Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Magie der Chakras

8. Zahl

Nagualfeld

Als Künder ist der Mensch im Paradies verwurzelt und hat Teil an jenen Fähigkeiten, mit denen das Leben wirkt. Die Gegenachse des Nagualfeldes ist die Einheit, von 1 : 1 zu 10 : 10, welche die Erdmitte einnimmt. In Entsprechung zu dieser Einheit sind die Schwerpunkte der magischen Wirkweisen, die durch die Quadratzahlen bestimmt werden, die mittlere Diagonale des Chakrenfeldes, denen zufolge die Materie sich bildet. Die Zahlen 1 4 9 16 25 36 49 sind innerhalb der Materie und des Körpers, 64 81 und 100 außerhalb. Manche Kulturen haben diese Zahlen als Felder einbezogen, so der I Ging die 64, der Tao Te King die 81, und die Sufis die 100 Gottesnamen. Doch als Fähigkeiten, die den Menschen auszeichnen, der zum göttlichen Urgrund und zum Zusammenhang mit dem All durchstieß, sind sie Beschreibungen einer Seinsweise, die in allen Kulturen Kennzeichen der Heiligen war.

1. Sehen · Erleuchten

Einmal erlebte ich einen Blick Gurdjieffs: es war, als ob flüssiges Gold von seinem Auge zu mir herüberflösse, und brachte mir unsagbare Freude. Hiermit war eine Beziehung von Sein zu Sein unmittelbar geschaffen. Von Ramana Maharshi wird berichtet, daß er sich dieser Wirkung seines Schauens nicht bewußt war und sie trotzdem eintraf. Sehen ist der Beginn der Offenbarung, in der Erleuchtung wird das Auge vom Empfänger zum Sender. In der Nagualreihe der Planeten im Süden ist die Sonne der Träger der Verklärung. In den Großskulpturen Europas der Altsteinzeit wurde das rechte Auge als Sonne dargestellt oder leer, nicht schauend sondern erleuchtend; der Liebende, der die Geliebte sieht, schafft ihr den Durchbruch zum Inbild. Erkennen wie ihr erkannt wurdet heißt es in der Bibel.

Magie ist nicht zu erlernen, sie ist zu tun, verlangt mehr ein Lassen als ein Bedenken oder Beabsichtigen. Alle Versuche, die magischen Fähigkeiten, die die Inder Siddhis nennen, bewußt und methodisch in einer Reihenfolge zu integrieren, müssen scheitern. Denn jede Wiederholung ist unmöglich, das Göttliche offenbart sich immer aus einem unbekannten Winkel. Nur mathematisch ist ihr Verhältnis zueinander zu erkennen. Jemanden anschauen, indem man ihn gar nicht sieht, sondern wo durch das eigene Auge das ursprüngliche Sein hindurchblickt, enthüllt ihm sein eigenes Wesen; fortan hat er das Urvertrauen und weiß, daß Freude sein Wesenskern ist.

In vielen Überlieferungen ist das Dabeisein bei einem Heiligen die erste Initiation, und erst nach langen Vorbereitungen werden die Adepten persönlich zugelassen. Aber die Vorbereitung nützt nicht wirklich, viel wesentlicher ist die Sehnsucht im Menschen, die meistens dann durchbricht, wenn eine Verzweiflung die trügerische Sicherheit des Angepaßtseins entlarvt hat. Nur aus der Null in Gurdjieffs Worten dem Erleben der eigenen Nichtigkeit — wird der Zugang zur Eins gewonnen.

4. Gestalten · Venus · Erschaffen

Venus der Morgenstern ist das große Glück. Wer im Gestalten zum Erschaffen kommt, freut sich über sein Werk, so wie es vom jüdischen Gott nach Beendigung des Sechstagewerkes berichtet wird.
In der Tradition des Handwerkers kann der Meister nicht mehr als der Geselle, sondern hat Fortuna. Der erleuchtende Blick gibt Vertrauen in das eigene Feuer, die eigene Seinskraft jenseits des Stirb und Werde. Das Glück beim Werk, daß einem immer das rechte Ding zur rechten Zeit zukommt, daß die Gelegenheit erscheint, hängt damit zusammen, daß die Erde selbst einem hilft. Man versteht das Gesetz der Oktave, daß 1 und 2 immer identisch sind und die mathematischen Formen den Inhalt schaffen, sobald die Ichlosigkeit erreicht wurde — die Selbstvergessenheit.

Auch der Atem kann plötzlich diese Einstimmung bringen, ebenso wie die Erleuchtung auch durch das Öffnen anderer Sinne erzielt werden kann, wie das Hören aller Geräusche, das Spüren aller Geschmäcker. Für den echten Künstler ist sein Organismus Teil der Wirkkräfte, er vergißt sich in der Vollendung der Handlung und des Spieles. Die Erde schafft durch ihn hindurch, und damit erschafft der Mensch — erschaffen nicht als Umorganisation des Gegebenen, sondern als Verkörperung eines neuen lebendigen Geistes — einer jenseitigen Wesenheit ihre tonalische Gestalt.

Gurdjieffs erklärte, wahre Kunstwerke hätten eine größere Lebendigkeit als ihr Betrachter. Die Dinge selbst können den Menschen in eine höhere Bewußtheit führen, wenn sie von echt Wissenden gestaltet wurden. Dieses Wissen ist nicht mehr Strategie des Denkens, die vom Ich ausgeht; es ist Leben in Form des Wissens. Der Erschaffende kann gar keine falsche Handlung setzen, denn sein Organismus ist Teil der webenden Natur geworden, wobei die Teilnahme nur durch die Freude im Vollzug des Erschaffens spürbar und erkennbar ist.

Durch den Schriftsteller sprechen die Geister, der Bildhauer befreit eine mögliche Gestalt aus dem Stein, der Koch spürt wie sein Gericht gedeiht. Das Charisma des Erschaffenden ist einerseits selbstverständlich, andererseits durch Methoden unerreichbar. Lernen bezieht sich nur auf bestmöglichen Gebrauch von Gliedern und Werkzeugen; das Leben aber wirkt durch diese hindurch und das Wesen ist der lebendige Zeuge — im Eins des Sehens, im Vier des Erschaffens. Denn nur in der Allverbindung, im Sein ist der Mensch Gott gleich.

9. Zelle · Heilen

Das jupiterische Heilen der Medizin bedeutet erfüllen, gesunden, fähig zu werden, im Gegebenen wieder zu funktionieren. Das Heilen im Sinne des Heilands, des Geistheilers, bedeutet Eintritt in die Teilhabe. Gefühle werden nicht mehr als Ausgleich oder innere Signale erlebt, wenn ein Mangel besteht, sondern offenbaren die Sehnsucht, die bis auf den Urgrund durchwirkt.

Wiederherstellung, Rekonvaleszenz, ist das Gegenteil der nagualischen Heilung, die alles Gefühl zur Liebe werden läßt. Man lebt wie in einem Meer, so daß Werden und Vergehen wie in der Wollust im hin und her, in Sehnsucht und Befriedung, den Urrhythmus erlebt. Existenz ist Welle, Dankbarkeit gegenüber den Wesen, die für uns sterben, um uns Leben zu geben, ein Teil des eigenen Zugangs zur Süßigkeit des Sterbens. In Eins ist das Sehen die Erfüllung, in Vier das Erschaffen, in Neun die Rückkehr zum eigenen Gesetz im Stirb und Werde, in Hingabe und Annahme. Beides ist gleich schwer zu erreichen. Die Mittel der Heilung, ob allopathisch, homöopathisch, energetisch oder worthaft, kämpfen den Weg zum molekularen Schlüssel des eigenen Wachstums, dem Genom wieder frei. Zwischen Placebo, Medikament und Beschwörung ist kein wesentlicher Unterschied, da in allen Fällen der Mensch selbst den Durchbruch erreicht und sein Nabelchakra sowohl das Vertrauen in den guten Willen des All, als auch in das Gesetz von Werden und Vergehen wiedergewinnt.

16. Tier · Intuition

Das Wollen, das dem Denken dient, die Willkür, ist der Grund des Gefangenseins im unglücklichen Bewußtsein. Im Herzen gilt es das Tier wiederzufinden, dessen Rolle der Mensch in der Zivilisation als eigene Ökonische im Zusammenhang mit der Erde verkörpert. Das Wort Spezialist, heute Verhärtung des Denkens, bedeutete bei seinem Erfinder Thomas von Aquin, daß jeder berufen sei als Individuum gleich einer Tiergattung an der Erde mitzuwirken.

