Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

1. Das kosmische Denken

Metaphysik der Schamanen

Für die Philosophie der letzten Jahrhunderte waren Begriffe wie Gott, Erzengel, Engel, Ekstase Gegenstände der Spekulationen; für die Schamanen waren sie erlebte Wirklichkeit. Wahrscheinlich gab es Schamanen schon in der Altsteinzeit, die Höhlenmalereien deuten darauf hin. Wenn wir nun uns wieder an den paradiesischen Mythos erinnern, wo die Menschen im Einklang mit der Natur, den Pflanzen und Tieren lebten und im Zusammenhang damit die Anschauung der noch heute lebenden Schamanen berücksichtigen, wie sie Mircea Eliade schildert, so wird der Sinn offensichtlich: Schamane ist jener, der den bewußten Kontakt mit Tieren oder Pflanzen noch nicht verloren oder wiedergewonnen hat.

Gott erscheint in der Urüberlieferung nicht als Gehorsam heischende Persönlichkeit, sondern als die Triade Urkraft-Liebe-Urlicht. Wie das äußere Feuerlicht der Sonne das Leben und die äußere Erfahrung ermöglicht, so ist das innere Licht — das uns als Aufmerksamkeit zugänglich ist — die Voraussetzung des Bewußtseins.

Die Triade Feuer-Liebe-Urlicht west jenseits der Schlafschwelle, und nur jener, der den Zugang zu ihr gewinnt, kann auch andere führen. Somit war der Schamane der erste Vollmensch, homo sapiens im Unterschied zum homo faber, er verwirklichte die früher geschilderte Mutation zum echten Bewußtsein.

Um dieses zu erringen, galt es, den Tod bewußt im Leben vorwegzunehmen. Dies geschieht in der schamanischen Initiation, wie sie auch heute noch durchgeführt wird. Die Einzelheiten mögen verschieden sein, doch der Sinn ist auf der ganzen Erde identisch. Als erstes erlebt ein künftiger Schamane krankhafte Zustände ähnlich der Schizophrenie, oder sich wiederholende Träume, die ihm seine Berufung glaubhaft machen, gegen welche er sich fast immer wehrt. Ist jedoch der innere Zustand so kritisch geworden, daß er nicht mehr entfliehen kann, weil die Angst vor den Phantasmen größer wird als jene vor den Schwierigkeiten des Lebens, dann sucht er sich seinen Lehrer. Angeleitet von diesem erlebt er in einem traumähnlichen Zustand, daß er getötet wird, sein Leib gekocht, das Fleisch von den Knochen geschabt, ihm neue Augen aus Erz eingesetzt werden, und er erreicht das kristalline Bewußtsein, symbolisiert in einem Bergkristall, das fortan das Wahrzeichen seiner Berufung bildet und oft in seinem Körper einoperiert wird.

Die Initiation ist vollzogen, wenn der Adept das Feuer handhaben kann, ohne daß es ihn verbrennt; noch heute soll es Fälle geben, wo Schamanen über glühende Kohlen laufen, ohne sich zu verletzen; ein Gegenbeispiel zur Tatsache, daß in der Hypnose suggerierte Brandwunden sich körperlich manifestieren.

Hat er die Einweihung überstanden, vertieft er sich in die Technik der Ekstase: er muß die sieben Stufen zum geistigen Himmel aufsteigen und die gleiche Anzahl zur Hölle absteigen. Manche Schamanen erleben dies mit Hilfe einer Leiter, andere wie die Hopis, machen einen Wettlauf entlang einer in sieben Abschnitte geteilten Rennstrecke, und wieder andere, wie die indischen Yogis, erleben die sieben Stufen als Zentren des Kraftleibes, der den Zusammenhang des geistig-seelisch-körperlichen Organismus gewährleistet.

Phänomenologisch haben die sieben Stufen folgende Bedeutung:

7 - Geist
6 - Seele
5 - Körper
4 - Wollen
3 - Fühlen
2 - Denken
1 - Empfinden
Erzengel
Avatars, Kulturheroen
Engel
Kristall
Tier
Mensch (homo faber)
Pflanze

Nach dem Gesetz der Symmetrie stehen die Stufen in Entsprechung zueinander. Die Pflanzen symbolisieren die Fähigkeit des lebenslänglichen Wachstums; ferner sind pflanzliche Drogen und Pilze imstande, das Bewußtseins zu erweitern, und wurden seit jeher im Verein mit Askese und Tanz als magische Mittel verwendet — in Sibirien vor allem der Fliegenpilz.

Pflanzen und Tiere sind nicht Individuen, sondern nach schamanischer Auffassung Glieder unsterblicher Gattungen. Sie stehen als Organismen unter, als Gattung oberhalb des Menschen. Pflanzen sind kosmisch bezogen; der Weltenbaum aller Mythen ist in Entsprechung zur aufrechten Wirbelsäule; vier Erzengel bewachen das Tor des Paradieses. Tiere hingegen haben eine bestimmte Funktion im Haushalt der Natur, desgleichen der Mensch als funktionelles Wesen; so wird in allen alten Totenbüchern der Mensch nach seinem Tod durch Tierengel — Wesen mit Tierköpfen, wie man sie auf den ägyptischen Wandmalereien sieht — gerichtet.

Auch der Mensch als Gemeinschaftswesen, der homo faber, hat seinen Gegenpol: es sind die Kulturheroen und Propheten, die aus der Fähigkeit des inneren Auges die Gemeinschaft rituell lenken.

Doch das Zentrum der Skala ist das kristallartige Herz, Grundlage aller Zeitrhythmen: von ihm allein wird der Zugang zur Urkraft, zum Urlicht und zum Unerschöpflichen erreicht.

Schamanen waren jene, die durch Aufstieg und Abstieg die sieben Stufen meisterten und aus ihnen heraus die Gemeinschaft lenkten; die sich nicht nur um die Lebenden, sondern auch um die Verstorbenen kümmerten, vor allem dann, wenn deren Wunschkraft in die Gegenwart der Lebendigen über die Traumsphäre störend eindrang. Während der Altsteinzeit war die Trennung unüberwindlich; wie der Navahomythos zeigte, waren Tiergestalt und Menschengestalt austauschbar. Doch mit der Verbreitung der Mutation wurde es notwendig, einen Ritus zu schaffen, welcher, im Sinne der fünften Navahostufe, dem Stamm die Teilnahme am Bewußtsein ermöglichen sollte. In der Stufenordnung der Initiation wurden Funktionen und Bereiche im Nacheinander bewußt. Die Leiter war das Symbol. Wenn jedoch das Bewußtsein sich der Welt zuwendet, dann vereinen sich die raumhaften Bereiche mit den zeithaften Funktionen. Das Empfinden der Sinnesdaten, das Fühlen ihrer Beziehungen zum eigenen Wesen, das Erkennen der Zusammenhänge zwischen Gefühlen und Empfindungen und das Richten der Aufmerksamkeit im Wollen kann sich nur in einem Bereich vollziehen: im stofflich-körperlichen, im personal-seelischen oder im energetisch-geistigen. Hieraus bilden sich zwölf raumzeitliche Inbegriffe des Bewußtseins, in deren Rahmen alle Erlebnisse notwendig aufgenommen werden; ihre Reihenfolge ist durch die Stufen der Bewußtwerdung bestimmt; einerseits folgen einander die Funktionen wollen, empfinden, denken und fühlen, andrerseits die Bereiche Seele, Körper und Geist; sie wurden im kosmischen Denken dem Tierkreis und dem Organismus gleichgesetzt:

1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
Seele-wollen
Körper-empfinden
Geist-denken
Seele-fühlen
Körper-wollen
Geist-empfinden
Seele-denken
Körper-fühlen
Geist-wollen
Seele-empfinden
Körper-denken
Geist-fühlen
Widder
Stier
Zwillinge
Krebs
Löwe
Jungfrau
Waage
Skorpion
Schütze
Steinbock
Wassermann
Fische
Kopf
Nacken
Arme
Brust
Rücken
Bauch
Hüften
Geschlecht
Oberschenkel
Knie
Waden
Füße
Feuer
Erde
Luft
Wasser
Feuer
Erde
Luft
Wasser
Feuer
Erde
Luft
Wasser
Rahu
Venus
Uranus
Mond
Sonne
Merkur
Neptun
Mars
Ketu
Saturn
Pluto
Jupiter

Die transsaturnischen Planeten (Uranus U R A N U S, Neptun N E P T U N und Pluto P L U T O) wurden später erst hinzugefügt. Die astrologische Ordnung des Tierkreises ergibt sich aus dem Wechselspiel von Sonne und Mond, Tag- und Nachtgestirn. Die Sonne (S O N N E) wurde in dem Herzen als Träger der Energie identifiziert, der Mond (M O N D) mit dem Magen als Aufnahme der Stoffeswelt in der Nahrung. Ferner unterscheiden sich die solaren, ungeraden Zeichen von den lunaren, den geraden. Letzteren wurden die übrigen Planetenimpulse eingeordnet: In das Gegenfeld des Mondes kam Saturn (S A T U R N) mit seinen 29 Jahren Umlauf, Sinnbild der Generationenabfolge. Die Sonne symbolisiert das Wesen, der Mond die Mutter, der Saturn den Vater und damit die grenzensetzende Autorität. In die Jungfrau kam der Götterbote Merkur (M E R K U R) als sonnennächster Planet, und seinen Gegensatz bildet Jupiter (J U P I T E R) in den Fischen; mit seinem zwölfjährigen Umlauf ist er Stellvertreter der Sonne und bildet den Zeitrahmen allen Priesterkönigtums; in früheren Zeiten mußten solche Priesterkönige nach zwölfjähriger Regierung geopfert werden. Die beiden letzten Planeten wurden zum Symbol des weiblichen und männlichen Geschlechtsprinzip: Venus (V E N U S) im Stier, die sowohl als Abend- wie Morgenstern erscheint, versinnbildlicht die beiden Seiten des weiblichen Wesens, Verführerin und Gattin, und Mars (M A R S), nach dessen zweijähriger Umlaufszeit die Trauer- und Sühnezeit für den Tod bemessen wurde, das männliche Prinzip des Kampfes, der Initiative, aber auch der Zeugung und Magie. So ergab sich folgende kreisförmige Darstellung die sich in fast allen Kalenderkulturen der Welt in ähnlicher Form findet.

W e l t e n j a h r

Die Reihenfolge der Initiationsstufen wurde durch die zwei Hakenkreuze veranschaulicht: die Funktionen folgen einander gegen den Uhrzeiger in Entsprechung zum Jahreskreis, die Bereiche im Uhrzeigersinn in Entsprechung zum Tageskreis.

F u n k t i o n s f o l g e
Funktionsfolge
B e r e i c h s f o l g e
Bereichsfolge

In diesen Tierkreis wurde der Mensch gleich einem Embryo vom Kopf bis zu den Füßen eingeordnet, wobei später auch noch mit Zunahme der medizinischen Kenntnisse Organsysteme beigeordnet wurden, welche dann bis Paracelsus das Grundschema der Medizin bilden sollten. Die verschiedenen Figuren — das Radkreuz, die beiden Hakenkreuze, das Dreieck zur Versinnbildlichung der Bereiche, das Richtungskreuz und ferner der Kreis selbst finden sich überall auf der Erde, in besonders reiner Form etwa in Südfrankreich auf dem Montagne des Cordes bei Arles, der wahrscheinlich eines der Hauptheiligtümer der Zwillingszeit war, von der wir noch eingehend sprechen werden.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
1. Das kosmische Denken
© 1998- Schule des Rades
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