Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

4. Das theologische Denken

Byzanz

Nach Konstantin I., dem ersten Kaiser, der für das römische Reich das Christentum als Staatsreligion annahm, und der von 306 bis 337 regierte, kam die Teilung in Ostrom und Westrom, welche eine Teilung nach griechischem und römischem Kulturerbe bedeutete. Zwar sollte die endgültige Trennung der Kirchen, der römisch-katholischen von der griechisch-orthodoxen, erst im 11. Jahrhundert erfolgen. Doch die Entwicklung der beiden Theologien nahm seit dem 6. Jahrhundert eine verschiedene Richtung. Das weströmische Reich wurde von den Germanen erobert. Das oströmische — das eine tausendjährige Dauer haben sollte genau wie das frühere weströmische und das spätere karolingische Reich — gelangte zwischen Konstantin I. und der islamischen Eroberung zu einem einheitlichen Lebensstil, dem byzantinischen, der auf theologischer Grundlage das ganze Reich von der Verwaltung bis zur Kunst, vom Recht bis zu den Sitten durchorganisierte.

Politisch gipfelte dieser Stil im Kaisertum, das unermeßlich hoch durch seine Teilhabe am Logos über dem Volk herrschte, während dieses gemäß der griechischen Tradition demokratisch organisiert blieb im Gegensatz zum aristokratischen Feudalismus des westlichen Abendlandes. Der Basileus war Vertreter des göttlichen Logos auf Erden. Auf ihn hin wurde die Verfassung hierarchisch abgestimmt, wobei jede Funktion bis ins einzelne festgelegt war; der irdische Staat sollte die Struktur des Himmels, die Hierarchie der Engel spiegeln. Das Erlösungsziel war die Teilnahme am Logos, also am auferstandenen Christus jenseits der Zeit. Damit wurde die Einstellung zur Wirklichkeit ahistorisch.

Von Beginn der Orthodoxie an gab es die Heiligen, die sich in die Wüste zurückzogen, um ganz für die Überwindung der Fleischlichkeit und die geistige Läuterung zu leben; manche in Höhlen, andere auf Säulen, um die dann Siedlungen der Gläubigen entstanden. Noch bis in das Rußland des 19. Jahrhunderts hat sich das Bildnis des vergeistigten Heiligen der orthodoxen Kirche im Starez, wie ihn Dostojewski in den Brüdern Karamasow dargestellt hat, unverändert erhalten: wer die Begnadung erreicht hat, ist auch für die anderen ein Quell der Erleuchtung; er ähnelt mehr den indischen Sadhus als den dynamischen Heiligen der westlichen Kirche.

Die Gnade und der Heilige Geist kommen für die orthodoxe Kirche nicht vom Sohn, sondern fließen nur aus der Kraft des Vaters: dieses Dogma wurde später zum Anlaß der Trennung der katholischen Kirche von der orthodoxen. Denn wenn nur der Vater die Gnade ausströmt, und wenn ferner nur der auferstandene, nicht aber der lebende, lehrende und in der Gemeinschaft gegenwärtige Christus das Vorbild ist, so wird der geschichtliche Weg entwirklicht.

Ägypten fand aus seiner kosmischen Bezogenheit ohne Schwierigkeit den Zugang zum Christentum, allerdings in seiner monophysitischen Form, die nicht zwischen den Personen unterscheidet. Die Bekehrung der Kopten vollzog sich kampflos, desgleichen die der Syrer. In Rom hingegen wurde die Situation durch die germanische Eroberung wesentlich gewandelt, und so entstand im Westen eine andersgeartete Theologie, deren Wesenszüge durch die drei doctores der Kirche, Hieronymus, Ambrosius und Augustinus, geprägt wurde. Griechisches und lateinisches Denken unterscheidet sich vor allem in einem Wesenszug: Während das römische Denken immer von der Gesellschaft und dem Recht, also der Seele ansetzt, geht die griechische Systematik vom Geist aus und erreicht die Theologie über das persönliche Verstehen der Wahrheit. So blieb für die orthodoxe Kirche auch alles Dogma Sinnbild auf dem Weg der Heiligung des persönlichen Menschen; und Aufgabe des Staates war es, seinen Untertanen den Weg zur Vergeistigung offen zu halten; ja selbst wie es die zahllosen Sekten und Geheimschulen bewiesen, eine Hintertür für die Menschen zu lassen, die einen neuen unbekannten Weg beschreiten. Ihre Rechtfertigung fanden diese in der Lehre des Dionysius Areopagita, einem Philosophen aus dem 5. Jahrhundert, der sich fälschlich als Schüler des Apostel Paulus ausgab. Dieser hatte der positiven triadisch-ständisch gegliederten hierarchischen Theologie eine negative mit fünf Stufen gegenübergestellt:

  1. Reinigung,
  2. Erleuchtung,
  3. Initiation,
  4. Gottähnlichkeit,
  5. Vergottung.

Es gibt ein byzantinisches Gemälde, wo auf der rechten Seite des Bildes die ganzen Hierarchien von Himmel und Erde, von der Dreifaltigkeit über den Kaiser bis zum letzten Würdenträger des Reiches dargestellt sind. Auf der linken Seite schleicht ein Mensch von der Erde verstohlen auf seinem eigenen Weg im Sinne der negativen Theologie in den Himmel; in der orthodoxen Tradition heißt dieser der Weg des schlauen Menschen, der die Stufen zur Erlösung auf seine Weise ersteigt, was natürlich im Geheimen zu geschehen hat. Doch wenn es ihm gelingt, oben anzukommen, so hat er damit die Gültigkeit seines Strebens erwiesen.

Byzantinisch waren Stufen und Grade der staatlichen Hierarchie festgelegt, die Geschichte dagegen blieb im Hintergrund. Daher konnte sich die esoterische Gnosis zu einem gewissen Grad bis zur islamischen Zeit erhalten, wo sie dann eine neue Blüte erlebte. Doch im lateinisch-historischen Denken, das von der Seele und dem Recht anhub, war kein Platz für private Wege zum Heil: die geschichtliche Entwicklung der Allgemeinheit, der Kirche als Menschengruppe war Gegenstand der Theologie. Jede persönliche philosophische Überzeugung mußte sich im Kampf gegen diese behaupten und sich entweder durchsetzen — womit aus einer Häresie ein Dogma werden konnte — oder aber der Verdammung anheimfallen.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
4. Das theologische Denken
© 1998- Schule des Rades
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