Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

Nachwort

Neues Denken

Fritjof Capra in seinem Buch Tao of Physics zeigte, daß die chinesische Naturphilosophie als Denkrahmen der neuen Entdeckungen angemessener ist als das aristotelisch-newtonsche Paradigma. Der Mathematiker Arthur M. Young überwand in seiner Kosmogonie den Bruch zwischen Evolution und der damals als Grundgesetz akzeptierten Entropie. Der Mensch lebt zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos; beide sind auf den Urknall zurückzuführen. Da nach Einstein Raum Ausdehnung und Zeit gegenwärtige Beziehung zwischen Ereignissen und Wesen ist, müßte die Geometrie die Brücke zwischen Physik und Evolution zeigen. Nehmen wir folgendes Schema:

K o s m o s

Im Urknall zergliedert sich der Große Mensch, kabbalistisch Gott als Adam Kadmon, in Myriaden von Wesensfunken. Quant ist nicht Energiepaket, sondern Subjekthaftigkeit, die Zahl Eins des Universums. Dieses Subjekt verliert in der mikrokosmischen Emanation Energie: von der unendlichen des Quants über deren Verminderung bei Proton, Elektron und Atom bis zum Molekül. Diese fünf mikrokosmischen dimensionalen Stufen zwischen göttlicher Potentialität und mineralischer Aktualität entsprechen fünf makrokosmischen Stufen der Vermehrung der gravitationellen Abhängigkeit: das pulsierende All, die Entstehung der Galaxien zwischen den Wasserstoffkugeln, die Sonnen und Sterne, die Planeten und die Erde, und schließlich die Monde, womit die Emanation beendet ist.

Beide stehen symmetrisch zueinander als Verkleinerung und Vergrößerung des Maßstabes. Der Mensch in seiner physischen Größe bildet die exakte geometrische Mitte zwischen Mond und Molekül, Erde und Atom, Sonne und Elektron, Galaxis und Photon und schließlich in der nullten Dimension zwischen Quant und All. Er hat seinen Ort als Mitte und Ziel des Universums wiedergefunden, den er durch Galilei verlor.

Evolution bedeutet Fortschritt in der Freiheit durch Verlust einer räumlichen Symmetrieachse. Das Kristall ist total symmetrisch und in seinem Wachstum von den Mondphasen abhängig, wie Rudolf Steiner entdeckte. Die Pflanze ist oben und unten verschieden, wird in ihrem Wachstum durch die Erdachse bestimmt, und das Atom gleicht dem Samen, der Jahrtausende warten kann, um in der Erde zu neuer Gestalt zu erwachsen. Das Tier ist oben und unten, hinten und vorne verschieden. Es lebt im kosmischen Stoffwechsel zwischen fressen und gefressen werden, gesteuert vom Instinkt des Überlebens und der Arterhaltung.

Der Mensch als nächstes Naturreich müßte die Symmetrie rechts - links verlieren; er lebt zwischen Traum und Wachen, Möglichkeit und Wirklichkeit. Gott schließlich als der nulldimensionale ewige Augenblick ist ohne Gesetz die absolute Singularität. Seine Synchronizität liegt weiteren Naturreichen zugrunde. Das bellsche Theorem hat gezeigt, daß Elektronenpaare nicht durch die photonische Lichtgeschwindigkeit in ihren Reaktionen begrenzt sind: Wenn etwa ein Partner auf der Erde seinen Spin wechselt, muß der andere simultan seine Richtung umdrehen, sei er auch am Sirius.

Wolfgang Pauli und C. G. Jung erwiesen, daß die Synchronizität physikalisch und mathematisch zu erklären ist und die materielle Basis des PSI, der paranormalen Vorgänge, bildet.

Young wurde in den Achtzigerjahren ebensowenig verstanden wie Santillana. Erst heute wird dieses Wissen zugänglich, nachdem die ideologischen Vorurteile in Ost und West verschwanden. Doch die wissenschaftliche Beweisführung für seine These, daß der wahre Mensch rechts und links trennen müsse, wurde erst durch die moderne Gehirnforschung erwiesen: durch MacLean, Pribram und Sperry.

MacLean erforschte die senkrechte Struktur des Zentralnervensystems. Das Stammhirn, das der Mensch mit den Reptilien teilt, ist einfältig auf die Erdmitte gerichtet. John C. Eccles erhielt den Nobelpreis für seine Entdeckung, daß es der Sitz der Aufmerksamkeit ist und nicht das limbische System, auf dessen Anjochung die abendländische Erziehung bis zum Behaviorismus gegründet war. Er brachte die wissenschaftliche Rechtfertigung der neuen Körpertherapien.

Das limbische System, das wir mit den Säugetieren teilen und über das Stammhirn gestülpt ist, müssen wir hedonistisch verstehen: Wiederholung von Lust und Vermeidung von Schmerz durch Abblocken des gesamten Reflexbogens. Es ist zweifältig gesteuert. Die negativen Erfahrungen können über die Sprache in positive umgemünzt werden, was die Basis des NLP und der Kinesiologie bildet.

