Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

12. Das ganzheitliche Denken

Bewußtseinserweiternde Drogen

Diese Kommunion bedeutet ein geistiges Verstehen der Pflanzenwelt, welche — im Sinne der Weltenesche oder des indischen Skambha als Symbol der Wirbelsäule — dem Menschen den Zugang zu den verschlossenen Bewußtseinsschichten freilegt. Aldous Huxley war einer der ersten, der diesen Zugang mittels der Frucht des Peyote-Kaktus über Meskalin beschrieb und dessen Unterschied zu den rauschhaften Opiaten darlegte, die die Traumwelt intensivieren. Er bezeichnete die Wirkung dieser Früchte als ein Öffnen der Tore der Wahrnehmung; also nicht Zugang zu Halluzinationen, sondern zu jenen anderen Wirklichkeiten, die in den asiatischen Traditionen erst ab einer gewissen Stufe dem Yogi oder Derwisch erlebbar wurden, und die sich in der abendländischen Mystik als Ergebnis langer Askesen eingestellt hatten.

Meskalin gab den Anstoß; bald wurden neue Mittel entdeckt: die mexikanischen Pilze, die wahrscheinlich im Mittelmeer und in Sibirien im Fliegenpilz ihre Parallele hatten, und vor allem die chemische Auslösung der bewußtseinswandelnden Faktoren des Mutterkorns — eines Pilzes, der im Mittelalter öfters zu kollektiven Wahnsinnsausbrüchen geführt hatte — durch den Chemiker Albert Hofmann 1943 in Basel. Damit wurden die psychedelischen Drogen einem größeren Kreis zugänglich; — Haschisch und Marihuana, die ähnliche Erfahrungen, wenn auch von geringerer Intensität vermitteln und verhältnismäßig leicht zu bekommen waren, verbreiterten den Kreis noch weiter, sodaß sich jetzt eine neue Frage stellte: anstelle der wunderbaren Reise aus dem Alltag begannen sich manche damit zu beschäftigen, wie es möglich sei, die Alltagswelt an diese größere Wirklichkeit anzupassen. Einige, wie Timothy Leary, betrachteten die Öffnung und die damit verbundene Absage an das Establishment als revolutionäre Aufgabe, und experimentierten an Hand traditioneller Texte wie dem Tibetanischen Totenbuch, gleichsam als nach innen gekehrte Naturforscher. Die Forschungsgruppe Houston-Masters untersuchte zahllose Einzelfälle in ihrem Buch The Variety of Psychodelic Experiences, wobei die Stufen des Wesenskreises sich immer wieder offenbarten: als erstes klärte sich das Empfinden, wurde zur Wahrnehmung einer Märchenwelt. Die Natur gewann jene Schönheit zurück, die sie anscheinend dem Kind bis zum siebten Jahr bietet. Als nächstes galt es die banalen Erfahrungen des Alltags zu durchstoßen. Dann tauchten als drittes verdrängte Trauminhalte auf, psychische Komplexe, die in vielen Fällen zu Verzweiflungsausbrüchen führten, und schließlich wurde die Sphäre des Mythos erreicht, in der der Reisende entweder Allmachtsphantasien erlebte — sich mit der Gottheit identifizierte — oder aber tatsächliche Dramen im Sinne des mythischen Denkens neu durchlebte, welche je nach seiner Herkunft eine verschiedene Prägung hatten: das ausgesetzte Kind wie bei Moses, die Suche nach dem Gral wie bei Parsival.

Aus diesem Grunde begann sich die Psychotherapie der Drogen anzunehmen und betrachtete sie als Mittel zum Durchbruch zur Individuation im Sinne Jungs. Wie dieser die Traumsequenzen bis zum Auftauchen des vereinigenden Symbols ohne Eingriff ablaufen ließ, ebenso wurde vom bloßen Nacherleben solcher Mythen eine heilende Wirkung erwartet. In dieser Weise, unter klinischer Aufsicht, versuchte das wissenschaftliche Denken auch diese Welt dem Heilungsziel der Anpassung an die gegebene Wirklichkeit unterzuordnen.

Damit wurde aber die wirkliche Bedeutung dieser Erkenntnismittel im Sinne der indianischen Tradition eskamotiert, und ihre Gefahren machten sich bemerkbar: in all diesen Erlebnissen wird das sterbliche Ich — der im dialektischen Gegensatz zwischen Überich und Unterbewußten entstehende Verhaltenskomplex, der den Menschen der jeweiligen sozialen Wirklichkeit anpaßt, und seine positive Rolle als Werkzeug durchaus besitzt — für die Zeit der Reise ausgeschaltet. Die banale Todesangst verschwindet — wenn sie nicht aus unterbewußten Komplexen mit vervielfachter Intensität wiederkehrt und zur Selbstzerstörung führt. Aber alle möglichen Naturkräfte, Energiebündel der Evolution, können die Herrschaft im Sinne einer Persönlichkeitsspaltung an sich reißen; und wenn der Betreffende nicht im bloßen Erleben — gleich einem inneren Kino, also der vollen Passivität — sein Genügen findet, können zerstörende Impulse die Oberhand gewinnen; es kommt zu jenen Fällen der Besessenheit, die die schwarzmagische Überlieferung aller Traditionen geschildert hat.

Früher erwähnten wir die Beobachtung von Bucke, daß das kosmische Bewußtsein im Sinne einer Mutation immer mehr Menschen ergreift. Jede Mutation in der biologischen Evolution wird durch zwei Komponenten bestimmt: die positive der neuen Gestalt, und die negative des Sterbens derjenigen Arten, die der neuen Wirklichkeit nicht angepaßt sind. Dieser negative Aspekt der Evolution wird durch die technische Zivilisation unausweichlich. Wer nicht imstande ist, aus echtem Bewußtsein zu leben, unterliegt der Manipulation; nicht nur durch andere Menschen, sondern durch die Werkzeuge selbst, was etwa Johann von Neumann in seiner Vorstellung sich reproduzierender Roboter vorwegnahm.

Einer solchen Welt kann nur jener gewachsen bleiben, der den Zugang zu seiner Spontaneität freigekämpft hat. Aller Schutz, den die Traditionen gaben, versagt in dieser Situation: jeder einzelne muß den Schritt zur neuen Autonomie als Wagnis selbst machen. Und so führt sowohl die Technik als auch die immer weiter sich verbreiternde Erweiterung des Bewußtseins — deren Durchschlagskraft durch das Verbot der Drogen in allen Ländern nur noch intensiviert ist — zum endgültigen Verlust der traditionellen Sicherheit; denn geistige Autorität ist in jenem Augenblick bereits vernichtet, wo sie überhaupt in Frage gestellt wird. Diese Entwicklung gehört im kosmischen Denken einer neuen Periode zu, der 1962 angebrochenen Wassermannzeit; und in diesem neuen Zeitabschnitt wurde auch ein positiver Weg bekannt, wie das ganzheitliche Denken nicht nur von außen, sondern auch von innen der Mutation gewachsen sein könnte.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
12. Das ganzheitliche Denken
© 1998- Schule des Rades
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