Intuition heißt ursprünglich geometrische Anschauung, Vision im rechten Gehirn, gesteuert aus der geometrischen Fähigkeit des Denkens. Wird die Intuition auf die Kombination bekannter Elemente angewandt, so verliert sie sich im nutzlosen Spiel. Auf das Ganze dagegen gerichtet vermag sie, hinter die Triebe und Erwartungen des dritten Chakras zu treten.

In Krisenzeiten, wenn das Subjekt der Tiefe aus seiner Zuschauerrolle erwacht wie während eines Unfalls, wird die Intuition zugänglich, immer ist sie auf das Verhalten im Ganzen gerichtet. Die Strategien der Gestaltung, wie reich sie auch sein mögen, sind nur auf das Zuhandene eingestellt. Sowohl durch die Ruhe der Meditation als auch durch die Überanstrengung im Sinne Gurdjieffs kann der Durchbruch erzielt werden, wobei die Intuition nicht das Denken der Strategien ersetzt, sondern ergänzt; die Intuition ist Yang, die Strategie Yin, weil sie immer Antwort auf etwas Gegebenes ist.

Don Juan sagt: Wirkliches magisches Wollen entsteht dann, wenn keine Wahrscheinlichkeit zu einem Erfolg mehr da ist. Jeder hat das erlebt, aber daran zu glauben hindert einen sowohl die Angst als auch der Consensus der bürgerlichen Bewußtheit, der alles auf Leistung und Tüchtigkeit zurückführen will. Niemand ermangelt der Intuition; die hunches des Geschäftsmanns gleichen der Nase des Schriftstellers, der genau das Buch findet, welches ihm die nötige und sinnvolle Information gibt.

Das Glück einer Gemeinschaft hängt von der Anerkennung der Intuitiven ab; haben die Experten das Sagen, dann ist der Tod nicht weit. Wenn nichts Neues mehr geschieht oder möglich erscheint, wird der Zerstörungswille übermächtig, wie bei den Tierarten, die sich zu sehr vermehren; Kriege bei unbewußten Menschen sind vergleichbar der Selbstzerstörung der Lemminge.

Die Einheit von Mensch und Tier ist im jüdisch-christlichen Denken verloren gegangen. Durch Bonifatius wurde die Dreieinigkeit des Nordens entheiligt, Odin, Thor und Freya; die Weisheit des Raben, die Heiligung des Hammers oder des Handwerks als Weg und die Einstimmung in die kosmischen Jahreszeiten wurde verdammt. An ihre Stelle wurde eine Liturgie, eine kulturelle Geschichte gesetzt. Aus Odin kommt die Verkündigung der Sprache; aus Thor der Wille, bewußt den Einklang aller Werkenden zu finden, und aus Freya die Ehrfurcht vor der Zeit, die gläubige Annahme der Intention, die immer im Einklang mit der Motivation der Erde zu vollenden ist.

25. Kleinhirn · Berufen

Der Mensch ist das sprechende Tier, dessen Ökonische dauernde Entfaltung und Entwicklung im Lernen verlangt. Das Reptilhirn zusammen mit dem Kleinhirn kann eine unendliche Anzahl von Bewegungsrhythmen, von Tasteinheiten speichern und zur Verfügung stellen, die dann über das Wort, die Artikulation, Träger des Wirkens werden.

Wu Wei, wirken ohne zu streiten: jeder ist als Mensch dem anderen Freund, die Strategien schließen sich im Werk zusammen. Im Kreis zusammenkommend wird die Mitte erreicht und Luzifer zum echten Lichtträger, der seine Vision erkennt und verwirklicht.

Wirken ist Einklang mit der Zeit. Der Tanz, die gemeinsame Bewegung, ist Ursprung der menschlichen Gesellschaft. In Afrika tanzen die Menschen ihren Zusammenhang mit den Tieren und im vierten Chakra erfährt auch der Mensch im Herzen seinen Tierfreund, der ihm hilft, aus seiner Weisheit seine Rolle in der Zivilisation zu finden.

