Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

9. Das idealistische Denken

Friedrich Wilhelm Schelling

Friedrich Wilhelm Schelling wurde 1775 als Sohn eines württembergischen Pfarrers zu Leonberg geboren und trat mit sechzehn Jahren in das theologische Seminar in Tübingen ein. Eine Zeit lang teilte er mit Hegel und dem Dichter Friedrich Hölderlin das Zimmer. Außer Theologie und Philosophie studierte er Philologie, später in Leipzig Naturwissenschaften und Mathematik. Seit 1798 dozierte er in Jena neben Fichte. 1803 wurde er Professor in Würzburg, später Sekretär der Münchner Akademie der Wissenschaften, seit 1824 Professor an der dort neu gegründeten Universität. 1851 wurde er an die Akademie der Wissenschaften in Berlin berufen. Einige Jahre hielt er Vorlesungen über Mythologie und Offenbarung an der dortigen Universität. Er starb 1854 in der Schweiz.

Im Anfang standen Mythologie, Religion und Philosophie im Vordergrund seines Interesses, und im Alter kehrte er zu ihnen zurück. Seine erste Schrift 1793 hatte den Titel: Über Mythen, historische Sagen und Philosopheme der ältesten Welt; dann kam die systematische Philosophie in den Vordergrund seines Denkens. Er las die kantischen Kritiken, die Elementarlehre des Philosophen Carl Leonhard Reinhold und die Theorie des Denkens von Salomon Maimon; vor allem aber Fichtes Schrift über die Wissenschaftslehre. 1794 schrieb er eine Abhandlung Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt, worin er als deren Prinzip gleich Fichte das Ich postulierte.

Dieses Ich sei absolut: in der nächsten Schrift Vom Ich als Prinzip der Philosophie, oder über das Unbedingte im menschlichen Wissen erklärte er das absolute Ich als Ursprung von Subjekt und Prädikat. Die kantischen Urteile a priori bestimmte er als Vorgang, in dem das Ich aus seiner Unbedingtheit tritt und sich der Welt als Objekt stellt. Fichte hatte sich auf die dialektische Wechselwirkung zwischen Ich und Nicht-Ich, Unbeschränktem und Beschränktem in seiner Wissenschaftslehre begrenzt. Schelling erweiterte diesen Ansatz zur Naturphilosophie: nicht nur das Ich bringt das Gegenich hervor, sondern das Absolute, die Gottheit erzeugt auf die gleiche Weise die Natur. Die Welt ist gleichsam geronnener oder verfestigter göttlicher Geist. Der Mensch befindet sich am Punkt der Indifferenz zwischen Natur und Geist. An ihm liegt es, was die Natur zweckhaft gestaltet, als Kunst zu vollenden.

Das Absolute
KunstR o t a t i o nMensch
Natur

Erst der Künstler ist echter Nachfolger der göttlichen Schöpfungskraft in seinem Ich. Doch diese Nachfolge ist nur demjenigen möglich, der die Zweiheit der Weltpotenzen im Sinne von Yang und Yin oder Jakob Böhme in sich versteht und ergreift, also schöpferisch ist: das Genie. Was dieses frei an Kunst hervorbringt, ist für die Natur eingeborener Zweck und Norm. Daher bedeutet die Kunst die höchste Vereinigung von Freiheit und Notwendigkeit.

Die Entwicklung der Menschheit zur Kunst als Vollendung ihrer Möglichkeit deutete Schelling im Unterschied zu Fichte nach einer Dreistadienlehre der Geschichte, welche die Dialektik des Werdens gleichsam verstofflicht: sie unterliege den Prinzipien Schicksal, Natur und Vorsehung. Die Geschichte begann nach einer angemessenen goldenen Zeit des Paradieses. In der ersten Periode des Schicksals wird alles Vornehme und Edle des goldenen Zeitalters von blinder Herrschermacht zerstört. In der zweiten offenbart sich das, was der ersten Periode als unausweichliches Schicksal erschien, als blinde Natur und führt so wenigstens eine mechanische Gesetzmäßigkeit herbei. Die zweite Periode beginnt Schelling mit dem Anfang der römischen Republik, schließt aber auch seine eigene Zeit darin ein. Die dritte Epoche wird unter dem Zeichen der Vorsehung, der bewußten künstlerischen Gestaltung der Welt nach Erkenntnis ihrer Gesetzmäßigkeiten stehen. Dieses Schema schließt an Joachim von Fiore mit seinen Geschichtsperioden von Vater, Sohn und Heiligem Geist an.

Mit der Vertiefung von Subjekt und Objekt zu Weltprinzipien wandte sich Schelling immer mehr der Theosophie im Sinne Jakob Böhme und seines Nachfolgers Franz von Baader, 1765-1841, zu, ohne eine wirkliche Kenntnis der Gnosis zu besitzen. Daher wurde sein Denksystem eklektisch; die Begriffe waren nicht durchgearbeitet, heuristische Erklärungen standen neben phantastischen Spekulationen. So verlor der alternde Schelling die Gunst des Publikums, das zuerst seinem grandiosen Versuch gläubig gefolgt war und sein Ruhm ging auf Hegel über, der seine Gedanken mit der fichteschen Lehre zu vereinen suchte.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
9. Das idealistische Denken
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD