Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken

Mythisches Denken der Perser

Das chinesische mythische Denken hatte als Weg zur Transzendenz das Orakel des I Ging, das indische die Mystik der drei Wege: der Bhakti-Liebe, der Gnana-Erkenntnis und des tantrischen Yoga. Bei den Persern trat der letzte Weg in Erscheinung: Zarathustra war der erste Prophet, der durch die Verkündigung des Jüngsten Gerichts die Moral von einem persönlichen zu einem kollektiven Anliegen erhob.

Die persischen Mythen ähneln den indischen, germanischen und griechischen; oft sind es die gleichen Göttergestalten. Doch im astralen Bereich des Widders bildete sich die grundsätzliche Antinomie zwischen menschlicher Willkür und Ergeben in Gottes Wollen heraus; der Gehorsam ward wie bei den Juden zum eigentlichen Kriterium.

Während aber bei den letzteren die Überlieferung (Kabbala) im Vordergrund stand, war das Hauptthema der Perser die auf die Zwillingszeit zurückgehende zweigeteilte Welt. Zwar war der arische Götterhimmel ähnlich jenem der Griechen, Jagd und adliger Zeitvertreib verbanden irdische Helden und Götter. Doch inzwischen war der Trank Hauma gleich dem Soma der Inder ein Rauschmittel populär geworden, und zur Zeit des Propheten hatten die nächtlichen Orgien, die in der Tötung eines Stiers zur Einweihung eines Adepten kulminierten, derartig zugenommen, daß der bäuerliche Wohlstand gefährdet war, und dämonische Gestalten aus dem Unterbewußten die Herrschaft an sich zu reißen drohten; die Stieropfer, ursprünglich in Erinnerung der Überwindung der Stierzeit geschaffen, klangen manchmal sogar in Menschenopfer aus.

Hiergegen erlebte der Prophet Zarathustra die Berufung, einzuschreiten und die ursprüngliche Gottheit wieder einzusetzen, als deren Namen er Ahura Mazda verkündete. Ursprünglich gab es zwei Götter, doch Ahriman fiel von Ahura Mazda ab und wurde zum Feind, zum Lügenknecht. Der Sonnenheld Mithras, der Töter des Stiers, gewann ebenfalls teuflische Züge und ward zum Mitstreiter Ahrimans gebrandmarkt.

Doch Zarathustra, gleich Buddha, war ein Reformer; er brachte keine neue Religion; und wie in Indien der Brahmanismus den Buddhismus integrierte, wurde der Mithraskult zum Träger eines verwandelten prophetischen Weges, der auf folgenden metaphysischen Prinzipien fußte:

Gut
Böse
Ahura Mazda
Ahriman
Vohu Mana (guter Sinn)
Lügenknecht
Mithras
Stier

Die Priester des Mithraskultes waren die Magier. Mithras heißt Herr des Lichtes: durch ihn wurde die Welt geistig und körperlich hell. Bereits bei seiner Geburt in einem Felsen hielt er den Globus in der Hand und die Götter des Windes und die Elemente huldigten ihm. Seine wesentliche Tat war die Tötung des Stiers, also die bewußte Ablösung des Widderkultes vom Stierkult, wie sie später in Israel im Kampf gegen das goldene Kalb zum Ausdruck kam. Mithras schleppte den Urstier in eine Höhle, packte ihn bei den Nüstern und stieß ihm das Messer in die Seite. Aus dem Leib des Stieres erwuchsen alle Nutzpflanzen: aus dem Rückenmark entsproß das Getreide, aus dem das Brot bereitet wurde, und aus seinem Blut die Rebe, aus der der Wein für die Kommunion im Mithrasmysterium gekeltert wurde.

Mithras ist der Sohn und Helfer Ahura Mazda. Ahriman wollte das Werk des Weltenschöpfers verderben und die Quelle der Wohltat vernichten. Darum sandte er den Skorpion, die Schlange und die Ameise, um die Genitalien des Tieres zu zerstören und von seinem Blut zu trinken. Aber der Same des Stiers, der vom Mond gesammelt wurde, erzeugte als Gegenwirkung allerlei nützliche Tiere. Die Seele des Stiers wurde in den Himmel erhoben und von Mithras als Herr der Herden vergöttert.

Inzwischen war das erste Menschenpaar geschaffen worden. Vergeblich erfand Ahriman Plagen; er verwüstete die Felder durch Dürre, Mithras, der auch als göttlicher Bogenschütze auftrat, sandte einen Pfeil gegen einen Felsen; ihm entsprang der Quell des lebendigen Wassers, das die Erde befruchtete. Mithras erlöst den Menschen sowohl aus der durch Ahriman hervorgerufenen Sintflut als auch vom letzten Sintbrand der kommenden Löwezeit.

Auch im Kampf mit dem Sonnengott blieb Mithras siegreich. Jener mußte ihm seine Strahlenkrone übergeben, erhielt sie aber dann als Lehen zurück. Beide beschlossen, einander künftig zu helfen. Der Bund wurde bei einem Festmahl besiegelt, das zum Vorbild der Mithraskommunion diente. Eine während des Mysteriums gezeigte Tafel hat auf der einen Seite die Tötung des Stiers, auf der anderen die Darstellung des Freundschaftsmahles von Mithras und Sonne. Im Augenblick der Kommunion wird es umgeschwenkt, sodaß das Mahl zu sehen ist. Der kommunizierende Adept gewinnt durch Teilnahme am Mahl das Unterpfand des Freundschaftsbundes und damit die Wiedergeburt im ewigen Licht der Auferstehung.

Die Einweihung ins Mysterium war geheim. Sie vollzog sich in den bekannten sieben Stufen. Als erstes wurde dem Adepten ein Siegel auf Hand oder Stirn eingebrannt. Dann mußte er sich einer Taufe mit mehreren Waschungen unterziehen, die die Befreiung von sittlicher Befleckung und die Wiedergeburt verbürgen sollten. Anstelle der Wassertaufe trat an manchen Orten die Bluttaufe. Der Neophyt wurde in ein mit einem Rost verschlossenen Grab gelegt und ein Stier derart darüber geschlachtet, daß das Blut über den Täufling floß. Damit war er gleichsam Blutbräutigam des Gottes. Die Stufen hatten folgende Namen:

  1. der Vater
  2. der Sonnenläufer
  3. der Perser
  4. der Löwe
  5. der Kämpfer
  6. die Braut, der Verlobte oder Verborgene
  7. der Rabe

Sie entsprechen den sieben Planetensphären, die die Seele im Abstieg in die Sinnenwelt durchlaufen hat und beim Wiederaufstieg nach dem Tode bis zur göttlichen Sphäre der Achtheit überwinden muß.

  • Der Rabe ist Türhüter, Pfadfinder auf dem Weg zur Wahrheit. Er untersteht dem Schutz Merkurs und dem Luftelement.
  • Die Bräute unterstehen dem Wasserelement und dem Schutz der Venus; sie sollen dem Vater angetraut werden.
  • Die Soldaten unter dem Mars weihen sich dem Kriegsdienst, ihr Element ist die Erde.
  • Die mittlere Stufe des Löwen bringt die volle Einweihung; von nun an wird der Adept zu allen höheren Initiationen zugelassen. Sie ist dem Feuer zugeordnet und untersteht dem Jupiter. Dem Löwen wird statt Wasser Honig über die Hände gegossen, zur Bewahrung vor aller Versuchung. Auch seine Zunge wird mit Honig gesalbt, damit sie nur noch die Wahrheit zu sprechen vermöge.
  • Die fünfte Stufe, der Perser, steht unter dem Schutz des Mondes, dem Erhalter der Früchte Bewahrer der durch die Tötung des Stiers erreichten Fruchtbarkeit. Auch seine Hände werden mit Honig gereinigt. Er sammelt mit Mithras die Ernte ein, die aus Blut und Rückenmark des Stiers entsprossen ist. Durch seine Einweihung ist er Glied des heiligen Volkes geworden, welche Einweihung sich nach dem Untergang des Perserreiches in der römischen Fortsetzung des Mithraskultes erhielt, ebenso wie sich die Christen als Nachfolger des geheiligten Volkes Israels fühlten. Darum legte er während der Einweihung persische Kleidung mit der phrygischen Mütze an.
  • Die sechste Stufe des Sonnenläufers steht unter dem Schutz der Sonne und trägt ihre Symbolik, Peitsche und Strahlendiadem. Härteste Askese und Mutproben sollen den Adepten zur Selbstentäußerung des Willens führen, auf daß sein Wollen mit dem des Gottes eins werde. Nach einem todähnlichen Initiationsschlaf erreicht er die Wandlung seines Wesens, die Auferstehung in der göttlichen Welt; im Unterschied zum Raben ist er ein Beständiger geworden.
  • Der höchste Grad unter dem Schutz des Saturn wird als Vater bezeichnet. Als Stellvertreter Gottes trägt er den purpurnen Mantel, leitet die Mysterien und vollzieht die Einweihung. Über ihm steht der eigentliche Magier als achte, transzendente Stufe, der als Astrologe die Geschicke der anderen durchschaut und lenkt und Oberhirte oder Großmeister der Mithrasgemeinschaft ist.

Jeder der sieben Stufen ist in anderer Weise zum Kampf auf der Seite von Ahura Mazda und Mithras berufen. Ziel ist es, Mitstreiter für die Befreiung der Welt zu gewinnen. So wurde der Mithraskult, der der Symbolik nach von Anfang an auf die Fischezeit eingestellt war — Jupiter bildete die mittlere Stufe der Initiation, und Mithras war als Heilbringer dargestellt — vorzüglich zur Religion der Soldaten. Auch das Jüngste Gericht ist eine Lehre des Mithraskultes, die erst später von Juden und Christen übernommen wurde. Selbst die Organisation der urkirchlichen Gemeinden entsprach genau dem persischen Vorbild.

Im indischen Denken hat der Gott Varuna eine ähnliche Rolle wie Mithras. Doch immer blieb bei diesem der Weg des Einzelnen zum Heil das Hauptanliegen. Im persischen Mythos steht dagegen die Teilnahme an den Heerscharen des Ormuzd im Vordergrund: der Mensch hat im Kampf zwischen Gut und Böse den entscheidenden Anteil. Nur als Glied der Heerscharen erlangt er die endgültige Erlösung. Schlägt er sich nicht zur Macht des Guten, sondern identifiziert sich mit der Triebenergie, mit dem Bösen, so zieht es ihn in die Dunkelheit und schließlich in die Hölle.

Im Unterschied zum indischen Denken ist also im iranischen die geschichtliche Gemeinschaft im Vordergrund, der gemeinsame Kampf für das Gute. So hat auch das alte Persien eine Reichsideologie und eine imperiale Geschichte gehabt, die nach der mohammedanischen Eroberung auch das islamische Denken ihrem Stil einverleibte. Anders als der bilderfeindliche und amusische Islam der Sunniten entfaltete die persische schiitische Form eine künstlerische Ausprägung, die den Reichtum der iranischen Mythologie in neuer Interpretation zur Darstellung brachte und auch die indische Kunst der Mogulperiode befruchten sollte.

Die iranische Mythologie zeigt die gleichen Dramenfiguren wie die indische, griechische und germanische. Ihre besondere Form erwuchs in der Auseinandersetzung mit dem babylonisch-assyrischen Ischtarkult, welcher ob seiner Erdhaftigkeit mit dem bösen animalischen Prinzip identifiziert wurde; eine Verteufelung der Heilträger der vergangenen Epoche, wie wir sie immer bei dem Wechsel der Thematik im Weltenjahr beobachten, am stärksten im mythischen Denken Israels.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
2. Das mythische Denken
© 1998- Schule des Rades
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