Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

12. Das ganzheitliche Denken

Psychotherapie

Die Psychotherapie hat als Ziel die Gesundheit des Patienten, die relative Anpassung an die Wirklichkeit. Wenn die Wirklichkeit neurotisch ist — wie die orale Konsumgesellschaft oder die anale Planungsgesellschaft — so werde die Anpassung gewisse krankhafte Züge einbeziehen müssen. Psychische Integration ist nicht religiöse Erlösung. Eines der wesentlichen Probleme aller drei Schulen ist die Übertragungssituation; der Patient, der zum Arzt Vertrauen gefaßt hat, will sich ihm vollständig überantworten, in die Kindesrolle zurückfallen, und es ist die schwerste Aufgabe des Arztes, zum gegebenen Zeitpunkt diese Beziehung wenn nötig mit Gewalt zu lösen.

Ein geistiger Führer auf dem Weg soll und kann der Arzt nicht sein. Hier wandten sich sowohl Jung als auch die späteren Psychotherapeuten, die wie Erich Fromm und Karen Horney eine Vereinigung der drei Schulen anstrebten, zur Hilfe an die traditionellen Kirchen. Doch auch das religiöse Gebiet selbst wurde in den Bannkreis des revolutionären Denkens hineingezogen. Während die Kirchen sich auf evolutionäre Weise der neuen Wirklichkeit anzupassen suchen — ein Beispiel ist etwa das ökumenische Konzil, das die Vereinzelung der christlichen Bekenntnisse zu überwinden sucht, ein anderes die protestantische dialektische Theologie von Karl Barth — entstanden unabhängig voneinander verschiedene esoterische Bewegungen, welche die Frage der Beziehung vom Menschen zur Transzendenz auf eine radikal neue Weise stellten.

Im Anschluß ans biologische Denken läßt sich das Buch Cosmic Consciousness (1895) des kanadischen Irrenarztes Bucke verstehen, der in enger Beziehung zu den amerikanischen Transzendentalisten Emerson und Walt Whitman stand. Bucke stellte fest, daß jenes Erleben, welches frühere Zeiten als religiöse Erweckung oder mystische Erleuchtung bestimmt hatten, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer häufiger auftauchte und den Menschen, die es erfuhren, als innere Wirklichkeit einen höheren Grad von Wahrheit bedeutete als die Teilnahme am traditionellen Ritus, wobei dieses Erleben manchmal gefühlsmäßig betont, manchmal intellektuell oder empfindungsmäßig als ungeheure Erweiterung des Gesichtskreises, als neue Bewußtseinslage betrachtet wurde.

Hieraus schloß der kanadische Psychiater, daß wahrscheinlich dieses Erleben bald im gleichen Sinne den Ausgangspunkt für den Durchschnittsmenschen bilden werde wie etwa die christliche Bekehrung vor zweitausend Jahren. Die Beschreibung dieser Erfahrung ähnelt den Schilderungen der Zenmeister und Yogameister, doch mit dem Unterschied, daß das kosmische Bewußtsein nicht als Ergebnis langer Übung, sondern spontan, wenn auch oft in Zeiten tiefer Gemütsbewegung auftauchte.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
12. Das ganzheitliche Denken
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