Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

3. Das logische Denken

Sophisten - Protagoras - Gorgias - Hippias - Prodikos

Vom Standpunkt der Naturphilosophen waren die Sophisten nur Eklektiker. Doch hatten sie auch ein positives Ziel, das mit ihnen erstmalig in der Geschichte des logischen Denkens auftaucht: die Erziehung. Die Vorsokratiker widmeten sich der Erforschung der Wirklichkeit, wie immer diese beschaffen sei, und folgten den Gedankengängen bis in die letzten Schlußfolgerungen. Die Sophisten dagegen betrachteten sich als Lehrer einer praktischen und nützlichen Weisheit: wer das Denken beherrscht und vor allem die Fähigkeit entwickelt, den Gegner zu überzeugen oder zu überwinden, der erlangt auch die Macht. Aus diesem Grunde nahm der bekannteste der Sophisten, Protagoras, als erster Philosoph Geld für seinen Unterricht.

Die Theorie des Protagoras gipfelt in dem Satz:

Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, daß sie sind, und der nichtseienden, daß sie nicht sind.

Die Wahrheit sah er in zwei Kriterien gegeben: einerseits in der sinnlichen Beobachtung und nachfolgenden Verifikation, andererseits im dialektischen Syllogismus.

Außer Protagoras — dessen Blütezeit auf 444 datiert ist und dessen Lehre als Individualismus bezeichnet wird — waren unter der Vielfalt von Sophisten Gorgias der Nihilist, Hippias der Polyhistor und Prodikos der Moralist von besonderer Bedeutung, weil auch ihre Geisteshaltung in der Folge bis heute immer wieder Nachfolge gefunden hat. Die Lehre des Gorgias, der 427 nach Athen kam, gründete sich auf folgende drei Sätze:

  1. Es ist nichts.
  2. Wenn aber etwas wäre, so würde es unerkennbar sein.
  3. Wenn aber etwas wäre und dieses erkennbar wäre, so wäre die Erkenntnis nicht mitteilbar an andere!

Seine Lehre fand nach der klassischen Zeit Nachfolge bei den Kynikern und Skeptikern, Hippias aus Elis, ein jüngerer Zeitgenosse des Protagoras, wirkte vor allem durch seine Redekunst und die Vielfalt seiner historischen Kenntnisse; er wurde das Vorbild der Eklektiker. Und Prodikos aus Keos konzentrierte sich einerseits auf Ethik und Moral, welche Anschauung später bei Epikuräern und Stoikern zu voller Ausbildung kam, andrerseits untersuchte er als erster die Sinnverwandschaft von Worten, wodurch er wahrscheinlich auf Sokrates Einfluß nahm.

Die Sophisten waren die Begründer der Pädagogik. Wissen schafft einerseits Macht; daher rührt sein praktischer Nutzen, dessentwegen der Wissenslehrer, der Sophist, auch Anspruch auf ein Honorar hat. Andrerseits formt es auch den Menschen über die Art und Weise des Lehrens, vor allem die Auswahl des mitzuteilenden Wissenstoffs. Daher war für die Sophisten ihre Tätigkeit die Grundlage für das Erlernen des staatsbürgerlichen Verhaltens; nur über sein Wissen könne der Bürger eine sinnvolle Funktion im Staat ausüben.

Wie bei den Vorsokratikern alle möglichen Ansätze der Naturerkenntnis durchgeführt wurden, so brachten die Sophisten innerhalb kurzer Zeit sämtliche nur möglichen Denkstandpunkte ins Gespräch. Das Athen des ausgehenden fünften Jahrhunderts war voll von ihnen. Wer mittels des neu gefundenen Syllogismus — dem Vermögen, einen Unterbegriff über ein Mittelglied einem Oberbegriff einzuordnen und den Gegner im Verlauf eines Gesprächs mit Hilfe des Satzes vom Widerspruch zu gewissen Schlußfolgerungen zu zwingen — andere zu überzeugen vermochte, konnte als Lehrer sein Auskommen finden. Hierbei zählte nur der Erfolg, nicht die Gesinnung; daher gab es auch Sophisten, die offen ihre Kunst als Mittel anpriesen, andere auf bestmögliche Weise zu übervorteilen. In dieser Zeit des Relativismus wurde nun der größte Geist des logisch-philosophischen Denkens geboren, mit dem ein neuer Schritt in der Geschichte der Bewußtwerdung anhub: Sokrates von Athen. In der Sophistik geschult, fand er über sie den Weg zur persönlichen Verantwortung im Denken.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
3. Das logische Denken
© 1998- Schule des Rades
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