Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

Nachwort

Chiron

Am 1. November 1977 wurde ein zehnter Planet zwischen Saturn und Jupiter gesichtet, der beide Bahnen schneidet. Er erhielt astrologisch den Namen Chiron. Wie auch bei der zufälligen Namensgebung von Pluto — nach den Initialen des Entdeckers Percy Lowell — erwies sich die Namensgebung als richtig.

Doch der Sinn dieser Entdeckung ist tiefer: die Vorstellung des verletzten Heilers aus dem griechischen Mythos ist nicht das Wesentliche, sondern der Name selbst. Chiron ist das Urbild des Zentauren, des Menschen mit Pferdeleib und Menschenoberkörper, also mit befreiten Händen.

C h i r o n

Cheiron heißt Hand, daher stammt die Chiromantik und Chirologie. Mit der Integration dieses Impulses — sein fünfzigjähriger Umlauf ist außerhalb der Titius-Bode Reihe — zeigt sich nun folgende Erkenntnis: der Mensch hat in seinem Kopf als Attraktor, als Bewußtseinsstruktur seiner Möglichkeit, sein Horoskop als Abwandlung des Rades. In seinen Händen zeigt sich aber, wie weit er auf dem Weg der Wesensbildung gekommen ist.

Chi ist die Wurzel der asiatischen Lebensenergie und auch des pythagoräischen Zahlenkreuzes. In den Händen bestimmt es die Schicksalslinie. Aber Schicksal und Charakter sind Fiktionen. Dynamisch lebt der Mensch zwischen Te und Tao, Leben und Sinn, im negativen Fall, wie Sigmund Freud zeigte, zwischen polymorphem Sexualtrieb und Überich. Wer sich mit einer Gruppe identifiziert, einer Stadt, einem Volk oder Bekenntnis, teilt deren Horoskop und verliert das eigene. Daher der Slogan von Timothy Leary drop out and tune in. Ebenso gefährlich für den einzelnen sind die Drogen, die Triebverfallenheit und der Verlust der Existenzgrundlage aus Trägheit. Daher müssen die falschen Geister und negativen Emotionen über Erweckung des Chi in Wesensteile verwandelt werden, die drei Tantiens: das Selbst im Unterbauch und zweiten Chakra, das Ich im inneren Auge des sechsten Chakra und das Wesen im vierten Chakra des Herzens.

Dies ist schulisch nicht zu erreichen sondern nur existentiell. Es erfordert den Schwerpunktwechsel von der linken digitalen Zeithemisphäre des Ich zur rechten analogen Raumhemisphäre des Selbst. Daher bezeichnet die Akupunktur die rechte Hand als Yin und die linke als Yang. Die jüdische Mystik bezeichnete diese Wandlung als Umstellung der Lichter, wie es Gustav Meyrink schilderte.

Vor diesem Wechsel steht die Todesangst, die sich auf das erlernte Überich bezieht, das nicht sterben will. Die Denkstile geben uns den Schlüssel, wie diese Wandlung ohne Aufgabe der biologischen Sicherheit erreicht werden kann. Es gilt, das analoge Denken der objektiven Denkstile dem kausal-finalstrategischen der subjektiven Denkstile überzuordnen, wie dies bei den Klans und Stämmen noch ersichtlich ist.

Träger des Gewahrseins ist die Zahl, und das Zählen entstammt den Fingern. Nach der indianischen Tradition sind die Knie die Verbindung zum Kraftleib, die Füße zum Lichtleib. Die Hände, die mit einem Ort über dem Kopf, dem höheren Selbst, ein Dreieck bilden, sind Ausdruck des Wortleibes. Nur die Hände können das Chi bewegen und heilen, weshalb auch im Mythos Chiron der Lehrer des Asklepios, des späteren Gottes der Heilung, wurde.

Im linken Gehirn ist die Mathematik Verifizierung des Wissens, der Bedeutungen und Worte. Im rechten Gehirn sind die Ziffern Träger des Gewahrseins. Die Numerologie ist die Grundlage der Denkstile, und ihre Systemik ist im Rad veranschaulicht.

Das Rad ist das älteste Symbol der Welt. Bei der jungsteinzeitlichen Revolution, einer biologischen Mutation, wurden die drei Parameter des Gewahrseins, Raum, Zeit und Zahl, aus den Instinkten über die Trennung der rechten von der linken Hemisphäre unterschieden. Pythagoras erkannte, daß das Rad die mathematisch-phänomenologische Struktur des Gewahrseins ist. C. G. Jung berichtet, daß das gekreuzte Rad astrologisch das Symbol der Erde bei seinem Auftauchen in einer psychotherapeutischen Behandlung die Individuation anzeigt und damit das Ende der Therapie. Ich erlebte das Rad in einer Vision 1943, verlor damit die Lebensangst und habe mich durch fünfzig Jahre bemüht, den Sinn dieses Schemas zu klären.

Das analoge Denken war ganzheitlich in den objektiven Denkstilen. Die Verengung auf die wissenschaftliche Methode — wiederholbares Experiment, nachgeprüft durch Logik und Mathematik und heuristische Theorienbildung in den subjektiven Denkstilen — war ein notwendiger Schritt der Menschwerdung. Dank der technologischen Zivilisation könnte heute jeder seinen eigenen Stil und Sinn finden, sobald er sich in seinem Geist auf das verstandene Wissen beschränkt und Meinungen aufgibt, und seine Ergänzung nicht in Vermutungen, sondern im Mitmenschen sucht.

Das Gewahrsein ist ganzheitlich und kosmisch, vereint ersten und zwölften Denkstil im Frühlingspunkt, der Offenbarung des Menschen im All. Die Astrologie der Wassermannzeit erhebt das Rad zur Seinsvernunft, die zur Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisvernunft werden soll. Die Seinsvernunft ist ebenso kritisch einsichtig wie die Erkenntnisvernunft. Der Akzent ruht fortan auf dem denkerisch übertragbaren, das langsam das Leben aller Menschen auf jenes Niveau führen wird, wo für das Menschentier im Sinne Chirons das Überleben gesichert ist und der Mutige sich kreativ auf die Mitarbeit am Werk der Erde besinnt. Die Weisheit des Rades wird unbewußt zur Weltgrammatik. Die islamischen Philosophen erkannten, daß die genetische Grammatik auf den neun Ziffern begründet ist.

Es gibt eine Kategorie des Bindewortes, zwei des Hauptworts, drei der Zeitwortarten, vier des Verhältniswortes, fünf des Eigenschaftswortes, sechs Personen des Zeitwortes, sieben Kategorien des Fürwortes, acht des Umstandswortes und neun Zeitwortformen, die sich im Enneagramm in der Null zum sinnvollen Satz zusammenfügen: dies ist der Schlüssel der Numerologie. Durch die Beschränkung der Philosophie auf Denkstile werden falsche Geister unschädlich gemacht. Das Einüben der Techniken des Rades ist an keine Vorbildung gebunden, sondern führt durch sokratische Anamnese und Maieutik zur Spontaneität der Selbstaktualisierung. So veranschaulicht das Rad als Überwindung der heuristischen Theorienbildung die Systemik des analogen Denkens, das damit vom Mythos zum Logos aufsteigt.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
Nachwort
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD