Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken

Chinesisches Denken

Von einer Mythologie im griechischen Sinn kann man beim chinesischen Denken nicht reden: seinen Ausgangspunkt bildeten die Komponenten des Wesenskreises, die selbst, wie wir in unserer Einführung darstellten, der Ursprung des kosmischen Denkens sind. Deren Entfaltung bis zur freien Kombinatorik kennt verschiedene Stufen.

Die Kulturheroen, die die Urbegriffe prägten, sollen um 2300 v. Chr. gelebt haben. Die mythischen Begründer früherer Zeiten wurden einfach dazugezählt: Bau Hi, als Begründer der Landwirtschaft, folgt der Krebszeitsymbolik; Fu Hi, als erster Überlieferer der kosmischen Denkprinzipien in der Zwillingszeitsymbolik, soll die Sintflut überlebt und die ursprünglich chinesische Kultur begründet haben. Am Beginn der Widderzeit stehen die beiden mythischen Kaiser Yau und Kaiser Shun, die durch Regulierung des gelben Flusses die Voraussetzung des chinesischen Staates schufen.

Von den Kulturheroen sind drei Begriffe des kosmischen Denkens überliefert, die aller weiteren Kombinatorik zugrundeliegen: Wu Chi, die Möglichkeit; Tai Chi, wörtlich der Firstbalken, das erste Prinzip der Verwirklichung; und drittens dessen Scheidung in die zwei gegensätzlichen Prinzipien Yang und Yin, ursprünglich Licht und Schatten, später zeugen und empfangen, männlich und weiblich, stark und schwach, aus deren Wechselwirkung die Mannigfaltigkeit der Welt entsteht.

Ihr Zusammenwirken ist im Wesenskreis veranschaulicht. Der Ostpunkt, links, bedeutet den Übergang von der Möglichkeit in die Wirklichkeit; die Potentialität Wu Chi wird demnach als etwas hinter der Verwirklichung Tai Chi gelegenes, also transzendentes Prinzip betrachtet. Von dort aus strömt die Kraft der Verwirklichung über den unteren Kreisbogen nach rechts in das Leben ein und nimmt am gegensätzlichen Westpunkt des Wesenskreises Gestalt an.

Hat sie ihre räumliche Entfaltung zur Gestalt beendet, so beginnt die zeitliche; sie kehrt als Yang im oberen Kreisbogen zum Ausgangspunkt zurück. Ostpunkt und Westpunkt erhalten zwei neue Namen: der Ort, durch den das Mögliche in die Verwirklichung fließt, heißt Tao, in Richard Wilhelms Übersetzung als Sinn bezeichnet, anderweitig oft als Weg, Richtung oder Geist. Doch Sinn faßt den chinesischen Begriff am anschaulichsten.

Der entgegengesetzte Punkt, wo Yin in Yang umschlägt, heißt Te, übersetzt als Leben. Er umgreift alle Bedeutungen, die er bereits im kosmischen Denken für uns gewann. So beginnt das chinesische Denken mit der Vorstellung eines Kreislaufs: das unerschöpfliche Wu Chi offenbart sich als Tao und fließt als Yin in die Wirklichkeit Te. Hat es eine feste Gestalt erreicht, findet es wieder seine eigene Möglichkeit in der Zeit als Yang fließt es zum Ursprung zurück, der also als seine räumliche Möglichkeit hinter ihm und als seine zeitliche Möglichkeit vor ihm liegt. Leben und Tod werden als Wechselspiel zwischen Tao und Te betrachtet, welche hiebei überdies den Charakter von Kraft und Stoff gewinnen.

Wu Chi
Möglichkeit
W u · c h i
Tai Chi
Wirklichkeit

Die Aufmerksamkeit der Chinesen richtete sich jedoch nicht auf das, was verändert wird, sondern auf die Prinzipien der Wandlung; so wurden Yang und Yin schon früh als eigene Symbole eingeführt. Ihre gegenseitige Durchdringung zeigt der folgende Kreis:

T a i - C h i

Die Urprinzipien selbst wurden als Strich dargestellt: Yang als ganzer und Yin als gebrochener Strich.

Diese Striche haben die Tendenz, sich ineinander zu verwandeln. Das geschieht nach folgender bildlicher Vorstellung: der starke Strich verdickt sich nach den Enden zu und verdünnt sich in der Mitte, bis er reißt. Bei der entgegengesetzten Wandlung von Yin zu Yang verdicken sich die beiden Teile des schwachen Striches der Mitte zu, bis sie zusammenwachsen.

Verwandlung in Yin
Umwandlung in Yang

Die Verschiedenheit der beiden Prinzipien wird auf folgende Weise beschrieben: die Aktivität des Yang ist das Entscheiden und Vorwärtsschreiten und das Beharren in der Richtung: seine Passivität ist das Stehenbleiben. Beim Yin ist die Aktivität das Sich-Öffnen, um den Keim oder Anlaß aufzunehmen, und die Passivität das Sich-Schließen.

