Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken

I Ging

Die 64 Zeichen, die 12 Töne und die 10 Zahlen bildeten das kategoriale Gerüst des chinesischen Denkens und damit das erste philosophische System der Geschichte. Doch ist dieses System in unserer Terminologie mythisch und nicht logisch; Logik setzt das grammatikalische Verhältnis von Subjekt und Prädikat voraus, das die chinesische Sprache und Schrift nicht entwickelt hatte.

Alle Erscheinungen und Begriffe wurden diesem System nun ohne Schwierigkeit eingeordnet. Der achtfache Kreis der Trigramme wurde durch den zwölffältigen des Jahres ergänzt, wobei die vier körperlichen Zeichen Stier, Löwe, Adler-Skorpion und Wassermann, wenn auch unter anderen Namen, die Schwerpunkte bildeten. Zur Kennzeichnung der Monatscharakteristik wählte man jene Zeichen, die einen Fortschritt von Yin und Yang ausdrücken.

Das Zeichen Tai, Friede, drei schwache Striche über drei starken, also passives Wollen über aktivem, bedeutete ursprünglich die Tag- und Nachtgleiche. Doch wurde es auf den Wassermann festgesetzt, dem seine Charakteristik entspricht und in dessen Monat, also im Februar, das chinesische Jahr auch heute noch beginnt. Gleich der Ekliptik im Verhältnis zum Äquator ist der Jahresanfang um ein Achtel verschoben. Daher bezeichnet das Zeichen Kiën den Stier, Kun den Skorpion, und das Zeichen Pi, die Stockung, als Gegensatz zum Frieden, wurde mit dem Löwen identifiziert. Die dazwischenliegenden zyklischen Zeichen erhielten Namen, die gleichfalls der Bedeutung der Tierkreiszeichen im kosmischen Denken entsprechen.

H e x a g r a m m e - T i e r k r e i s

Diese zwölf Zeichen bildeten den bewußten Rahmen aller öffentlichen Aktivität: die Aufgabe des Staates und später des Kaisers als Hüter der kosmischen Ordnung wandelte sich von Monat zu Monat. Jedesmal wurde ein neuer Ton zum Grundton der Musik gewählt, ein neuer Aufgabenkreis behandelt, und der Kaiser zog für seine Audienzen in einem kreisrunden Palast von Saal zu Saal, um damit den Einklang von Naturwelt und Himmelswelt in seiner Person zu vollziehen.

Das mythische Denken Chinas umfaßte die Grundstimmung des kosmischen Denkens als eine Variante seiner Komponenten. Die wesentliche Rolle spielt jedoch das Buch der Wandlungen, zu dessen Erläuterung die anderen Prinzipien herangezogen wurden. Die Urzeichen verdoppelt erhielten den gleichen Sinn, da sie die gleiche Einstellung des Menschen nach innen und außen, nach Traumwelt und Wachwelt bezeichnen, und der Charakter der anderen wurde im Verlauf einer jahrtausendlangen Entwicklung festgestellt und immer wieder kommentiert.

Jedes Zeichen gliedert sich in folgende Abschnitte: die funktionelle Bedeutung, das heißt die Zusammensetzung aus den Trigrammen, das Urteil zum Gesamtzeichen, das Bild, und die Urteile zu den einzelnen Linien.

Die Zeichen wurden von den Kulturheroen geschaffen. Das Bild, und die Reihenfolge der Zeichen waren das Werk König Wen’s. Die Urteile sind ein Werk des Herzogs von Dschou; er schuf sie während seiner langjährigen Haft. Den letzten Abschnitt bilden die Kommentare zu den Zeichen, den Bildern und Urteilen wie den sich wandelnden Linien. Die meisten dieser Kommentare stammen von Konfuzius; doch gibt es keinen einzigen bedeutenden Denker Chinas, der nicht die eine oder andere Interpretation zum Buch hinzugefügt hätte.

