Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

9. Das idealistische Denken

Ludwig Feuerbach

Ludwig Feuerbach wurde als Sohn des berühmten Rechtsgelehrten und Strafrechtreformers Paul Anselm Feuerbach 1804 in Landshut geboren. Er studierte Theologie in Heidelberg, was ihn nur wenig befriedigte. Nach drei Semestern ging er nach Berlin und sattelte gegen den ausdrücklichen Rat seines Vaters 1825 auf Philosophie um. Bei Hegel hörte er dialektische Logik, die ihn tief beeindruckte. 1826 verabschiedete er sich von Hegel und ging nach Erlangen, wo er sich hauptsächlich den Naturwissenschaften widmete.

1822-28 begann er an der Gültigkeit des hegelschen Denkens zu zweifeln. Der Übergang von der Logik zur Natur sei nur möglich, weil diese bereits ein unmittelbares Dasein besäße:

Gäbe es keine Natur, nimmermehr brächte die unbefleckte Jungfer Logik eine solche aus sich hervor.

1828 promovierte er zum Doktor der Philosophie mit einer These über die Vernunft, deren Problematik er folgendermaßen formulierte:

Wie verhält sich in dem Allgemein-Vernünftigen, worin alle Menschen notwendig übereinstimmen, das Gattungsmäßige zum Individuellen, die ratio una universales et infinita zu den denkenden Subjekten, das Wesen zur Existenz?

Von Anfang an war die dialektische Beziehung von Endlichkeit zu Unendlichkeit, vom wirklichen Dasein zum Wesen im Vordergrund seines Denkens, wobei ihm das Seiende der Natur im Unterschied zur Logik Hegels als der wahre Ausgangspunkt erschien. Die richtige Einordnung der Religion erschien ihm als das wesentlichste Anliegen des Philosophierens. Hegels Anordnung der Religion als mittlere Stufe der Verwirklichung des Geistes befriedigte ihn nicht.

Nachdem David Strauss mit seinem Leben Jesu hervorgetreten war, in welchem er das Christentum von allem Mythos befreien wollte, und Feuerbach am Ruhm dieses Werkes sah, daß auch seine Gedanken Aussicht auf Erfolg hätten, während er sich als Dozent nicht so recht durchsetzen konnte, tat er nach Veröffentlichung seiner Philosophie der Geschichte Von Bacon bis Spinoza 1833 und einer Leibniz-Monographie 1834, die ihm wissenschaftliche Anerkennung verschafft hatte, 1837 den entscheidenden Schritt: er zog sich nach dem Dorf Bruckberg bei Ansbach zurück, wo er in Berta Löw eine verstehende Lebensgefährtin gefunden hatte, und widmete sich fortan seinem Hauptwerk Das Wesen des Christentums, das 1841 erschien und einen durchschlagenden Erfolg hatte.

Die These dieses Werks lautete: der Mensch habe in seiner Religion die unendliche Schöpferkraft, die in ihm selbst liegt, in die Gottheit projiziert und sich damit zur Endlichkeit verdammt. Diese Projektion gelte es zurückzuholen und in das zu verwandeln, was sie ihrem Wesen nach immer war: in die produktive Schöpferkraft des Menschen selbst. Diese spiele in Wahrheit die antithetische Rolle in der menschlichen Existenz. Aus dem Sein der Natur entsteht der endliche Mensch; in seiner Fähigkeit zur Produktivität erreicht er die Negation der Negation, sein unendliches Wesen. Diese unendliche Produktivität gelte es nicht nur im eigenen Wesenskern, sondern auch im Mitmenschen zu verwirklichen; erst auf ihr wäre ein wahrer Humanismus zu begründen. Diese wahre Ich-Du-Beziehung oder Verantwortung hieß Feuerbach Kommunismus, als dessen ersten Vertreter er sich bekannte. Er erfordere eine totale Änderung des menschlichen Bewußtseins, die Schwerpunktverlegung aus dem endlichen statischen Ich in das dynamisch-produktive grenzenlose Wesen. Die Gottesvorstellung habe von Anfang an diese Menschwerdung gemeint.

Feuerbachs Auffassung stand im Gegensatz sowohl zur herrschenden Religionsvorstellung als auch zum akademischen Idealismus. Sie wurde jedoch begeistert von den Junghegelianern aufgenommen. Feuerbach war nun endgültig als Materialist verschrien. Seine Bücher wurden mit Ludwig Büchners Kraft und Stoff in einem Atem genannt, nachdem er bei einer Besprechung eines Buches seines Freundes Jakob Moleschott den Satz geprägt hatte Der Mensch, ist was er ißt.

Feuerbach schrieb seine letzten mehr theoretisch orientierten Werke in der Abgeschiedenheit. Die Vorlesungen über die Religion wurden 1841 veröffentlicht. Seine kleinen Schriften Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie 1842 und Grundsätze der Philosophie der Zukunft 1843 fanden ein großes Echo. In ihnen erhärtete er seine These, daß nicht Gott die Menschen nach seinem Bilde schuf, sondern umgekehrt die Menschheit in ihren Göttern zum Verständnis des eigenen Wesens gelangt, welche damit aus dem Bewußtsein schwinden, um der neuen humanistischen Einstellung des Kommunismus Platz zu machen.

Seine letzten Werke waren dagegen wieder mehr systematisch und fanden keinen Anklang. Aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden, lebte er seit 1860 in Armut mit Frau und Tochter bei Nürnberg, wo er 1872 starb.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
9. Das idealistische Denken
© 1998- Schule des Rades
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