitudinale Schwingung und wird vom Körper gestaltet.
Jedes Atom nimmt über acht Richtungen Lichtenergie auf. So ist der Lichtkreis der äußere des Rades und zeigt die Verbindung zum All. Alle Materieschwingung dagegen ist zwölffältig, weil nur in diesem Rahmen alle Monade in Resonanz treten können. Dies veranschaulicht der innere Kreis des Rades. Die Felder zwischen beiden Kreisen bestimmen den Kreis der seelischen Entfaltung zwischen Licht und Kraft.

Die traditionelle Philosophie litt an zwei Mängeln. Einerseits vereinfachte sie die Welt zu sehr über den gesunden Menschenverstand, nahm zu wenig Elemente an. Andrerseits traf sie eine unberechtigte Unterscheidung zwischen Geist und Materie als Verstehensgrundlage, welche schließlich die Mehrheit der Menschen im unglücklichen Bewußtsein fixierte. Alle Gegebenheiten haben einen körperlichen, einen seelischen und einen geistigen Aspekt.
Die Energie des Lichtes wird über das innere Sehen, die Vision bewußt, welche die Grundlage der Raumvorstellung in der rechten Großhirnhemisphäre bildet.
Die Energie des Tones wird über das Ohr bewußt, das die Zeit über die linke Hemisphäre gliedert. Die Zeit bildet den geschlossenen Kreis, wird also im Tierkreis verräumlicht, auf jedes Ende folgt ein neuer Anfang. Raum dagegen ist von der Mitte aus in die Unendlichkeit gerichtet. So ist der innere Kreis des Himmelsrades der zwölffältige Tonkreis des Quintenzirkels und der äußere Kreis der achtfältige Lichtkreis des Sonnenspektrums. Beide werden phänomenologisch über hören und sehen zugänglich, und bestimmen die Struktur des Rades.

Zeit ist regelmäßig. Um ihren Sinn als Dauer zu integrieren, muß man sich ihr eingliedern. Raum ist unregelmäßig und kann nur durch Arbeit auf den Menschen bezogen werden. Zeiterleben hat seine Grundlage für die Seele im Gesetz der Töne, das sich zweifältig begreifen läßt: arithmetisch durch die Obertöne und Untertöne, geometrisch durch die temperierte Stimmung des Quintenzirkels.

Bringt man eine lineare Saite oder Luftröhre in Schwingung, so erzeugt sie im Nacheinander folgende Tonreihe:

1
c
c
2
c
c
3
g
f
4
c
c
5
e
as
6
g
f
7
x
x
8
c
c
9
d
b
10
e
as

Obertöne
Untertöne

Bei der Saite schwingt zuerst der Grundton der Breite nach, dann die weiteren der Länge nach; es ergibt sich eine Profilierung der Schwingungsknoten. Bei einem kreisförmigen Klangkörper wie einer Glocke treten die Untertöne hinzu: einmal der Umfang, zweimal, dreimal usw. Die entstehenden Tonwerte sind erfahrbare Qualitäten. So zeigt die Saite gleich der menschlichen Luftröhre im Verhältnis zum Stimmwerkzeug die Gesetzlichkeit des Yin, der Erde, und die Glocke als Kreis die Gesetzlichkeit des Yang, des Himmels.

Oktave ist Gleichklang: 1 2 4 8 16… bilden die Identität. Zu ihr muß der zeitliche Sinn zurückkehren.
Der dritte Ober- und Unterton, die Quinte, kehrt erst nach zwölf Schritten zum Grundton zurück, wobei sie einen Raum von 84 Halbtönen umfaßt. Die Quarte, als Intervall zwischen drittem und viertem Schritt, kehrt ebenfalls nach zwölf Schritten, aber über 60 Halbtöne zurück; die große Terz innerhalb einer Oktave nach drei Schritten, die kleine Terz nach vier Schritten, die große Sekund nach sechs Schritten, die kleine Sekund nach zwölf Schritten, und der Triton, c-fis, nach zwei Schritten. Dieser Tonrahmen ist die einzige Möglichkeit, zum Grundton zurückzukehren. Daher bildet er den Rahmen zum Bewußtwerden aller Vorstellung, aller Visionen.

Die Intervalle haben eine gewisse Toleranz, die durch die verschiedene Größe der beiden Ganztonschritte 9/8 und 10/9 bestimmt werden. Hieraus entstanden in der europäischen Musik die Kreuz-B-Tonarten. Dazwischen liegt die temperierte Stimmung mit geometrisch auf den Triton, das Verhältnis 2 zu 1, abgestimmten Intervallen. Die Toleranz bildet den Rahmen der Resonanz, der willensmäßigen Vereinigung zweier Impulse im Sinn. Der einzige Ober-Unterton, der nicht in die Stimmung paßt, ist der siebte, der in der Luft nur stehende Wellen erzeugt und dem Wechsel von Energie in Masse zugrunde liegt. Ihm kommt für die Chakras eine besondere Rolle zu. Er gliedert die Saite in sieben Abschnitte und teilt die Oktave in fünf gleiche Teile. Ich habe zu seiner Erzeugung und Erforschung eine elektronische Orgel erdacht, deren Konstruktion und Wirkweise am Ende des Buches geschildert wird.

Die Farben, die wir wahrnehmen, sind nun aber nicht die Lichtfarben, sondern deren Reflexion; selbst der Regenbogen reflektiert das Sonnenlicht. Alle Pigmentfarben lassen sich mechanisch durch die Mischung der drei Grundfarben blau, gelb und rot erzeugen, womit ein zwölfstufiger Farbkreis entsteht. Gegenfarben des Lichts erzeugen weiß, Gegenfarben der Pigmente grau. Das im Regenbogen fehlende Purpur wird als Gegenfarbe von dem Blattgrün der Pflanzen als Vereinigung von violett und rot aufgenommen, was den Kreis in der Absorption der Lichtenergie schließt. Bei Tier und Mensch ist der Purpurkörper die Grundlage der Farbwahrnehmung des Auges. So sind die Felder des Rades farbig zu verstehen und die Abstände tonal.

Der Stimmungskreis ist der Rahmen aller Töne, wodurch sie miteinander in Beziehung treten können. Töne sind raumzeitlich zu begreifen von der Schwingung und vom Maß her. Die Folge steht im reziproken Verhältnis: bei den Obertönen bedeutet halbe Saitenlänge doppelte Schwingung, ein Drittel der Saite dreifache Schwingung, bei den Untertönen ist es umgekehrt. Der wahrnehmbare Ursprung ist die Saite, der Kreis der Stimmung ist zu konstruieren. Bei den Farben ist das phänomenologische Modell der Veranschaulichung die Erde selbst im Verhältnis zum Himmel. Der Nordpol sei weiß, der Südpol schwarz. Dazwischen verläuft die Grauachse. Die Farben innerhalb der Kugel sind trüb, auf der Oberfläche klar. Der Äquator bestimmt die Farben gleicher Helligkeit. Doch jene mit höchster Intensität sind gleich dem Tierkreis um ein Sechzehntel zum Äquator geneigt: im Regenbogen ist gelb heller als violett. Diese Neigung bestimmt im pflanzlichen Leben die Farben des Licht. Kehre ich das, Verhältnis um, so daß gelb dunkler wird als violett, so zeigen sich die Farben des Todes, der Zersetzung. So trägt auch das physikalische Licht auch in sich den Charakter der fordernden Vision und ist auf Schönheit gerichtet.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Magie der Chakras · 1983
Urstimmung des Gemüts
© 1998- Schule des Rades
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