Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

4. Das theologische Denken

Hermes Trismegistos

In das astrologische System ordnet sich das medizinische des Galenos in Nachfolge des Hippokrates ein. Die vier Säfte waren, wie wir schon bei Empedokles erwähnten, den vier Naturelementen gleichgesetzt:

  • Phlegma (Schleim) dem Wasser,
  • Blut der Luft,
  • gelbe Galle dem Feuer
  • und schwarze Galle der Erde.

Zusammen mit der Zuordnung der Planeten und Tierkreiszeichen zu den Körperteilen und Organen, die bis nach Paracelsus in der Diagnostik üblich blieben, entwickelte sich in Analogie zum plotinschen mystischen Streben nach Ekstase, und dem astrologischen Bestreben, die Planetenkräfte zu integrieren, die Suche nach dem Allheilmittel, das in Entsprechung zur Sonne als Lebenskraft stünde und ferner nach dem Gold, das für die Alchemisten das Grundmetall im Sinne der materia prima des Aristoteles dargestellt hat.

Die Alchemie fußte auf alten ägyptischen Quellen. Der Sage nach soll sie vom ägyptischen Merkur, dem Hermes Trismegistos begründet worden sein, dessen Smaragdtafeln als die alchemistische Bibel galten. Ihr Text ist kurz und lautet folgendermaßen:

Es ist wahr, ohne Zweifel und gewiß: das Untere ist gleich dem Oberen, und das Obere gleich dem Unteren, zur Vollendung der Wunder des Einen.
Wie alle Dinge aus dem Wort des Einen gekommen sind, werden auch alle Wesen vermöge Entsprechung aus dem Einen geboren.
Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond.
Der Wind hat es in seinem Bauch getragen, seine Amme ist die Erde. Es ist Vater aller Wunderwerke im Weltall.
Seine Macht ist vollkommen.
Fährt es nieder auf Erden, wird es die Erde vom Feuer scheiden, das Feine vom Groben.
Mit großem Spürsinn steigt es sanft von der Erde empor.
Dann fährt es wieder hernieder zur Erde und vereinigt in sich die Kraft des Oberen und des Unteren.
(Erkennst du es) So wirst du das ruhmreiche Licht der Welt besitzen und alle Dunkelheit wird von dir weichen. Dies ist die stärkste aller starken Kräfte, denn sie überwindet alles Feine und durchdringt alles Grobe.
So wurde die Welt erschaffen, die kleine Welt nach dem Vorbild der großen.
So, auf diese Weise, kommen wunderbare Entsprechungen zustande.
Darum heiße ich Hermes der Dreimalgrößte, denn ich besitze die drei Teile der Weisheit des Weltalls.
Vollendet ist, was ich verkündet habe vom Werke der Sonne.

Von Anfang an bildeten die Alchemisten Geheimschulen. Der erste sicher verbürgte Text war von einem Demokritos aus Mendes, der in seinem Buch Physika eine Lehre der Alchemie beschrieb; bei ihm war die praktische Chemie jedoch im Vordergrund. Cosimos aus Parnopolos, ein Christ, schrieb um 300 n. Chr. eine alchemistische Enzyklopädie; dieser erwähnte auch eine weitere Alchemistin, die Jüdin Maria. Das Wissen dieser Bücher ist außerordentlich stark verschlüsselt, doch läßt es das wesentliche Ziel der Alchemie erkennen:

  • im Großen Werk soll der Urstoff gewonnen werden, das Gold, mittels dessen der Mensch seine Läuterung, den Aufstieg aus der Triebverfallenheit bis zur Vereinigung mit der Gottheit vollzieht.

Wir werden seine Stufen im Rahmen des humanistischen Denkstils im einzelnen beschreiben. Der Glaube, daß das Gold der Urstoff sei, ergab sich aus der theologischen Interpretation der aristotelischen Lehre: wenn dem Formprinzip eine Substanz entspricht, nämlich die Gottheit, so muß auch dem Materieprinzip eine Substanz entsprechen, und diese war das Gold als nächste Entsprechung zum Licht der Sonne.

Die letzte Komponente der Gnosis bildete die alexandrinische Kabbala, die jüdisches und ägyptisches Denken vereinte. Sie nahm in Entsprechung zu den zehn Schöpfungsprinzipien oder Zahlen und den zwölf Tierkreiszeichen eine Ordnung der zweiundzwanzig Buchstaben des Alphabets an, die dem Adepten den Zugang zum inneren Wort eröffneten. In Ägypten waren diese in Form von Karten dargestellt, die noch heute im Tarot existieren und den Wandmalereien der Tempel entsprachen; aus ihnen weissagte der Priester der ägyptischen Widderzeit in ähnlicher Weise wie die heutigen Kartenaufschläger. Der Zahlenschlüssel wurde geheimgehalten und nur in der sogenannten hermetischen Kette von Vater auf Sohn und Lehrer auf Schüler weitergegeben.

Astrologie, Mystik, Kabbala und Alchemie bildeten die vier Wege der Gnosis, der Selbsterlösung, welche aber bald mit der christlichen Theologie in Widerspruch geriet und sich daher nur noch im Geheimen entwickeln konnten.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
4. Das theologische Denken
© 1998- Schule des Rades
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