Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

11. Das wissenschaftliche Denken

Heidegger - Sartre - Camus

Martin Heidegger, geboren 1889, der Gegenpol von Jaspers, bekannte sich zur phänomenologischen Methode Husserls, in dessen Jahrbüchern auch sein Hauptwerk Sein und Zeit erschien. Die metaphysische Frage wird bei ihm entwickelt aus der Frage nach dem Nichts: Dasein ist Hineingehaltenheit in das Nichts. Ohne daß wir in der Alltäglichkeit darum wissen, west (nichtet) das Nichts beständig in uns. Während Jaspers sich auf Platon zurückführen läßt, ist bei Heidegger der schellingsche Urgrund des Absoluten, der werdende Gott Pate gestanden.

Für Heidegger ist seine existentielle Ontologie eine Phänomenologie. Sie ist die Wissenschaft vom Seienden; doch verwandelte Heidegger die husserlsche Reduktion in eine universale Hermeneutik als Lehre vom Verstehen; der Sinn des Daseins wird in einer eigens geprägten Sprache fortan ausgelegt und interpretiert.

Diese Sprache bezeichnet Heidegger als Daseinsanalytik. Durch Vertiefung in ihre Stimmung — das Gestimmtsein bringe dem Dasein sein Da — zeige sich dem Menschen seine Befindlichkeit, und deren Wurzel, die Grundbefindlichkeit, ist die Angst. Diese hat nicht wie die Furcht etwas, wovor sie sich ängstigt: es ist in der Tat Nichts, kein Zuhandenes, Vorhandenes, kein Anderer, vor dem man sich ängstigt. Die Ängstigung betrifft unmittelbar das vor das Nichts gestellte eigene Dasein. In der Angst wird gewiß, daß wir in der Welt nicht so zu Hause sind, wie wir meinen: Die alltägliche Vertrautheit bricht in sich zusammen. In dieses Erleben taucht das eigentliche Selbst ein, das seines Alleinseins bewußt wird. Mit der Wendung zur Eigentlichkeit erhält Heideggers Philosophie eine neue Richtung: Husserls Einklammerung wird in Heideggers Umkehr vom Man-Selbst zum eigentlichen Selbst, zum Erlebnis der Existenz als letzter Offenbarung. In der Angst, vor allem der Todesangst, erfährt sich das Dasein als zum Ende bestimmt, als Sein zum Ende; es erfährt den Tod als Möglichkeit eigenster Existenz — was besagen will, daß der Tod keine bloß äußerliche Begrenzung des Daseins, sondern ein Modus der Existenz selbst ist. Die Gewißheit davon bricht aus in der Todesangst, von der man nicht gern spricht, weil das Man das Sein zum Tode zu verdecken sucht. Hieraus erhellt, daß die alltägliche Einstellung eine Flucht vor der eigensten Seinsmöglichkeit ist — nämlich der Möglichkeit, seine Endlichkeit zu ergreifen und entschlossen festzuhalten. Der Tod hat uns in jedem Augenblick und die Flucht vor ihm sei wie alle Seinsverdeckung eine Unwahrhaftigkeit, ein unangemessenes Fürwahrhalten, das der Todesangst nicht Stand hält. Es bedarf der Umkehr, die den Mut zur Todesangst hat und dieses letzte Daseinserlebnis nicht mehr zu verdrängen sucht.

Aus diesem Grund ist der Sinn des Seienden die Sorge und die ursprüngliche Struktur der Sorge die Zeitlichkeit, die nicht als objektiver Zeitbegriff, sondern als subjektives Zeiterleben bestimmt wird. Das Anliegen Heideggers ist in einer eigenen Sprachschöpfung artikuliert, die weniger zum Bereich der systematischen Philosophie als der archaischen Dichtung gehört und ihr Vorbild einerseits in den Vorsokratikern und andrerseits bei Hölderlin sucht.

Das heideggerische Bekenntnis zum Dasein erfährt nun in den französischen Existentialisten Sartre und Camus eine Umbildung auf die soziale Wirklichkeit. Während Heidegger das Aushalten und Leben im Schatten der Todesangst zum Leitfaden erhebt, erleben diese die Freiheit der Entscheidung vor dem Tode als Willen oder Nötigung zu einem bestimmten Engagement, welches nicht aus einer metaphysischen Überzeugung, sondern aus freiem Entschluß zur Bewältigung der sozialen Wirklichkeit einerseits wieder im Marxismus mündete, andrerseits aber seinen Hauptausdruck in Kunst und Dichtung gefunden hat.

Die husserlsche Phänomenologie hat noch eine weitere Entwicklung hervorgerufen, die auf folgendem Gedanken fußt: nicht die Gegenstände der Erfahrung, sondern deren Strukturen machen die einzig echte Kenntnis der Wirklichkeit des Seienden aus. Hiermit wird die Brücke von der husserlschen Wesensschau zur systematischen Philosophie gefunden: sowohl in der Geschichte als auch in der Naturwissenschaft und in der menschlichen Kommunikation kommt die entscheidende Bedeutung den Strukturen zu.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
11. Das wissenschaftliche Denken
© 1998- Schule des Rades
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