Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

4. Das theologische Denken

Christliche Theologie — Vater Unser

Die christliche Theologie bedeutet Theosophie und Gnosis gegenüber eine neue Einstellung. Ihre Voraussetzung war die Erscheinung, Kreuzigung und Auferstehung Christi. In der vorherigen Geschichte der Menschheit erreichten nur wenige die Unsterblichkeit: solche, denen es aus eigener Kraft — sei es über Heldentaten oder über einen Erkenntnisweg — gelang, die Seele zum Geist zu erheben. Mit Christus sollte die Unsterblichkeit jedem zugänglich werden, der ihm zu folgen vermochte. Damit wurde der Glaube zum bestimmenden Faktor der Entwicklung.

Glaube bedeutet etwas anderes als Erkenntnis, aber auch als das Fürwahrhalten, mit dem er heute oft gleichgesetzt wird. Die christliche Botschaft richtet sich in den Evangelien zwar ausdrücklich an die Juden und an die verlorenen Schafe Israels; also an jene, die den Vatergott des Alten Testaments als den einzigen und echten Weltenschöpfer anerkannten und seinen Weisungen folgten. Doch für den Glauben stehen die Weisungen und Gebote nicht mehr über dem Menschen. In Christus hat sich Gott in neuer Gestalt offenbart: als Sinnbild und Vorbild menschlicher Vollendung. Daher tritt an die Stelle der vielfältigen Gebote und Vorschriften des Gehorsams nun das eine Gebot der Liebe, das Christus zweifältig formulierte: als Liebe zu Gott und als Liebe zum Mitmenschen.

Die Liebe verlangt das Einswerden mit dem Geliebten, die Identifikation. Hier halten wir ein wesentliches Element des christlichen Glaubens: nämlich, daß der Mensch durch Weckung der doppelten Liebesfähigkeit alle todgeweihten irdischen Identifikationen überwindet und ganz mit der Urkraft eins wird, ohne daß seine Geschöpflichkeit aufgehoben wäre. Der Vatergott wird ausdrücklich als Kraft bezeichnet. An zwei Stellen des Evangeliums heißt es:

Christus wird sitzen zur Rechten der Kraft,
zu richten die Lebendigen und die Toten.

Das Gesetz ist die Voraussetzung, um von der Triebverfallenheit zur Geistigkeit aufzusteigen; doch nicht das ganze mosaische Gesetz, sondern die zehn Gebote Gottes, die den sittlichen Entwicklungs­rahmen des natürlichen Menschen bestimmen. In diesem Sinn ist auch die Ausschließlichkeit der evangelischen Botschaft an die Juden zu deuten: Jude war derjenige, welcher im Unterschied zu anderen Völkern kein Idol zwischen den transzendenten Gott und den Menschen stellte. Dieser Gott ist nicht nur der Ursprung als Urkraft — von der man sich kein Bild und Gleichnis formen darf — sondern auch die in Christus, im Menschensohn offenbarte menschliche Vollendung.

Vollendung heißt hier, daß der Mensch den Tod im Leben überwunden hat, indem er die Brücke zur jenseitigen Existenz findet, falls er die beiden Liebesforderungen ganz zu erfüllen vermag. Damit er dieses könne, lehrte Christus als einziges Gebet das Vater-Unser, das die richtige Einstellung in folgenden Stufen offenbarte, die die schamanische Ordnung von oben nach unten im Bewußtsein verwirklicht.

  1. Geist: Unser Vater im Himmel
    Die Erkenntnis, daß Gott die Urkraft und das Urlicht im All darstellt, bildet die Voraussetzung der richtigen Einstellung.
  2. Seele: Geheiligt werde Dein Name.
    Durch den Namen wird die Seele angesprochen, also der seelische Kontakt von der irdischen auf die himmlische Zugehörigkeit übertragen.
  3. Körper: Dein Reich komme.
    Die Körperwelt wird durch den bewußten Wunsch auf die geistige Wirklichkeit abgestimmt.

Die drei ersten Bitten, die den Bereichen entsprechen, sind einfach. Die folgenden Abschnitte, die den Funktionen entsprechen, sind dialektisch:

  1. Wollen: Dein Wille geschehe,
    wie im Himmel also auch auf Erden.

    Das Wollen ist richtig eingestellt, wenn es die Parallelität zwischen Evolution und Integration verwirklicht.
  2. Fühlen: Unser täglich Brot gib uns heute.
    Die Nahrung, Schwerpunkt des Fühlens, wird aus der Triebmelodie gelöst und die Angst überwunden, indem sie auf die Gegenwart abgestimmt wird.
  3. Denken: Vergib uns unsere Schuld,
    wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

    Im Denken wird durch Gerechtigkeit die Spontaneität wieder errungen.
  4. Empfinden: Führe uns nicht in Versuchung,
    sondern erlöse uns von dem Übel.

    Die Sinnesgegebenheiten werden zur Verführung, wenn sie nicht schon im Ansatz aus ihrer Selbsttätigkeit gelöst und damit dem bewußten Leben eingeordnet werden.
    Luther übersetzt Übel, faßt die Gefahr natürlich auf, Calvin übersetzt dem Bösen, faßt sie personifiziert auf.

Das Gebet schließt mit einer Wiederholung der Struktur des Wesenskreises, die nicht mehr zur Siebenerordnung gehört:

Und Dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit,
Amen.

Hier werden die vier Koordinaten des Himmels bestimmt: das Reich ist das in Gott zentrierte Menschenreich; von der Kraft wird der Mensch belebt; in der Herrlichkeit offenbart Gott seine Vollendung, und Ewigkeit schließlich bedeutet, daß die Erfüllung jenseits von Raum und Zeit in ihrer Aufhebung liegt.

EwigkeitHerrlichkeit
·
·   Mensch   ·
·
Kraft
Reich

Die Stufen des Gebets gleichen dem Initiationsweg des kosmischen Denkens, doch mit dem Unterschied, daß der Weg nicht von unten nach oben, sondern als Einstellung des Glaubens von oben nach unten geht. Der Mensch erreicht aus eigener Willensrichtung die Teilnahme am Himmel, der früher nur über Gnade, Offenbarung oder göttlichen Eingriff zugänglich war, wie es anderwärts geschrieben steht: früher kam das Himmelreich nur über die Propheten, jetzt nimmt es sich der Mensch mit Gewalt.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
4. Das theologische Denken
© 1998- Schule des Rades
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