Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken

Trigramme

In Bezug auf die Namen und Begriffe folge ich der Wilhelmschen Übersetzung, die als einzige die metaphysische Bedeutung des Buches einbezieht. Praktische Einführungen gibt es heute viele, die sicher alle einen besonderen Wert haben.

Zahl
1
2
3
4
5
6
7
8
Name
Sun
Li
Dui
Kun
Gen
Kan
Dschen
Kiën
Funktion
empfinden
denken
fühlen
wollen
Körper
Seele
Geist
Gewahrsein
Bild
Wind/Gras
Holz/Feuer
See
Erde/Höhle
Berg
Fluß
Donner/Blitz
Himmel
Motiv
Das Sanfte
Das Haftende
Das Heitere
Das Empfangende
Das Stillehalten
Das Abgründige
Das Erregende
Das Schöpferische







Bestimmen wir nun die Bedeutung der Trigramme im einzelnen:

1. Sun - empfinden: Alles Empfinden hat einen Grad und liegt zwischen zwei Schwellen. Das Bild ist das Gras, das sich nicht durch den Wind ausreißen läßt. Das Motiv ist das Sanfte, das Eindringen. Man empfindet im Nachgeben, denn durch das Eindringen ist das Gegebene nicht zu erfinden, sondern zu erfassen.
2. Li - denken: Das Bild ist Holz und Feuer, das Motiv das Haftende; man soll sich nur so lange mit einem Problem beschäftigen, bis es erledigt ist — bis das Holz verbrannt ist — und zeitlich nicht darüber hinaus gehen. Die Gefahr für den Menschen ist, zu viel und zu lange zu denken, weil Denken die Grundfunktion des Menschen ist und in den beiden Aspekten des Agressionstriebes als Gruppenegoismus von Macht und Geld sich oft negativ auswirkt.
3. Dui - fühlen: Gefühle tauchen auf und verschwinden; sie sollten die Oberfläche des Gemüts nicht trüben. Das Bild ist der klare See, bis auf dessen Grund man schauen kann; das Motiv ist das Heitere. Die Chinesen haben Mitfreude statt Mitleid, um Gefühlsstärke auszudrücken. Nur der Heitere kann anderen vorangehen und sie führen; der Traurige ist in seinem Ichbild, im falschen Tod, eingeschlossen.
4. Kun - wollen: Ohne innere Leere, ohne einen ungreifbaren Mittelpunkt, gibt es keine Wahl und keine Entscheidung, die als Urbild des Yin immer ganzheitlich auf die Lage antwortet. Das Bild ist die Erde und die Höhle, das Motiv das Empfangende.
5. Gen - Körper: Die Eigenbewegung kann nur aus der Körperruhe gemeistert werden, wenn man hinter seine Periodik tritt. Das Bild ist der wuchtende Berg; das Motiv ist das Stillehalten, weil nur in der Ruhe der Körper seine eigenen Tendenzen offenbart.
6. Kan - Seele: Nur in Vertrauen und Unschuld kann sie strahlen und wirken. Sie ist als Bild immer im Fließen, jegliche Stagnation bedeutet Gefahr. Diese muß man als Motiv suchen, Mängel aufdecken, damit sich die Seele aus Selbstmitleid und Selbstrechtfertigung erlöst.
7. Dschen - Geist: Man nimmt etwas wahr, das man bis jetzt nicht gewußt hat. Geist ist immer im Kommen, also Heiliger Geist. Das Bild ist die Vereinigung von Blitz und Donner, die den Menschen zuerst zum Fürchten und dann zum Lachen bringt. Das Motiv ist das Erregende, von der Neugier bis zum Kitzel der Gefahr.
8. Kiën - Gewahrsein: Nur durch Einsicht ist der Zusammenhang mit dem Göttlichen zu erreichen und das Gewahrsein wird zum Täter. Das Bild ist der Himmel, das Motiv das Schöpferische.

K r e i s · d e r · T r i g r a m m e

In diesem Rahmen der Trigramme versuchte das chinesische Altertum alle Geschehnisse zu erfassen. Doch der Kreis hat eine Mitte, den Menschen selbst; und der Mensch hat zwei mögliche Einstellungen, der traumhaften Innenwelt und der wachen Außenwelt zu auf Subjekt oder Objekt gerichtet. Im Kreis der Trigramme sind vier verschiedene Einstellungen gegeben, wenn der Mensch die Mitte einnimmt. Doch können sie sich wandeln; jede von ihnen mag nach innen oder außen, dem Körper oder dem Geist zugewandt werden. Hieraus ergeben sich in der Verdopplung 64 mögliche Einstellungen des Menschen in der Welt. Zufolge dem chinesischen Denken bilden jedoch Mensch und Welt einen letztlich unlösbaren Zusammenhang, und damit eine raumzeitliche Lage, von denen jede sich in jede andere wandeln könnte. Aus dieser Überlegung schufen um 1200 v. Chr. König Wen und der Herzog von Dschou den I Ging, das Buch der Wandlungen.

Es ist offensichtlich, daß die Kombination der acht Zeichen vierundsechzig Situationen ergibt. Jede dieser Kombinationen hat sechs Striche, die den Platz des Menschen in der Wirklichkeit veranschaulichen: die beiden oberen Striche gehören dem Himmel oder dem Geist zu; die beiden unteren der Unterwelt oder dem Körper. Hieraus ergibt sich, daß der Mensch im seelischen Bereich die Mitte zwischen Himmel und Erde einnimmt. Daher wurde das Menschenreich als Reich der Mitte bezeichnet, welchen Namen China noch bis vor kurzem für sich in Anspruch nahm.

K i ë n

Geist, Seele und Körper, die drei Bereiche, können sich in je einem der vier Zustände befinden, die wir früher besprachen: dem alten oder jungen Yang und dem alten oder jungen Yin. Zusammen mit der Bedeutung der Urzeichen ergab dies eine Fülle von Interpretationsmöglichkeiten der vierundsechzig Zeichen.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
2. Das mythische Denken
© 1998- Schule des Rades
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