Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

1. Das kosmische Denken

Kosmogonie der Navahos

Viele sind eine Mischung von Mythos und Märchen, wie etwa die griechischen, von denen wir später Beispiele bringen. Nur jene der nordamerikanischen Indianer zeigen die ursprüngliche Form, etwa die Kosmogonie der Navahos, die nördlich von Mexiko heute noch siedeln und den Mythos unter Begleitung bestimmter Sandmalereien bis in die Gegenwart im Ritus nachvollzogen:

Dunkel und unsichtbar war die erste Welt am Anfang allen Seins, so dunkel wie die Wolle schwarzer Schafe. Diese Welt der dunklen Erde war klein, eine winzige Insel auf dem unendlichen Weltenmeer. Vier Himmelsrichtungen gab es, und über jeder lag eine Wolke. In der Mitte aber wuchs die Weltenkiefer, von der alle Kiefern ihren Anfang genommen haben. Die vier Wolken enthielten das Wesen dieser ersten Welt, die gestaltlos war, und jede Wolke hatte eine bestimmte Farbe. Die schwarze Wolke enthielt das Weibliche, das in ihr war wie das Kind im Leib der Mutter. Die weiße Wolke aber war das Männliche, das wie das erwachende Licht, wie die Dämmerung war, von der alles seinen Ausgang nimmt.
Im Osten, dort, wo die schwarze und weiße Wolke sich berührten, entstand Erster Mann. Mit ihm wurde Weißer Mais geboren, der wunderbar war in seiner Regelmäßigkeit… Erster Mann und Weißer Mais waren ohne Form und Dinglichkeit, denn die erste Welt war die Welt der Lebewesen, aus denen erst alles werden sollte, was wir heute um uns sehen (vergleichbar dem Dampf der Genesis).
Im Westen, dort, wo heute die Sonne versinkt, erschien eine blaue Wolke und neben ihr eine gelbe Wolke. Wo sich beide berührten, entstand Erste Frau und mit ihr Gelber Mais. Zugleich wurden Weiße Muschel, Türkis und Yuccapflanze geschaffen.
Erster Mann stand im Osten der dunklen Welt: er war die Dämmerung, der Anfang, der Spender allen Lebens. Erste Frau stand im Westen, Sinnbild der Dunkelheit und des Todes. Erster Mann trug ein Bergkristall in der Hand, Zeichen des Begreifens, des klaren Denkens, Symbol des Verstandes und des Feuers. Als er diesen flammen ließ, erwachte sein Geist aus der untätigen Dämmerung der ersten Schöpfung und begriff sein Dasein. Erste Frau aber ließ Türkis brennen, dessen blaues Licht weithin leuchtete.
Höher stiegen nun die weiße und die schwarze Wolke, Raum zu geben ihrer Schöpfung, und Erster Mann wanderte hinaus in die Dunkelheit auf der Suche nach dem blauen Feuer im Westen. Zweimal kehrte er vergeblich zurück; da nahm er einen Zweig der Weltkiefer und ließ sich von ihm den Weg weisen. So sah er Erste Frau am Rauch von Türkisfeuer. Diese machte sich auf, das Feuer im Osten zu suchen.
Wohl sah sie, daß das Feuer aus Bergkristall höher brannte als das ihrige aus Türkis. So erkannte sie die Stärke des Mannes und folgte ihm nach Osten.
Zu dieser Zeit entstand Großer Wassergeborener Coyote, der mit männlichen Kräften ausgestattet war. Alles, was im Wasser und im Himmel war kannte er in seiner Weisheit. Als er Ersten Mann und Erste Frau traf, sagte er ihnen, daß er aus einem Ei geschlüpft sei. Erster Mann sah die Macht und die Weisheit dieses Wesens und vertraute sich seiner Führung an.
Ein viertes Geschöpf war unterdessen entstanden, haarig und voller Listen. Es hatte den Namen Erster Zorn und sah aus wie ein Coyote. Von ihm sagt man, daß er länger auf der Erde sei als alle übrigen Wesen.

