Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken

Mythisches Denken der Griechen

Das griechische mythische Denken, das wir nun als letztes betrachten wollen, unterscheidet sich wesentlich vom asiatischen: ihm fehlt der Begriff der Transzendenz, des jenseitigen Schöpfers oder Ursprungs, wie er sich im Wu Chi Chinas, im Brahman Indiens und im Jahwe Israels offenbarte. Dafür geht es vom Menschen selbst und seinen tatsächlichen Möglichkeiten aus. Hierin zeigt sich von Anfang an die Verschiedenheit des europäischen vom asiatischen Denken. Was immer sich als spezifisch europäisch erkennen läßt, hat in Griechenland, in seinem Tatsachendenken seine Wurzel. Auch das Christentum, wiewohl es aus Israel stammt, ist erst nach entsprechender Wandlung aufgenommen worden; nicht die Gebote Gottes vom Sinai, sondern die tatsächliche geschichtliche Auferstehung Christi war es, welche dem späteren europäischen Geist den Zugang zur Transzendenz eröffnen sollte.

Germanische, griechische, persische und indische Mythologie läßt sich auf die gleichen dramatischen Figuren zurückführen. Doch der griechische Mythos hat gleich dem indischen seinen Ursprung in der Vermählung dreier Traditionen:

  • der indogermanischen, die ihren ersten Schwerpunkt in Mykene fand, von wo aus der Trojanische Krieg begann;
  • der kretischen, die das ägyptische Erbe in neuer Form gestaltete,
  • und schließlich der babylonisch phönizischen, die durch Kadmos in Theben beheimatet wurde, und der der Sagenkreis um Herakles und König Ödipus entstammt.

Der Mythos vom Beginn Europas ist wie folgt: der König Agenor verließ Ägypten, um sich in Kanaan niederzulassen. Er hatte fünf Söhne und eine Tochter. Diese hieß Europa und pflegte am Strand des Mittelmeeres zu spielen. Zeus, der oberste griechische Gott, verliebte sich in Europa und verwandelte sich in einen Stier, um sie zu überlisten. Europa gefiel der Stier und sie ritt auf ihm. Er entführte sie über das Meer nach Kreta. Dort verwandelte er sich in einen Adler und vergewaltigte sie. Sie gebar ihm die Söhne Minos, Rhadamantis und Sarpedon. Minos wurde später König von Kreta, und in seinem Palast ist der Minotauros von Theseus, dem mythischen Gründer Athens, erschlagen worden.

Die Symbolik entstammt dem kosmischen Denken: Zeus als Himmelsgott nimmt nacheinander die Gestalt von Stier und Adler, also Symbol des Lebens und der Macht an, um Europa die überdies eine Nachkommin Poseidons, des Gottes von Meer und Traumwelt ist, zu vergewaltigen. So ist von Anfang an der griechische Mythos zwischen die Pole von Wach- und Traumwelt gestellt, in welche Spannung die Mythen und die Geschehnisse als Wandlungsfaktoren eingreifen. Hierbei ist die Traumwelt die Wurzel, die mit dem Mythos verbunden bleibt, und die Wachwelt, die Rationalität das Ziel. Daraus erklärt sich auch die ungeheure Vielgestaltigkeit der griechischen Mythologie, die sich unmöglich in ein einziges System bringen ließe; jede nur vorstellbare Variante der Mythen wurde an dem oder jenem Ort durchgespielt und geglaubt.

Kreta, obwohl von den Nachbarkulten Babylon und Ägypten beeinflußt, stellt eine eigene Kulturschöpfung dar. Die verschiedenen Themen des Weltenjahres wurden nebeneinander gestellt. Die Mondgöttin oder Schlangengöttin, die große Mutter der Krebszeit, bildete das kultische Zentrum. Das Zeichen der Zwillinge, Labrys oder die Doppelaxt, nach welchem das Schloß zu Knossos Labyrinth genannt wurde, war das Symbol der Herrschaft. Der Stier stand im Zentrum der Riten, Tänze und Sitten, die aber gemäß der Symbolik der Widderzeit nicht in kultisch ägyptischer Strenge abgehalten wurde.

Auch auf dem Peloponnes gab es minoische Burgen, vor allem in Tiryns in der Argolis, in denen eine zarte weibliche Zivilisation durch rohe kyklopische Ummauerung von der feindlichen Außenwelt abgesperrt blieb, während auf Kreta selbst die Mauern später fielen. Das männlich kämpferische Pendant Kretas führt der griechische Mythos ebenfalls auf den König Agenor zurück. Die fünf Brüder der Europa, mythisch den Pandavas des indischen Epos Mahabharata verwandt, werden ausgeschickt, um Europa zurückzuholen. Sie finden sie nicht, begründen aber die verschiedenen Völker des Mittelmeerraums. Einer von ihnen, Kadmos, vertraut mit der babylonischen Kultur, geht nach dem griechischen Festland und tötet die Schlange an der kastalischen Quelle in Delphi. Ihre Zähne säht er nach göttlichem Geheiß aus. Aus diesen Zähnen entstehen Krieger, die sich sofort bis auf fünf gegenseitig töten. Die kriegerischen Brüder — die Quelle der Schlange war dem Kriegsgott Ares geweiht — gründeten später die Stadt Sparta, die die kriegerische Tradition der Zwillingszeit in Griechenland fortsetzte; immer zwei Könige herrschten gemeinsam, und Kastor und Pollux bildeten das Vorbild des Stammesstaates, der bis ins letzte militärisch durchorganisiert war.

Kadmos selbst gründete die Stadt Theben. Er führte das phönizische Alphabet anstelle der kretischen Silbenschrift für die griechische Sprache ein. Die zwölf olympischen Götter selbst kamen zur Feier der Hochzeit des Kadmos mit Harmonia, dem Sinnbild der Wohlgeformtheit und Musik bei der Gründung des neuen Staatswesens, und in der Folge blieb Theben ein Hort der babylonischen Überlieferung, die in Herakles eine Auferstehung erleben sollte. Die kretische Kultur liegt vor der thebanisch-mykenischen und reifte zu einer großen Vollendung. Im Anfang unbeschränkte Herrscherin des Mittelmeerraums, wurde sie im 13. vorchristlichen Jahrhundert im Anschluß an einen Ausbruch des Vulkans Santorin-Thera, der die kretische Flotte vernichtete, entmachtet und später völlig zerstört. Mit ihrer Vernichtung ging ihr Überlieferungsgut in den griechischen Mythos ein, der sich nun über den Mittelmeerraum auszubreiten begann.

Die dritte Kulturwurzel, die achäische, stammt aus dem südrussischen Raum. Mit ihr kam die indogermanische Widderkultur endgültig nach Griechenland. Pelops aus der Krim eroberte den Peloponnes. Zu seinem Andenken wurde bis zum Ende der Antike bei Festlichkeiten ein schwarzer Widder geopfert. Sein Volk verband sich mit den Thebanern und auch den kretischen Siedlern. Atreus aus Theben wurde Herrscher von Mykene, das die minoische und babylonische Kultur in einer Synthese vereinte: innen und außen, Ummauerung, Palastgemächer und Grabmäler sind gleichsam aus einem Guß. Die Thematik wandelte sich vom Kultischen ins Sippenhafte; die Beziehung zwischen den Menschen, ihre Handlungen und Verfehlungen wurden zum Kernpunkt der mythischen Geschichte. Mit dieser Entwicklung wurde auch, wie in Israel, die vorige Überlieferung neu gefaßt: es entstanden die griechischen Kosmogonien, die das Entstehen der Erde und Griechenlands veranschaulichten.

Der erste Mythos, der pelasgische, beginnt mit der Krebszeit. Robert von Ranke-Graves schildert ihn in folgender Weise:

Am Anfang war Eurynome, die Göttin aller Dinge. Nackt erhob sie sich aus dem Chaos. Aber sie fand nichts Festes, darauf sie ihre Füße setzen konnte. Sie trennte daher das Meer vom Himmel und tanzte einsam auf seinen Wellen. Sie tanzte gen Süden; und der Wind, der sich hinter ihr erhob, schien etwas Neues und Eigenes zu sein, mit dem das Werk der Schöpfung beginnen konnte. Sie wandte sich um und erfaßte diesen Nordwind und rieb ihn zwischen ihren Händen. Und, siehe da es war Ophion, die große Schlange. Eurynome tanzte, um sich zu erwärmen, bis Ophion, lüstern geworden, sich um ihre göttlichen Glieder schlang und sich mit ihr paarte; so ward Eurynome ihr Name bedeutet das gute Gesetz vom Nordwind in Gestalt der Schlange schwanger. Dann nahm Eurynome die Gestalt einer Taube an, ließ sich auf den Wellen nieder und legte das Weltei. Auf ihr Geheiß wand sich Ophion siebenmal um das Ei, bis es ausgebrütet war und aufsprang. Aus ihm fielen alle Dinge, die da sind: Sonne, der Mond, Planeten, Sterne, die Erde mit ihren Flüssen und Bergen, ihren Bäumen, Kräutern und Lebewesen.
Eurynome und Ophion schlugen ihr Heim auf dem Berg Olympos auf. Hier rief er ihren Unwillen hervor, weil er behauptete, Schöpfer der Welt zu sein. In ihrem Zorn trat sie ihn mit der Ferse auf den Kopf, schlug ihm dabei die Zähne aus und verbannte ihn in die dunklen Höhlen unter der Erde.
Als nächstes schuf sie die Planeten, über jeden setzte sie einen Titanen und eine Titanin. Der erste Mensch war Pelasgos, der Ahnherr der Pelasger; er entsprang aus dem Boden Arkadiens, gefolgt von anderen, die er lehrte, Hütten zu bauen und Eicheln zu essen.

Der pelasgische Mythos, von dem es viele verschiedene Versionen gibt, führt die Bereiche des Wesenskreises ein: sie entstehen durch Teilung des Wassers von der Luft. Zwischen beiden bilden die Götter die Menschenwelt. Die Schlange als Urgrund des körperlichen Lebens und als Symbol des Tierkreises wird in den Tartaros verbannt, die Planeten werden dagegen als Kräfte an den Himmel gesetzt, wo sie fortan die Zeit bestimmen; der Übergang von der Krebszeit zur Zwillingszeit.

Der pelasgische Mythos wird durch den orphischen ergänzt: anstelle der Schlange paart sich der Urstrom Okeanos mit einer anderen Gesetzesgöttin, Themis. Ihnen entsprang Eros, die Liebeskraft, die das All in Bewegung setzt und die Vielfalt der Natur erschuf. Die Urmutter lebt weiter in einer Höhle, von der aus sie die Welt regiert. Ihre drei Aspekte sind die Nacht als Hort des Orakels, die Ordnung des Kosmos, und die Gerechtigkeit der Menschen, die ihren Einklang mit dem Kosmos durch das Orakel erkunden können.

Beide Schöpfungsmythen, der pelasgische und der orphische, zeigen das Hauptkennzeichen des griechischen Mythos: die geschlechtliche Fruchtbarkeit wird als Schöpfer des Alls betrachtet. Aus ihr entfalten sich die Welten von Göttern, Menschen und Unterwelt, im Gegensatz zum göttlichen Wort der Israeliten, zu den beiden Prinzipien Irans, dem unnennbaren Brahman der Inder oder Wu Chi, dem Urprinzip der Chinesen.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
2. Das mythische Denken
© 1998- Schule des Rades
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