Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken

Lao Tse

Über das Leben des Lao Tse ist wenig bekannt. Er soll im sechsten vorchristlichen Jahrhundert gelebt haben, Archivar am kaiserlichen Hof gewesen sein, doch diesen eines Tages wegen der Hoffnungslosigkeit der Zeit verlassen haben. Beim Verlassen seines Landes schrieb er, der Sage nach, auf Wunsch des Zöllners die einundachtzig Gedichte des Tao Te King, des Buchs vom Sinn und Leben nieder. Diese Gedichte, durch Jahrtausende immer wieder kommentiert, lassen den Stil des mythischen chinesischen Denkens am klarsten hervortreten. Der erste Vers, die Einleitung, lautet folgendermaßen:

Der Sinn, den man ersinnen kann,
ist nicht der ewige Sinn;
Der Name, den man nennen kann,
ist nicht der ewige Namen.
Nichtsein nenne ich den
Anfang von Himmel und Erde.
(Wu Chi)
Sein nenne ich die Mutter der Einzelwesen. (Tai Chi)
Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen auf das wunderbare unendliche Wesen;
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der Endlichkeit in Raum und Zeit.
Beides ist eins dem Ursprung nach,
und nur verschieden durch den Namen.
In seiner Einheit heißt es das Geheimnis.
Des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis
ist das Tor durch das alle Wunder hervortreten.

Dies ist eine eindeutige Beschreibung des Wesenskreises. Der Vers bestimmt das Verhältnis der Urwirklichkeit des Tai Chi zu ihrem Ursprung in der Möglichkeit, dem Wu Chi. Auch Kung fu tse hätte diesen Vers bedenkenlos gebilligt. In einem weiteren jedoch zeigt sich der Unterschied zwischen den beiden Denkern:

Geht der große Sinn zugrunde,
dann gibt es Sittlichkeit und Pflicht.
Kommen Klugheit und Wissen auf,
so gibt es die großen Lügen.
Werden die Verwandten uneins,
so gibt es Kindespflicht und Liebe.
Geraten die Staaten in Verwirrung,
so gibt es die treuen Beamten.

So lange der Mensch in Einklang mit Sinn und Leben ist, das heißt, so lange er in Einklang steht mit seiner inneren Richtung auf Vollendung der eigenen Anlagen wie auch der gemeinschaftlichen Anliegen, so lange gibt es weder Pflichten noch Gebote. Ihr Auftauchen zeigt an, daß die Große Harmonie und die echte Menschlichkeit verloren wurden. Wenn dieser Zustand herrscht, kann sich der Edle nur zurückziehen, denn nicht im Tun, sondern im Lassen erreichen die Dinge wieder ihren Urzustand. So im 24. Vers:

Die Welt erobern und behandeln wollen,
Ich habe erlebt, daß das mißlingt.
Die Welt ist ein geistig Ding
das man nicht behandeln darf.
Wer sie behandelt verdirbt sie,
wer sie festhalten will, verliert sie.

Das Ideal des taoistischen Weisen ist Wu Wei, zu wirken, ohne zu streiten. Denn das Weiche ist stärker als das Harte. Stamm und Sprößling des jungen Baumes sind biegsam. Sie haben des Lebens Fülle. Ist der Stamm alt und sind die Zweige verholzt, also hart, läßt der Tod nicht lange auf sich warten. Alles Planen und alle zweckgerichtete Tätigkeit kann nur in die Irre führen (wenn sie aus dem sogenannten kleinen Ich erfolgt). Herrscht ein Großer, so wird er vom Volk nicht bemerkt; von Kaiser Shun heißt es, daß er nur still saß und nach Süden blickte, und die Welt kam in Ordnung. Darum heißt es auch:

Wer auf Zehen steht,
steht nicht fest.
Wer mit gespreizten Beinen geht,
kommt nicht voran.
Wer selber scheinen will,
wird nicht erleuchtet.
Wer selbst etwas sein will,
wird nicht herrlich.
Wer sich selbst rühmt,
vollbringt nicht Werke.
Wer sich hervorhebt,
wird nicht erhoben.
Er ist für den Sinn wie
Küchenabfall und Eiterbeule.
Darum: wer den Sinn hat,
weilt nicht dabei.

Wahre Menschlichkeit besteht nur im Einklang mit Sinn und Leben, mit Himmel und Erde. Daß auch das menschliche Planen natürlich ist, wenn es richtig eingesetzt wird, bildete den Ansatzpunkt für den großen Antipoden Lao Tses, Konfuzius.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
2. Das mythische Denken
© 1998- Schule des Rades
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