Doch im Reich des Menschen — das Reich im Sinne des Heiligen Reiches oder Gottes Reiches des Vaterunsers — ist die Vollendung jedes Menschen das Ziel, nicht der gemeinsame materielle Wohlstand; wird dieser zur allgemeinen Absicht, so verkümmert der Einzelne. Weder Weltrevolution noch Wachstum noch Traditionstreue noch Lebenserleichterung durch bessere technische Bedingungen können die Menschenwelt, das Netzwerk der Erde als Noosphäre, verwirklichen, sondern nur jeder Einzelne, der guten Willens und imstande ist, seine Intentionen anderen verständlich zu machen, so daß sie sich zum gemeinsamen Wirken vereinen.

Wo immer eine neue Bewegung begann, riß sie gegen jede Wahrscheinlichkeit alle mit wie beim Propheten Mohammed. Sind die Menschen zu verhärtet, das Wort der Künder zu hören, dann tritt die Dunkelwaltung in Kraft wie in den letzten Jahrhunderten, und Bewegungen entstehen nur in Richtung auf Zerstörung. Aber heute im Beginn der Wassermannzeit ist diese zuende und die Wachstumsrolle des Menschen, die Abstimmung aller Tätigkeiten aufeinander, wird bald fähig sein, dem Menschen seine positive Rolle im Weltganzen zurückzugeben, die er seit dem Sündenfall der neolithischen Revolution verloren hat; als Umweg bringt sie den Menschen zum großen Wirkeinklang zurück.

Ein Wirkender als Berufener im chinesischen Sinn kann dem anderen seine Berufung eröffnen, seinen Namen geben, aus dem er mitwirken kann. Als Mensch ist er ein Bestimmter, ein Für-sich-sein, das im Wandel besteht und jeden als Freund fördert, der die falsche Sicherheit des Besitzes, des Wissens oder der Angepaßtheit hinter sich läßt.

Die Handwerksfahrten des Mittelalters, die Herrentour der Ritter, die Prüfungen vor der Priesterweihe waren symbolische Vorwegnahme dieser Initiation. Die Brüderschaften aller Religionen haben das esoterische Wissen durch die dunkle Zeit bewahrt; doch oft sind auch sie in die Verhärtung der falschen Magie gefallen, die glaubt, daß das Ritual notwendig die Wandlung mit sich bringt. Der Mensch ist nur öffentlich geistig. Nur wenn er bekennt, wozu er steht, dann kann er an der Wirkung ermessen, ob er die Wahrheit in seinem Wirken hat oder der Zerstörung dient; er hat seine Berufung gefunden.

Die esoterische Überlieferung, daß niemand einem anderen schaden kann, sondern nur sich selbst, ist schwer einzusehen. Doch was immer mir passiert, kann nur durch mich einen Sinn gewinnen, nicht durch die Tatsachen; durch den Sinn, den ich erfasse und in die Tat umsetze. Das Tier hat in dem Instinkt seine Steuerung; die Intuition ist für den Menschen nicht sein Wesen, sondern eine Hilfe. Das Gespräch mit den anderen, wie es die heutigen Postulate der geistigen Demokratie erfordern, das dauernde sich-Stellen und nie auf Vergangenem beharren wird sich in der kommenden Zeit durchsetzen, weil angstgeborene Strukturen wie die Feindbilder in Ost und West nicht mehr der heutigen Entwicklungsstufe der Menschheit entsprechen.

36. Inbild · Jupiter · Aufgabe

Aus der Welt der Geschichte und der Ahnen entspringt das eigene Inbild. Es bestimmt die Eingliederung in das morphogenetische Feld, dem Anknüpfen an jenen, die einen wesentlichen Beitrag zum Werk geleistet haben, die irgendwo historisch wirksam wurden. Wer keinen Namen sich erwarb, gehört den Elementen an, sprach Goethe. Aber wiederum kann ein Mensch einem anderen den Zugang zu einer Aufgabe, einem überpersönlichen Wirken eröffnen, wenn er Durchgangstor der Ahnen wird.

Das persönliche Feuer der Erleuchtung ist der Blick, der befreit; das kollektive Feuer ist die Welt der Ahnen, der Geschichte, die bis heute weiterwirkt und ihren Zusammenhang mit Gott hat als jenem Sein, das alles in Harmonie versetzt. Der Tote, der sich mit seinem bisherigen Leben identifiziert und nicht mit seinem Licht, seiner Sonne, aus der allein er wirken kann, gehört nicht der Geschichte zu. Er wird ein böser Einfluß, mag andere in den Zustand der Besessenheit versetzen.

Die einfachste Weise der Befreiung eines Toten im Süd-Osten ist, ihm zu sagen, daß er sich umdrehe und die Menschen auf der Erde verlasse, wobei natürlich auch der irdische Mensch die Sehnsucht nach seiner Gegenwart aufgeben muß. Manche wollen aus ihrem Leiden nicht heraus. Auch ein negativer Zugang zum Nagual ist eine Intensivierung, der entsprechende Mensch mag daher durch einen Exorzismus bewegt werden, sich eine Aufgabe zu suchen, oder eine solche durch einen Schamanen zu finden; eine Aufgabe, deren historische Wichtigkeit die wachen Wesen des Jenseits anspricht und ihre Hilfe auf die Erde bringt.

Die Sheldrake’sche Formulierung des morphogenetischen Feldes trifft den Zusammenhang besser als die europäischen Theorien des Karma, die eine Schuld zum Ansatz nehmen. Jede historische Wirklichkeit hat ihre Möglichkeit. Wie ich meine Eltern sehe — der tonalische Aspekt der Seele, die Notwendigkeit der Vereinigung des väterlichen und mütterlichen Erbes — bestimmt mein augenblicklich höchstes Inbild. Achtung finde ich nur durch das, was ich für andere tue. So ist das Exorzieren der Yin-Aspekt des Impulses 36 und das Erkennen der tatsächlichen Aufgabe der Yang-Aspekt.

Das Finden solcher Aufgaben gibt es heute nur noch als mythische Erinnerung, wie bei der Tafelrunde König Arthurs. Dieses Rittertum wird oberhalb der banal technischen Existenz wieder entstehen, sobald das bürgerliche Vertrauen in die geschriebene und damit zufällige Geschichte durch echte Anknüpfung an die verstorbenen Freunde ersetzt wird. Eine Berufung ist ein Können, eine Aufgabe ist eine Leistung. Beides verlangt eine Öffnung und daher ist es notwendig, daß der Einzelne in einer neuen Art des Lernens sich vorbereitet, seine Aufgabe zu empfangen und das Vertrauen findet, daß es sie gibt. In der Tafelrunde König Arthurs war es der Schamane Merlin, der die Aufgabe erkannte und zugänglich machte; ein Mann ohne öffentliche Macht.

49. Zukunft · Maieutik

Im Yoga ist das Öffnen des siebten Chakras eine Begnadung, ein Samadhi, der spontan auftritt. Diese Befreiung bedeutet die echte Zukunft zu bestimmen, die Ergänzung der Lage, in der man sich befindet, aus dem Nagual zu erfahren. Drogen schaffen oft eine falsche Zukunft, vor allem der Alkohol des Trinkers zeigt einen Traum, der mit der sozialen und persönlichen Wirklichkeit nichts zu tun hat.

Maieutik, Geburtshelferkunst im Sinne des Sokrates, beginnt damit, die Vorstellungskraft in ein Tor zu verwandeln, das zu den Naturgeistern führt. Diese helfen einem konkret das Dharma zu entdecken, indem sie die averbalen Traumvisionen vermitteln, die zum Ansatz einer Befreiung werden können. Die im Anfang gelenkte Vision — Vorstellung einer Höhle in der ein Naturgeist Antwort gibt, wenn man ihn fragt — wird dann zur Lösung, wenn der Mensch auf die Antwort hin handelt.

Traditionell war die Voraussetzung der Suche nach der Vision oft ein Fasten oder ein Ritus, der die Herkunft überwindet und fortan einen neuen Weg als verpflichtend anerkennt. Dharma ist nicht vorgegeben, es entsteht aus dem Augenblick heraus. Während bei 36 die Ahnen der Ansatz sind, werden es bei 49 die Naturgeister selbst im Südwesten, die Undinen, Sylphiden, Salamander, Gnome und Trolle. Sie sind die Lebensgeister.

Wenn man an sie denkt und ihnen eine Aufmerksamkeit zollt, helfen sie einem unbemerkt. Sie erscheinen im Tun, greifen ein wie bei den australischen und afrikanischen Schamanen im Regenzauber; eine Hilfe, die den Menschen der Altsteinzeit selbstverständlich war und die wir durch die Methoden der aktiven Imagination wiedergewinnen, sobald wir jeden Traum als positiv anerkennen und jede Vision als Hilfe — indem wir schrecklich scheinende Visionsgestalten danach fragen, wie sie uns helfen wollen.

Die Hilfe der Ahnen ist konkret, ein bestimmter Avatar greift ein, wenn er gefragt wird, doch in Fortführung seiner Schicksalslinie. Die Hilfe der Naturgeister und die eigene echte Zukunft ist immer neu. Es gibt meiner Auffassung nach keine negativen Kräfte im Universum außer jenen Toten, die nicht wissen, daß sie es sind. Sobald man durch die Schwelle der Geburt ins Leben eingetreten ist, kann die aktive Imagination, die als Vision zum Tun auf der Erde verstanden wird — der Sudwesten ist die höhere Erde — alles Karma auflösen und in die wahre Menschheit überführen.

64. Kraft · Richtung

Die Kraft des Yin erzeugt als höhere Pflanze die rationes seminales, die schöpferischen Urgründe, die ihren Ausdruck in allen Techniken der Mantik, vor allem im I Ging gefunden haben. Die achte Fähigkeit ist überpersönlich. Sie verwendet die Kraft der Pflanzen als Verwandler des Lichtes im Nordwesten, um Gerechtigkeit als Voraussetzung der Liebe zu erreichen. Der Mensch bedarf des Richters, der ihm ermöglicht, das notwendige Leid auf sich zu nehmen, das ihn aus der Mechanik der Selbstbestrafung erlöst. Traditionell war diese Haltung jene, die den Menschen zum vollwertigen Mitkrieger erklärte, wie im Ritterschlag im Mittelalter. Doch geht es darüber hinaus; was nicht mehr wächst, muß beseitigt werden, auf daß es nicht die lebendigen Triebe zum Faulen bringt.

Jede mögliche Situation eines Menschen hat ihren bildhaften Ursprung in einem der Mythen, und diese haben ein eigenes Gesetz, das der Schamane kennt. Hier liegt die Fähigkeit, die im Christentum als Vergebung der Sünden bezeichnet wurde, als Überwindung jener Handlungen, mit denen der Einzelne aus eigener Kraft nicht fertig werden kann. In der näheren Zukunft werden die Richter der Wassermannzeit, ähnlich den Gerechten der Juden, die falschen Götter beseitigen, damit der wahre Zusammenhang des Rades als Urbild der Religion Vision und Verantwortung vereint und das Licht der Erkenntnis durch Verstehen der Kraft auf die Erde bringt.

Nur der Kaiser mit dem Symbol des Doppeladlers hatte Macht über Leben und Tod. Die achte Fähigkeit geht über die persönliche Verantwortung hinaus. Sie hat ihren Prüfstein im Weltganzen, im Erleben der Öffnung der Erde zum Kosmos. Falsche Gemeinschaften, die sich charismatisch gebärden, werden ihrer Eigenmächtigkeit in der Wassermannzeit entkleidet. Es gilt jene Geister auf der Erde zu verkörpern, die als Engel im Verein mit den Erzengeln den Zusammenhang mit Gott nicht verraten haben. Nur wenn die Gerechtigkeit beachtet wird, kann die Vernichtung ganzer Gemeinschaften im Sinne eines instinktgewollten Todes vermieden werden. Es gibt keine Bekenntnis mehr als Weg, sobald sich diese elitär als Vorbild der anderen begreifen. Das Bekenntnis gehört positiv der 36 an, nicht der 64. Zur persönlichen Potentialität der 49 tritt die kollektive der 64, das Erreichen der göttlichen Harmonie als Prüfstein allen gesellschaftlichen Lebens, wie es bisher nur die Chinesen konzipiert hatten.

81. Weiser · Sinngeber

Im Nagual im Nordosten, dem Ort des tonalischen Empfindens, erscheint der Weise, der jeden aus der banalen Lebensart erlöst. Urbild aller Zivilisation ist die Teilhabe am Großen Werk als höhere Oktave des Tieres, in dem jeder seine Medizin findet.

Der Sinngeber greift ein, sobald mechanische Verhärtung die Ursprünge verdeckt. Historisch geschah dies immer wieder in Augenblicken der Gefahr und des Einbruchs eines neuen Geistes. Solch ein Einbruch findet heute mit der technischen Zivilisation in weltweitem Maßstab statt, da alle wiederholbare Tätigkeit durch Maschinen ersetzt wird und jeder zum kreativen Mitarbeiter an der Evolution werden muß. Der Weise zeigt den Sinn des Lebens indem er dem Menschen ermöglicht, die Stufen des neunten Chakras als Integration zu leben und sich mit ihnen zu identifizieren; sich zu beschränken auf

  1. was er kann,
  2. wo er wirklich gestaltet,
  3. wo er tatsächlich hilft,
  4. wo er andere führt oder geführt wird,
  5. wo er wirklich Freund ist,
  6. wo er weiß, wo er lehrt oder lernt,
  7. wo er anderen den Zugang zur echten Zukunft eröffnet,
  8. wo er am gemeinsamen Gut mitwaltet,
  9. wo er als Weiser selbstlos anderen die Richtung weist, und
  10. wo er aus dem Göttlichen Zusammenhang kündet.

8, 9 und 10, 64, 81 und 100 als die hundert Gottesnamen der Sufis, dürfen niemals mit bestehenden Institutionen identifiziert werden, sondern Menschen dieser Integration greifen gleich dem lebendigen Geist dann ein, wenn es Not tut. Der Rahmen dieser Eingriffe ist die sakrale Welt des 10. Chakras.

100. Künder · Schamane

Der Künder spricht nicht aus sich, sondern aus der Vollmacht des Höchsten, der Null. Seine Beglaubigung ist die Wirkung, die er ausübt, sein Weg der Ritus — die Feste des Erdheiligtums, die Initiationen in die Erlebensbereiche, und die Riten der Übergänge. Alle Riten sind berechtigt, sobald ihr Sinn durchschaut ist, sie auf Raum und Zeit zurückgeführt wurden und der verbal liturgische Inhalt transzendiert wird. Alle echten Traditionen erweitern den sakralen Raum auf der Welt. Aber kein Mensch darf den Weg verstellen, indem er sich zu Torhüter erhebt. Der Schamane als Erdpriester ist nur Künder Gottes. Die drei Tore des Wollens wurden durch Buddha als Befreier im Löwen, Christus als Erlöser im Widder und Mohammed als Eröffner des Schützen durchlässig. Fortan ist jeder imstande, seine eigene Brücke zu bauen, die ihn vom Wesen zum Sein führt.

Doch hierzu gilt es die kosmische Geschichte zu verstehen. Jüdische, christliche und islamische Zeitrechnung sind zu kurz, schließen viele Überlieferungen aus, vor allem den Zugang zur neolithischen Revolution, zur Geburt des menschlichseelischen Entfaltungszyklus vor 11.000 Jahren. Südosten schreiben wir heute (1983) in der kosmischen Geschichte das Jahr 10.823, ein Jupiterjahr, wo historisch die Gemeinsamkeit aller Traditionen das Arbeitsziel ist.

Riten öffnen die sakrale Welt und sind vom Schamanen zu vollziehen, der aber keine Gegnerschaft zu den Priestern der Liturgien kennt außer zu jenen Sekten, die sich anmaßen, die geöffneten Tore zu besetzen, sich also als Befreier im Sinne Buddhas, als Erlöser im Sinne Christi oder als Botschafter im Sinne Mohammeds mißverstehen und dadurch Menschen an ihre irdische Person binden.

Durch Klarheit wird die falsche Eigenmächtigkeit beseitigt; was nicht klar zu verstehen ist, gehört nicht zur Wassermannzeit. Der Erdschamane hilft der Erde, erkennt die Verkündigung des Himmels, des Menschen im All, ist Mitarbeiter des Lebens, des Thor, und lebt nur für das eine Ziel: die Menschheit nach Maßgabe der Gegebenheiten in das Reich Gottes zurückzuführen und damit die Rückbindung zum gesamten Universum zu vollziehen.

Der Zusammenhang aller Chakras ist über die Verhältnisse in der beiliegenden Tafel zu erkennen.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Magie der Chakras · 1983
Urstimmung des Gemüts
© 1998- Schule des Rades
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