Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

Einführung

Wesenskreis

Der Denkstil ist nun aber nicht mit dem Zeitgeist gleichzusetzen; dieser enthält eine Anzahl von Bildungen und Eigenheiten, die nur zufällig oder als historischer Rückstand am Wesen einer Epoche mitwirken. Der Begriff Denkstil dagegen enthält eine qualitative Beschränkung: er sucht die Ursprünge in den originellen Leistungen, aus denen sich andere Erscheinungen und Gestaltungen als zweitrangig ableiten lassen. Wenn wir z. B. heute sagen, daß die antike griechische Philosophie im wesentlichen durch die Vorsokratiker und später durch Sokrates, Platon und Aristoteles geprägt wurde, oder die deutsche Klassik philosophisch von Kant, Fichte, Schelling und Hegel und dichterisch von Goethe und Schiller, so beziehen wir eine ganze Epoche auf wenige Persönlichkeiten zurück, deren Stil wir als ursprünglich und ausschlaggebend erkennen, und als deren Nachahmung oder Gegensatz sich andere Gestaltungen ohne Vergewaltigung der Tatsachen erklären lassen. Sicher kann man sich bei einer solchen Beurteilung irren; je weiter aber eine Epoche zurückliegt, desto klarer und eindeutiger wird das philosophische Urteil ausfallen — es sei denn, daß wesentliche Kulturschöpfungen verloren gingen.

Doch wahrer Geist ist unverlierbarer Besitz; wenn er sich auch nicht mehr in seinem Ursprungsland fortpflanzen und tradieren kann, so wirkt er in anderen Ländern weiter, gleichwie das Wissen der Griechen nach einer Periode teilweisen Vergessens und der Verödung des Mutterlandes im Hochmittelalter erneut über die Vermittlung der islamischen Kultur bekannt wurde und eine echte Renaissance der Philosophie in Westeuropa einleitete.

Solche Befruchtung hat es zu vielen Zeiten gegeben; deshalb dürfen wir uns auch in einer Geschichte des europäischen Geistes nicht auf die rein innerabendländischen Entfaltungen beschränken, sondern müssen Wesenszüge anderer Kulturen berücksichtigen, sofern diese eine stilbildende Wirkung auf Europa hatten. Ferner ist Europa eine verhältnismäßig junge Kultur im Vergleich zu den zehntausend Jahren bewußter Menschheitstradition; daher gilt es auch die allgemeinen Wurzeln zu verstehen, aus denen sich das europäische Denken als besondere Gestalt herausgebildet hat, und dann erst deren Entfaltung darzustellen.

Wenn wir nun von Geschichte sprechen, so denken wir naturgemäß an einen Ablauf der Zeit als ihren Träger. Doch eine Geistesgeschichte bedeutet keine bloße Chronik, keine Aneinanderreihung von Daten, sondern Erinnerung. So wie wir uns in unser eigenes Gedächtnis alle bewußt verstandene und wirklich erfahrene Vergangenheit zurückrufen können und das gestrige Ereignis neben die Geschehnisse unserer Jugend treten kann, ebenso schildert eine Geschichte der Denkstile dasjenige Wissen, welches auch heute noch in der Gegenwart für uns fruchtbar werden kann.

Der Ausgangspunkt und das Kriterium der philosophischen Geschichtsauffassung ist die Struktur des menschlichen Bewußtseins. Diese Struktur ist jedoch nicht selbstverständliches Wissen; zu sehr sind die Vorstellungen des Europäers zwischen die beiden Mühlsteine der positivistischen und metaphysischen Weltbilder geraten, als daß es ihm leicht fiele, die ursprünglich naive Einstellung zu erkennen und zu bewahren. So steht am Anfang unserer Bemühung der Versuch, das Bewußtsein des Urmenschen zu bestimmen, als dessen späte Variation sich unser Weltbild begreifen lassen wird.

Hier müssen wir uns von der philosophischen Tradition trennen, die eine Unzahl von Antworten bereithält, und auf die naive Erfahrung zurückgreifen; das Bewußtsein ist nicht homogen, sondern zeigt vier verschiedene Zustände:

  1. das Wachen mit der äußeren Erfahrung, die durch die Sinne vermittelt wird;
  2. die Welt der Reflexion — der gedanklichen Assoziationen, die auf der Sprache fußen;
  3. die Welt des Traumes, wo sich Vorstellungen eigenständig bilden und der Mensch gleichsam Zuschauer seiner selbst wird. Sie gründet auf den Trieben, für die der Traum stellvertretende Wunscherfüllung bedeutet;
  4. die Welt des Tiefschlafes, der Abwesenheit von Bewußtseinsinhalten, welcher Zustand dem des Todes verschwistert erscheint.

Die vier Zustände lassen sich im Kreis veranschaulichen, wobei wir jeden anders charakterisieren. Als erstes ist bewußt die Welt der Sprache und Zeichen, der Assoziationen, in denen sich Gedanken bilden, die die Vorstellung tragen. Das Bewußtsein hat zwei Komponenten:

Sein bedeutet grammatikalisch Kopula, intensive Verbindung, und Wissen, bewußt die Summe der möglichen Inhalte, die sich im Gedächtnis gliedern. Grundlage des sprachlichen Bewußtseins sind Zeichen, die für eine Vorstellung stehen können, Worte, die Bedeutung haben. Seine Funktion ist das Denken.

Diesem sprachlich-denkerischen Bewußtsein sind die Gegebenheiten des Wachens als der äußeren Erfahrung der Sinne überbewußt: das Kind lallt Worte, dann identifiziert es diese mit bestimmten Gegenständen. Lange noch ergänzt es die Empfindung aus dem Denken, stellt etwa im ersten Zeichnen ein Haus, das unregelmäßige Fenster aufweist, mit geometrisch regelmäßigen dar. Die Entwicklung des Sehens, genau wie jene des Hörens, Schmeckens, Tastens und Riechens erfordert eine bewußte Schulung, deren Welt manchem verschlossen bleibt, bis ihm ein plötzliches Erleben oder auch eine bewußtseinserweiternde Droge die sinnliche Wirklichkeit in ihrer Schönheit eröffnet.

Im Gegensatz zum wachen überbewußten Empfinden — denken wir an das Wort Kunst macht sichtbar — steht der unterbewußte Traum, dessen Grundlage die Triebe sind. Ihnen entstammt die Funktion des Fühlens, die den Menschen mit den Tieren verbindet. Während aber die tierischen Triebe instinktgesteuert sind — aus endogenen Engrammen, unbedingten und bedingten Reflexen — sind die Gefühle und Emotionen beim Menschen wunsch- phantasiebezogen: er hat (außer in Notlagen) nicht Hunger, sondern Sehnsucht nach einem Schnitzel; nicht Durst, sondern Lust auf ein Glas Bier. Er antwortet nicht auf den augenfälligen Geschlechtsanreiz, sondern sehnt sich nach einem bestimmten Partner oder Typus. Er unterscheidet nicht nur Lust und Schmerz, sondern über gut und böse werden die Ziele vieler Triebe aufeinander abgestimmt; und wenn diese Abstimmung schwerfällt, dann kann der Traum stellvertretend eingreifen, dessen Sinngehalt sich aber nur dann erschließt, wenn er vom unterbewußten Zustand durch Reflexion über seine Bedeutung — wie bei der Traumanalyse — ins Bewußtsein gehoben wird.

Aber nicht nur die Reflexion gibt einen Zugang zur unterbewußten Traumsphäre; auch der inneren Stille ist diese zugänglich. Damit sind wir beim vierten Zustand des Schlafes, der der Leere entspricht: dem Sein, das Wissen zusammenfügen kann, und das sich als Kraft der Aufmerksamkeit in der Funktion des Wollens äußert.

Wollen entscheidet zwischen ja und nein: diese Entscheidungen gehen ununterbrochen vor sich, ihr Oszillieren kennzeichnet überhaupt den Träger allen Bewußtwerdens. Was bewußt wird, die Inhalte, das kommt durch Denken, Fühlen oder Empfinden zustande. Doch daß es bewußt wird, die Voraussetzung hierzu bildet die innere Leere, das Nichts, beziehungsweise der Wechsel zwischen Nichts und Etwas, der seinen Ausdruck in der Welt der reinen inhaltsleeren Formen, der Zahlen, findet.

Das Denken assoziiert Zeichen, die für Empfindungen, Gefühle oder Voraussetzungen des Denkens — etwa grammatikalische Formen — stehen; somit ist es im echten Gegensatz zum Wollen, das zwar inhaltsleer, aber nicht formlos ist; durch seine Fähigkeit des Entscheidens zwischen ja und nein, Nichts und Etwas ist es das Vermögen der Formen und damit Ursprung aller Mathematik.

Die Funktionen mit den ihnen entsprechenden Gebieten und Zuständen lassen sich im Wesenskreis veranschaulichen:

Aufmerksamkeit
unbewußt
Tiefschlaf
wollen
Sinnesdaten
überbewußt
Wachen
empfinden
BEWUSSTSEIN
Triebe
unterbewußt
Träumen
fühlen
Sprache
bewußt
Reflexion
denken

Die Funktionen sind gerichtet: sie haben entweder eine Vorstellung, ein Wesen (Subjekt) oder einen Körper zum Gegenstand. Somit ordnen sich in den Kreis drei Bereiche ein, wobei wir die traditionelle Begrifflichkeit im Sinne ursprünglichen Erlebens richtigstellen:

  • die mentale Welt der Vorstellung bezeichnen wir als Geist,
  • die Welt der Person und persönlicher Beziehungen als Seele,
  • und die stofflich erfahrbare Welt als Körper.

Die systematische Begründung dieses Ansatzes — der nicht der Tradition entstammt, sondern meine persönliche Voraussetzung bildet — habe ich in meiner Klaviatur des Denkens (Wien 1971) geschildert. Er taucht in versteckter Form oft im Verlauf der Geschichte auf — so zuletzt bei den vier Ursachen Schopenhauers — wurde aber noch nie zum Ausgangspunkt einer Geschichte gewählt. Dennoch läßt er sich in vielen Kulturen im Ursprung nachweisen; die Figur des Radkreuzes, die die Bewußtseinsstufen auf die vier Himmelsrichtungen und die vier Tages- Jahreszeiten eicht, findet sich am Beginn ihrer Überlieferung, wie ich später ausführen werde.

Wesentlich zum Verständnis der Bedeutung des Radkreuzes ist die Tatsache, daß sowohl (unbewußtes) Wollen und (bewußtes) Denken, als auch (überbewußtes) Empfinden und (unterbewußtes) Fühlen im Gegensatz stehen. Wenn der Mensch wach ist, träumt er nicht; und wenn er in Tiefschlaf versinkt, dann denkt er nicht; sein Zustand ähnelt, vom Mitmenschen her betrachtet, jenem des Todes, und galt daher seit jeher als Schlüssel zu dessen Überwindung.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
Einführung
© 1998- Schule des Rades
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