Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

12. Das ganzheitliche Denken

Carl Gustav Jung

Der dritte Psychologe, Carl Gustav Jung, 1875-1961, verließ die freudsche Theorie in anderer Richtung. Ihn befriedigte weder die Rückführung Freuds allein auf den Sexualtrieb noch diejenige Adlers auf den Machttrieb: Die Bilder des Unbewußten seien nicht nur Symbole der Libido, sondern hätten auch eine eigene Bedeutung, einen Informationsgehalt; außer der Triebwirklichkeit gäbe es auch eine Phänomenologie der Bilderwelt des Unbewußten.

Während seiner Tätigkeit als Arzt einer Irrenanstalt in Zürich begann Jung aufzufallen, daß die Phantasien der Irren sich in der traditionellen Thematik der Mythen und Märchen bewegten, denen somit eine psychische Wirklichkeit zukommt. Geisteskrankheiten, bei denen sich keine organische krankhafte Veränderung des Großhirns nachweisen läßt, entstehen oft dadurch, daß ein Mensch mit überwertigen, also echt mythischen oder transzendenten Erlebnissen nicht fertig wird; und je mehr die Existenz der Mythen von der positivistischen Zivilisation geleugnet wird, desto mehr häufen sich die Fälle solcher Geisteskrankheiten. Es gelte daher nicht, die Bilder auf Triebsituationen zurückzuführen, wie dies Freud im Ödipuskomplex getan hatte, sondern sie über Vergleichung mit anderen Mythen zu amplifizieren, bis daß sie dem Menschen Orientierung für seine geistige Entwicklung geben. Solche Orientierung richtet sich allerdings nicht nur auf das Leben, sondern vor allem auf die richtige Haltung zum Tod und damit auf die Religiosität. Jung nannte seine Richtung Komplexe Psychologie: seine Patienten waren hauptsächlich Menschen der zweiten Lebenshälfte, die mit dem Problem des Todes und der geistigen Wiedergeburt nicht zurecht kamen.

Nach Untersuchung der mythischen Inhalte und ihrer Bedeutung für die geistige Entwicklung — wobei er Unterstützung von den Interpreten der mythischen Philosophien und Sagenkreise erhielt, so von Rudolf und Walter F. Otto für die Primitivgesellschaften, von Karl Kerényi für die griechische Sagenwelt, Heinrich Zimmer für die indische Philosophie, Leo Frobenius für die afrikanischen Mythen und Märchen und Richard Wilhelm für die chinesische Weltauffassung — entdeckte Jung die Tradition des kosmischen Denkens; auch heute noch zeige das Auftauchen des Wesenskreises, des Radkreuzes im Traum oder einer wachen Imagination während einer psychotherapeutischen Behandlung an, daß der Mensch die fundamentale Integration, die Vereinigung von Bewußtsein und Unbewußtem als Voraussetzung der Individuation erreicht hat. Als erster interpretierte Jung Alchemie und Astrologie, welche letztere er als diagnostische Hilfe einbezog, wieder in ihrem ursprünglichen esoterischen Sinn, wobei sein persönlicher geistiger Entwicklungsweg sich immer mehr der Gnosis annäherte. So wie der physische Organismus im Mutterleib die Erdgeschichte wiederhole, ebenso sei die Psyche in das Kollektive Unbewußte mit seinen Archetypen eingebettet und es gelte dieses zu verstehen, auf daß der Mensch seinen persönlichen Mythos als Voraussetzung der individuellen Lebenserfüllung finde.

Bei den vier Funktionen des Wesenskreises — für das Wollen wählte Jung den Ausdruck Intuition, weil der Begriff Wille durch dessen neuzeitliche Identifikation mit den Trieben belastet war und der bergsonsche Begriff dem Urcharakter dieser Funktion besser gerecht werde — ist gewöhnlich eine unterbewertet; sie gilt als minderwertig. Ferner kann jede Funktion nach außen oder innen im Sinne der chinesischen Philosophie gerichtet, also extravertiert oder introvertiert sein, somit unterschied Jung acht menschliche Urtypen. Hierzu kommt, daß jeder Mann auf leiblichem und auf seelischem Gebiet weibliche Züge besitzt und die Frau männliche; aus der Übertragung dieser Seelenbilder, des Animus oder der Anima auf einen Geschlechtspartner entstehe die Verliebtheit als Verfallenheit. Um eine echte Integration als Voraussetzung des geistigen Weges zu erreichen, gelte es daher erstens, die jeweils minderwertige vierte Funktion im Bewußtsein zu rehabilitieren und zu entfalten; ferner sich zum eigenen Schatten, zum Animus oder zur Anima zu bekennen, um dem Liebespartner als Person gerecht zu werden; und schließlich die geistigen Bilder, wie sie aus dem Unbewußten auftauchen, als Keime der eigenen Entwicklung zu erkennen und sich ihnen anzuvertrauen, wobei es allerdings die abwärtsführenden dämonischen Tendenzen von den spirituellen zu unterscheiden gilt. Hier bekannte sich Jung ausdrücklich zum positiven Wert der religiösen Traditionen, insbesondere der katholischen Kirche, und legte seinen Patienten die Rückkehr zu ihren persönlichen Glaubensvoraussetzungen nahe.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
12. Das ganzheitliche Denken
© 1998- Schule des Rades
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