Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken

Kesar Ling

Die Chinesen kannten keine Mythologie in Form von Heldensagen; von Anfang an widmeten sie sich der denkerischen Erkenntnis der Urprinzipien. Doch die Tibeter und Mongolen kannten einen Sagenkreis, der seine eindrucksvollste Formulierung im tibetanischen Epos von Kesar Ling gefunden hat.

Kesar Ling gilt als der Begründer von Tibet; er soll in der Zeit der Völkerwanderung im zweiten vorchristlichen Jahrtausend ein mongolisches Reich beherrscht haben, das weit über das heutige Land hinausreichte. Die Sage findet sich überall, wo Mongolenstämme leben. In seiner Struktur ähnelt es dem Epos des Herakles, doch mit dem Unterschied, daß wie bei allen mongolischen Sagen die Hauptfigur der göttliche Schmied ist, der in der griechischen und auch indischen Mythologie nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Während in China und Indien das kosmische Denken in den Hintergrund rückte, blieb es im tibetanischen Epos im Vordergrund: Kesar Ling entdeckt das Rad, den Wesenskreis, als Schlüssel zur Unsterblichkeit in der Tiefe eines Berges. Anschließend muß er die vier astralen Könige des Ostens, Norden, Südens und Westens besiegen, und ferner die heilige Schlange mit den neun Köpfen bezwingen, um den Menschen die Heilkraft der Natur zu bringen.

V o r d e r s e i t e R ü c k s e i t e

Uns ist die Sage, die in Tibet der Radreligion Bön zugehörte, nur noch in ihrer späten buddhistischen Fassung bekannt. Ein wesentlicher Zug unterscheidet sie von ihren griechischen, finnischen und germanischen Parallelen: nach jedem Sieg, den er immer allein erringt, zieht sich der Held auf viele Jahre zur Meditation zurück, um über das Gebet die von ihm Erschlagenen der Erlösung zuzuführen. Wir haben also im tibetanischen Mythos zwei Merkmale, die uns zum indischen überleiten: die Erweiterung des Gesichtskreises auf die Totenwelt, und die Fähigkeit des Menschen über Gebet, Meditation oder Askese die Erlösung gleichsam zu erzwingen.

Je nach dem Kulturstand der Stämme zeigen die mongolischen Mythen verschiedene Prägungen. Manche in Sibirien gehören noch dem Denkstil der Krebszeit oder der Zwillingszeit zu, wie die Schamanen, die sich magischer Riten bedienen. In Asien leben Völker aller Zeitstufen, und so interpretierten sie je nach ihrem Denkstil die Überlieferung auf ihre eigene Weise. Doch das indische mythische Denken, auf das wir nun zu sprechen kommen, stellt dem gegenüber etwas vollständig eigenes dar. Wie der griechische Mythos beruht es auf der Verschmelzung dreier Rassen und Überlieferungen: der indoarischen, deren Völker im zweiten Jahrtausend aus Asien über den Himalaya in den Subkontinent eindrangen; der dravidischen, welche die Ureinwohner der Südspitze bildeten und der Jainas, die in Hindustan siedelten.

V ö l k e r w a n d e r u n g

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
2. Das mythische Denken
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD