Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

5. Das theokratische Denken

Entfaltung des Islam

Mohammeds Lehre zeigt drei Stufen: anfänglich versuchte er nur, seine ihm vom Erzengel Gabriel gegebene Offenbarung wortgetreu darzustellen und andere von dieser Botschaft zu überzeugen. Nachdem er im Laufe der Jahre seine Anhängerschaft gefunden hatte, kam als zweites Anliegen die Aufstellung sittlicher Verhaltensregeln, bei denen er sich sowohl an das jüdische und christliche Vorbild als auch an die persische Lehre anschloß. Mit der siegreichen Eroberung Mekkas wurde ihm die dritte Aufgabe klar: die Welt für den Islam, die Anerkennung des einen wahren Gottes zu erobern. Damit wandelte sich die ursprüngliche Stammesreligion in eine Weltreligion, deren werbende Kraft bis heute ungebrochen ist.

Alle Lehren des Propheten sind in den 114 Suren des Koran niedergelegt. Sie finden sich nicht in systematischer Ordnung; erst die jüngste europäische Forschung hat textkritisch die Reihenfolge aufgearbeitet. Den gläubigen Mohammedanern schien diese Arbeit ein müßiges Unterfangen. Für sie handelte es sich darum, sich mittels der andächtigen Versenkung in den Text in jene Geisteshaltung zu versetzen, aus der sie entstanden sind. Da Gott alles offenbar ist, haben die Verse verschiedene Bedeutungen. Mohammed selbst soll gesagt haben, jede Sure erlaube sieben verschiedene Auslegungen, von denen eine der jeweiligen Situation angepaßt sei. Daher bildet der Koran nicht ein Textbuch im philosophischen Sinn, sondern ein Offenbarungsbuch: die jeweilige Sure öffnet den Menschen für die göttliche Inspiration, aus der heraus er auch die faktische Wahrheit erkennen kann.

Diese Wahrheit ist nicht mythisch, sondern theologisch: da in Gottes Wort alle Strebensziele der Menschen zusammenlaufen, muß in einer vom lebendigen geschichtsschaffenden Gott gegebenen Offenbarung der Einzelne erkennen können, wie seine Erfahrung mit dem Ursprung aller Wahrheit, platonisch ausgedrückt mit dem Quell aller Ideen, zu vereinen ist. So war der Islam in seinem Ursprung keineswegs wissensfeindlich. Auch heute wird immer wieder in den islamischen Ländern der Satz des Propheten zitiert:

Ihr sollt alles Wissen heimholen, selbst wenn es sich in China befände.

Und nach den Eroberungszügen in den zwei Jahrhunderten nach Mohammeds Tod, die im Westen bis nach Westafrika und den Pyrenäen, im Osten bis nach Indonesien und China führten, wurde Damaskus unter der Dynastie der Abassiden zum Zentrum einer wissenschaftlichen Synthese, welche die Erkenntnisse von China und Indien bis Griechenland zusammenfaßte. Allein schon das Zusammenfügen verschiedener Traditionen führte zu einer gewaltigen Wissensvermehrung. Mit Hilfe der indisch-mathematischen Notation, die später vermittels der Araber über Spanien auch nach Westeuropa gelangte, wurde die Mathematik erneuert; die Araber sind die Schöpfer der Algebra. Pythagoräische, gnostische und chinesische Zahlensymbolik brachten ferner eine Vertiefung der Astrologie. Der Abassidenherrscher Harun al Rashid zeigte sich als großer Kenner und Gönner aller Künste und Wissenschaften; ihm wurde in dem arabischen Kompendium der Märchen von Tausendundeiner Nacht ein Denkmal gesetzt.

Die Begriffe der griechischen Philosophie, besonders des Aristoteles, wurden verwendet, um die islamische Theologie zu festigen. Da ein systematischer Zusammenhang sich aus dem Koran nicht ableiten ließ, bildeten sich bald zwei getrennte Bekenntnisse heraus, in denen die rassisch religiöse Herkunft der Komponenten des Islam zur Geltung kam: die Sunniten und die Schiiten.

  • Die Sunniten, deren Schwerpunkt die Araber waren, konzentrierten sich wie die Juden auf die Wahrung und Interpretation der Gesetze und Moralvorschriften.
  • Die Schiiten dagegen übernahmen viele Elemente der zaroastrischen Lichtreligion und glauben an eine apostolische Kette von zwölf Imamen, deren letzter als Erlöser für die Zukunft erwartet wird; sie schätzen die unmittelbare Nachfolge Mohammeds über seinen Neffen Ali, die menschliche lebendige Tradition höher ein als die Gesetze.

Nachdem 1502 die schiitische Dynastie der Safawiden im Iran zur Herrschaft gekommen war, gelangten die Schiiten auch politisch zur Macht, und es kam gleichzeitig mit der Reformation in Europa zur Auseinandersetzung zwischen den beiden Bekenntnissen, die bis heute andauert.

Als dritte religiöse Form entwickelten sich im schiitischen Bereich die Sufis, welche die engste Berührung mit der dritten Wurzel des Islam, dem Christentum, zeigten und auch in einer Mystik gipfelten, die eine Parallele zur deutschen Mystik von Meister Eckhart, Seuse und Tauler bildet.

  • Im Unterschied zu Sunniten und Schiiten betonten die Sufis das Heil des Einzelnen.

Zu der mystischen Richtung, die die Erlösung über Gebet und Meditation suchte und sich vor allem in der Dichtung verkörperte, traten als Ergänzung die Derwischorden, die ähnlich den indischen Yogis einen überbewußten Zustand über körperliche Übungen, vor allem im Tanz zu erreichen suchten. Letztere widmeten sich in späteren Jahrhunderten oft wieder der Öffentlichkeit und entfalteten als politische Geheimbünde eine solche Macht, daß der erste säkularistische Herrscher der späteren Türkei, Kemal Atatürk, 1924 die Derwischorden verbot.

Dichtung, Kunst und Wissenschaft erlebten im Islam im frühen Mittelalter einen Höhepunkt, während Ostrom stagnierte und in den germanischen Herrschaftsgebieten das Interesse für Bildung verloren gegangen war und sich kaum Ansätze fanden. Solche entstanden erst wieder über Vermittlung der arabischen Kultur. Bis zur mongolischen Eroberung Kleinasiens im 13. und 14. Jahrhundert bildeten die mohammedanischen Länder das unbestrittene Zentrum von Zivilisation und Kultur. Doch nicht nur die mongolische Eroberung und die beginnende Herrschaft der Turkvölker, der Seldschuken und Osmanen setzte dieser Entwicklung ein Ende; auch das philosophische Denken führte zu einer Sprengung der islamischen Theologie und wurde nach einer kurzen Blütezeit — während derer es sich im orthodoxen Rahmen bewegen konnte — als Ketzerei verboten. Seit dem 14. Jahrhundert kam es zu einer Erstarrung des islamischen Denkens, aus dem seine Länder erst heute wieder zu erwachen versuchen.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
5. Das theokratische Denken
© 1998- Schule des Rades
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