Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

9. Das idealistische Denken

Jacobi - Hamann - Herder

Kants große kritische Leistung bestand im Nachweis, daß die traditionelle Ontologie auf falschen Voraussetzungen beruhte. Niemals könne aus einer Denkwahrheit auf eine Seinswahrheit geschlossen werden. Nur die praktische Vernunft und der kategorische Imperativ seien imstande, auf die Gestaltung des Lebens überzugreifen. In dieser Hinsicht hätte der kantische Rationalismus ein Ende der traditionellen Philosophie bedeutet. Tatsächlich trat aber das genaue Gegenteil ein: an der kantischen Kritik entzündete sich um so stärker das Anliegen, denken und handeln jetzt auf wahrhaft kritischer Ebene zu vereinen. Diese Anliegen wurde einerseits aus der kantischen Intention gespeist, andrerseits aber aus der einzigen Lehre der Substanzphilosophie, die er nicht in seiner Synthese berücksichtigt hatte.

Die Lehre Spinozas war über die Angriffe des Atheismus und Pantheismus vollständig verfälscht worden und in Vergessenheit geraten. Friedrich Heinrich Jacobi, 1743-1819, deckte ihren Kern in seiner Schrift Über die Lehre des Spinoza in Briefen an Moses Mendelssohn wieder auf: wesentlich in ihr sei die Vorstellung, daß die menschliche Triebhaftigkeit den Keim der Entwicklung zum Höchsten in sich trüge. Es gelte also nicht im Sinne der kantischen Pflichtethik die Neigungen zu bekämpfen, sondern sie zu erkennen, weil nur aus ihnen eine wesensmäßige Entfaltung ansetzen könnte.

Johann Georg Hamann aus Königsberg, 1730-1788, ergänzte diese Vorstellung durch eine Neuinterpretation der Religion: die wahre und höchste Erkenntnis liege im lebendigen persönlichen Gefühl und äußere sich im Glauben. Er erklärte sich ausdrücklich als Feind jeglicher Art von Tradition, auch der theologischen, Sinnlichkeit und Verstand zu trennen, wie Kant es tue, verstoße gegen die lebendige Wirklichkeit. Empfindung, Offenbarung und Sprache seien die wahren Grundelemente der Vernunft. Es gehe nicht an, dem Gesichtssinn oder Gehörssinn eine geringere Erkenntnisfunktion zuzusprechen als dem logischen Denken.

Johann Gottfried von Herder, 1744-1803, wandte sich gegen die mangelnde Berücksichtigung der Geschichte durch Kant. In seinem Hauptwerk Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit betonte er den Gedanken der historischen Evolution. Die Geschichte der Menschheit zeige sich in ihrer Entwicklung von den niedersten Anfängen zu dem Ideal der Humanität, der harmonischen Entfaltung und Betätigung aller menschlichen Anlagen. Die Menschengeschichte sei nur die Fortsetzung der Entwicklung der Natur, beide wären Offenbarungen des allweisen und allgütigen Gottes. Was Kant im Interesse methodischen Denkens auseinandergehalten hatte: Naturwissenschaft und Religion, Notwendigkeit und Freiheit, Pflicht und Neigung, gelte es im Interesse der lebendigen Wirklichkeit zu verbinden.

Die wahre Antithese fand aber Kants Werk in Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, der alle diese Gedanken mit der bisher unberücksichtigten esoterischen Tradition der Rosenkreuzer und Freimaurer vereinte, jedoch der letzteren eine neue Richtung gab.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
9. Das idealistische Denken
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