Mit diesem Anfang haben wir den Beginn der inneren, mystischen Erfahrung bestimmt, wie ihn alle Kulturen berichten: die Vereinigung von weißem und blauem Licht ist die Voraussetzung der Bewußtwerdung (Vergleiche Hermann Keyserling, Das Okkulte, Darmstadt 1923). Menschen, die in Trance der Hypnose vor die Geburt zurückgeführt werden, erleben sich im blauen Licht mit der Sehnsucht, mit dem weißen zu verschmelzen. Der männliche Coyote der Weisheit und der weibliche der Macht, Erster Zorn, schaffen den Ausgangspunkt, den später die Yogis als das vierfältige Muladhara-Chakra am Fuße der Wirbelsäule bestimmten, die den Weltenbaum symbolisiert, dessen Krone auf der Erde und dessen Wurzeln im Himmel sind; ein Erleben der Struktur des Nervensystems, das den Menschen vom Empfinden her einer umgekehrten Pflanze angleicht. Wir sehen, daß die Symbolik am Anfang ebenfalls umgekehrt ist: der Mann strebt nach Westen, die Frau nach Osten, womit dann der Osten Tor des Lebens, der Westen Tor des Todes wird. Doch nun kommt der Aufstieg in sieben Stufen: in der ersten Welt, zusammen mit Erstem Zorn, leben die Insekten, die Libellen, Spinnen, Ameisen, alles Wesen, die eine üble Wirkung auf den Menschen hatten. Daher zogen alle, unter Einschluß von Erstem Zorn, hinauf in die zweite Welt, die blau war wie der Himmel am Mittag und wie der Türkis im Schoße der Felsen; eine Welt des blauen Nebels, die wie ein Schleier über allem lag, und von Vögeln bewohnt wurde, die ob ihrer Zweibeinigkeit die nächste Verwandschaft zu den Menschen waren. Beherrscht wurde diese Welt von den grausamen Schwalbenwesen. Sowohl die erste Welt der Insekten als auch jene der Vogelmenschen konnte den Lebewesen keine Bleibe geben, und so zogen sie in die dritte gelbe Welt (der Instinkte), zu welcher der Blauhäher den Eingang fand, der unter blauem Nebel verborgen war:

Die dritte Welt war gelb wie der Sand der Wüste. Sie wurde von zwei Flüssen durchflossen, einem von Norden nach Süden und einen zweiten von Osten nach Westen. Der erste Fluß war männlich, der zweite jedoch war weiblich, denn jedem Männlichen entspricht ein Weibliches. In der Mitte der dritten Welt durchflossen sie einander, daher hieß der Ort Stelle-der-kreuzenden-Wasser. Sechs Berge gab es in der gelben Welt, die das Wesen der heutigen Berge enthielten, wenn sie auch keine Gestalt und Wesenheit besaßen. Im Osten lag der Berg der weißen Muscheln, im Süden der Berg der Türkise, im Westen der Berg der Seeohren und im Norden der Berg der gläsernen Lava. In der Mitte der dritten Welt befand sich der Mutterberg, und der Berg der gestreiften Steine… Im Westen wohnte die Frau der Weißen Muscheln, die das weibliche Schilfrohr hütete.

Hier ist die Umkehr vollzogen. Nun entstehen alle weiteren Wesen, und alles schien seinen Platz zu haben. Doch Erster Mann wurde eines Tages eifersüchtig auf Erste Frau, weil diese auch Türkis folgte. So kam es zur ersten Krise. Auf Rat des wassergeborenen Coyoten trennten sich die Männer mit der Jagd von den Frauen mit den Pflanzen. Doch bald sahen sie, daß ihnen etwas fehlte. Erster Mann sah seinen Fehler ein — Türkis hatte ältere Rechte als er, und auch Erste Frau gelobte, Erstem Mann künftig treu zu bleiben. Nach einer Periode des Fastens kamen sie wieder zusammen.

Die Zeit verging. Erste Frau begann sich nun zu langweilen, das Leben zog zu gleichförmig dahin. So beauftragte sie Ersten Zorn, aus dem Ort des Zusammenflusses beider Ströme mit Hilfe des Regenbogens die beiden Kinder des Großen Büffels zu rauben, dem alle Gewässer unterstanden.

Der Aufstieg durch die ersten drei Stufen vollzog sich gleichsam von selbst, unter Führung von Erster Mann, der natürlichen Evolution. Doch nun begann das Wasser — Kennzeichen des Fühlens als Träger der dritten Stufe — alles zu überfluten. Zuerst versuchte Erster Mann die Kiefer wachsen zu lassen, doch sie ging nur in die Breite.

Alle retteten sich auf den Berg der weißen Muscheln, und dort begann nun Türkis das männliche Schilf wachsen zu lassen, und durch seine Öffnung kletterten alle Wesen in die vierte Welt. Als letztes kam der Büffel mit dem Wasser:

Das Ungeheuer, dem die Gewässer untertan waren, streckte seinen Kopf durch das Loch im Schilfrohr und blickte um sich. Blitze zuckten von seinen mächtigen Hörnern, und das zottige Fell schwamm überall im Wasser. Der Große Büffel war schrecklich anzusehen. Erster Mann fragte ihn, warum die Flut gekommen sei und sie aus der dritten Welt vertrieben habe. Da zog Erster Zorn die beiden Kinder des Großen Büffels hervor aus seinem Fell und fragte scheinheilig, ob dies vielleicht der Grund sei.
Türkis nahm sogleich einen Korb und füllte ihn mit den blauen Steinen; darauf häufte er blauen Pollen von blauen Blumen, gelben Maispollen, Pollen von Wasserlilien und legte zuoberst einen Bergkristall, ein Pollenkorn des Wassers. Den gefüllten Korb stellte er dem Großen Büffel zwischen die Hörner, während Erster Zorn sich bereit erklärte, das männliche Kind des Großen Büffels zurückzugeben: Von nun an soll es Schwarze Wolke heißen, verehrt von allen als männlicher Regen, der mit Blitz und Donner zur Erde reist. Das Mädchen aber will ich behalten. Sie soll fortan als weiblicher Regen verehrt werden und als gelbe, weiße und blaue Wolken leise und sanft die Erde befruchten. Sanft wie die Hand einer Liebenden soll sie die Erde berühren und den Menschen helfen, ihnen das Leben leicht zu machen. Mit diesen Worten legte er den Jungen in den Opferkorb. Der Große Büffel aber kehrte zurück in die dritte Welt, und mit ihm verschwanden die Wasserfluten, die er gebracht hatte.

Die vierte Welt war weiß und klein; als Welt des Wollens gab sie nicht genug Platz für alle. So pflanzte Erster Mann das weibliche Schilfrohr, und der Dachs, ein neuerschienenes Geschöpf, sollte in die fünfte Welt hinaufkriechen. Doch diese war mit Wasser bedeckt, und er kam naß und ängstlich zurück. Heupferd hatte mehr Mut, steckte zwei Pfeile in sein Stirnband und kletterte hinauf in die fünfte Welt; durch Zaubermanipulation gelang es ihm, die Wassermassen zum Verschwinden zu bringen: sie verzogen sich mit vier Vogelwesen in die vier Himmelsrichtungen, sodaß die Erde trocken wurde:

Wiederum wurde Dachs ausgesandt, um die fünfte Welt zu prüfen. Irgendwo mußte man sähen und ernten, wenn man nicht verhungern wollte. Über und über mit Schlamm bedeckt kam der Dachs zurück, denn immer noch war die Erde nicht hart genug. Da beschloß Erster Mann, die Häuptlinge der fünf Winde um Hilfe anzurufen, die in der sechsten Welt leben, der Welt, die über der fünften liegt. Erster Mann opferte kleine Stücke der blauen Steine für die fünf Häuptlinge, die daraufhin die Winde auf die Erde sandten, um die fünfte Welt vorzubereiten für Ersten Mann. Beim zweiten Besuch kam der Dachs vergnügt und sauber zurück und berichtete, daß es jetzt oben schön und trocken sei, gerade recht zum Leben. Da führte Erster Mann Erste Frau und alle übrigen Geschöpfe hinauf in die fünfte Welt, in die ewig wechselnde, schillernde Welt der Gegenwart. Die Stelle, an der sie diese Welt betraten, wurde von vier Bergen eingerahmt, und die Quelle, aus der sie alle gekommen sind, läßt noch heute Blasen aufsteigen, zum Zeichen, daß hier der Eingang zur unteren Welt ist…
Dann wurden alle Geschöpfe in zwei Gruppen eingeteilt und wählten ihren Führer. Der Wolf wurde Herr der Tiere, und der Berglöwe Häuptling der ersten Menschen, die wie wir waren. — Er brachte den Menschen den Mais, den sie noch heute pflanzen und ernten.
Die sechste Welt ist über uns, es ist die Welt der Seelen. Dorthin kommen wir, wenn wir die Welt verlassen müssen. Die siebente Welt aber ist das große All, wo alle Einzelheiten zu einer Einheit werden, wo Form und Gestalt zerrinnen zu einem Nichts, das in Wirklichkeit ein Alles ist, denn alles kommt aus dem Nichts. Einst wird alles, was jetzt getrennt ist, verschmelzen zu diesem einen All, das in der siebenten Welt ist und über die übrigen Welten gebieten wird.

Die Menschen leben also in der fünften Welt des Körpers. Wenn die Evolution im Leben ihre Vollendung fände, dann würde die vierte mittlere Stufe tragend sein, wie bei den Hopis, deren Mythen wir später besprechen werden. Doch von unten wird sie vom Wasser bedroht aus der ehemaligen Welt der Instinkte, die durch die Frau in Frage gestellt wurde; und oben muß sie, in der fünften Stufe, durch Schlauheit erst freigekämpft werden, damit das Wasser des Fühlens sie nicht auch hier überschwemmt. Dies verlangt eine Festigung des Ritus in einer zwölffältigen Ordnung:

Nachdem Menschen und Tiere geschieden waren, baute Erster Mann ein Haus. Dazu sang er die heiligen Lieder und vollführte jene Zeremonien, die wir heute noch anwenden, wenn ein Hogan gebaut wird. Der Eingang zu seiner Hütte lag im Osten, ganz wie es die Sitte vorschreibt. Nachdem die Arbeit getan war und alle Habseligkeiten im Hogan aufgestapelt lagen, ruhte Erster Mann sich aus. Ausgestreckt lag er auf dem Rücken, die Füße nach Osten, während Erste Frau ebenfalls ruhte, ihre Füße nach Westen gerichtet. So lagen ihre Köpfe beieinander, ihre Gedanken vermischten sich, und diese Gedanken waren heilig.
Türkis und Weiße Muschel, ein Junge und ein Mädchen, die ebenfalls im Hogan lebten, wunderten sich über das lange Schweigen, und endlich sprach Türkis: Was plant ihr, daß es euch den Mund versiegelt? Erster Mann aber antwortete ihm: Heilig sind die Gedanken und unser Plan ist gut. Denn wir denken an die Zeit, die nach uns sein wird. Wir denken an das, was unser Werk sein muß, damit die, die nach uns kommen und diese Welt bewohnen, leben und gedeihen können.
Mit Hilfe des Großen Wassergeborenen Coyoten entwarf Erster Mann einen Plan, nach dem die Erde ihre Ordnung haben sollte. Es sollten darin eine Sonne sein und Tage und Nächte. Und die Welt sollte diesmal ohne dieses Wesen eingerichtet werden, das schon früher so viel Unglück gebracht hat; Erster Zorn sollte nicht länger teilhaben an den Plänen zur Gestaltung der Erde.
Erster Mann breitete die heilige Hirschdecke aus auf dem Boden und legte darauf einen großen Türkis, so groß, daß ein Mann mit ausgestrecktem Arme den oberen Rand nicht erreichen konnte. Um diesen Stein steckte er im Kreis zwölf Adlerfedern in den Sand und auch zwölf Federn vom Grünspecht. Dem großen Türkis gab er dann Mund, Nase und Augen und zeichnete unter dem Mund einen gelben Streifen. Erster Zorn, der kam, um zu sehen, was es gäbe, wurde vom Ersten Mann vertrieben.
Danach machte sich Erster Mann auf, um den Herrn des Erdfeuers zu besuchen, der dort wohnte, wo das flüssige Feuer aus der Erde quoll. Diesen bat er, den Türkis, der die Sonne werden sollte, von seiner Wärme abzugeben. Unter den Türkis aber legte Erster Mann eine große, runde Muschel, vollendet in ihrer Form und blendend weiß; aus ihr sollte der Mond entstehen. Anschließend berührte Erster Mann sein Werk mit jenem Bergkristall, mit dem er einst in der ersten Welt das Feuer entzündet hatte. In zwei dichten Kreisen standen die Menschen um das Werk, um Ersten Zorn den Zutritt zu verwehren, aber immer wieder schlich sich dieser heran und versuchte, eine Erklärung aus den Menschen herauszulocken. So verstärkte Erster Mann die Wachen, die nunmehr in drei Kreisen um den Türkis und die Muschel standen. Türkis und Weiße Muschel, die beiden Kinder, die im Hogan waren, wurden nun geholt, und Erster Mann sprach zu ihnen: Eingehen sollt ihr in diese beiden Formen, die der Welt das Licht bringen werden. Türkis, du sollt die Sonne sein, und mit jener zwölftonigen Flöte aus männlichem Schilfrohr, die du stets bläst, sollst du den Ablauf der Monate bestimmen. Du, Weiße Muschel, sei von nun an der Mond, und mit deiner Flöte aus weiblichem Schilf setze den Ablauf der Gezeiten fest. Und so geschah es, daß die beiden verwandelt wurden und eingingen in den Stein und in die Muschel, die wie Sonne und Mond waren. Erster Mann gab nun jedem Monat ein Zeichen und eine Bedeutung, setzte fest, was in jedem Monat geschehen müsse, und dann gab er jedem von ihnen einen Namen. Aber Mond und Sonne wollten belohnt sein für die Arbeit, die ihnen aufgetragen war. Türkis sprach daher: Ich fordere für meine Dienste das Leben jeglicher Kreatur, aller Menschen und Tiere auf der Erde, im Wasser und unter den Wassern. Entweder sollen ewiges Leben und ewige Dunkelheit herrschen, oder aber es soll Tag und Nacht geben und Leben und Tod. In diesem Augenblick erschien Erster Zorn wiederum und beklagte sich, daß man ihn bei diesen Vorbereitungen nicht gefragt habe (Der Mann spricht immer für sich selbst, inspiriert vom Großen Wassergeborenen Coyoten, doch die Frau und das Mädchen lassen ihr Anliegen durch Ersten Zorn verwirklichen). Nun sei er gekommen, um Unordnung zu bringen. Darauf zeichnete er seltsame Striche in den Sand und sprach: Erster Mann, der du so weise bist, sag mir, was dies bedeuten soll. Wenn du nicht richtig raten kannst, so werden alle darunter leiden müssen. Da flüsterte Kleiner Wind dem Ersten Mann die Bedeutung zu, und Erster Mann sprach: Der erste Strich bedeutet grüne Blätter, denn er ist von der Farbe des Türkis. Der zweite Strich ist weiß wie die Farbe der Muschel und bedeutet fallende Blätter, die reif sind vom langen Sommer. Der dritte Strich ist schwarz wie die Berge im Winter, wenn die Blätter gefallen sind. Der vierte Strich besteht aus weißen Perlen, die so weiß sind wie der Schnee auf den Bergen. Der fünfte Strich ist glänzend wie Bergkristall, er erinnert mich an Eis und Schnee auf den Felsen und Bächen.
Erster Zorn erwiderte: Du hast richtig gelesen, denn genau das habe ich gedacht, als ich die Striche in den Sand gezeichnet habe. Da du es selbst gesagt hast, wird es von nun an Sommer und Winter geben. Aber damit du bestraft wirst für dein Verhalten, will ich den sechs Monaten des Sommers und den sechs Monaten des Winters je ein paar Tage hinzufügen, so daß sie beide länger sind als die Mondwechsel. Auch wird der Frost manchmal früher, manchmal später kommen, und der Sommer wird in gewissen Jahren auf sich warten lassen. Am Ende werdet ihr sehen, daß nicht alles so einfach ist, wie Erster Mann es geplant hatte. Da ich das Kind vom Großen Büffel nicht länger nötig habe, um über Regen und Wasser zu gebieten, will ich das Mädchen in den Fluß tun. Wenn die Menschen von nun an Regen haben wollen, müssen sie zum Fluß gehen und die Tochter des Großen Büffels darum bitten. Dann sagte er allen, wo diese fortan zu finden sei, und verließ die Versammelten.
Erster Mann und seine Helfer machten sich nun daran, den Himmel zu errichten. Im Osten stellten sie einen schwarzen Pfahl auf, der das Himmelsgewölbe stützen sollte; im Süden einen blauen, im Westen einen gelben und im Norden einen weißen Pfahl, damit das Himmelsgewölbe nicht auf die Erde fallen konnte. Um die Pfähle und um den ganzen Horizont zog Erster Mann je vier Kreise, einen gelben, einen weißen, einen schwarzen und einen blauen, auf daß der Bau dauern möge für alle Zeiten und niemand auf der Welt ihm Schaden antun könnte. Nun setzten sie die Sonne in den Himmel und gaben dem Mond Macht über die Dunkelheit. Dann gab Erster Mann den Sternen ihre Plätze und belegte jeden mit einem Namen. In der Mitte des Himmelsgewölbes aber hatte er ein Loch gelassen, damit es einen Weg gab in die nächste Welt. Nachdem Erster Mann den Himmel geschaffen hatte, erschien die Erdfrau bei ihm, und er sprach zu ihr: Himmelsgewölbe sei fortan dein Gatte. Blicke nach Osten, und dein Mann wird nach Westen blicken, so seht ihr euch immerfort. Wenn aber der Nebel über der Erde liegt und alles in seinem Dunst verhüllt, dann werden wir wissen, daß der Himmel die Erde besucht hat.
So machte Erster Mann den Himmel und die Erde, gab Sonne und Mond ihre Plätze, schuf aus den Proben der sechs heiligen Berge der dritten Welt die Berge und Hügel der fünften, in der wir leben. Allen Menschen und Tieren gab er Namen und Wohnung. Noch heute sind sie um uns, und die Ordnung der Welt ist so, wie Erster Mann es gewollt hat damals, als seine Gedanken sich mischten mit denen von Erster Frau.
(Vgl. Nordamerikanische Indianermärchen, Düsseldorf 1963)

Die Ordnung der Navahos hat ihren Schwerpunkt in der fünften Welt, zu welcher der Stamm aufgestiegen war. Die Hopis dagegen, die heute innerhalb der Reservation der Navahos in Arizona leben, bezeichnen sich als Vertreter der vierten Welt, in der es den Einklang mit dem Willen der Natur oder des Großen Geistes zu halten gilt. Wahrscheinlich älter als die Navahos, haben sie durch Jahrtausende — geführt wie sie behaupten, aus dem obersten (geistigen) Zentrum — Wanderungen über den ganzen Kontinent vollzogen, bis sie schließlich im 11. Jahrhundert auf den drei Mesas, drei Hügeln, ihre endgültige Heimstadt gefunden hatten. Auch die südamerikanischen Mayas scheinen zum gleichen Stamm gehört zu haben. Während die Navahos ihren Schwerpunkt in der körperlichen Verwirklichung fanden — berühmt ist heute noch ihr Kunsthandwerk — betrachten sich die Hopis als Helfer der Natur und veranschaulichen damit den Grundzug der ältesten Philosophie der Erde, die sich gleichlautend auf dem ganzen Planeten findet: die Metaphysik der Schamanen.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
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