Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken

Heilige Schriften der Inder

Die heiligen Schriften der Inder sind vor allem die vier Veden mit den Upanishaden, ferner die Großen Epen, das Mahabharata und Ramayana, und schließlich die Bhagavad Gita, die als Zwischenstück in die Mahabharata eingeschoben wurde. Die Heldensagen ähneln in großen Zügen den griechischen und germanischen. Doch die systematische Grundlage, die sich aus ihnen herausschälen läßt und später im scholastischen Mittelalter auch zu komplexen philosophischen Systemen geführt hat, ist eine rein indische Synthese mit der früheren jainischen und dravidischen Denkungsart, deren Wesenszüge wir nun in folgendem beschreiben wollen.

Der unerschöpfliche Ursprung jenseits aller Mythologie wird das Brahman geheißen. Dieses läßt sich weder beschreiben noch definieren. Ein Hinweis findet sich in den Upanishaden in folgender Form: Brahman ist das Unendliche, welches das Endliche gebiert. Alle menschlichen Begriffe sind endlich, da sie mindestens den Gesetzen der Grammatik unterliegen, sofern sie sich sprachlich fassen lassen. Daher können sie den Ursprung der Wirklichkeit niemals bestimmen: Brahman bleibt jenseits von Name und Form.

Der transzendente Ursprung wird im chinesischen und indischen Denken in gleicher Weise bestimmt; auch Lao Tse lehrte: der Sinn, den man ersinnen kann, ist nicht der ewige Sinn. Doch für die Chinesen tritt das Problem damit in den Hintergrund; was sich nicht nennen läßt, darüber braucht man auch nicht nachzudenken. Für die Inder dagegen ist Brahman zwar jenseits aller Definition, aber nicht jenseits der Erfahrung. Im Gegenteil, es gibt drei Weisen oder Wege, wie sich Brahman erleben läßt.

Zuerst einmal ist er der Quell der materiellen Welt, die Urkraft, welche die Potentialität des Lebens einschließt; der unendliche Weltenborn, dem die Mannigfaltigkeit unserer Wirklichkeit entspringt: Urkraft, Urmaterie, Urleben und Urbewußtsein in einem; ein Gott, den wir in der Vergangenheit auch als unseren eigenen Ursprung wissen, an dem aber alles teilhat, was neu in der Wirklichkeit entsteht.

Der Begriff Bewußtsein führt uns sogleich in den zweiten Aspekt des Brahman: seinen Ort in der menschlichen psychischen Erfahrung. Das Bewußtsein gliedert sich in vier Sphären: Wachen, Träumen, Schlafen und eine vierte, die Maya genannt wird und sich aus Wachvorstellungen und Traumvorstellungen bildet. Maya bezeichnet einerseits die Lebenswirklichkeit, andrerseits die Verhaftung des Menschen an diese Wirklichkeit, die ihn in seinen Assoziations­ketten mit sich reißt. Aus dieser Maya stammen alle menschlichen Handlungen; die Vorstellungen laufen ununterbrochen ab, da sie den Menschen der Wirklichkeit anpassen, und kommen von Natur aus nie zu einem Stillstand.

Doch kann der Mensch die Assoziationen stillen; er kann sein Gemüt, seine Psyche, gleichsam in einen ruhigen Wasserspiegel verwandeln. Dies geschieht über die Kraft der Aufmerksamkeit in der Konzentration, dank der der Tiefschlafzustand, die Stille im Wachen, erreicht werden kann.

  • Die Vorstellung bildet den Ausgangspunkt dieses Weges.
  • Als zweite Stufe wird das Wachbewußtsein aus den Träumen gelöst.
  • Als drittes gilt es, die Traumwelt bis zu ihren Wurzeln zu durchstoßen und auch die Traumassoziationen zum Stillstand zu bringen; dies geschieht in der nächsten Stufe,
  • der Erringung des Tiefschlafs im Wachen, welcher aber nicht der Schlaf selber ist, sondern eine anders geartete Bewußtheit, die als Turiya, als vierte Stufe bezeichnet wird.

Ihre Erklärung wird folgendermaßen gegeben: die Welt ist vom Urlicht des Brahman durchstrahlt, dem Quell auch unseres Bewußtseins, dem der Wesenskern, Atman in Meister Eckharts Sprache das Fünklein des Seelengrundes entstammt. Ist nun die Wasseroberfläche der Psyche bewegt, so bricht sich das Urlicht in tausendfältiger Weise und erzeugt die vielgestaltige Vorstellung, die dem Menschen eine trügerische Ansicht der Wirklichkeit vorgaukelt; den Schleier der Maya, der das Sein vor dem Menschen verbirgt. Ist dagegen der Strom der Assoziationen gestillt, sodaß das Licht die Wasser der Psyche frei durchstrahlen kann, so hat der Mensch das Atman, den Wesenskern als Prinzip aller Identifikation erreicht und die Scheinwelt durchstoßen; er ist erleuchtet. Die Erleuchtung zeigt sich als Verklärung seines Antlitzes; dieser Zustand wird als Sat-Chit-Ananda klares Bewußtsein der Wirklichkeit in Seligkeit definiert.

Im Wesenskreis hat dieser Weg folgende Ordnung:

  • den Ausgangspunkt bildet das Denken.
  • Die zweite Stufe führt nach oben ins wache Empfinden an die Spitze des Kreises. Aus dem Geist heraus gilt es dann, die Vorstellungen bis auf ihren Grund zu durchstoßen.
  • Damit gelangt der Mensch als dritte Stufe in die Traumwelt, das Fühlen wird gestillt, und die Seele, die beim natürlichen Menschen nur im Tiefschlafzustand ganz sie selber ist, wird zum Zentrum des Erlebens.
  • Ist das Kreiszentrum erreicht, so strahlt das Urlicht aus dem Jenseits über das Wollen, über die Tiefschlafschwelle ungehindert in die Mitte; ja es strahlt durch die Mitte durch und erleuchtet die Maya, in der der Mensch nun auch anderen Führer auf dem gleichen Wege sein kann.

G u n a s

Der Weg zum Brahman führt über die vier Stufen des Bewußtseins, die Trennung der Funktionen. Doch die Gottheit wird auf zwei weiteren Wegen offenbar, die sich im Wesenskreis an den zwei Kreisbogen veranschaulichen lassen. Vom Atman aus wird Brahman in der Dimension der Gegenwart erlebt. In der Vergangenheit dagegen offenbart sich die Gottheit als die Potentialität der Schöpfung, als Purusha, der sich in der Materie, dem Prakriti verwirklicht und als höchste Form des Lebens den Menschen zur Entfaltung bringt. Dieser Mensch hat nun eine bestimmte Wesenstruktur, welche er sich auf Grund seiner Veranlagung und Taten gebildet hat; sie bedeutet sein Karma. Das Karma hat nun eine höchste Möglichkeit der Verwirklichung im Dharma. Da es aber viele Menschen mit vielen höchsten Möglichkeiten gibt, hat die Vorstellung des dritten Aspekts der Gottheit, welche im oberen Kreisbogen veranschaulicht ist, zu einem ganzen Pantheon von Göttern geführt, die selbst wiederum nur Aspekte des einen allumfassenden Brahman darstellen.

Die Vorstellung der Gottheit ist dank der psychischen Struktur des Menschen wir würden sagen Geist, Seele und Körper dreifältig. Ebenso ist aber auch die Wirklichkeit, wenn der Schleier der Maya, also das falsche assoziative Denken durchstoßen ist, dreifältig. Sie gliedert sich nach den drei Gunas: Sattwa für den geistigen Bereich, Rajas für den seelischen und Tamas für den körperlichen.

  • Sattwa bedeutet Klarheit, Reinheit, Freude und Verstehen.
  • Rajas bedeutet Kraft, Leidenschaft, Sehnsucht, Machttrieb und auch Liebesfähigkeit,
  • und Tamas bedeutet Trägheit und Beharrungsvermögen.

Jeder Mensch identifiziert sich je nach seiner Veranlagung mit einem der drei Gunas. Diese Identifikation äußert sich als Strebensziel: als Moksha, Artha und Kama;

  • als Streben nach Erkenntnis und Erlösung,
  • nach Macht, Wohlstand und sozialer Stellung,
  • und als drittes nach Befriedigung der Sinneslust.

Ebenso wie die drei Gunas stellen die drei Triebe Konstituenten der menschlichen Wirklichkeit dar. Um sie zum Weg zu gestalten, haben die Inder drei Gottesvorstellungen gebildet, die sich als Leitbilder der drei großen Religionsgemeinschaften des Hinduismus verwirklicht haben. Sie werden als Trimurti bezeichnet:

  • Brahma der Schöpfer,
  • Vishnu der Erhalter
  • und Shiva der Zerstörer.

Mit diesen drei Gottesbegriffen umfaßt das mythische indische Denken den Zeitraum der kosmischen Geschichte.

  • Alles beginnt in Brahma dem Schöpfer wohl zu unterscheiden vom unendlichen Brahman als die Urpotentialität des Unerschöpflichen
  • findet seine Vollendung in Vishnu
  • und erlebt seine Vernichtung und Rückkehr zu dem Ursprung in Shiva.

Hier liegt auch die Brücke zum kosmischen Denken, welches aber als Ausschnitt in eine galaktische Denkweise gestellt wird. Das ganze Weltall pulsiert zufolge dieser Auffassung zwischen Expansion und Kontraktion als Atem Brahmas; eine volle Periode wird mit vierundachtzig Milliarden Jahren angenommen eine Vorstellung, die von der modernen physikalischen Kosmologie mit geringfügiger Abweichung aufgenommen wurde.

In diesem Weltall bedeutet die Erde nur eine mögliche Verwirklichungsstätte des Menschen, welche Verwirklichung aber ebenfalls in einem der drei Prinzipien erfolgen muß. Jeder gläubige Hindu gehört nach Geburt oder Veranlagung einer von drei Gemeinschaften zu.

  • Die Shaivas sind die Gläubigen Shivas,
  • und die Vaishnavas die Nachfolger Vishnus.
  • Doch die dritte Gemeinschaft hat ursprünglich nicht den männlichen Brahma, sondern den weiblichen Aspekt der Schöpfung, seine Shakti als Durga oder Kali zum Idealbild gewählt: dies sind die Adepten der zahlreichen Yogawege, vor allem der Tantrik und der Kundalinischule.

Der weibliche Gottesbegriff wurde wohl deshalb gewählt, weil dem menschlichen Bewußtsein die Mutter als Schöpferin des eigenen Lebens erfahrbar ist, der Vater jedoch nur im Prozeß der Reifung zum Vorbild wird, dessen Anforderungen im Gegensatz zum natürlichen Wohlbefinden stehen.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
2. Das mythische Denken
© 1998- Schule des Rades
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