Das Großhirn ist vierfältig. Der Schwerpunkt wechselt zwischen Wachen, Traum, Reflexion und Schlaf. Wenn man träumt, ist man nicht wach. Wenn man reflektiert — Verwandlung von Wort in Bild und Bild in Wort — ist die Aufmerksamkeit nicht frei; aber die innere Ruhe des Schlafs regeneriert wie in der buddhistischen Meditation den ganzen Organismus. Somit betrifft die akademische Schulung wie im englischen logischen Positivismus nur die linke Großhirnhemisphäre, die rechte und vordere bleiben ungenutzt.

Alle vier Hemisphären — zwei laterale und zwei sagittale — werden durch verschiedene Gehirnströme aktiviert. Das Wachen folgt den Betawellen ab 16 Hertz, die Reflexion und der REM-Traum den Alphawellen von 8 bis 15 Hertz. Die Traumvision erscheint bei den Thetawellen zwischen 4 und 7 Hertz, weshalb Schamanen und auch moderne Therapeuten diesen Rhythmus für Visionsreisen verwenden. Der Tiefschlaf ist durch Vorherrschen der Deltawellen zwischen 2 und 3 Hertz gekennzeichnet. Deltawellen sind ferner, wie Ernst Pöppel erkannte, das Zeitmaß, in dem die Aufmerksamkeit Ereignisse als Dauer integrieren kann; das indische Postulat der Identität von Aufmerksamkeit und Tiefschlaf wurde erwiesen. Karl Pribram bezeichnete das Gedächtnissystem als holographische Diskothek, über den ganzen Körper verteilt, wo der kleinste Teil sowohl genetisch als auch simultan das Ganze spiegelt. Doch die entscheidende Entwicklung kam aus einer therapeutischen Situation. Wenn man bei einem Rechtshänder zwecks Heilung von Epilepsie die linke Hemisphäre lahmlegt, wird der Mensch freudlos und verzweifelt. Bei der rechten dagegen wird er leichtsinnig glücklich. Nach einiger Zeit übernimmt die verbliebene Hemisphäre die Rolle der anderen.

Was geschieht nun, wenn beide voneinander durch den Corpus Callosum getrennt sind? Roger Sperry unternahm den Versuch und stellte fest, daß das Bewußtsein nun von zwei Subjekten gesteuert wird, die voneinander nichts wissen; die rechte Hand etwa versucht einen Reißverschluß zuzumachen und die linke gleichzeitig ihn zu öffnen. So erwies sich eine weitere Grundannahme der indischen Metaphysik als richtig: der Mensch hat zwei Subjekte, das räumliche Selbst hinter Traum und Schlaf und das zeitlich funktionale Ich im Wachen und der Reflexion.

Man sollte daher laut Gurdjieff die drei senkrechten Gehirne — Stammhirn, limbisches System und Großhirn, Körper, Seele und Geist — vereinen andererseits die vier Bewußtseinsschichten als die Funktionen empfinden, denken, fühlen und wollen trennen. Damit wandelt sich die vierfältige waagrechte Struktur zur achtfältigen senkrechten der Chakras. Sobald das Bewußtsein sich in das Körpergewahrsein verwandelt, kommt der einzelne über die Aufmerksamkeit an die wahre Umwelt, also das All heran und sprengt das Gefängnis seines falschen Ichbildes.

Die westliche Gesellschaft mit ihren Ideologien versucht den Menschen durch Zuckerbrot und Peitsche an das limbische System zu fesseln, wie Laborit, der große Pharmakologe, in seinem Buch L’homme imaginant verdeutlichte: wer glaubt, daß gut und böse Substanzen sind wie die meisten Anhänger von Bekenntnissen, ist ein falsches Tier, denn er lebt im limbischen System, dem Säugetierhirn, und kann durch Schlagworte oder Werbung abgerichtet werden. Nur wenn er den Traum und die Vision als Motivation, als Ursprung aller Intentionen erkennt, dann gelingt es ihm, in der Achtfältigkeit der Chakras sein Wesen zu entfalten.

Die linke Hemisphäre ist digital und zeitbezogen, die rechte analog und traumbezogen; die linke ist bewußt, die rechte unter- und unbewußt. Das Integrieren der Achtfältigkeit muß gewollt sein, es ist der Reflexion nicht zugänglich. Um das Gewahrsein zu erreichen, muß die Aufmerksamkeit von den Assoziationen gelöst und in der Stille verankert werden, wie der Yoga-Sutra lehrt. Dies kann dadurch geschehen, daß der Schwerpunkt sich vom Organaspekt des Körpers auf die Energie verlegt, aber nicht auf jene Energien, die Gegenstand der physikalischen Forschung sind, sondern auf die Lebensenergie als Vereinigung von Kraft und Licht, das indische Prana und das chinesische Chi.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
Nachwort
© 1998- Schule des Rades
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