Jede Naturerscheinung, jede Tatsache kann nun von zwei Gesichtspunkten aus betrachtet werden: in sich, und in ihrer Beziehung zu anderen. So entstehen vier abgeleitete Kombinationen von Yang und Yin, welche Verwandlungen und Umwandlungen in neuer Form darstellen:

das alte Yang
das junge Yin
das alte Yin
das junge Yang

Diese vier werden nun wieder in den kosmischen Kreis eingeordnet: das alte Yang, symbolisiert als Sonne und Sommersolstizie, bedeutet die reine Kraft; das junge Yin, der Herbstpunkt, die Kraft, die sich in Gestalt verwandelt. Das alte Yin bedeutet reine Gestalt, den Mond und die Wintersolstizie; und das junge Yang die Rückkehr zur Kraft und damit zum Ursprung, zur Möglichkeit:

W i r k w e i s e n

Diese vier Zeichen sind nur Wirkweisen von Yang und Yin, keine Prinzipien. Um sie als Prinzipien zu erfassen, wurde noch ein dritter Strich hinzugefügt und so entstanden die acht Urzeichen, deren Erfindung Fu Hi zugeschrieben wird. Sie haben heute noch Namen, die aus einer früheren Sprache stammen und sich sonst nicht im Chinesischen finden.

Die Bedeutung dieser acht Urzeichen ist mit mannigfachen Symbolen umgeben, die alle auf das entsprechende Prinzip hindeuten sollen. Wir verstehen sie besser, wenn wir sie im Einklang mit der schamanischen Gliederung als Ausdruck der Funktionen und Bereiche bestimmen, die in anderer Form zu den Kategorien des kosmischen Denkens geführt haben. Das letztere hatte im chinesischen Denken eine untergeordnete Rolle; die aktive und passive Ausprägung der Funktionen im Rahmen der Triade Geist Himmel, Seele Mensch, Körper Erde wurde zur Grundlage des Denkens, die sich im Gegensatz zum zwölffältigen Tierkreis als Achterkreis darstellt.

Im kosmischen Denken entstammen die Funktionen der äußeren und inneren Erfahrung; im mythischen gilt es, sie aus der Transzendenz als Ursprung von Bewußtsein und Wirklichkeit abzuleiten. Diese Ableitung zeigt am klarsten der 42. Vers des Tao Te King

Das TAO (hier mit Wu Chi gleichgesetzt) erzeugt die Eins.
Die Eins erzeugt die Zwei.
Die Zwei erzeugt die Drei.
Die Drei erzeugt alle Dinge.

Alle Dinge haben Yin im Rücken
und Yang in den Armen
zur Vollendung der großen Harmonie.
  • Null als Tao bedeutet die Leere, die Kraft der Aufmerksamkeit.
  • Eins bedeutet das Sein und wird im Tai-Chi-Kreis veranschaulicht. Tai Chi wäre das höchste Bewußtsein, wo alles, was man tut und was einem zustößt, als das eine Wirkungsfeld betrachtet wird: die coincidentia oppositorum, Ziel aller mystischen Bemühungen. Eine aus der Urzeit stammende körperliche Disziplin, Tai Chi genannt, die den Ursprung aller Kampfsporte wie Judo und Karate bildete, vermittelt die Erfahrung des Zusammenhanges von eigenem Körper, Gegner und Umwelt in 108 Stellungen, womit der wahre Zustand als Übung vorweggenommen wurde, den der Einzelne im Leben als höchstes Ziel vielleicht erreicht.
  • Zwei, der Gegensatz von Licht und Dunkel, Yang und Yin: Licht ist die Kraft der Aufmerksamkeit, Schatten bildet den Hintergrund, auf welchem die Inhalte des Bewußtseins in der Vorstellung auftauchen, die der dritten Stufe zugehören.
  • Drei, die Welt der acht Trigramme, welche alle Funktionen nach handelnd und erleidend gliedern: sie bilden die Inbegriffe des Bewußtseins.

In der Überlieferung ist 3 die Zahl des Himmels, da 1 jenseits des gewöhnlichen Bewußtseins liegt, und 2 die Zahl der Erde, weil nur über bewußte Dialektik die Inbegriffe Entscheidungen dienen können.

  • Vier: die Trigramme werden wir im einzelnen erläutern. Doch auch sie sind noch nicht die Wirklichkeit: diese wird durch die vierundsechzig raumzeitlichen Situationen bestimmt, die Innen und Außen, Bewußtsein und Welt vereinen und über ihre Kenntnis den Menschen in die Lage versetzen, Sinn und Leben, Tao und Te zu vereinen.

Alle Wesen haben im Rücken Yin und in den Armen Yang zur Vollendung der großen Harmonie: dies ist der früher dargestellte Kreis zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, wo einerseits die körperliche Anlage (Yin) den Menschen in eine bestimmte Ausprägung bringt, andererseits er geistig (Yang) seine Richtung finden muß; hierdurch erfüllt er seine Existenz zur großen Harmonie.

Die gleiche Entfaltung über vier Schritte von der Möglichkeit zur Wirklichkeit, wahrscheinlich sogar in direkter Überlieferung, werden wir später bei Pythagoras in seiner Entdeckung der Mathematik kennen lernen. Doch die funktionelle Gliederung war den chinesischen Kulturheroen nicht bewußt; ihnen genügte die dreifältige Bestimmung nach äußerem Bild (wie Donner), innerem Motiv (wie das Erregende), zahlenmäßigem Zusammenhang (aus den drei Strichen lassen sich nur acht Trigramme herstellen) und schließlich, dem Denken entsprechend, ihre Bestimmung aus der Reihenfolge der Striche. Auch für unser Erleben bedeutet Empfinden jene Bewußtheit, die sich ganz der sinnlichen äußeren Wirklichkeit widmet; Fühlen die Erfahrung der triebhaften inneren Wirklichkeit. Beide lassen sich über das Denken sprachlich vereinen, und Wollen bildet die ganzheitliche Einstellung: aktiv vorwärtsgetragen und passiv sich öffnend, die Befruchtung empfangend.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
2. Das mythische Denken
© 1998- Schule des Rades
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