Wie erfährt der Mensch, in welcher Lage er sich befindet? Mit dieser Frage kommen wir zum Kernpunkt der Religion Chinas, dem Orakel. Es ging von folgender Überlegung aus: wenn die Mächte des Himmel ihren Willen oder den Sinn einer Situation offenbaren sollen, so muß ihnen Gelegenheit und die Möglichkeit hierzu gegeben werden. Die Möglichkeit besteht darin, daß sich die 64 Situationen bei Anerkennung der psychischen Grundstruktur des Menschen als die einzigen in Frage kommenden erwiesen. Die Gelegenheit wird geschaffen, indem der Mensch eine sonst dem Zufall anheimgegebene Handlung vollzieht, das Würfeln, und dies im ausdrücklichen Glauben und Wollen, daß ihm der Himmel die Hand führe. Es sind mehrere Methoden bekannt. Die üblichste war eine bestimmte Hantierung mit 49 getrockneten Stengeln der Scharfgarbe, die in ihrer Aufteilung dem Zahlenschlüssel des Buchs der Wandlungen entsprechen. Eine andere Methode war das Würfeln mit drei Münzen. Dabei kann eine Situation unverändert bleiben oder aber sich in eine der anderen 63 verwandeln, indem um im musikalischen Bild zu bleiben einer der Töne von der männlichen in die weibliche Ganztonleiter (oder umgekehrt) im Schritt einer kleinen Sekund überwechselt.

Die Bedeutung der Zeichen und der sich wandelnden Linien wurde nach folgenden sechs Urteilen bewertet:

  • nach der positiven Seite mit
    Heil, Entscheiden, Beharren,
  • nach der negativen Seite mit
    Unheil, Scham, oder Reue.

Heil bedeutet, daß die Lage sich günstig ohne menschliches Zutun entwickelt, man also nicht eingreifen soll. Unheil bedeutet das Gegenteil: nichts, was man täte, könnte eine Veränderung zum Positiven ergeben; es gilt sich also in das Schicksal zu fügen. Diese beiden außermenschlichen Faktoren werden durch vier Verhaltensweisen ergänzt, von denen zwei positiv oder Yang, zwei negativ oder Yin sind. Beharren und Entscheidung zur Wandlung gewöhnlich mit dem Zusatz: es ist förderlich, das große Wasser zu durchqueren sind positive Urteile. Beharren bedeutet im Unterschied zum Urteil Heil, daß man aus eigener Kraft in der einmal eingeschlagenen Richtung fortfahren soll; die persönliche Anstrengung ist notwendig, damit sich die Lage positiv auswirke. Im zweiten Fall gilt es, rasch eine positive Entscheidung zu treffen, so ungünstig die Lage auch aussehen möge.

Zwischen den positiven und negativen Urteilen befindet sich das Urteil kein Makel: den Menschen trifft kein Verschulden für die bestehende Situation.

Die beiden letzten Urteile sind negativ: Reue bedeutet, daß Rückzug oder Einhalten auf halbem Wege noch möglich ist, wenn man den eigenen Fehler einsieht. Scham hingegen macht notwendig, daß man den eigenen Fehler rückhaltslos eingesteht, nichts unternehmen kann, und auf die Gunst der Ereignisse hofft, daß sich später einmal alles wieder zum Guten wendet.

Letztlich gibt es keine absolute Schuld, keine rein negative Lage. Wenn die Sonne den Zenit erreicht hat, so neigt sie sich wieder der Erde zu; ist sie am Tiefpunkt angelangt, so muß sie wieder aufsteigen. Im Zeichen Nr. 55, Fong, das den Zustand der Fülle beschreibt das aktive Empfinden entspricht dem passiven Denken, die Zeit erfordert also nur die Erfüllung des Gegebenen, ohne daß etwas Neues, Keimhaftes begonnen werden könnte lautet das Urteil des Herzogs von Dschou folgendermaßen: Die Fülle hat Gelingen; der König erreicht sie. Sei nicht traurig! Du mußt sein wie die Sonne am Mittag! Obwohl der Fragende um das Vorübergehen dieser Blütezeit weiß, gilt es, sie zu vollenden.

Aufstieg und Abstieg, Werden und Vergehen ist das Gesetz der Welt. Auch der Mensch ist diesem Gesetz unterworfen; sein Leben wechselt zwischen Gestalt und Kraft, zwischen Leben und Tod. Manchmal mag die Situation im Interesse des geistigen Fortbestandes oder der Erfüllung geistiger Prinzipien sogar den Tod verlangen. So heißt es im Zeichen Nr. 28, Da Go, Des Großen Übergewicht da im Bild: Der See geht über die Bäume hinweg kein Makel. Ein andermal mag die Situation die Aufbietung aller Kräfte verlangen; so heißt es im Zeichen Die Bedrängnis, (die Erschöpfung): So setzt der Edle sein Leben daran, um seinem Willen zu folgen.

Durch das Orakel wird der transzendenten Gottheit die Möglichkeit gegeben, sich zu manifestieren. Dies kann sie in der bestimmten Sprache, die im I Ging geschaffen wurde. Doch die Antwort wird der Fragende nur gemäß seinem Wesen auf seinem Niveau verstehen. Hierin unterschieden die Chinesen fünf Reifestufen:

  • als höchste den Heiligen Weisen
  • als vierte den Berufenen
  • als dritte den Edlen
  • als zweite den Würdigen
  • als unterste den Gemeinen

Diese fünf Stufen ordnen sich in die fünf Zwischenräume jedes Zeichens, das selbst wieder ein Bild des Menschen im Wesenskreis darstellt.

  • Der Gemeine ist ein Mensch, der nur nach seinem Nutzen handelt und den Schaden ohne jede Ethik vermeiden will. Er kann nur durch Lohn und Strafe gelenkt werden. Nur eine handfeste Antwort kann ihn befriedigen, sonst sind ihm die Wandlungen ein Ärgernis.
  • Der Würdige weiß, daß sein Leben einen Sinn haben kann, den er aber noch nicht erkennt. Er richtet sich daher nach dem Vorbild des Edlen und ahmt ihn nach.
  • Der Edle versucht Sinn und Leben, Tao und Te in Einklang zu bringen, also dem Leben bewußt einen Sinn zu geben, den er vom Himmel empfängt. Der Edle bildet die Mitte der Stufenordnung und stellt die menschliche Norm dar.
  • Mehr als edel kann niemand sein. Während sich der Edle aber nur um sein eigenes Schicksal kümmert, hat der Berufene die Aufgabe, im Buch der Wandlungen die Urbilder zu entdecken und das Gemeinschaftsleben nach ihnen einzurichten, damit jeder zum Edlen aufsteigen kann.
  • Auf der höchsten Stufe des Heiligen Weisen ist das Wissen Fleisch geworden. Er fährt, wie es im Kommentar heißt, auf den sechs Linien wie auf sechs Drachen in den Himmel auf. Ihn kümmert nicht Heil noch Unheil. Gleichmütig lenkt er sein Leben nach den schöpferischen Prinzipien und verliert seine Haltung nicht einmal in einer Lage, die von ihm das Aufgeben seiner irdischen Existenz, den Tod erheischt. Der Heilige Weise weiß, daß Leben und Tod nur Episoden einer kosmischen Existenz sind und einander im gleichen Sinn abwechseln wie Wachen und Schlafen, Tag und Nacht.

Auf die große Zeit des Königs Wen und des Herzogs von Dschou folgte eine Periode von mehreren Jahrhunderten Kriegswirren, in denen das Reich von sich befehdenden Feudalstaaten zerrissen wurde und viele Überlieferungen verloren gingen. Doch diese dritte Periode des chinesischen Altertums brachte gleichzeitig dessen Höhepunkt in den zwei gegensätzlichen Lehren der Philosophen Lao Tse und Konfuzius, deren Wechselwirkung das weitere Schicksal Chinas bis zur Revolution im 20. Jahrhundert prägen sollte.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
2. Das mythische Denken
© 1998- Schule des Rades
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