Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken

Griechische Sagen

Am Ende der ersten Zeitalters steht wie in Babylon und Israel die Sintflut. Ihr Mythos als deukalische Flut bezeichnet ähnelt den Epen von Noah und Utnapischtim. Anschließend kommen wir in einen anderen Gedankenkreis: die Ablösung der Zeitalter vollzieht sich, indem die Herrschaft eines Gottes durch seinen Nachfolger mit Hilfe der Kräfte, die jener in die Unterwelt verbannt hatte, gestürzt wird.

Die Zwillingszeit stand unter der Herrschaft des Uranos. Er zeugte zusammen mit der Erde Gaia, der Herrin der Krebszeit, die Titanen, welche die Naturkräfte symbolisierten, und die Kyklopen, die nur das geistige eine Auge besaßen. Da die Kyklopen aufsässig wurden, verbannte er sie mit Hilfe der Titanen in den Tartaros.

Die Mutter Erde verleitete ihren Sohn Kronos, seinen Vater Uranos mittels einer Sichel zu entmannen und die Kyklopen zu befreien. Damit begann das goldene Zeitalter des Stiers. Doch auch das Erbe der Zwillingszeit wirkte weiter: aus den Blutstropfen, die bei der Entmannung des Uranos auf die Erde fielen, entsprossen die Furien und Erinyen, die jeden Elternmord und Meineid auf Erden rächen.

Ein ähnliches Schicksal war in der folgenden Generation Kronos beschieden. Da er die Prophezeiung kannte, daß ein Sohn ihn entthronen sollte, verschlang er elf seiner Kinder nach der Geburt. Doch als Rhea, die Gattin des Kronos, den dritten Sohn gebar, gab sie ihm anstelle des Sohnes einen in Windeln gewickelten Stein zu verschlingen. Der künftige Götterherrscher der Widderzeit, Zeus, wuchs auf Kreta auf, wohin ihn die Mutter geschickt hatte.

Als Zeus erwachsen war, schlich er sich eines Tages als Mundschenk bei Kronos ein und gab ihm seinen üblichen Honigtrank mit Senf und Salz versetzt. Darauf erbrach Kronos alle elf Geschwister. Nun begann der Kampf der späteren olympischen Götter gegen die Titanen, der nach zehn Jahren mit Hilfe der aus dem Tartaros befreiten Kyklopen entschieden wurde. Kronos wurde nach einer Version nach den britischen Inseln, nach einer anderen nach Italien verbannt, um den Einwohnern Frömmigkeit beizubringen.

Zeus, seine Geschwister und Kinder, sechs männliche und sechs weibliche Gottheiten — Zeus, Ares, Poseidon, Apollo, Hephaistos, Hermes und Hera, Aphrodite, Artemis, Hestia, Athene, Persephone — wurden nach Besiegung der Titanen Beherrscher des Olympos. Ursprünglich mit Tierkreisgottheiten des kosmischen Denkens identisch — Zeus als dritter Sohn und Herrscher der Widderzeit zeigt den Bezug auf Kronos, Saturn im Steinbock, drei Felder von ihm entfernt — begannen sie ihre Bedeutung bald frei zu wandeln. Manche wurden ausgetauscht. So trat Dionysos, der Gott des Rausches und des Traumbewußtseins, an die Stelle der Hestia, der Göttin des Heims.

Hier zeigt sich nun das Wesentliche am griechischen Mythos: die Schöpferkraft der olympischen Götter ist nicht transzendent, sondern beruht auf der Geschlechtskraft. Ihr entsprangen alle neuen Gottheiten und auch die Heroen, die jedesmal Erfüllungen naturhafter Möglichkeiten und nicht transzendenter Offenbarungen darstellen.

Zum zweiten Sitz der Götter wurde das alte Kronosheiligtum in Olympia auf dem Peloponnes. Hier lehrten sie als Vorbilder vollendete Menschlichkeit und zeigten, wie sich jede Anlage auf ihre Weise erfüllen läßt. So bedeutet das Griechentum etwas gänzlich Neues in der Geistesgeschichte: den Versuch, die natürlichen Tendenzen des Keimplasmas der menschlichen Anlage in Sinnbild und Vorbild darzustellen und aus dieser Schau das Leben zu gestalten. Vielleicht das schönste Beispiel einer solchen Darstellung ist der berühmte homerische Hymnus der Geburt des Hermes, von dem wir nun einen Ausschnitt im Wortlaut Karl Kerényis bringen.

Maia, die schamhafte Nymphe, kam niemals in die Versammlung der seligen Götter. Sie wohnte in einer tief beschatteten Höhle; da trieb Zeus das Liebesspiel mit ihr, in undurchdringlicher Nacht, während Hera schlief. Niemand wußte davon, weder Gott noch Mensch. Der Wunsch des Zeus fand seine Erfüllung. Es kam der zehnte Monat der Nymphe, er brachte es zum Licht, offenbar wurde das Geschehene: sie gebar einen Sohn von großer Schlauheit, einen listigen Schmeichler, einen Räuber und Rinderwegtreiber, einen Traumgeleiter und nächtlichen Späher, wie diejenigen sind, die auf der Straße, vor den Toren lauern. Er sollte bald unter den Göttern mit seinen Taten Berühmtheit erlangen. Früh morgens wurde er geboren, mittags spielte er auf der Leier, abends stahl er die Rinder des Apollon, an jenem vierten Monatstag, an dem Maia ihn auf die Welt brachte.
Kaum hervorgesprungen aus dem unsterblichen Leib der Mutter, blieb er nicht lange in der heiligen Wiege, sondern erhob sich und schritt über die Schwelle der hohen Grotte, auf der Suche nach den Rindern des Apollon. Er fand eine Schildkröte und gewann sich daraus unschätzbaren Nutzen. Hermes war es, der als erster aus ihrem Schild ein tönendes Instrument schuf. Sie begegnete ihm vor dem Tor der Grotte, grasend und die Füße ziehend, wie es die Art der Schildkröten ist. Der Sohn des Zeus, der schnelle Hermes, sah sie und lachte: Schon ein glückliches Zeichen! Ich sehe die nicht ungern! Willkommen, schöne Tänzerin, Gesellschaft zum Mahle! Du kommst zur rechten Zeit. Woher nahmst du doch, Kröte, solch ein liebliches Spielzeug, den schirmenden Schild auf dem Rücken, die du in den Bergen wohnst? Ich nehme dich nach Hause, sei mir zum Nutzen! Schöner ist es daheim, gefährlich draußen. Auch lebend wirst du ein Schutz sein gegen schädlichen Zauber. Wenn du erst stirbst, wirst du schön singen!
So begann Hermes mit der Erfindung der Leier. Mit beiden Händen nahm er die Schildkröte in die Grotte, da schnitt er sie auf; schnell war sein Wort, und seine Tat wie der Gedanke. Er befestigte zwei Schilfrohre im Schild und eine Verbindung oben, spannte darauf die sieben Saiten aus Schafsdarm. Als er nun fertig war mit dem lieblichen Spielwerk, prüfte er mit dem Schläger die Stimmen: es ertönte in seiner Hand mächtig. Schön sang der Gott aus dem Stegreif, sich in der Tonart versuchend, in der die Jünglinge beim festlichen Mahl sich schamlos necken. Er sang von Zeus und Maia, wie sie ihr Liebesspiel trieben, und pries seine eigene Geburt, die die Folge war.

Die Zahl der Mythen ist schier unendlich groß. Nach der kosmischen Gliederung der Erde hat Griechenland seinen Schwerpunkt im geistigen Fühlen, dem Tierkreiszeichen Fische, bezieht seine Kraft also aus der Traumwelt mit ihren unendlichen Variationsmöglichkeiten. Da das Gebiet ferner aus unzähligen zerklüfteten Gebirgszügen, Tälern und Inseln besteht, tendiert es schon landschaftlich zum mythischen Polyzentrismus. Die Mythen verbanden sich bald mit geschichtlichen Ereignissen zu Sagen, die um die drei Kulturwurzeln kreisten: die phönizisch-thebanische mit Kadmos als Urheber; die achäische mit Pelops, dem Träger des Widderkultes mit der Blüte in Mykene, und schließlich die kretische, die durch Athen abgelöst wurde.

Die Götter, die dem Menschen in seinem gewöhnlichen Bewußtseinszustand unbewußt bleiben, da sie jenseits der Todesschwelle existieren, werden in den Mythen geschildert, bei denen sie manchmal in das irdische Leben eingreifen. Die Sagen hingegen schildern den umgekehrten Weg; sie beschreiben Menschen, Heroen, die von der Erde aus ansetzen und durch übermenschliche Leistungen die Teilnahme am göttlichen Leben erreichten; ihre Verwobenheit in das irdische Geschehen war das Wesentliche. Die Götter als mythische Gestalten sind nur über das Orakel zu befragen, im Gebet zu verehren oder im Opfer zu überzeugen. Doch die Helden der Sagen, so viel Wunderbares von ihnen auch berichtet werden mag, sind als Menschen geboren. Ihnen kann man nacheifern. Daher verschiebt sich in der mittleren griechischen Zeit bald der Akzent vom Mythos auf die Sage. Die Helden werden besungen und schließlich zur homerischen Zeit, also um das neunte Jahrhundert, in eine einheitliche Dichtung gebracht, die fortan als Vorbild und Sinnbild des griechischen Lebens galt und die älteren Mythen als Teile in sich aufgenommen hat.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
2. Das mythische Denken
© 1998- Schule des Rades
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