Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken

Geosophie

Die Verschiedenheit der Mythologien und mythischen Philosophien ist nun aber so groß, daß sie sich nicht allein aus historischer Entwicklung und Zufälligkeit erklären läßt; ihr Grund liegt in einem anderen Wesenszug des kosmischen Denkens, den wir bisher noch nicht berücksichtigt haben. Das kosmische Denken erfaßt die menschliche Wirklichkeit in Raum-Zeit-Koordinaten. Die Zeitfaktoren sind der Tierkreis als Sonnenbahn, Sonne, Mond und Planeten, und schließlich das Weltenjahr im Wandel des Frühlingspunkts durch die Konstellationen. Doch auch der Raum, die Erdkugel, hat in der Krebszeit vor der großen Flut eine mythische Gliederung erfahren.

G E O S O P H I E

Der Ostpunkt oder Nullmeridian verlief durch die traditionelle Paradiesstätte zwischen Euphrat und Tigris, die in der Sintflut verschwand. Laut mohammedanischer Überlieferung bezeichnet seither der Stein in der Kaaba zu Mekka auf dem vierzigsten Längengrad den wahren Meridian. Dieser Stein soll Adam zu seiner Orientierung nach seiner Vertreibung aus dem Paradies gegeben, und die Stätte später von Abraham geheiligt worden sein. Mekka entspricht also dem Frühlingspunkt im Tierkreis.

  • Anschließend nach Osten ist in Arabien und Persien das Widdersymbol im Vordergrund die Einheit des Volkswillens bildet das mythische Ziel. Die Gemeinschaft, im Gegenzeichen Waage, fand ihre Form im göttlichen Gesetz, wie dies alle Kulturen dieses Landstrichs bis zu den Mohammedanern verkörpert haben.
  • In Indien ist der Stier, die Kuh, geheiligt; der Schwerpunkt liegt auf dem körperlichen Empfinden, im Erringen des klaren Wachbewußtseins. Als Führer der Gemeinschaft im Gegenzeichen Skorpion werden nur Asketen anerkannt, deren letztes Beispiel Gandhi war.
  • Das Zwillingsland ist China, dessen mythische Philosophie aus dem reinen kombinatorischen Denken ansetzt. Die Gemeinschaft wird durch eine gemeinsam bekannte Ideologie im Sinne des Gegenzeichens Schütze zusammengehalten, deren Ursprung die Urkraft selbst ist; sei diese nun, wie im alten China, als die keimhaften Urgründe, oder im heutigen als die dialektisch sich entfaltende Materie bezeichnet. Indonesien, in der südlichen Halbkugel gelegen, in der das Traumbewußtsein das Wachbewußtsein beherrscht, verwandelt die kosmische Ausrichtung in eine animistische, die den Hinduismus Balis genau so verändert hat wie den modernen Islam.
  • Japan und Australien fallen unter das Symbol des Krebses und des Mondes. Einerseits wird seit altersher die japanische Fähigkeit gerühmt, in der Imitation das Vorbild zu übertreffen; andrerseits ist das Durchstoßen der Vorstellung etwa im Zen-Buddhismus das Ziel des Heilsweges. Das Gemeinschaftsideal im öffentlichen Zeichen des Steinbocks hat zu einer Heiligung des Staatslebens geführt. Bei den australischen Aborigines dagegen hat sich die Mentalität der Krebszeit unverfälscht bis in die jüngste Vergangenheit erhalten; Traumwelt und Wachwelt schienen unlösbar miteinander verquickt.
  • Desgleichen war anschließend nach Westen im Mittelmeerraum das Fischesymbol im Vordergrund; die spätere Stadt Jerusalem wurde auf 25° Fische am jupiterischen Tierkreisort in Erwartung des Menschensohnes und Heilands von Israel erbaut. Das Gemeinschaftsideal des späteren Süd- und Mitteleuropas verstand im Sinne des Gegenzeichens Jungfrau Religion als Gottesdienst, als geheiligte Arbeit; auch die kommunistische Ideologie im gleichen Bereich die Trennung zwischen Fischebereich und Wassermannbereich verläuft auf 10° östlich von Greenwich bleibt in der Bewertung der Arbeit dem mythischen Ideal treu.
  • Westafrika und das keltische Westeuropa hatten im Mittelpunkt ihrer Mythen das Menschenbild gemäß dem Zeichen Wassermann. Das Gemeinschaftsideal im Löwen wurde etwa durch die Sage König Arthurs in England dargestellt. Doch das ursprüngliche Zentrum dieser Kultur muß das untergegangene Atlantis gewesen sein, das sich laut Platons Bericht vor der Meerenge vor Gibraltar im atlantischen Ozean jenseits der Säulen des Herkules befand.

Doch nicht nur die euroasiatischen und afrikanischen, auch die amerikanischen Mythen nehmen auf die Tierkreisgliederung der Erde bezug.

  • So finden wir in Mexiko, wo nach der Ordnung das Zeichen Adler-Skorpion liegt, den Kult der gefiederten Schlange und des Todes; nördlich davon folgen die Indianer der großen Ebene des amerikanischen mittleren Westens der Thematik dieses Zeichens bis in die letzte Einzelheit: vom Marterpfahl als Prüfstein der Leidensfähigkeit bis zum Kopfschmuck aus Adlerfedern; die Gemeinschaftsordnung im Gegenzeichen Stier war auf den wirtschaftlichen Wohlstand abgestimmt, das Erntefest des Mais stand im Vordergrund.
  • Ostamerika, im Symbol des Schützen, verehrte den großen Geist der ewigen Jagdgründe, während Südamerika unter dem gleichen Symbol ein kosmisches Bewußtsein durch Einnahme bestimmter Drogen zu erreichen suchte und seine Kulturen aus den dabei gewonnenen Erkenntnissen schuf; Gemeinschaft, wie bei den Inkas und Mayas, im Gegenzeichen Zwillinge, war bis ins letzte durchorganisiert.
  • Die Stämme Brasiliens im Steinbockgebiet folgten dem Mythos einer geheiligten Staatsordnung, nach dessen Kriterien sich selbst eine so späte Mythologie wie die isländische in Abweichung von der allgemein germanischen gerichtet hat; die Gemeinschaftsordnung, im Gegenzeichen Krebs, war auf Heiligung der Sippe gegründet.

Auch die Völker des Pazifik haben an dieser Ordnung teil:

  • die Mythen Ozeaniens und Hawaiis folgen der Jungfrausymbolik, Mittelpunkt der Gemeinschaft ist der charismatische Priester im Gegenzeichen Fische.
  • Die Maoris Neuseelands und der Fidschiinseln haben als Ideal die Meisterschaft im Bilde eines Sonnenkultes des Löwensymbols; das heutige Neuseeland hat als Gemeinschaftsideal im Gegenzeichen Wassermann die demokratische Wohlstandsgesellschaft, was zeigt, daß auch die heutige Mythenbildung noch der geographischen Gliederung Rechnung trägt.
  • Das gleiche beobachten wir in Westamerika, wo die Stämme das Ideal der Gerechtigkeit (Waage) vertraten: der Mythos des fernen Westens hat als Prototyp die Persönlichkeit im Sinne des Gegenzeichens Widder, die aus eigener Verantwortung die gestörte Rechtsordnung wieder herstellt.

Vielleicht ist die Erde in Fauna und Flora schon nach dieser Ordnung gegliedert; die verschiedenen Menschenrassen der Mongolen, Schwarzen, Weißen und Rothäutigen gab es jedenfalls schon lange vor unserem Weltenjahr. Da sich bei allen zitierten Mythologien die Sage von der großen Flut findet, ist anzunehmen, daß am Ende der Krebszeit eine weitverzweigte menschliche Besiedlung der Erde stattgehabt hatte, deren Glieder dank der prälogischen Mentalität in einer Art Kommunion miteinander lebten, die aber nach der Sintflut völlig zurückgedrängt wurde; die ersten halbwissenschaftlichen Weltmodelle des mythischen Denkens gehen immer von der großen Dreigliederung des Lebens nach Himmel, Erde und Unterwelt aus und berücksichtigen kaum die Kugelgestalt der Erde.

Nicht alle Kulturen hatten ein mythisches Denken im Sinne der Thematik der Widderzeit ausgebildet; die australischen Aborigines und manche Stämme Afrikas verharrten in der Mentalität der Krebszeit, die nord- und mittelamerikanischen Indianer in der Zwillingszeit mit der Stammeseinheit als oberstem Ideal. Die südamerikanischen Stadtkulturen behielten die Kennzeichen der Stierzeit mit ihren Pyramiden bis zur Zerstörung durch die Spanier bei. Die Malayen und Maoris entwickelten zwar Mythen und Sagen, brachten es aber zu keinem entsprechenden Denkstil im philosophischen Sinn. Für die Entfaltung des mythischen Denkens waren einzig die Bewohner Asiens und Europas von China bis Griechenland verantwortlich; wir werden uns daher im folgenden auf ihre Ausprägungen beschränken und die anderen Mythologien erst berücksichtigen, sobald sie den Anschluß an das geschichtliche Bewußtsein gewonnen haben.

In allen Kulturen der Widderzeit setzte das Denken am kosmischen Modell an, dessen Komponenten es zu freier Variation entfaltete. Die Verschiedenheit der Entfaltungen erklärt sich aus den örtlich-kosmischen Symbolen.

  • So entwickelten die Chinesen im Zeichen Zwillinge das mythische Denken als mathematische Kombinatorik;
  • die Inder im Zeichen Stier strebten über die verschiedenen Heilswege zum Erreichen des Wach- und Überbewußtseins als Vollendung des körperlichen Empfindens;
  • die Perser, Araber und Israeliten bemühten sich gleich den Chaldäern und Assyrern unter dem Symbol des Widders, die Einheit des Volkswillens unter einem Gesetz zu erreichen. Hammurabi zu Beginn der Widderzeit prägte die ersten Gesetzestafeln der Geschichte
  • und die Griechen schließlich im Zeichen Fische, geistiges Fühlen, widmeten sich der Darstellung und Vollendung der menschlichen Möglichkeiten, die sie in ihrer Götterwelt und ihrem Lebensstil formulierten und verwirklichten.

Diese vier einzigen geschichtsbewußten Mächte China, Indien, Westasien und Europa schufen somit einen neuen Denkstil, dessen Komponenten sich selbständig entfalteten, doch bis zum Ende der Antike in steter Wechselwirkung verharrten.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
2. Das mythische Denken
© 1998- Schule des Rades
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